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Grindelhochhäuser

Hochhaussiedlungen haben einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, wie sich im Hamburger Grindelviertel zeigt.





• Alles begann mit einem Geschenk. Im Frühjahr 1948 wurden die Besatzungszonen der Amerikaner und Briten zur Bizone zusammengelegt, die Pläne für ein britisches Hauptquartier am Grindelberg nahe der Innenstadt damit hinfällig – und so überließen die Besatzer der Stadt zwölf lang gestreckte Baufundamente in der Formation eines Schiffsgeschwaders sowie mehrere Tausend Tonnen Stahl, Bauzaun und Baracken. In der Bürgerschaft, dem Hamburger Stadtparlament, redete man sich die Köpfe heiß. Acht bis vierzehn Stockwerke sollten die Häuser haben, Gebäude, getragen von mächtigen Stahlskeletten anstelle der herkömmlichen Eisenträger.

Solche Häuser kannte man in Hamburg bislang nicht, die Sache schien einigermaßen riskant, und bisweilen nahm die Debatte bizarre Züge an. Frauen und Kinder allein im Aufzug? Da müsse ja noch obendrein ein besoldeter Fahrstuhlführer her! Aber schließlich brauchten Flüchtlinge und Ausgebombte dringend ein Dach über dem Kopf. Es galt, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Und rein rechnerisch kam man mit den zwölf hochstrebenden Bauten ganz gut weg. Das gab den Ausschlag. Die Grindelhochhäuser wurden gebaut.

Sommer 2007. Die Siedlung feiert ihren 50. Geburtstag. Auf der großen Wiese hinter dem Bezirksamt, wo die Brautpaare sich nach der Trauung fotografieren lassen, werden Tische mit weißen Tüchern aufgestellt. Die Saga lädt ein. Das ist die stadteigene Wohnungsgesellschaft, der die Häuser gehören, zumindest zehn davon. Das elfte, das Bezirksamt, ist im unmittelbaren Besitz der Stadt. Das zwölfte wurde verkauft.

Eine Geburtstagsfeier für Hochhäuser? Gemeinhin stehen solche Kolosse nicht im allerbesten Ruf. Was macht die Grindelhochhäuser so besonders, mal abgesehen davon, dass sie im Nachkriegsdeutschland die ersten ihrer Art waren?

Da ist zum einen die Lage, umgeben von Gründerzeitvillen mitten in Harvestehude, einer der begehrtesten Wohngegenden der Hansestadt. Da ist zum zweiten die Architektur, die an die kühnen Hochhausvisionen der Zwanzigerjahre anknüpft und bis heute einen Meilenstein in der Geschichte der Moderne verkörpert. Seit 1999 steht das Ensemble unter Denkmalschutz. Und schließlich ist da die Saga, die begriffen hat, dass sie hier nicht nur Wohnraum für 3000 Mieter verwaltet, sondern einen besonderen Besitz, den es zu bewahren gilt.

Die Geburtstagsgäste haben sich fein gemacht, darunter auch Bewohner der ersten Stunde, die geblieben sind und durchgehalten haben, auch in den schlimmen Jahren, als die Häuser heruntergekommen waren und in die Schlagzeilen gerieten. Doch davon später.

Zum Geburtstag hat die Künstlerin Sigrid Sandmann Zitate gesammelt, zu einer Collage gefügt und auf ein Spruchband projiziert. Es füllt die gesamte Stirnseite des 14 Stockwerke hohen Hauses in der Hallerstraße 1. „Schöner konnte man doch gar nicht wohnen“, steht da geschrieben.

Gundula Schmidt-Brunn empfindet so. Sie sitzt in ihrer lichtdurchfluteten Wohnung im sechsten Stock und behauptet, 90 Jahre alt zu sein. Glauben mag man das nicht − hellwache Augen, leicht blondierte Ponyfrisur, rosig gepuderte Wangen, weiße lange Hosen. 1951 zog sie mit ihrem Mann und ihren zwei Monate alten Zwillingssöhnen in eines der ersten fertiggestellten Hochhäuser. Das Wohnungsamt hatte ihnen die zwei kleinen Zimmer mit Küche und Bad zugeteilt.

