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Aufruhr an der Außenkante

Die Städte blühen, das Land verödet.In kaum einem Land ist dieses Phänomen so ausgeprägt wie in Dänemark. Nun regt sich Widerstand unter den Zurückgebliebenen.





• Häuser und Höfe sind verlassen, an manchen steht schon nicht mal mehr das Schild „zu verkaufen“. Birken wachsen aus den Mauern, auf den Dächern wuchert Moos. Man denkt an vieles andere als an Dänemark, bekannt als Wohlfahrtsstaat mit glücklichen Menschen. In den Sommermonaten täuschen die Urlauber über die Entvölkerung hinweg. Im Winter ist nicht zu übersehen: Die Provinz ist abgehängt. Doch sie beginnt sich zu wehren.

Im September 2014 trafen sich auf der kleinen Insel Ærø in der Dänischen Südsee Menschen aus allen Teilen des Landes, um einen „Aufruhr von der Außenkante“ zu starten. Im dänischen Wörterbuch ist der Begriff Außenkanten-Dänemark seit 1992 verzeichnet. Er steht für die Kommunen abseits der Wirtschaftszentren. Und für die Kluft vor allem zwischen dem boomenden Großraum Kopenhagen und dem ländlichen Raum.

Hinter dem „Aufruhr von der Außenkante“ stecken der Theologe Viggo Mortensen und der Radiojournalist Finn Slumstrup, beide Rentner. Sie leben auf der kleinen Insel Ærø im Süden des Königreichs, wo sie die Lage des Landes diskutieren. „Die ist ernst wie 1864“, sagt Mortensen. Damals verloren die Dänen auf den Düppeler Schanzen ein Drittel ihres Reiches an die Preußen. Eine nationale Katastrophe. Jetzt stehe wieder ein Drittel des Landes zur Disposition. Unter der niedrigen Decke seines Bauernhauses beschwört Mortensen die düsteren Bilder.

Er ist auf einem Hof auf Fünen aufgewachsen, ganz ähnlich dem, den er heute bewohnt. Er hat miterlebt, wie sein Vater die Bulldozer bestellte und das alte Fachwerk abreißen ließ. Wie er große Summen in einen modernen Betrieb investierte. Wie er ihn, als er sich nicht mehr rentierte, an einen Nebenerwerbslandwirt verkaufte und das Gehöft dann verfiel.

Viggo Mortensen zog in die Stadt, studierte und lehrte als Professor an der Universität von Århus. Erst als Rentner zog er wieder aufs Land. Er kaufte mit seiner Frau den Gammelgaard auf Ærø. Der Hof schmiegt sich an die Eiszeithügel der östlichen Inselküste. Rinder grasen auf den Hügeln; ein Huhn spickt durch die Küchentür. „Für uns ist das hier ein Luxusleben“, sagt Mortensen. „Aber für die Jungen, die hier aufwachsen, ist es eine Katastrophe.“

Darüber wollte er mal reden. Erst mit Finn Slumstrup, der ein paar Kilometer weiter weg wohnt. Dann auch mit anderen. Die beiden Männer luden ein zum Gespräch. Sie staunen noch immer darüber, wie ihr Aufruf einschlug. Zur Versammlung kamen 150 Leute aus dem ganzen Land, um ihrer Wut Luft zu machen und neue Ideen zu entwickeln. In Windeseile mussten sie einen großen Raum organisieren, eine Bühne, Mikrofone. Journalisten kamen, und eine Debatte begann, die bis heute andauert. In den großen Tageszeitungen wird um die Zukunft der Außenkanten heftig gestritten. Es gibt Facebook-Gruppen und Blogs, Slumstrup und Mortensen werden zu Konferenzen eingeladen, sie führen Gespräche mit Ministern und Experten. Der „Aufruhr von der Außenkante“ hat einen Nerv getroffen. Es war eines der zentralen Themen in der heißen Endphase vor den Wahlen zum Folketing in diesem Sommer – und hat politischen Beobachtern zufolge maßgeblich dazu beigetragen, dass in Dänemark die Sozialdemokraten abgewählt wurden und seitdem die rechtsliberale Venstre-Partei regiert.

Nørre Ørslev auf der Insel Falster ist eines jener Dörfer, durch die man einfach hindurchfährt: ein paar Häuser, ein paar Äcker, ein paar Ställe, kaum ein Mensch zu sehen. Auf einem großen, modernen Bauernhof am Ende eines langen, von jungen Bäumen gesäumten Feldwegs wohnt Kirsten Høegh-Andersen. Sie hat hier eingeheiratet. Von Beruf ist sie Tierärztin. Bis zur Klinik, in der sie arbeitet, fährt sie mit dem Auto 35 Minuten.

