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Thomas Krenn AG

Wie lebt, arbeitet und wirtschaftet es sich in der Provinz? Besuch bei der Thomas Krenn AG in Niederbayern.





• Freyung im Bayerischen Wald sieht nicht unbedingt wie ein Hightech-Standort aus. Kopfsteinpflaster, eine imposante Kirche, vor der sich die Dorfjugend versammelt, gegenüber eine Apotheke, ein paar Gasthäuser und ein Metzger („Heute frisch: Blutwurst“). Dann noch zwei kleine Hotels, ein Kino, Aushänge, die auf die Aktivitäten des Schützenvereins hinweisen. Ein Internet-Café wirbt mit der Empfehlung „Internet – täglich geöffnet“.

Nicht nur weil große Schilder am Ortseingang stolz melden, dass man die Garnisonsstadt Freyung betritt, wirkt der 7000-Einwohner-Ort nahe der tschechischen Grenze immer noch so, als sei hier in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten nicht viel passiert. Von sich selbst reden die Einheimischen ohne Ironie als „Wäldler“. Die CSU regiert mit satter Mehrheit, die schöne Landschaft sorgt für etwas Tourismus. Die drei größten Arbeitgeber in der Umgebung sind die Bauunternehmung Karl Bachel, der Kunststoffverschluss-Hersteller Aptar und der Wohnmobil-Bauer Knaus Tabbert.

Vermutlich muss man Lokalpatriot sein, um auf die Idee zu kommen, ausgerechnet hier eine Firma für die Herstellung von Servern zu gründen, die Riesen wie Dell oder Hewlett-Packard Marktanteile abjagen will. Weil die Gründer Max Wittenzellner und Thomas Krenn nicht nur an ihrer Heimat hängen, sondern offenbar auch einiges richtig gemacht haben, ist die Thomas Krenn AG heute, 13 Jahre nach der Gründung, einer der größten unabhängigen Server-Hersteller Deutschlands, mit einem Marktanteil von etwa einem Prozent. Man schreibt kontinuierlich schwarze Zahlen und freut sich über den stetig wachsenden Umsatz. 2014 waren es 27 Millionen Euro, dieses Jahr sollen es 30 Millionen werden.

Vor dem Wechsel in die Hardware-Branche waren Krenn und Wittenzellner bei einem großen Automobilzulieferer als Industriemechaniker angestellt. Und weil es dort wohl ziemlich hierarchisch zuging, wussten sie bei ihrer eigenen Unternehmensgründung sehr genau, was sie nicht wollten. Das prägt die Kultur bis heute, auch wenn die Gründer die Mehrheit ihrer Anteile inzwischen an einen Investor verkauft und sich im vergangenen Jahr aus der Firma zurückgezogen haben.

Ihre ersten Server haben Krenn und Wittenzellner, ganz dem Klischee entsprechend, in einer Garage zusammengeschraubt. Von Anfang an war ihr Onlineshop der wichtigste Vertriebskanal. 2002 zählte die Thomas Krenn AG in der Branche zu den Ersten, die diesen Kanal konsequent benutzten. Sie hatte keine andere Wahl, wenn sie Kunden jenseits der eigenen, dünn besiedelten Region erreichen wollte.

Nach mehreren Umzügen arbeiten heute rund 120 Angestellte in den Büros und der großen Werkhalle, die sich der Server-Hersteller mitten im Wald auf einen Hügel über dem Städtchen gestellt hat. Dass hier sehr erfolgreich Rechner konfiguriert und montiert werden, für die die Kunden offenbar bereitwillig Preise zahlen, die deutlich über denen der großen Hersteller liegen, führt zu zwei Fragen: Wie machen die das? Und welche Rolle spielt dabei die Lage in der tiefsten Provinz?