Nach ihrer Flucht aus Greifswald in der sowjetischen Besatzungszone hatte sie in einer Kammer von vier Quadratmetern mit Fenster zum Lichtschacht gehaust. Und nun das: eine eigene Wohnung! Warmwasser, Licht, Fernwärme rund um die Uhr! Ein Aufzug, wenn auch ohne Fahrstuhlführer, und gleich daneben ein Müllschlucker auf der Etage! Später kamen Geschäfte hinzu, Ladenzeilen im Erdgeschoss, Bäcker, Schlachter, Blumen- und Gemüsehändler, ein Hutgeschäft, Damen- und Herrenausstatter, alles, was man kaufen konnte, im eigenen Haus oder gleich nebenan. Obendrein gab es eine eigene Wäscherei mit modernen Waschmaschinen für alle Bewohner, und wer eine kleine Einzimmerwohnung ohne eigenes Bad hatte, durfte dreimal die Woche ein Gemeinschaftsbad im Keller benutzen. Auf einem der Häuser befand sich ein großer Dachgarten. Der war für alle da. Bäume wurden gepflanzt, die Grünflächen eingezäunt, Spielen verboten. Dafür stand ein eigener Spielplatz mit Klohäuschen zur Verfügung. Ein Rentner passte auf die Kinder auf.

Die Stadt hatte sich nicht lumpen lassen. Als 1956 das letzte der Häuser bezugsfertig war, hatte die Saga rund 50 Millionen Mark ausgegeben und sich hoch verschuldet. Auch die Stadt hatte Darlehen gewährt. So hoch war der Aufwand, dass auch die Bewohner sich mit beteiligen mussten. Die Mieten waren nicht ganz günstig.

Gundula Schmidt-Brunn und ihre Familie zahlten für 60 Quadratmeter einschließlich der Heizkosten 126,50 Mark. Ein einfacher Arbeiter hätte sich das nicht leisten können. Hermann Schmidt aber war promovierter Oberstudienrat.

Während die Grindelbewohner noch damit beschäftigt waren, all die neuen Errungenschaften im Innern ihrer Häuser zu bestaunen, sah die Außenwelt staunend auf die zwölf Türme aus mattgelbem Klinker, die da auf einem großen grünen Areal aus dem Boden gewachsen waren, acht bis vierzehn Stockwerke hoch, wie zu Zeiten der Briten geplant. Die Architekten waren dieselben geblieben, ein junges Team um Bernhard Hermkes, politisch unbelastet − das war zunächst die Hauptbedingung. Sie orientierten sich am Bauhaus, der „weißen Moderne“ der Zwanzigerjahre, heller Stein, klare, funktionale Formen.

Auf den ersten Blick sehen die Häuser alle gleich aus, doch die unterschiedliche Anordnung und Größe der Fenster, Loggien, Kragdächer und andere architektonische Details geben jedem einzelnen Gesicht und Charakter. Die ungewöhnlichen Proportionen der schlanken Fenster – von oben betrachtet in strenger Anordnung, geradlinig von Nord nach Süd und reihenweise leicht versetzt, bestimmen den unverwechselbaren Charakter des großzügig angelegten Ensembles.

„Hier wohnten tolle Leute. Gebildete Leute.“

An Lob wurde nicht gespart. Von der „Revolutionierung bisheriger Bauplanung“ war die Rede, vom „Musterbeispiel“ moderner Stadtplanung. Gelegentliche Mahner, die von „seelenlosen Wohnmaschinen“ sprachen, fanden wenig Gehör. Endlich gab es etwas, worauf man stolz sein durfte. Architekten, Intellektuelle und Künstler kamen angereist, strömten in die eigens für sie eingerichteten Ateliers in den oberen Stockwerken.

Maja Scholl-Lemcke war elf Jahre alt, als sie 1956 mit ihrer Mutter in eines der Hochhäuser zog. „Hier wohnten tolle Leute. Gebildete Leute.“ Bildhauer, Schauspieler, der Intendant des Winterhuder Fährhauses, der Empfangschef vom Hotel „Vier Jahreszeiten“. Als sie konfirmiert wurde, schenkte ihr eine Nachbarin einen Opernbesuch, „Hänsel und Gretel“, Musik von Engelbert von Humperdinck. 30 Jahre später hat sie das Stück als Kostümbildnerin selbst ausgestattet. „Die Grindeljahre“, sagt sie, „waren prägend.“

Die Bildungsbürger gingen zusammen ins Konzert oder ins Theater, reisten gemeinsam nach Paris und in die Schweiz. Andere spielten sonntags Skat und gingen später mit ihren Frauen in das Restaurant Hildebrandt in der Hallerstraße. Ein Dorf in der Stadt, eine große Gemeinschaft. Davon reden die alten Mieter noch immer mit leuchtenden Augen.