Sie hatte sich hier gerade gut eingerichtet, da hieß es, die Schule im Nachbardorf würde geschlossen. Die Møllebakke-Schule ist ein großer Bau aus den Sechzigerjahren in einem Ort mit heute noch 700 Seelen. Die Zahl der Kinder war über die Jahre stetig gesunken. Aus Sicht der Kommune war die Schule zu teuer. Kirsten Høegh-Andersen war entsetzt. Wo sollten ihre Kinder nun zur Schule gehen? Was würde aus dem Sportverein, der die Møllebakke-Schule nutzte? Und gewiss stünde bald auch der Kindergarten vor dem Aus. Sie dachte an all die Fahrerei, die auf die Familie zukommen würde. Sie war nicht die Einzige.

In den Dörfern, die zum Einzugsgebiet der Schule gehörten, wuchs der Protest – und wurde binnen weniger Tage laut und heftig. Am 15. April hatte die Kommune verkündet, dass die Schule geschlossen werden würde. Drei Tage später versammelten sich 350 Eltern und beschlossen, das nicht hinzunehmen. Schon am folgenden Tag zogen sie zum Rathaus – mit 1200 Unterschriften. „Niemand hat damit gerechnet, dass wir die Leute so schnell mobilisieren würden“, sagt Kirsten Høegh-Andersen. Allen war klar, dass hier mehr auf dem Spiel stand als nur ein Schulgebäude. Sie wehrten sich und überzeugten die Kommune davon, die Schule zu erhalten. Sie warben Schüler aus anderen Einzugsgebieten an.

Der Kampf um die Møllebakke-Schule kulminierte just zu jener Zeit, als klar wurde, dass die Landflucht ein ernst zu nehmendes Problem ist. Was Dänemark plagt, ist ein Konflikt, den viele moderne Gesellschaften kennen: Das Leben konzentriert sich zunehmend in den Städten. Lise Lyck, Sozialwissenschaftlerin an der Copenhagen Business School, hat diesen Prozess in ihrer Studie über „Außenkanten-Dänemark und die Kräfte, die das Land zusammenhalten“ untersucht. Zum einen, sagt sie, sei Dänemark vom Agrarland zu einer Industrie- und Dienstleistungsnation geworden. Zum anderen folge das Land einem globalen Trend: Weltweit zieht es immer mehr Menschen in die Metropolen. 1950 lebten lediglich 29 Prozent der Weltbevölkerung in den Städten. 2009 verzeichnete die Statistik erstmals mehr Stadt- als Landbewohner. In Dänemark liegt der Urbanisierungsgrad bei 87 Prozent, in Deutschland sind es 74 Prozent.

Die Leute lieben das Landleben. In der Theorie

In einem kleinen Land wie Dänemark, das gerade einmal so viele Einwohner hat wie Berlin und Hamburg zusammen, lässt sich die Entwicklung wie unter einem Brennglas studieren. Die Arbeitsplätze konzentrieren sich in den Städten. Die Bevölkerung zieht nach. Wohnraum dort wird teuer, und wer sich den nicht leisten kann, muss pendeln. Das tut inzwischen jeder fünfte Däne.

Die Finanzkrise von 2007/2008 hat die Situation weiter verschärft: Viele der hochverschuldeten Landwirtschaftsbetriebe sind in die Zwangsversteigerung gegangen. Sie wurden von Aktiengesellschaften übernommen, die deutlich weniger Personal beschäftigen.

Hinzu kommt das Bildungsgefälle. In Kopenhagen gibt es heute 30 Prozent mehr gut ausgebildete Menschen als im Jahr 2007. Auf dem Land ist die Zahl allenfalls stabil.

Zwischen 2007 und 2013 hat Dänemark zudem seine öffentlichen Einrichtungen stark zentralisiert, Krankenhäuser und Forschungsinstitute wurden zusammengelegt und in die Städte verlagert. Die jungen Leute gehen zum Studium dorthin, verlieben sich und bleiben. Manche meinen, das Gymnasium sei schuld, dass die Dörfer veröden.

Wer kann, zieht weg. Wer bleibt, muss sich sagen lassen, dass er es in der Stadt wohl nicht schafft. Die Sozialwissenschaftlerin Lyck ist allerdings nicht der Ansicht, dass früher alles besser gewesen sei. Und es gehe auch nicht darum, den Veränderungsprozess zu stoppen. „Aber“, sagt die Wissenschaftlerin, „es ist wichtig, ihn aktiv zu gestalten.“ Wenn man nicht möchte, dass der ländliche Raum verwahrlose, müsse man handeln.

