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Rawabi

Die palästinensische Reißbrettstadt Rawabi ist ein Ort der Hoffnung. Sie soll eine Zukunft in Frieden Wirklichkeit werden lassen.





• Der Ruhm einer Stadt lässt sich auch an der Zahl der Lieder messen, die ihr gewidmet werden. Hunderte Musiker haben New York, Paris und London besungen. Gewöhnlich muss sich eine Stadt ihren Ruf erst verdienen. Nicht so Rawabi: Noch nicht fertig gebaut, hat die palästinensische Reißbrettstadt schon ihre eigene Hymne. „Rawabi, Rawabi, ich sehne mich nach meinem geliebten Land!“, schmachtet der irakische Sänger Ilham Al-Madfai in dem Lied, das er nach einem Besuch in der Stadt geschrieben hat. Für manche ist sie schon jetzt ein Sehnsuchtsort. Für andere Ärgernis, Bedrohung, Brutstätte für Terror. Wohl kaum eine Stadt hat so widerstreitende Gefühle auf sich gezogen, bevor die ersten Menschen dort eingezogen sind.

Zumindest eines steht außer Frage: Rawabi ist ein ziemlich wahnwitziges Projekt. Eine Stadt, am Reißbrett entworfen, privat finanziert, auf einem der politisch instabilsten Flecken dieser Welt. 25 Kilometer nördlich von Jerusalem steht sie auf einem Hügel im Westjordanland, Reihen schlanker, sandfarbener Hochhäuser, umgeben von palästinensischen Dörfern und israelischen Siedlungen. Zwei Investoren tragen das Projekt: die Firma Massar International des palästinensischen Unternehmers Baschar Masri und die Qatari Diar Real Estate, eine Firma des katarischen Staatsfonds. Zusammen investieren sie 1,2 Milliarden Dollar. 6000 Wohnungen für 25 000 Menschen sollen in der ersten Bauphase entstehen.

In Beschreibungen von Rawabi prasselt es Superlative, und tatsächlich ist es schwer, sie zu vermeiden. Rawabi ist die erste geplante Stadt und das größte private Projekt in den palästinensischen Gebieten. Hier soll es die ersten Multiplex-Kinos geben, die ersten Filialen großer Modeketten und die ersten Aufladestationen für Elektroautos in einer palästinensischen Stadt. Alle Wohnungen bekommen Glasfaser-Internet (in Deutschland hängen nur 1,1 Prozent der stationären Breitbandanschlüsse am Glasfasernetz). Auf den Dächern werden Solarzellen installiert, Strom- und Wasserleitungen verlaufen unterirdisch. Dazu soll Rawabi zum Zentrum der Hightech-Industrie werden und Tausende neue IT-Jobs schaffen – „die palästinensische Version vom Silicon Valley“, prahlt der Pressesprecher der Stadt. Der palästinensische Start-up-Inkubator Bader hat angekündigt, seinen Sitz von Ramallah nach Rawabi zu verlegen, und die Stadtplaner werben um internationale IT-Giganten wie Google. Noch wurde allerdings keine Einigung verkündet; es ist schwer, Firmen in ein Gebiet mit ungewisser politischer Zukunft zu locken.

Für die Wohnungen lassen sich leichter Abnehmer finden: 600 sind schon verkauft, und 10 000 Palästinenser, viele davon im Exil, hätten sich auf Rawabis Website als Interessenten registriert, sagt Jack Nassar, der Sprecher. Die Wohnungen kosten zwischen 62 000 und 220 000 Dollar. Die meisten sollen für Durchschnittsverdiener erschwinglich sein, de facto zieht Rawabi bisher aber vor allem Wohlhabende an. Menschen wie Said Ayyad, einen 55-jährigen Universitätsdozenten aus Bethlehem, der an einem Samstagmittag in Rawabis gut gekühltem Showroom steht. Ayyad, weißhaarig und glatt rasiert, trägt Hemd und Anzug, trotz der Hitze draußen. Seine 20-jährige Tochter Ruba begleitet ihn. Sie studiert englische Literatur, ist schlank, trägt enge Jeans. „Rawabi ist ein Abenteuer für uns“, sagt sie. „Eine moderne Stadt gab es hier vorher nicht.“