So ging es ziemlich lange gut. Doch irgendwann in den Siebzigerjahren setzte ein schleichender Wandel ein. Die Ansprüche waren andere geworden. Eine vierköpfige Familie auf 60 Quadratmetern? Den meisten genügte das nicht mehr. Und für Alleinstehende war Baden im Keller dreimal die Woche auch nicht mehr der Inbegriff von Luxus. Die es sich leisten konnten, sahen sich nach etwas Besserem um. Die Saga machte keinerlei Anstalten, sich dem gesellschaftlichen Wandel anzupassen, die günstigen Wohnungen blieben begehrt, aber die Klientel veränderte sich.

Das galt erst recht, als die Vollbeschäftigung zu Ende ging. Bald gab es immer mehr Arbeitslose und immer weniger bezahlbare Wohnungen. Die Saga investierte vornehmlich in Neubauten statt in die Sanierung des Bestandes. Die Flure waren schmutzig, die Fahrstühle zerkratzt, durch die Fenster pfiff der Wind, die Bäder verrotteten, sofern die Bewohner sie nicht selbst herrichteten. Und die Stadt machte Druck. Wer arbeitslos war, sollte zumindest ein Dach über dem Kopf haben. Private Vermieter setzten die Menschen vor die Tür, wenn sie nicht mehr zahlen konnten, die Saga musste sie aufnehmen. Die Mietrückstände summierten sich und trieben die ohnehin unterkapitalisierte Gesellschaft an den Rand des Ruins.

Die frühen Grindelbewohner, in die Jahre gekommen, konservativ und von Grund auf bürgerlich, schüttelten die Köpfe. Was ihnen da jetzt ins Haus gesetzt wurde, war nicht nach ihrem Geschmack. „Ungezogene junge Leute“, sagten die einen, die anderen sprachen ganz unverhohlen von Asozialen. Die soziale Struktur war aus den Fugen geraten, und damit hatten die Stahlskelette gewissermaßen ihr Rückgrat verloren. Die Anfälligkeit von Hochhausgemeinschaften hatte man unterschätzt. Aggressionen nahmen zu, Streit, Lärm und achtloser Umgang mit dem gemeinschaftlichen Gut waren die Folge.

Erschwerend kam hinzu, dass die Saga Mitte der Achtzigerjahre das sogenannte Posthaus an einen Geschäftsmann verkaufte. Der neue Besitzer rührte keinen Finger, das Gebäude verkam zusehends, die Bewohner suchten nach und nach das Weite und überließen das Haus dem Schimmel, den Kakerlaken und gelegentlich auch den Drogenabhängigen. Schauergeschichten machten die Runde, da flogen marode Fensterrahmen auf die Straße, schmorende Kabel fingen Feuer, aus den einst gepriesenen Müllschluckern sprangen die Ratten. Dichtung und Wahrheit. So mutierte das Posthaus zum „Horrorhaus“, und die übrigen Häuser, heruntergekommen, wie sie ohnehin schon waren, gerieten in Bausch und Bogen mit in Verruf.

Anfang der Neunzigerjahre zog die Stadt bei der Saga Konsequenzen. Der Koloss − heute ist die Saga mit 130 000 Wohnungen eine der größten Wohnungsgesellschaften der Bundesrepublik − war so sanierungsreif wie die Wohnungen. Das Unternehmen wurde von Grund auf umgekrempelt.

Eine der wichtigsten Maßnahmen bestand in der Dezentralisierung der Verwaltung. 18 Geschäftsstellen wurden eingerichtet, kleinere Einheiten, die mehr Mieternähe und größere Flexibilität gewährleisten sollten. Ein langfristiger Sanierungsplan wurde erstellt, und die Grindelhochhäuser in bester Lage standen ganz oben auf der Prioritätenliste.

Tatsächlich waren es dann die ersten Häuser, die, bis auf das verkaufte „Horrorhaus“, umfassend renoviert wurden, eines nach dem anderen. Rund 20 Millionen Euro pro Block hat die Saga dafür ausgegeben, gedauert hat es mehr als zehn Jahre. Struktur und Äußeres blieben erhalten, schon aus Denkmalschutzgründen, nur die Fassaden wurden gereinigt. Im Inneren jedoch wurden Küchen und Bäder modernisiert, Wände aufgerissen, Kabel und Leitungen ausgewechselt, Bodenbeläge erneuert, Hausflure und Aufzüge instandgesetzt.