Etwa indem geografische Nachteile abgemildert würden. Lyck verweist auf Schweden, wo eine Fährfahrt nicht mehr kostet, als die gleiche Strecke mit dem Auto zurückzulegen. Die Differenz zahlt der Staat – und erleichtert damit seinen Bürgern, auf den Inseln zu leben. Auch in die digitale Infrastruktur, so Lyck, seien öffentliche Gelder gut investiert. So weit die Theorie.

Im Rathaus der Gemeinde Guldborgsund, zu der auch Nørre Ørslev und die Møllebakke-Schule gehören, widmet sich Martin Lohse der Praxis. Er ist Vorsitzender des Ausschusses für Kultur, Tourismus und Ansiedlung. Die Leute nennen ihn „Kulturbürgermeister“. Die Landflucht fällt in sein Ressort. Jeder, der sich für das Thema interessiert, ist ihm willkommen.

Weil das Problem so ernst ist, hat sich die Gemeinde Guldborgsund zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen Fünfjahresplan verordnet. Er steht unter der großen Frage: Was müssen wir tun, damit die Menschen kommen und bleiben? Alle Abteilungen sollen sich dieser Frage stellen und ihre Entscheidungen daran messen.

Am Anfang stand eine Analyse. Das Oxford Research Institute befragte Zuzügler und Abwanderer. Dabei kam eine wenig überraschende Empfehlung heraus: Um Menschen auf lange Sicht zu halten, muss man vor Ort Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen.

Auf den ersten Blick scheint die Region bei dem Thema gut dazustehen: dank diverser Bauprojekte wie dem Bau des Tunnels unter dem Fehmarnbelt, einer neuen Brücke über den Storstrøm, eines großen Gefängnisses und von allerlei Gewerbegebieten. Allerdings ist fraglich, ob es gelingen kann, die an diesen Projekten Beteiligten zum Bleiben zu bewegen, wenn diese abgeschlossen sind. Denn die Studie kam zu dem Ergebnis, dass 27 Prozent derer, die sich in den vergangenen drei Jahren in der Gemeinde Guldborgsund niedergelassen haben, darüber nachdenken, wieder wegzugehen. Vielen ist die Pendelei zu anstrengend. Das könnte sich ändern, wenn die neue Verkehrsinfrastruktur steht und der Zug Kopenhagen in einer Stunde erreicht statt wie heute in 77 Minuten. Andere Zuzügler gaben an, fremd geblieben zu sein. Wieder andere sagten, dass es zu deprimierend sei, mit-zuerleben, wie die Region sich entvölkere – und dass sie selbst deshalb auch wieder wegziehen wollten. Was denjenigen, die bleiben, ebenfalls auf die Stimmung schlagen könnte.

Martin Lohse ist Sozialarbeiter. Ihn beschäftigt die Frage, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit die Menschen ein gutes Leben haben können. Seine Antwort: „Wir müssen die Gemeinschaft als Wert neu entdecken und fördern.“ Nur dank ihrer könne man die Nachteile des Landlebens meistern und seine schönen Seiten genießen. Er plädiert für unkonventionelles Denken und gegen „die billigste Lösung“, die auf Dauer teuer zu stehen komme.

Exilabende sollen an die alte Heimat binden

Ein Beispiel: In den immer dünner besiedelten ländlichen Regionen wird der öffentliche Nahverkehr immer weniger rentabel. Die logische Folge wäre, die Busse seltener fahren zu lassen. Aber 43 Prozent der Zuzügler sind Menschen über 50, was typisch ist für Dänemark: Ein Drittel der über 55-jährigen Städter kann sich sehr gut vorstellen, aufs Land zu ziehen. Die älteren Leute wollen raus ins Grüne, wo sie sich ein Häuschen leisten, sicher und geborgen leben können. Nur wäre es natürlich schön, wenn man Freunde zum Essen einladen könnte, ohne dass die vor dem Nachtisch schon wieder aufbrechen müssen, weil der letzte Bus fährt. Aus diesem Grund gibt es jetzt den sogenannten Flextrafik: Man bestellt ein Taxi, das aber nur so viel kostet wie ein Bus, für die ersten zehn Kilometer sind das knapp 3,50 Euro. Den Rest schießt die Kommune hinzu. Dieses Angebot soll auch junge Familien mit Kindern ansprechen, die für die Region besonders wertvoll sind.