Eine Stadt macht Staat

126 000 Dollar hat Said Ayyad für sein neues Heim bezahlt, mit drei Schlafzimmern und zwei Balkonen. Fürs Erste will er die Wohnung nur übers Wochenende nutzen. Denn noch ist Rawabi eine Geisterstadt: Nur zwei der geplanten 23 Viertel sind fertig, und erst im August haben die ersten Eigentümer begonnen, ihre Wohnungen einzurichten. Für Said Ayyad hat die Stadt aber auch symbolischen Wert. „Wir müssen Städte bauen“, sagt er. „So zeigen wir den Israelis: Wir wollen in unserem Land bleiben.“

Doch nicht alle Palästinenser unterstützen das Projekt. Manche bemängeln, dass Rawabi mit seinen modernen Sandstein-Häusern israelischen Siedlungen ähnelt. Und die BDS-Bewegung (Boycott, Divestment and Sanctions), die den Boykott israelischer Produkte propagiert, kritisiert den Rawabi-Gründer Baschar Masri dafür, dass er mit israelischen Behörden kooperiert und Baumaterial von israelischen Firmen kauft. Damit missachte er „die grundsätzlichen Rechte der Palästinenser, einschließlich des Rechts auf Selbstbestimmung für alle Palästinenser, zugunsten wirtschaftlicher Gewinne für eine elitäre Minderheit“, schreiben die Aktivisten.

Masri wehrt sich gegen die Vorwürfe. „Eine Stadt zu bauen bedeutet, Widerstand zu leisten gegen die Besatzung“, sagt er. „Und eine Wohnung zu besitzen gibt ein Gefühl von Stabilität.“ Das Büro des Multimillionärs ist von innen so wenig beeindruckend wie von außen: niedrige Decke, schlichter Schreibtisch, ein, zwei Grünpflanzen mit Baumarkt-Charme. Er selbst habe als Teenager achtmal in israelischen Gefängnissen gesessen, weil er Steine auf Soldaten geworfen habe. „Widerstand hat viele Formen, und die Formen ändern sich.“

Der 54-Jährige stammt aus einer reichen Unternehmerfamilie aus Nablus. Masri studierte Ingenieurwesen in den USA, kehrte 1994 ins Westjordanland zurück, gründete die Holdingfirma Massar International und investierte in Bauprojekte in Marokko, Jordanien und Ägypten: „Nichts kann uns davon abhalten, ein besseres Leben zu führen – ich betone: trotz der Besatzung.“

In der Welt des Baschar Masri ist die Gründung eines unabhängigen palästinensischen Staates nur eine Frage der Zeit; und wenn es so weit ist, dann soll dieser Staat auf stabilen wirtschaftlichen Füßen stehen. Doch dafür braucht es Fachkräfte. Und gerade junge, gut ausgebildete Palästinenser streben ins Ausland, meist Richtung Westen, um der ungewissen politischen Lage und dem Mangel an Karrierechancen zu entfliehen. „Dieser Braindrain“, sagt Masri, „hilft der Besatzung.“

Er will mit Rawabi eine neue Klasse gebildeter, gut verdienender Wohnungsbesitzer schaffen und so das Land für diejenigen attraktiv machen, die andernfalls vielleicht ihr Glück im Ausland suchen würden. „Wir brauchen diese Menschen, damit sie den Staat aufbauen.“

Darüber hinaus soll Rawabi die palästinensische Wirtschaft beleben, die 2014 um ein Prozent schrumpfte. Die aktuelle Arbeitslosenquote beträgt 17 Prozent im Westjordanland und 43 Prozent in Gaza. „Wir wollen Tausende Jobs schaffen“, sagt Masri, „der Bau von Immobilien ist der schnellste Weg dafür.“

Rechte israelische Kommentatoren warnen, Terroristen könnten Rawabi als Basis für Angriffe nutzen. Und einige israelische Politiker riefen zu einem Boykott jener israelischen Firmen auf, die Rawabi beliefern. Und auch handfesten Widerstand gab es schon. Von Rawabi aus lassen sich auf einem nahen Hügel eine Handvoll roter Dächer erkennen. Sie gehören zu Ateret, eine jener israelischen Siedlungen, die laut den Vereinten Nationen gegen internationales Recht verstoßen. Als vor fünf Jahren der Bau von Rawabi begann, hätten Siedler tagelang die Zufahrtsstraße blockiert, sagt Nassar, der Sprecher. Ein anderes Mal hätten sie eine Palästina-Flagge gestohlen, nachdem sie die Schnüre durchschnitten hätten. „Seitdem hissen wir die Fahne per Fernbedienung“, sagt er grinsend.

