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Band of Rascals

Kann das funktionieren: Mode nur für Jungs, in Bio-Qualität und bezahlbar?Die Geschichte eines Experiments.





• Spätherbst 2013. Eine Wippe, eine Rutsche, ein Klettergerüst. Dazwischen Dutzende von Kindern, die auf den Spielgeräten am Brüsseler Platz in Köln herumtoben und dabei einen Höllenlärm machen. Am Rand sitzt Peter Blunck auf einer Bank und beobachtet seine damals zwei- und vierjährigen Söhne. Er kommt mit einem anderen Vater ins Gespräch, Dirk Rosenthal, er hat zwei Söhne im selben Alter. Sie reden über den Job, über die Kinder und irgendwann auch über deren Kleidung. „Wir fanden beide, dass es zu wenig coole und nachhaltig produzierte Klamotten für unsere Söhne gibt“, sagt Peter Blunck. Aus dieser einfachen Feststellung entsteht am Sandkasten eine Geschäftsidee: Band of Rascals, ein Mode-Label. Seit Juli 2014 vertreibt es Bio-Mode für Jungs.

Der eine, Peter Blunck, hat das nötige Kapital und die E-Commerce-Erfahrung – er gründet das Unternehmen. Und fragt den anderen, Dirk Rosenthal, Designer und Produktionsfachmann für Mode, ob er nicht als freier Mitarbeiter einsteigen wolle. Mit dem Ziel, zwei Trends zu verbinden: Öko-Mode und Internetvertrieb. Die beiden erarbeiten ein Konzept, das mit einer schlanken Struktur, niedrigen Kosten, guter Qualität und dem Ausschalten von Zwischenhändlern und Agenten eine ausreichend hohe Marge schaffen soll.

Die Branche

Das Unternehmen wagt sich in eine Branche, in der neun von zehn Neugründungen nach zwei Jahren direkt in die Pleite steuern. Und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Kölner sind noch nicht über den Berg, schreiben rote Zahlen. Der Ökomarkt mit Dutzenden verschiedener Zertifizierungen ist kompliziert. Für manche reicht Biobaumwolle als Rohstoff, um das Öko-Prädikat zu erhalten. Andere legen höhere Messlatten an: wasserbasierte Aufdrucke zum Beispiel oder faire Arbeitsbedingungen in den Produktionsbetrieben. Das mache es auch so schwierig, exakte Marktzahlen zu nennen, sagen Branchenkenner. Zu unterschiedlich seien die Bedingungen.

Mit dem strengen Global Organic Textile Standard (GOTS), den auch Band of Rascals erfüllt, sind mehr als 3000 Zulieferer und Mode-Labels weltweit zertifiziert. Der Öko-Trend scheint vielversprechend. Heike Scheuer vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft, der 120 Unternehmen vertritt, sagt: „Unsere Mitglieder steigern ihre Umsätze seit 15 Jahren um durchschnittlich fünf Prozent jährlich.“ Die konventionellen Modehersteller hingegen hätten branchenweit im selben Zeitraum rund zwei Prozent Umsatz pro Jahr verloren.

Die Firmenstruktur

Peter Blunck, gelernter Speditionskaufmann, weiß, wie man ein Unternehmen aufbaut. Im Jahr 1990 begann er, Software digital zu vertreiben. Ohne studiert zu haben, gründete er mit vier Freunden im Jahr 2005 das Unternehmen Cleverbridge, das mit mittlerweile 300 Mitarbeitern Shop- und Cloudsysteme für Softwarehersteller betreibt. Für Band of Rascals stieg er als Vice President Sales & Marketing aus dem operativen Geschäft aus, blieb aber Teilhaber. „Ich wollte schon länger etwas Neues ausprobieren“, sagt er. Mit seinen Ersparnissen und den Gewinnbeteiligungen aus dem alten Job lässt sich ein Start-up natürlich mit mehr Ruhe und Entspannung planen, daraus macht er keinen Hehl.

Der Gründer recherchierte bei anderen Unternehmen nach den besten Lösungen. „Ein Freund, der mit seiner Firma Website-Baukästen anbietet, hat mir mal gesagt: Du weißt gar nicht, was du am Anfang wirklich brauchst. Also fang erst mal an.“ Blunck nahm sich den Rat zu Herzen. Er setzt komplett auf Standards: Die Bezahlung der Waren läuft über ein Onlinekonto, per Paypal und Kreditkarte. Daneben nutzt er einen üblichen Internetprovider für seine Website und ein ebenso gebräuchliches Shopsystem. Marketing macht er bei Facebook und Pinterest.

Eine Schnittstelle zwischen dem Shopsystem und seinem Logistik-Dienstleister hingegen hat Blunck nicht eingerichtet. Bei jeder Entscheidung habe er sich gefragt: Brauche ich das heute? „Wenn ,nö‘ die Antwort war, setze ich immer noch auf händische Lösungen. Flexibilität ist mir wichtiger als ein perfektes System.“ Stattdessen gibt eine Aushilfe die Adressen der Kunden in den Rechner ein und verschickt anschließend die Ware.