Zudem werden, wo immer es machbar ist, lokale Einrichtungen erhalten, auch wenn sie auf den ersten Blick wirtschaftlich kaum zu vertreten sind. Schulen, Sporthallen, Kindergärten, Jugendklubs zum Beispiel. Denn: „Wenn wir diese Einrichtungen schließen“, sagt Lohse, „durchtrennen wir den Lebensnerv.“

Und schließlich besinnt sich die Kommune Guldborgsund einer traditionellen dänischen Tugend: Gemeinsinn – „weil wir glauben, dass Menschen, die sich als Teil einer Gemeinschaft erleben, zu besseren Menschen werden“.

Die elf Ortschaften rund um die Møllebakke-Schule haben sich 2012 zum Verein „Dörfer im Herzen von Falster“ zusammengeschlossen. Erst haben sie gemeinsam die Schule gerettet, nun wollen sie ihre Heimat neu beleben. Kirsten Høegh-Andersen ist dabei treibende Kraft. Ziel ist, das gute Leben zu stärken. Familien sollen in die Dörfer ziehen und bleiben.

Jedes dieser Dörfer hat Botschafter ernannt, die sich um neue Nachbarn kümmern. Natürlich könnte das auch jeder andere tun. „Aber wenn die Rolle klar definiert ist, hilft das“, sagt Kirsten Høegh-Andersen. Und so steht, kaum dass der Möbelwagen ausgepackt ist, schon jemand mit Blumen vor der Tür, bringt ein Flugblatt vorbei und auch den Namen der Facebook-Gruppe, damit die neuen Nachbarn informiert sind. Eine Kultur des Willkommens soll Einzug halten. „Die Leute ziehen ja aufs Land, weil sie eine warme, überschaubare Welt wollen“, sagt Høegh-Andersen. Allerdings sind die Beziehungen auf den Dörfern oft über Generationen gewachsen, Neuankömmlinge werden nicht immer mit offenen Armen aufgenommen. Das wollen die Aktivisten ändern.

Zum Beispiel mit gemeinsamen Mahlzeiten. Alle zwei Wochen stellt sich ein Koch an den Herd und serviert Gerichte aus den besten Produkten der Region zu guten Preisen. Getränke bringt jeder Gast selbst mit. Wer Gemeinschaft erlebt, so die Idee, fühlt sich wohl und will auch so schnell nicht wieder weg.

Herzlich willkommen sind natürlich auch Unternehmer, die erwägen, sich in der Gegend anzusiedeln. Wer sich bei Business Lolland Falster, der regionalen Wirtschaftsförderungsgesellschaft, meldet, bekommt binnen 24 Stunden einen Termin. Und innerhalb von 72 Stunden findet das erste Treffen statt. Die Hürden der Bürokratie sollen weitgehend gesenkt, der Weg zu Fördermitteln erleichtert werden.

Business Lolland Falster setzt ebenfalls auf das Botschafter-Prinzip und hat zu diesem Zweck eine Vertretung im Zentrum von Kopenhagen eingerichtet. Dort finden sogenannte Exilabende für junge Leute statt, die aus Lolland und Falster in die Hauptstadt gezogen sind. Sie sollen mit der Region, aus der sie stammen, in Verbindung bleiben, damit sie nach dem Examen wieder in ihre Heimat zurückkehren. Um die gut Ausgebildeten wird hier gezielt geworben. Denn auch das zeigt die Studie von Oxford Research: Unter denen, die in die Region ziehen und bleiben, sind besonders häufig Menschen, die von dort kommen.

Viggo Mortensen und Finn Slumstrup schreiben in einer Art Manifest: „Wir gehen davon aus, dass das ganze Land bevölkert sein soll.“ Aber wären nicht auch Alternativen denkbar? Blühende Landschaften ohne Menschen? Projekte, für die keine Schulen, Kindergärten, Datenleitungen und Buslinien gebraucht werden? So weit will Mortensen noch nicht denken.

Er träumt von einer neuerlichen Erhebung wie damals, als nach der verlorenen Schlacht von 1864 die bis ins Mark erschütterten Dänen sich an ihren eigenen Haaren aus dem Sumpf zogen. Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Volksbewegung, aus der zum Beispiel die Genossenschaften hervorgingen – eine jener Einrichtungen, die Dänemark stark gemacht haben. Sie gaben dem Einzelnen ein Grundvertrauen und eine solide Basis, sich zu entfalten. Und machten die Dänen zu dem glücklichen Volk, als das sie bis heute gelten. ---