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Das Urvieh

Nützliche Autos werden selten geliebt. Die große Ausnahme ist der Unimog.





• Wer erfahren will, was ein echter Geländewagen kann, sollte sich mit einem der Vorführfahrzeuge über den Parcours des Unimog-Museums in Gaggenau chauffieren lassen. Dort geht es in extremer Schräglage über Hindernisse, angesichts derer Fahrern gewöhnlicher Geländewagen der Angstschweiß ausbräche. Das Museum ist gut besucht, der legendäre Lkw hat viele Fans. Allein der Unimog-Club Gaggenau zählt weltweit mehr als 6300 Mitglieder. In dem Städtchen nahe Baden-Baden wurde das „Universal-Motor-Gerät“ mehr als 50 Jahre hergestellt, bis Daimler die Produktion 2002 aus Kostengründen nach Wörth bei Karlsruhe verlagerte.

Dort arbeitet Wulf Aurich seit 15 Jahren an der Weiterentwicklung der „Ikone“. Die hat für seinen Arbeitgeber zwar kaum wirtschaftliche Bedeutung, aber einen nicht zu verachtenden Werbewert. Der rühre – neben dem eigenwilligen Look – „von den positiven Erlebnissen her, die Menschen mit ihm verbinden“, sagt der 45-jährige Leiter Produktmanagement. Der Unimog wird häufig im Katastrophenschutz eingesetzt, und Abertausende Bundeswehrsoldaten sind mit ihm durchs Gelände gebrettert. Seinen Erfolg verdankt er wesentlich der Symbiose mit Geräteherstellern. Sie haben mehr als tausend Anbauteile für ihn konstruiert: von der Betonpumpe bis zur Baumverpflanzungsmaschine.

Wichtige Abnehmer sind kommunale Betriebe. Ein Kunde mit sehr hohen Ansprüchen ist die französische Feuerwehr. Sie setzt den Unimog zur Waldbrandbekämpfung ein – dank seiner Konstruktion kann man mit ihm für kurze Zeit in die Flammen fahren. Zu diesem Zweck wird die pneumatische und elektrische Verkabelung mit feuerfestem Material geschützt.

Aurichs Job besteht darin, Nutzlast und Leistung zu steigern und verschärfte Abgaswerte einzuhalten, ohne den Charakter des Unimogs zu verändern. Er berichtet stolz, dass dieser elf Jahre hintereinander von der Zeitschrift »Off Road« als bester Geländewagen (in der Kategorie Sonderfahrzeuge) gekürt worden ist. Und dass der Daimler-Chef Dieter Zetsche ihn als „John Wayne unter den Nutzfahrzeugen“ gelobt hat. Da könnte man durchaus auf die Idee kommen, ihn als Spaßgefährt für solvente Privatleute zu vermarkten, die bereit sind, 100 000 Euro und mehr dafür auszugeben. In den Neunzigerjahren wurde bereits einmal eine Kleinserie von rund 20 „Funmogs“ produziert, die meisten gingen nach Japan.

Doch bei diesem Thema hält sich Aurich bedeckt; nicht dass der Eindruck entsteht, man wolle im eigenen Haus der hochprofitablen G-Klasse Konkurrenz machen. Der Unimog bleibt den Profis vorbehalten und ist wegen der vielen Varianten aufwendig in der Herstellung. Außerdem gibt es aus Sicht des Herstellers noch einen anderen Nachteil: Unverwüstlichkeit. Die „durchschnittliche Nutzungsdauer“, rechnet Aurich vor, „liegt bei 17 Jahren.“ ---

Ein Team um den Maschinenbauingenieur Albert Friedrich entwickelt kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs das Konzept eines neuartigen Allzwecktraktors. Dank Allradantriebs, vier gleich großen Rädern und einer Spurweite von 1270 Millimetern – das entspricht zwei Kartoffelreihen – soll er sowohl zur Feldarbeit als auch zum Transport dienen. Friedrich nimmt Kontakt zur Firma Erhard & Söhne in Schwäbisch Gmünd auf und schafft es, eine „Production Order“ von der amerikanischen Militärregierung zu bekommen. Nach dem Bau des Prototyps beginnt die Serienfertigung 1948 in der Werkzeugmaschinenfabrik Boehringer in Göppingen. 1951 übernimmt Daimler den Unimog und produziert ihn in Gaggenau. Neben Land- und Forstwirten findet bald auch das Militär Gefallen an ihm, weil er in schwerem Gelände ebenso mobil ist wie Kettenfahrzeuge. 2002 verlegt Daimler die Fertigung nach Wörth, wo der Unimog heute im Baukastensystem – aber mit immer noch viel Handarbeit – gemeinsam mit Müllfahrzeugen und größeren Militärlastern in zwei Baureihen produziert wird: eine „hochgeländegängige“ und eine, die als „Geräteträger“ ausgelegt ist. Mehr als zwei Drittel aller je produzierten Unimogs sollen noch im Einsatz sein.

Daimler Trucks

Mitarbeiter: rund 82 743; Umsatz 2014: ca. 32,4 Mrd. Euro; verkaufte Fahrzeuge: 495 700; davon Unimogs: rund 2000