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Erfindergarage de luxe

Eine brandenburgische Firma hilft neuen Ideen auf die Sprünge.





• Der Löffel heißt „Spuni“ und soll Babys den Umstieg von Muttermilch auf Brei erleichtern. Dank seiner sollen sie auf ihren Saugreflex zurückgreifen können – und schlucken statt zu spucken. Die Idee, entwickelt von einer Gruppe New Yorker Designer, hat Marcel Botha, Absolvent des Massachusetts Institute of Technology (MIT), Ende 2012 mit nach Berlin gebracht.

Drei bis vier Tage pro Woche verbrachte er im darauffolgenden Vierteljahr in den Werkhallen der Hermann Römmler-Kunststofftechnik im brandenburgischen Rehfelde. Gemeinsam mit dem dortigen 40-köpfigen Team entwickelte er in dieser Zeit Werkzeuge und Verfahren für die Serienproduktion. So sei es gelungen, „eine Lasur aus weichem, hygienischem Spezialkunststoff rundherum aufzutragen“, sagt Botha. Der Löffel wurde 2014 mit dem Red Dot Design Award ausgezeichnet.

Steffen Mirtschin, Geschäftsführer der Römmler-Kunststofftechnik, fühlt sich in seinem Kurs bestärkt, aus dem brandenburgischen Zulieferer einen Hersteller hochwertiger Endprodukte zu machen. „Wir möchten damit unabhängiger werden von Konjunkturzyklen und Preiszwängen“, sagt der gelernte Werkzeugmacher und Wirtschaftsingenieur.

Als er das kleine Unternehmen 2009 übernahm, lief es nicht gut. In der damaligen Wirtschaftskrise hatten viele Industriekunden Aufträge storniert. Doch der neue Inhaber vertraute auf die Stärken des Familienunternehmens, dessen Geschichte bis 1867 zurückreicht und das heute auch über Produktionsstätten in Tunesien verfügt.

Dem Unternehmen geht es gut. Es wird in drei Schichten gearbeitet, die Zahl der Mitarbeiter stieg seit 2009 um ein Drittel auf 40. Das Sortiment ist größer denn je: Es besteht aus etwa 800 Artikeln für 20 verschiedene Branchen. Um weiter wachsen zu können, zog das Unternehmen im Sommer 2014 von Rehfelde in eine neu gebaute größere Werkhalle im benachbarten Strausberg.

Den Südafrikaner Botha hatte Steffen Mirtschin im Jahr 2011 durch den Tipp eines gemeinsamen Bekannten kennengelernt. Botha hatte nach Wegen gesucht, um eine Erfindung namens Timesulin zur Serienreife zu führen: eine Kappe für Insulinpens, die Diabetikern automatisch die seit der letzten Medikamentengabe verstrichene Zeit anzeigt.

Gemeinsam mit seinen schwedischen und britischen Miterfindern hatte Botha bereits 14 Firmen in Europa und Übersee kontaktiert. „Einige zeigten kein Interesse, andere erwiesen sich als überfordert, manche hatten zu komplizierte Entscheidungswege.“ Bei Römmler hingegen fühlte sich der Gründer sofort heimisch: „Nach wenigen Tagen kannte ich das halbe Team beim Vornamen“, sagt er, „und wir hatten eine gemeinsame Liste mit Aufgaben, die es abzuarbeiten galt.“

Diese Excel-Tabelle, die laufend aktualisiert wurde, war zehn Monate lang die einzige schriftliche Vereinbarung. Ebenso wie zwei Jahre später beim Spuni-Projekt. Obwohl die Brandenburger die aufwendige Entwicklungsarbeit auf eigenes Risiko übernahmen, verzichtete Mirtschin bis zum Produktionsstart auf Verträge. „Die Erfindung bleibt komplett Eigentum der Erfinder, wir verdienen an der Fertigung bei jedem Teil ein paar Cent mit“, sagt er über sein Geschäftsmodell. Angst, am Ende leer auszugehen, plagt den ehemaligen Produktionsmanager von Procter & Gamble nicht, denn: „Am Ende haben wir die Werkzeuge, das Know-how und einen persönlichen Draht zu den Erfindern. Wenn sie sich trotzdem einen anderen Produktionspartner suchten, mit dem sie all das neu aufbauen müssten, hätten wir sicher etwas falsch gemacht.“

Bei Timesulin und Spuni ging die Rechnung auf: Beide Artikel werden bis heute exklusiv von Römmler produziert, verpackt und verschickt. Allein in diesem Jahr verlassen voraussichtlich 120 000 Insulinkappen und 150 000 Babylöffel die Strausberger Fabrik. Damit sollen 300 000 Euro, etwa ein Sechstel des Umsatzes, gemacht werden, prognostiziert der 48-jährige Chef.

Er lädt auch andere Erfinder ein: „Wer eine Erfolg versprechende Produktidee hat, kann bei uns einen Schreibtisch in Beschlag nehmen, unsere Mitarbeiter und unser Know-how und kann unsere Maschinen und Verbindungen zur Industrie und im Vertrieb nutzen, um seine Erfindung aus der Garage auf die Märkte zu bringen.“

Seit Mirtschin dieses Angebot im vergangenen Sommer erstmals publik machte, meldeten sich Dutzende Interessenten. „Viele tüftelten freilich an Dingen, die nur schwer verkäuflich waren“, sagt er. Etwa eine Handvoll habe vielversprechende Ideen vorgestellt, „von einer neuartigen Zimmerkühldecke bis hin zu einer Essenshilfe für Schlaganfallpatienten“. Letztere soll 2016 in Produktion gehen. Weil der Erfinder bereits über 80 ist und die Entwicklung nicht selbst übernehmen möchte, wird dies an seiner Stelle im Herbst ein Student bei Römmler tun. ---

Kontakt: roemmler-kunststofftechnik.de