Die Mitarbeiter

Die Suche nach guten Leuten ist hier deutlich schwieriger als in Ballungsräumen. In der Region zögen acht von zehn Abiturienten zum Studium oder für die Ausbildung weg, sagt Ralph Heinrich von der örtlichen Wirtschaftsförderung. Kein Wunder, dass der Volksmund hier Gymnasien gern „Abschussrampen“ nennt. Anderswo lässt sich mehr Geld verdienen. „Was ich anbieten muss, ist ein gutes Arbeitsklima“, so David Hoeflmayr, seit April 2014 Vorstandsvorsitzender des Server-Herstellers. „Die Frage, wie ich gute Leute bekommen und halten kann, ist eines der wichtigsten Themen überhaupt.“

Einer, der viel dazu sagen kann, ist Florian Fritsch. Der 32-jährige Niederbayer ist seit zehn Jahren in der Firma, damals hatte sie gerade mal 25 Mitarbeiter. Angefangen hat er im Kundendienst. Heute ist der gelernte Kaufmann für Bürokommunikation als technischer Leiter für Support, Lager und Produktion zuständig. Formale Qualifikation war den Gründern von Anfang an weniger wichtig als das im Alltag entwickelte Können.

In das wird gezielt investiert: Gut 1000 Euro pro Mitarbeiter und Jahr lässt sich das Unternehmen Schulungen kosten, zum Beispiel für Linux- oder Microsoft-Zertifizierungen. Nur so können mit dem größer werdenden Unternehmen auch die Mitarbeiter in neue Aufgaben hineinwachsen. Zusätzlich bilden sich Fritschs Leute weiter, um in Spitzenzeiten in anderen Abteilungen aushelfen zu können.

Der Server-Hersteller ist darauf angewiesen, die nötige Expertise im Unternehmen aufzubauen und zu halten. Sie von außen einzukaufen ist in der niederbayerischen Provinz kaum möglich. „Mit den Gehältern, die in München oder Nürnberg gezahlt werden, können wir nicht konkurrieren“, sagt Fritsch. Die Thomas Krenn AG bildet fast alle Mitarbeiter selbst aus, zum Beispiel zu Fachinformatikern für Systemintegration. Möglich ist das dank des dualen Ausbildungssystems der Berufsschulen. Und die gibt es auch in der niederbayerischen Provinz – die nächste für Fachinformatiker ist in Passau, 40 Kilometer entfernt. Führungskräfte unterhalb der Vorstandsebene kommen in der Regel aus der eigenen Belegschaft.

Mit dem Problem, gute Leute zu finden, ist der Server-Hersteller im Mittelstand nicht allein. Laut des jüngsten Ernst & Young Mittelstandsbarometers stellt für 42 Prozent der befragten Unternehmen der Fachkräftemangel ein Risiko dar. Das Institut der deutschen Wirtschaft schätzte im November 2014, dass im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) 132 100 Fachkräfte fehlen. „Aktuell verzeichnen fast 20 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland einen steigenden Bedarf an Nachwuchskräften. Gleichzeitig ist es gerade für diese Unternehmen besonders schwierig, welche zu finden. Großunternehmen stehen bei der Rekrutierung von Auszubildenden etwas besser da, weil sie bei jungen Menschen häufig bekannter sind“, meldet das Bundeswirtschaftsministerium. Die Lage in der Provinz verstärkt das Problem.

Bei der Thomas Krenn AG haben sie gelernt, mit dieser Situation umzugehen. Wer nicht die Einstiegsgehälter und Karrierechancen der großen Konzerne bieten kann, muss das durch ein gutes Betriebsklima, Spezialisierung und interne Weiterbildung ausgleichen. Damit sich potenzielle Lehrlinge für das Unternehmen interessieren, werben Fritsch und seine Kollegen in Schulen oder verteilen auch mal auf Volksfesten Flyer.

Dass ihre Firma das einzige ambitionierte Hardware-Unternehmen in der Region ist, bedeutet auch, dass die Möglichkeiten, in derselben Branche den Arbeitgeber zu wechseln, überschaubar sind. Simon Holzer ist seit September 2014 im Unternehmen für das Onlinemarketing zuständig. Zuvor hat er in München studiert, hatte dann aber keine Lust, als junger Mitarbeiter in einem hierarchisch organisierten Konzern um Karrierechancen konkurrieren zu müssen. Bei der Thomas Krenn AG kann er eigenverantwortlich arbeiten und Erfahrung sammeln.