Andere Probleme sind schwerer zu lösen. Jahrelang konnte Rawabi nicht ans Wassernetz angeschlossen werden, weil israelische Behörden die Genehmigung verweigerten; sie verlangten, dass die Palästinenserführung im Gegenzug die Wasserversorgung der Siedlungen erlaube, was jene ablehnte. Erst im März erteilte Israels Premierminister Benjamin Netanjahu die Weisung, Rawabi ans Wassernetz anzuschließen. Doch der Streit verzögerte den Bau und verunsicherte potenzielle Wohnungskäufer und Investoren.

„Wir standen kurz vor dem Bankrott“, sagt Masri. Ursprünglich hätte die Stadt 2013 fertig sein sollen, nun hofft er, dass es im kommenden Jahr so weit sein wird. „Die Kosten sind substanziell“, sagt er. „Derzeit machen wir keine Gewinne, wir erreichen nicht einmal die Null. Die Frage ist nur, wie hoch die Verluste am Ende sein werden. Aber das ist okay: Bei diesem Projekt geht es nicht um Profit.“ Von der eigenen politischen Führung hat er keine Hilfe zu erwarten: Die Palästinensische Autonomiebehörde unterstützt Rawabi offiziell, jedoch „zu 99,9 Prozent moralisch“, wie Masri sagt. Öffentliche Infrastruktur wie Straßen, Schul- und Polizeigebäude finanziert er privat.

Doch so allein, wie es scheinen mag, ist der Unternehmer nicht. Ebenso wie sich eine israelisch-palästinensische Koalition von Gegnern formiert hat, gibt es auch Unterstützer in beiden Lagern. Denn manche Israelis glauben, dass der Wandel, den Rawabi anstößt, auch ihnen helfen kann.

Im Showroom von Rawabi läuft ein sechsminütiger Werbefilm. Er zeigt eine computeranimierte Version einer hellen, blitzblanken Stadt, durch deren grün gesäumte Straßen junge, gut aussehende Menschen flanieren. Frauen lassen sich im Park den Wind durch die Haare wehen und schlagen in Cafés die entblößten Beine übereinander – ein krasser Kontrast zum Straßenbild existierender palästinensischer Städte wie Ramallah oder Hebron, wo die meisten Frauen Haare, Arme und Beine bedecken.

Baschar Masri sagt, die Darstellung im Video sei Zufall, konservative Frauen ließen sich nun mal ungern filmen. Doch Fakt ist: Allein mit dem Bau Rawabis hat er eine kleine Kulturrevolution angestoßen. Während in denpalästinensischen Gebieten nur knapp eine von fünf Frauen einen Job hat, ist ein Drittel der 4000 Angestellten bei Rawabi weiblich. Eine von ihnen ist die 27-jährige Shadia Jaradat. Wenn sie in Ramallah ein Café betritt, drehen sich die Köpfe: Herein kommt eine zierliche, selbstbewusste Frau mit langen Haaren und kurzem Kleid.

Stadtluft macht frei

Shadia Jaradat stammt aus Sa’ir, einem Dorf nahe Hebron, einer Gegend, die als konservativ gilt. Als eine der ersten Frauen im Dorf zog sie nach der Schule von zu Hause aus, studierte Bauingenieurwesen in Ramallah und heuerte 2010 bei dem Stadtprojekt an. Vor einem halben Jahr beförderte sie Masri zur Leiterin der Fertigungsabteilung. Ihr unterstehen nun 40 Ingenieure. „Am Anfang fragten mich die Männer ständig: Wie alt bist du überhaupt?“, sagt sie, „inzwischen respektieren sie mich – sie müssen.“ Auch Jaradat hat eine Wohnung in Rawabi gekauft. Ihre Familie sei skeptisch gewesen: Bedeutet das, du willst nicht heiraten? Und wenn doch, erwartest du dann etwa, dass dein Mann zu dir zieht? „Ich habe ihnen gesagt, dass das gerade kein Thema für mich ist.“

Traditionell verlassen palästinensische Frauen das Haus ihrer Eltern erst nach der Hochzeit, und oft ziehen sie ins Haus der Schwiegereltern. In Rawabi können sich gut verdienende junge Singles oder Paare eine Wohnung fern vom Elternhaus kaufen. So erleichtert die neue Stadt den Bruch mit Traditionen. Sieben Prozent der Wohnungskäufer sind Singles, die meisten weiblich.