Das Lager

In einem Gewerbegebiet in Lübeck stehen zwei Container. Wenn man durch die knarzende Tür des ersten, mausgrauen Metallkubus tritt, ist ein Schreibtisch zu sehen. Links davon ein Kleiderständer mit einer Reihe kleiner T-Shirts und Sweat-Shirts, in der anderen Ecke ein Regal mit blauen Kästchen, in denen in Folie verpackte Kleidungsstücke liegen. Auf 14 Quadratmetern breitet sich das Hauptquartier von Band of Rascals aus. Peter Blunck grinst, wenn er sein kleines Reich zeigt, zu dem ein zweiter, roter Container gehört, ebenso schmucklos und bis oben voll mit Klamotten. „Wir wollen weder Geld für ein vorzeigbares Büro noch einen Showroom ausgeben, und wir brauchen das auch nicht“, sagt er. Neben den niedrigen Standgebühren kommen lediglich die Kaufkosten für die beiden spartanischen Container hinzu, die bei 1500 Euro pro Stück lagen. „Und wenn wir wachsen, können wir einfach Container dazustellen. Die Prozesse bleiben ja gleich.“ Blunck gefällt diese Unabhängigkeit. „Wir sind ein fast virtuelles Unternehmen, das wir jederzeit erweitern können.“

Der Öko-Experte

Der Verzicht auf Firmenräume kommt auch Dirk Rosenthal gut zupass. Er lebt in Köln und stimmt sich mit Peter Blunck meist per Skype und Telefon ab. Der ehemalige BMX-Rad-Profi hat viel Geschäftserfahrung, allerdings andere als sein Partner. Er fing schon vor 22 Jahren damit an, T-Shirts zu kaufen, nach eigenen Entwürfen bedrucken zu lassen und auf den Reisen zu seinen Sport-Events im Fahrerlager zu verkaufen. Aus dem kleinen Nebenverdienst wurde ein mittlerweile nicht mehr existierendes eigenes Mode-Label, Chico Clothing.

Für Band of Rascals gestaltet er die Kleidung – als autodidaktischer Designer – und kümmert sich um die Produktion. Er wählte eine Näherei in Portugal aus und verhandelte dort die Preise. Wegen seines direkten Zugangs kann das Label auch auf die Agenten verzichten, die sonst üblicherweise die Geschäfte vermitteln und dafür eine ordentliche Provision kassieren. Der Bio-Aspekt ist Rosenthal wichtig, nicht nur aus geschäftlichen Gründen.

Er ist ein Überzeugungstäter, dem es nicht reicht, allein ökologische Baumwolle zu nutzen. „Es kommt nicht nur darauf an, dass der Rohstoff nachhaltig hergestellt wird. Viele Modefirmen bieten mittlerweile Stoffe aus diesem Material an“, sagt er. „Die weiteren Schritte sind ebenso wichtig: Wie wird die Kleidung produziert? Wie gefärbt oder bedruckt? Woher stammen Kleinteile wie Reißverschlüsse oder Knöpfe?“ Er nutzt wasserbasierte Farben für die Drucke und setzt zum Beispiel auch bei Bestickungen und allen anderen Bestandteilen auf nachhaltig erzeugte und giftfreie Produkte. Das ist ein bisschen teurer, allerdings tatsächlich nur ein bisschen, wie Rosenthal sagt. „Ein unbedrucktes GOTS-zertifiziertes Standard-T-Shirt kostet nur sieben bis zehn Prozent mehr als ein konventionelles Shirt, das in Europa produziert wurde. Damit machen wir unseren günstigen Verkaufspreis von 9,90 Euro möglich.“

Die Zertifizierung

Den Beleg für das ökologische Wirtschaften von Band of Rascals liefert die GOTS-Zertifizierung. Und die ist sehr umfassend, wie Kirsten Brodde sagt. Die Aktivistin von Greenpeace betreut unter anderem seit 2011 die Detox-Kampagne, die das Ziel hat, „die Textilindustrie zu entgiften“ – 29 weltweit agierende Kleidungsproduzenten haben sich bisher auf das Programm verpflichtet. „Mit dem GOTS-Siegel wird garantiert, dass die Textilien giftfrei sind – vom Anbau der Rohstoffe bis zum letzten Knopf. Außerdem werden auch strenge Auflagen gemacht, was die Arbeitsbedingungen angeht“, sagt Brodde.