Ob man sich auf dem Land wohlfühlt, ist auch eine Frage des Naturells. Florian Lenzen, gerade ausgelernter Fachinformatiker erzählt, dass immer, wenn er seinen Bruder besucht, der an der RWTH Aachen studiert, ihm die Stadt viel zu hektisch ist.

Das niederbayerische Gehaltsniveau macht die Mitarbeitersuche zur Herausforderung – ermöglicht aber auf der anderen Seite erst das service- und beratungsintensive Geschäftsmodell des Server-Bauers. „Wir könnten das Wachstum bei höheren Gehältern nicht finanzieren, wir wären nicht konkurrenzfähig“, sagt der Controller Alexander Thoma. Etwa 21 Prozent des Umsatzes gibt das Unternehmen für Löhne und Gehälter aus. Das Gehaltsniveau liegt bei „schätzungsweise weniger als der Hälfte des in München bei vergleichbaren Anforderungen üblichen“, sagt Florian Reihofer, der Personalchef.

Dafür ist das Leben in Freyung deutlich billiger. Schon für 700 Euro kann man hier ein Einfamilienhaus mieten. Hoeflmayr, der jedes Wochenende zu seiner Familie nach München fährt, schätzt, dass man für vergleichbare Wohnungen in der Landeshauptstadt München mindestens das Fünffache zahlen muss. So wird die Lage in der Provinz zum Vorteil: Geringere Lebenshaltungskosten erlauben niedrigere Gehälter, die wiederum das relativ personalintensive Geschäftsmodell aufgehen lassen.

Das Produkt

Fritsch zeigt das Lager mit seinen rund 1200 verschiedenen Komponenten und die Werkbänke, an denen die Server zusammengeschraubt werden. Die meisten sind Einzelanfertigungen, zum Beispiel für Kunden, die möglichst viel Speicherplatz in einem möglichst kleinen Server unterbringen wollen. Großserienproduktion können andere billiger. Der Mittelständler gleicht das durch Beweglichkeit, Geschwindigkeit und Service aus: In der Regel wird der individuell konfigurierte Server ein, zwei Tage nach der Bestellung ausgeliefert.

Auch weil viele Kunden selber Mittelständler sind, wissen sie die kurzen Wege zu schätzen. Wenn sie wegen eines Problems anrufen, landen sie nicht in einem Callcenter irgendwo auf der Welt, sondern direkt bei einem Techniker in Freyung. Und weil der und die Vertriebsleute nur ein paar Büros neben ihren Kollegen aus der Produktentwicklung sitzen, geht kein Wissen zwischen den Abteilungen verloren – jede Kundenanfrage kann nützlich für die Entwicklung sein.

Im Support werden an langen Tischen von Kunden eingeschickte Server auf mögliche Ursachen des Problems getestet. Und weil der Fehler oft nicht im Server, sondern in der Netzwerkumgebung des Kunden liegt, wird die notfalls nachgebaut, um zu verstehen, wo es hakt. Getestet wird auch in der Produktion und in der Entwicklung ausgiebig. Das so erarbeitete Wissen fließt in den Konfigurator des Onlineshops: Teile, die nicht harmonieren, werden auch nicht zusammen angezeigt – einer der Gründe dafür, dass der Onlinevertrieb gut funktioniert.

Das Wissen

Um gängige Server-Komponenten zu konfigurieren und zusammenzustecken, braucht man kein Hochschulstudium. Andererseits sind die im Haus entwickelten Speziallösungen so anspruchsvoll, dass auch große Industriekunden auf die Expertise des kleinen Server-Herstellers zurückgreifen. Für den Windkanal einesAutomobilherstellers zum Beispiel haben Hoeflmayrs Leute einen Server entwickelt, der sehr schnell sehr viele Daten verarbeiten kann. Eine Kette von Krankenhäusern will ihre Patientenakten mit großen Datenmengen mehr als 40 Jahre speichern. Ein anderer Kunde kam mit dem Wunsch, eine Datenmenge von etwa 1,5 DVDs pro Sekunde streamen zu können. „Das sind extreme Anforderungen“, sagt der Entwickler Bernhard Seibold, 36, seit elf Jahren im Unternehmen. „Ein Treiber einer im System verbauten Komponente oder Einstellungen im Energiesparmodus können die Performance um mehr als 50 Prozent einbrechen lassen. Das weiß man nicht vorher. Das sind Sachen, die man nur im Test rauskriegt.“