Baschar Masri betont, dass es nicht seine Absicht sei, die Gesellschaft zu verändern. „Viele junge Palästinenser sind gebildet und sprechen Englisch“, sagt er, „sie müssen nur ins Internet gehen, um zu sehen, wie die Menschen in den USA, Deutschland und Israel leben, und immer mehr wollen diesen Lebensstil auch. Rawabi hat damit nichts zu tun.“ Seine Stadt mag diese Wünsche nicht geschaffen haben. Aber sie verspricht, sie zu erfüllen: mit ihren Kinos, Shopping-Passagen, Bars und Nachtclubs. „In Ramallah gibt es kaum Freizeitangebote“, sagt Jaradat. „In Rawabi ist es leichter, meinen Lebensstil zu führen.“

Schlau baut vor

Masri sagt: „Ein kluger Unterstützer Israels muss sich einen prosperierenden palästinensischen Staat wünschen.“ Menschen wie Shadia Jaradat, so die Hoffnung, schicken ihre Kinder nicht zum Steinewerfen auf die Straße, sondern eher auf Universitäten, sie sind an Wohlstand und Frieden interessiert und gehören nicht zu jenen, die schwören zu kämpfen, bis auch die letzte israelische Stadt erobert ist. Sollte es jemals eine Zweistaatenlösung geben, hätten diese Menschen kein Interesse daran, den Konflikt weiterzuführen. Sie hätten ein Interesse an Stabilität – und an Kooperation mit Israel.

„Sobald wir einen Staat haben, ist ein starkes Israel gut für uns“, sagt Baschar Masri. „Die Feinde von einst könnten die besten Freunde werden und einander unterstützen. Das ist in der Geschichte schon oft passiert – schauen Sie sich Europa an.“ Er nennt nicht den Namen Immanuel Kants, aber sein Argument erinnert an ein bekanntes Konzept des Philosophen: Frieden durch Handelsgeist. In anderen Worten: Für Nationen, die miteinander Geschäfte machen, ist Krieg schlicht zu teuer.

Es gibt Israelis, die ähnlich denken. Einer von ihnen ist Juval Rabin, Sohn des ermordeten ehemaligen Premierministers Jitzchak Rabin, der einst die Abkommen des Oslo-Friedensprozesses unterschrieb. „Rawabi ist ein Projekt, nach dem Israelis sich eigentlich sehnen müssten“, sagt er am Telefon. Ein Kommentator der israelischen Tageszeitung »Haaretz« beschrieb Rawabi als „großartige Gelegenheit“ für Frieden. Und selbst Israels Präsident Reuven Rivlin, eigentlich ein Rechter, verkündete: „Rawabi ist im Interesse Israels.“

Der Konflikt um Rawabi ist kein Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis. Er ist ein Konflikt zwischen Pragmatikern und Ideologen auf beiden Seiten. Ob die Pragmatiker erfolgreich sein werden, hängt an vielen, unberechenbaren Faktoren. Einigten sich Palästinenser und Israelis auf eine Zweistaatenlösung, die sich als stabil erwiese, könnte das Tausende Exil-Palästinenser ermutigen, in ihre Heimat zurückzukehren; und Rawabi mit seinen leeren Wohnungen und dem hohen Lebensstandard wäre für viele die erste Adresse. Andererseits kann jedes Aufflammen der Gewalt potenzielle Wohnungskäufer und Investoren verschrecken.

Eines scheint festzustehen: Der Erfolg Rawabis wird sich nicht in barer Münze messen lassen. Für ihren Gründervater ist die Stadt nur ein Baustein zu einem größeren, bedeutenderen Unterfangen. „Ich glaube fest daran, dass wir dabei sind, einen Staat aufzubauen“, sagt Masri. „Die Frage ist nur, welcher Staat es wird – ein prosperierender oder ein zurückgebliebener?“ Rawabi soll, so stellt Masri es sich vor, Ersteres wahrscheinlicher machen und Vorbild für weitere Bauprojekte sein. „Meine Vision hört nicht bei Rawabi auf. Wenn Rawabi zwei, drei und vier gebaut werden – nicht von uns, sondern von anderen, die von uns lernen –, dann sind wir erfolgreich gewesen.“ ---