Deutschland?

Ein Buch soll Flüchtlingen die ersten Schritte in der neuen Heimat erleichtern. Ganz ohne Sprache.





• Zur Begrüßung gibt man sich die Hand. Das weiß doch jeder, oder? „Eben nicht“, sagt Amelie Kim Weinert. Vor mehr als einem Jahr bewarb sie sich in ihrer Heimatstadt Mühlacker bei der Aufnahmestelle für Flüchtlinge um eine ehrenamtliche Mitarbeit. Seitdem betreut die 26-Jährige eine afghanische Familie, die sechs Jahre lang zu Fuß nach Deutschland geflüchtet war. Weinert hilft bei Behördenformularen, beim Einkauf und versucht, deutsche Kultur und Verhaltensweisen zu erklären. Das ist schwierig. „Viele Flüchtlinge können weder Deutsch noch Englisch, oft sind sie Analphabeten, dazu traumatisiert, mit ihren Gedanken in der Heimat und vom neuen Umfeld schlicht überfordert.“ Die meisten erhalten einen klassischen Deutsch-Unterricht, wie in der Schule. „Diesem Unterricht können sie aber gar nicht folgen.“

Janina Pohle vom Flüchtlingszentrum in Hamburg macht ähnliche Erfahrungen. „Wir brauchen Schulungsmaterial, das die besondere Situation der Asylsuchenden berücksichtigt. Bücher, die für Deutsch als Fremdsprache konzipiert sind, holen die Flüchtlinge oft nicht ab.“ Amelie Kim Weinert, die Visuelle Kommunikation in Pforzheim studierte, entwarf daher ein Buch, das fast ganz auf Text verzichtet, stattdessen mit Fotos, Illustrationen, Aufklebern und kleinen Spielen arbeitet.

Flüchtling und Betreuer arbeiten mit dem Buch gemeinsam. Anhand der Bilder sollen Geschichten erzählt werden. Wo komme ich her? Wer ist mein Gegenüber? Wo liegt Deutschland? Wie sehen Zahlen und Buchstaben aus? Welche Sitten und Gebräuche gibt es in den Bundesländern? In Bayern isst man Obatzda, in Schleswig-Holstein Schnüsch. Bezahlt wird mit dem Euro.

„Durch die Erfahrung mit meiner afghanischen Familie entwarf sich das Buch fast von selbst“, sagt Weinert. Nun sucht sie einen Verlag. Beim Flüchtlingszentrum Hamburg hat sie schon mal Interesse geweckt. „Wir werden prüfen, ob wir das Buch in unsere Arbeit integrieren können“, sagt Janina Pohle. ---

„Mein Deutschland“

Abschlussarbeit von Amelie Kim Weinert im Fach Visuelle Kommunikation, Hochschule Pforzheim

Kontakt: contact@amelieweinert.de

Nachtrag: Ab Februar 2016 wird das Buch bei Langenscheidt veröffentlicht. Sie können es hier erwerben: https://www.langenscheidt.de/Mein-Deutschland-Stabiler-Ordner-mit-vielfaeltigen-Einlagen-und-Beiheft/978-3-468-49090-3

Zusatz: Weitere Angebote

Die allererste Lücke zwischen der Ankunft in Deutschland und den ersten Deutschkursen will das Audio-Projekt Welcomegrooves schließen. Die MP3-Dateien kann man kostenlos herunterladen unter: http://www.welcomegrooves.de/

Das Team des Gehirntraining Start-up Memorado hat sich für eine Woche darauf konzentriert, drei kostenlose Apps zu erstellen, die sich je einem Problem von vielen Flüchtlingen annehmen:

Refugermany: ein dynamisches Handbuch für Flüchtlinge, das Informationen zum Asylprozess, Leben in Deutschland und vieles mehr bietet und ständig mit neuen Informationen aktualisiert wird.
iOS: https://itunes.apple.com/us/app/refugermany-useful-guide-for/id1045437199?mt=8
Android: https://play.google.com/store/apps/details?id=com.memorado.welcomeGuide

Refoodgee: Bietet Freiwilligen die Möglichkeit, Flüchtlinge zum gemeinsamen Kochen einzuladen und so einen ersten Kontaktpunkt in Deutschland aufbauen:
Android: https://play.google.com/store/apps/details?id=com.memorado.refoodgee
YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=_EFG9mfbprc

GoGive: Zeigt an, wo in der Nähe Sachspenden benötigt werden und welche Artikel besonders dringend sind:
iOS: https://itunes.apple.com/us/app/gogive/id1045124494?ls=1&mt=8

Der Quellcode der Apps ist öffentlich zugänglich (verfügbar auf GitHub) und einmal monatlich findet nun ein Meetup von Programmierern in Berlin statt, um weiter an den Produkten zu arbeiten und sie zu pflegen.

Das Rote Kreuz hilft bei der Suche nach vermissten/verlorenen Familienangehörigen: familylinks 

Eine Wohnungsbörse für Flüchtlinge, auf der man Unterkünfte suchen oder anbieten kann: Flüchtlinge-Willkommen 

Eine Jobbörse für Geflüchtete und interessierte Arbeitgeber: Workeer