Ein gigantischer Kraftakt, nicht nur finanziell. Viele Mieter, vor allem aus den kleinen Wohnungen, mussten zeitweilig anderswo untergebracht werden. Andere hockten monatelang hinter Baugerüsten und Planen im Halbdunkeln, umgeben von Krach und Schmutz. Manch einer zog beizeiten aus, Ältere vor allem. Doch mit den Jahren kamen bessere Zeiten.

Sommer 2015. An der Stirnseite des Hauses in der Oberstraße 18 gibt es eine gemauerte Bank unter einem Vordach. Dort trifft sich jeden Abend um sechs die Hundegesellschaft. Im Sommer gibt es Sekt oder Erdbeerbowle, im Winter ein Heißgetränk mit Schuss. Man spaziert ein Stück, am Teich und am Bezirksamt vorbei, bis zum ersten Stein – „und dann bis morgen“. Man feiert gemeinsam Geburtstage, die eigenen und vor allem die der Hunde. Eine kleine Gemeinschaft.

Nicht weit hinter dem ersten Stein trifft man bei gutem Wetter Rosemarie Lehmann in „ihrem“ Garten. Er gehört weder ihr noch der Saga, deren Eigentum mit der jeweiligen Hauswand endet. Aber als sie vor 20 Jahren einzog, saß sie oben im siebten Stock in der Hallerstraße, betrachtete das verwucherte Stückchen Land gegenüber und wusste gleich: „Das ist mein Garten.“ Mittlerweile hat sie dem Boden die schönsten Rosen abgetrotzt − und dem Gartenbauamt das Recht, dort nach Belieben zu wirtschaften. Der Garten ist zum geselligen Ort geworden. In diesem Sommer gab es dort zum ersten Mal ein Fest für alle Bewohner. 50 sind gekommen. Immerhin.

Auch die häufig verwaisten Ladenzeilen sind inzwischen neu belebt, der Geschichte und der sozialen Struktur der Häuser angepasst, Architektur- und Stadtplanungsbüros gibt es hier, eine Behindertenbetreuung, eine Elternschule, eine Galerie, eine „Interkulturelle Begegnungsstätte“, die unter anderem Deutschkurse anbietet und ebenfalls ein Sommerfest veranstaltet.

Gleich nebenan betreibt Ercan Çiçekli seit vier Jahren einen kleinen Laden, Zeitschriften, Getränke, Brötchen, Post − auch eine Art Begegnungsstätte. Er sagt, dass es prima laufe und dass sie alle kämen, die vom Bezirksamt, die aus den Sprachkursen und die aus den anderen Hochhäusern ohnehin, auch von ganz hinten aus der Oberstraße.

Die Grindelhochhäuser ein Idyll? Das nun doch nicht. Wie jedes der Häuser ein charakteristisches Gesicht hat, so hat auch jedes ein eigenes Innenleben. Jens Oliczewski leitet seit fünf Jahren die Saga-Geschäftsstelle Eimsbüttel mit rund 30 Mitarbeitern und einem Bestand von 6400 Wohnungen, darunter auch die Grindelhochhäuser.

Oliczewski weiß, man braucht Einfühlungsvermögen, Fingerspitzengefühl, so ein Hochhaus ist ein sensibles Gebilde, die Mischung muss stimmen, „die soziale Ausgewogenheit“. Die Lehre aus den Achtzigerjahren: „Man muss sich die Leute genau angucken: Wer passt in welche Nachbarschaft, wie vertragen sich die Nationalitäten?“

In der Geschäftsstelle herrscht reger Betrieb. Gegenüber dem Haupteingang steht ein Tresen, Wohnungssuchende können sich hier registrieren lassen. Wer keinen Berechtigungsschein für eine Sozialwohnung hat, also ohne staatlichen Mietzuschuss auskommen muss, hat mittlerweile sogar nachzuweisen, dass die Miete plus Nebenkosten nicht mehr als ein Drittel seines Nettoeinkommens beträgt. In etwa zumindest. Früher war das mal umgekehrt. Da mussten Besserverdienende eine Fehlbelegungsabgabe zahlen, aber die hat man schon bald wieder abgeschafft – zugunsten der sozialen Mischung.