Die Positionierung von Band of Rascals findet Kirsten Brodde geschickt. „Menschen mit Kindern sind als Zielgruppe besonders interessant, weil sich viele ab dem Tag, an dem sie Eltern werden, deutlich mehr Gedanken um Umwelt und Gesundheit machen. Und reine Mode-Label für Jungen gibt es auch nicht viele.“ Ein weiterer Aspekt gefällt ihr an der nachhaltigen Kinderkleidung – nicht nur von Band of Rascals: „Die kleinen Labels treiben die großen vor sich her. Sie fungieren als Vorreiter für den Wandel, den Greenpeace in der gesamten Modewelt sehen möchte.“ Fast alle großen Ketten wie H&M, Zara oder C&A bieten inzwischen Öko-Mode an.

Das Sortiment

Deren Ehrgeiz, im immer schneller werdenden Rhythmus neue Kollektionen an den Kunden zu bringen, teilt Band of Rascals nicht. Denn eine Folge dieser Kleiderflut ist eine geringere Marge. Dramatisch viele Klamotten werden jedes Jahr nahe am Erzeugerpreis verramscht oder sogar weggeworfen – und dann im besten Fall recycelt. Mit jedem T-Shirt, das im Regal liegen bleibt, fällt der Gewinn bei den Produkten, die die Kunden kaufen. Die Firma beschränkt sich daher selbst, startete mit 32 verschiedenen Kleidungsstücken. Mittlerweile sind es 40. „Das Sortiment werden wir langsam ausbauen, mit Sommersocken, Unterwäsche, Turnbeuteln, einer zweiten Jeans und einer Chinohose etwa“, sagt Peter Blunck. „Wir werden die Produkte auch nicht reduzieren, wenn sie nicht gut laufen. Wir nehmen uns die Zeit, sie abzuverkaufen.“

Der Vertrieb

Dass das Label preiswert liefern kann, hat viel mit dem Vertriebsweg zu tun, den Peter Blunck aufgebaut hat. „Wir verkaufen zu 99 Prozent online über unseren eigenen Shop.“ Die Lieferungen gingen zu 80 Prozent am Bestelltag raus, der Rest am folgenden Morgen. Die Retourenquote liege bei zwei bis drei Prozent. „Um den Shop bekannt zu machen, investieren wir in Suchmaschinenoptimierung. Gleichzeitig leben wir aber auch von der Mundpropaganda und den positiven Erwähnungen etwa in Blogs, die in der Modeszene und bei Eltern eine große Rolle spielen.“

Von eigenen Geschäften hält er dagegen nichts, „dafür sind wir derzeit viel zu klein“. Ab und zu legt er Ware in Kinderbekleidungsgeschäften aus. „Das muss passen, und zwar richtig gut, sonst übernimmt man sich und bekommt am Ende der Saison vielleicht 50 Prozent der Waren zurück. Ein Problem speziell bei Verkauf auf Kommission – nicht nur für kleine Modefirmen“, sagt Blunck.

Das bestätigt auch Lars Wittenbrink, der am anderen Ende der Kette arbeitet. Er betreibt in der Innenstadt von Münster das Geschäft für Biomode „Grüne Wiese“. Er bietet zwar keine Kinderbekleidung an, kennt aber die Branche.

Die Plätze in Ladenlokalen wie seinem seien begehrt – und die Geschäfte müssen, um selbst zu überleben, die Einkaufspreise möglichst gering halten. „In der konventionellen Mode, die in der Herstellung oft günstiger ist, wird in der Regel mit einem Faktor von 3,0 kalkuliert: Eine Hose, die im Laden 90 Euro kostet, darf im Einkauf daher höchstens bei 30 Euro liegen“, sagt Wittenbrink. „In unserem Segment liegt der Multiplikator wegen der höheren Produktionskosten dagegen häufig zwar niedriger, bei etwa 2 bis 2,5 – aber auch so haben viele Mode-Label Probleme mit ihrer Kostenstruktur.“

Wittenbrink findet das Geschäftsmodell von Band of Rascals gut. „Es gibt zwar viele GOTS-zertifizierte Kindermode-Label, aber die Spezialisierung auf Jungsmode und Basics ist etwas Besonderes.“ Auch er sagt, dass Bio-Mode zu guten Preisen möglich sei. „Essenziell ist, dass das Unternehmen wie in jeder anderen Branche nicht zu hohe Kosten auftürmt und die Kollektion stimmt.“ Auch wenn es gegen sein eigenes Geschäftsmodell spricht, sieht er den Onlinehandel als gute Alternative, gerade für kleine Labels. „Man muss nur sichtbar sein, um auch verkaufen zu können.“

Dafür verlässt sich Blunck nicht allein auf das Internet. Er setzt auf gemeinsame Aktionen mit Läden. „Wir bieten zum Beispiel an, mit Kindern in den Geschäften Zwillen zu bauen und für kurze Zeit unsere Produkte zu verkaufen. Das ist gut für beide Seiten.“ Hinzu kommen Messe- oder Weihnachtsmarktauftritte und Kooperationen mit Schuhläden, deren Kunden beim Kinderschuhkauf zum Beispiel Gutscheine für Bluncks Onlineshop bekommen.

Wo der Weg hinführt für Band of Rascals? