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Ein Dach überm Kopf

Wie schafft man Flüchtlingen eine Bleibe? Vier Ansätze.





• Fast 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht vor Kriegen, Naturkatastrophen, Verfolgung und Hunger, schätzt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR. So viele wie nie zuvor seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In Afrika, Asien und dem Nahen Osten leben sie häufig in Zeltstädten unter unwürdigen Bedingungen. Durchschnittlich zwölf Jahre verbringt ein Flüchtling laut UNHCR in einem Lager. In Deutschland rechnet Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) mit bis zu 800 000 Flüchtlingen bis Jahresende. Viele Städte und Gemeinden wissen nicht, wie und wo sie die Menschen unterbringen sollen. Es sind Lösungen gefragt. Ein Einblick in vier Projekte und Produkte.

Anpassungsfähig

Die Idee:

Domo heißt das Zeltsystem des Hamburger Unternehmens More Than Shelters (MTS): eine leichte, stabile, gut belüftbare Aluminium-Konstruktion mit einem dicken PVC-Boden, in der sich Bewohner auch über einen längeren Zeitraum geschützt und behütet fühlen sollen. Erste Zelte, die in der Basisausführung 24 Quadratmeter groß sind, werden derzeit in Jordanien für syrische Flüchtlinge und in Nepal für Erdbebenopfer eingesetzt.

Die Vorzüge:

„Standardzelte eignen sich zwar für die Hilfe unmittelbar nach einem Katastrophenfall, nicht aber als langfristige Lösung“, sagt Jochen Bader von MTS. Domo passe sich den Bedürfnissen seiner Bewohner und den klimatischen Bedingungen an. Und je nachdem wie groß eine Familie sei, könnten die Zelte beliebig erweitert oder mit eingehängten Zeltwänden unterteilt werden. MTS arbeitet auch daran, Domo für lange Winter zu rüsten. Mit rund 3000 Euro kostet es gut fünfmal so viel wie Standardzelte. „Diese verschleißen aber alle sechs bis neun Monate“, sagt Jochen Bader. Sein Produkt soll mindestens sieben Jahre halten.

Einsatzort Deutschland?

„Wohl niemand wünscht sich eine Zeltstadt auf der Schwäbischen Alb oder im Münsterland“, sagt Jochen Bader. „Auch wir nicht. Es wäre eine für deutsche Verhältnisse völlig unangemessene Lösung.“ MTS führt zwar Gespräche mit Kommunen. In denen geht es aber darum, Domo zum Beispiel innerhalb großer Turnhallen einzusetzen, um private Räume zu schaffen – etwa zum Stillen von Säuglingen.

Geerdet

Die Idee:

Robuste Gebäude, die sich aus vorhandenen oder relativ leicht zu beschaffenen Materialien wie Gerüstrohren, Metallgittern, Sand, Kiesel und Erde errichten lassen: Darum kreist das Konzept Rebuild des US-amerikanischen Architekten Cameron Sinclair. Zwei Schulen im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari und ein Krankenhaus in Somalia sind auf diese Weise entstanden.

Die Vorzüge:

„Rebuild ist umweltfreundlich, witterungsbeständig und es bezieht die Flüchtlinge mit ein“, sagt Sinclair. Ein Team aus zehn ungelernten Arbeitern unter Anleitung eines Technikers sei in der Lage, ein 16 mal 16 Meter großes Gebäude in gut zehn Tagen zu errichten. Der Abbau gehe deutlich schneller. Auch Schulen oder Gemeindehäuser können auf diese Weise gebaut werden. „So entstehen menschenfreundliche Lager, die in ihren Strukturen Dörfern ähneln.“ Solarmodule lassen sich ebenso integrieren wie eine Wasserversorgung. Schulen, wie im Zaatari-Camp, kosten je 30 000 bis 35 000 Euro. Wohnhäuser inklusive Solarmodule liegen bei 7000 Euro.

Einsatzort Deutschland?

Sinclair ist optimistisch: „Rebuild wurde ursprünglich im italienischen Udine gemeinsam mit unserem Baupartner Pilosio S.p.A. entwickelt und getestet. Nach Deutschland ist es nicht weit.“

Solide

Die Idee:

Unterkünfte, bestehend aus Wohn-Containern, die wie große Lego-Bausteine zusammengesetzt werden. Neben Schlafräumen und sanitären Anlagen gehören dazu auch Lager für Bettwäsche, Technik- und Schulungsräume sowie Spielzimmer für Kinder und Gebetsräume. In einem Gebäude leben in der Regel 60 bis 70 Personen zusammen; jeweils zehn teilen sich Dusche, Waschbecken und Toilette. Jeder Bewohner hat in den Schlafräumen 4,5 bis 7 Quadratmeter Platz.

Die Vorzüge:

Die vergleichsweise kurze Bauzeit von etwa vier Monaten. Die bauliche Flexibilität – bei Bedarf können die Gebäude erweitert und später auch wieder zurückgebaut werden. „Gleichzeitig entsprechen die Unterkünfte hinsichtlich Raumgröße, Wärme-Isolation, Statik sowie Schall- und Brandschutz allen Vorschriften, die auch ein normales Haus erfüllen muss“, sagt der Vertriebsleiter Bernhard Ziegler von Heinkel Modulbau aus Blaubeuren. Dazu sei der Anschluss ans Wasser- und Stromnetz unkompliziert. Eine Gebäude-Einheit für rund 64 Personen kostet eine Million Euro plus Mehrwertsteuer, macht pro Person 15 625 Euro.

Einsatzort Deutschland?

Einige Städte und Gemeinden setzen Übergangswohnheime in Container-Bauweise bereits ein. Weitere befinden sich im Aufbau.

Praktisch

Die Idee:

Gemeinsam mit dem UNHCR hat die Ikea Foundation einen Wohncontainer namens Better Shelter entwickelt. Das 18 Quadratmeter große Häuschen ist eine Leichtmetall-Kunststoff-Konstruktion, bietet bis zu fünf Bewohnern Platz und bezieht Strom aus einem Solarkollektor. Die Wände sind gegen Kälte und Hitze isoliert. Für den Aufbau, der in vier bis acht Stunden vonstatten gehen soll, sei kein Werkzeug notwendig. Die Lebensdauer wird mit drei Jahren beziffert.

Die Vorzüge:

Laut einiger Anwender sei das Häuschen funktional, mobil, stabil und einfach auf- und abbaubar. Nach Tests in Äthiopien und Irak läuft in diesem Jahr die Serienproduktion der mit einem Preis von 1000 Euro vergleichsweise billigen Unterkunft an. Der UNHCR hat 10 000 Häuschen für den weltweiten Einsatz bestellt.

Einsatzort Deutschland?

Denkbar, noch gibt es keine Erfahrungen hierzulande. ---