Eine Garantie für dauerhaften Frieden ist das noch lange nicht. In einem der Häuser am Grindelberg hat vor ein paar Monaten ein Mann aus dem Fenster geschossen. Zum Glück wurde niemand verletzt, aber der Schütze war anscheinend kein unbeschriebenes Blatt. „Die Belegung“, erklärt Oliczewski, „ist immer wieder ein Spagat zwischen notwendiger Ausgewogenheit und sozialer Verantwortung.“ Da schlüpft auch mal ein potenzieller Störenfried durch die Maschen, eigentlich kein Wunder. Andererseits ist das Grindelnetz mittlerweile so eng geknüpft, werden die Bewohner so gründlich ausgesucht, dass sich die Saga auch deshalb immer wieder Kritik einhandelt, nicht zuletzt vonseiten der Obdachlosen-Organisationen. Ein Spagat eben.

Einklagbare Verpflichtungen gibt es nicht. Da es sich bei den Grindelhochhäusern, formal zumindest, ursprünglich nicht um öffentlich, sondern um frei finanzierten Wohnraum handelte, sind die Rechte und Pflichten gegenüber der Stadt nicht eindeutig festgelegt.

Nirgendwo steht geschrieben, wie viele „bevorzugt Wohnberechtigte“, also beispielsweise Arbeitslosengeld-Empfänger, Alleinerziehende mit geringem Einkommen, von Obdachlosigkeit Bedrohte und Flüchtlinge mit gesichertem Aufenthaltsstatus, die Saga in den Grindelhochhäusern unterbringen muss. Für den Gesamtbestand gibt es einen groben Richtwert: Von rund 7000 frei werdenden Wohnungen pro Jahr müssen gut 2000 an Wohnberechtigte mit Schein vergeben werden. Im Einzelnen ist die Belegung immer wieder Verhandlungssache zwischen der Saga und der Stadt.

Oliczewski betont deshalb auch gern, es handle sich eben nicht um sozialen Wohnungsbau im üblichen Sinne. Eine wesentliche Aufgabe bestehe darin, einen Ausgleich zwischen den Stadtvierteln zu schaffen und durch das Wohnraumangebot eine „soziale Durchmischung zu gewährleisten“. Das heißt nichts anderes, als dafür zu sorgen, dass nicht alle Bedürftigen in den Trabantenstädten an den Stadträndern wohnen und ausschließlich gut betuchte Bürger in Harvestehude. Dank der Grindelhochhäuser haben Letztere nun zumindest Nachbarn, die sich eine Wohnung in einem der Gründerzeithäuser mit Sicherheit nicht leisten könnten. Insgesamt liegen die Grindelhochhäuser mit einer durchschnittlichen Nettokaltmiete von 7,30 Euro pro Quadratmeter zwar fast 20 Prozent über dem Gesamtdurchschnitt der Saga-Wohnungen, aber für die Gegend sind sie damit immer noch sehr billig.

Die Bemühungen von Jens Oliczewski und seinen Kollegen scheinen zu fruchten. Viele junge Leute sagen, die Hochhäuser seien „hip“, Ältere sprechen von „Kult“, und manche wirklich Alte finden, die Hochhäuser seien eben schon immer etwas Besonderes gewesen. Sind es die vielen Ein- und Zweizimmerwohnungen, die es anderswo kaum gibt? Sind es die kurzen Wege? Studenten gehen zu Fuß zur Universität, Cineasten in Kinos mit ausgesuchten Programmen, bis zur Alster in die eine und zum Schanzenviertel in die andere Richtung läuft man jeweils nur etwa 15 Minuten.

Sind es die vielen kleinen und liebenswerten Absonderlichkeiten, die diese Grindler entwickelt haben, eine Gemeinschaft, die vielleicht nicht „Wir gemeinsam“ sagt, wie die Mieterzeitschrift der Saga heißt, aber die sich ihren Hochhäusern doch auf verschiedenste Art zugehörig fühlt?

Ist es die Ästhetik der Fassaden, die frontal betrachtet fast erdrückend wirken, im Perspektivwechsel aber auf einmal zu schlanken eleganten Längsschnitten werden? Ist es das Licht, sind es die Spiegelungen in den Fenstern, mal grell, mal grau und im Abendlicht taubenblau, die die Grindelhochhäuser so anziehend machen?

Emily Haas, die vor ein paar Monaten in der alten Wäscherei in der Brahmsallee eine Kita eröffnet hat, sucht nicht nach Gründen: „Man muss sie einfach lieben.“ ---
Gundula Schmidt-Brunn wohnte bereits 1956 in den Grindelhäusern und fühlt sich bis heute dort wohl
Blick aus einem Architekturbüro in den Grindelhäusern