Ihr Wissen verarbeiten die Mitarbeiter regelmäßig in kurzen Sachtexten, die sie ins Firmen-Wiki stellen und damit für die Öffentlichkeit verfügbar machen. Ursprünglich entwickelt, um Support-Anfragen zu reduzieren, ist es heute mit 1500 Artikeln zu technischen Fragen und 400 000 Besuchern im Monat eine ideale Plattform, um bei der Zielgruppe der Systemadministratoren im Gespräch zu bleiben. Wer sich in Deutschland professionell mit Firmen-Hardware beschäftigt, stößt früher oder später darauf. Auch ein Grund dafür, dass die Lage im Bayerischen Wald kein Problem bei der Neukunden-Akquise ist.

Der Tüftler

Fragt man Nadine Hess, die unter anderem für den Webshop-Konfigurator zuständig ist, ob sie für ihre Arbeit große Freiheiten braucht, sagt sie ohne zu zögern: „Definitiv.“ Ein arroganter Schlipsträger, der sich nicht reinreden lasse, wäre als Geschäftsführer fehl am Platz. „So jemand passt hier nicht rein. Wenn die Vorschläge der Geschäftsführung gepasst haben, haben wir sie auch umgesetzt. Aber wir konnten immer mitreden, wenn es in unseren Augen nicht gepasst hat.“

Diese Mischung aus Heimatverbundenheit, Selbstbewusstsein und über lange Berufsjahre entwickeltes Spezialwissen ist typisch für viele Mittelständler in der deutschen Provinz. Die Thomas Krenn AG profitiert jedenfalls genauso davon wie die Region, in dem das Unternehmen verwurzelt ist – und das bedeutet keineswegs, dass große Ideen tabu sind.

Eines der anspruchsvollsten Projekte derzeit geht über das Zusammenschrauben von Komponenten weit hinaus. Im Auftrag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickeln die Niederbayern einen mit Flüssigkeit statt mit Luft gekühlten Server. Das warme Kühlwasser soll für die Heizung nutzbar sein. Fragt man Hans-Joachim Popp, IT-Leiter des DLR, weshalb eines der wichtigsten Institute der deutschen Hochtechnologie-Forschung ausgerechnet mit einem Mittelständler in der bayerischen Provinz zusammenarbeitet, kommt eine sehr klare Antwort: So flexibel, experimentierfreudig und innovativ wie die Thomas Krenn AG sei vermutlich kaum einer der großen Wettbewerber.

Für die komplizierten Sonderlösungen ist Bernhard Seibold zuständig. Der Vorstandsvorsitzende Hoeflmayr weiß, dass der Tüftler wesentlich mehr von Hardware versteht als er selbst und gibt das auch gern zu. Seibold bekommt regelmäßig Angebote anderer Arbeitgeber, auch von solchen, die deutlich höhere Gehälter zahlen. „Vor sieben, acht Jahren hätte ich darüber nachgedacht, heute nicht mehr“, sagt er. Ein Grund lautet: „Heimatverbundenheit.“ Er habe sich ein Haus „mitten im Wald“ gebaut, sagt er. „Nach der Arbeit gehe ich einfach den Berg hoch, im Winter mit Schneeschuhen.“ Drei Jahre sei er zur Ausbildung in Regensburg gewesen. „Das erste Jahr war schön, danach wollte ich zurück.“

Ein zweiter Grund für seine Treue: Hier in der Firma kann er machen, was er will und was er am besten kann. „Wir haben die Strukturen selber geschaffen. Die Strukturen müssen sich der Arbeit anpassen und nicht andersrum.“ ---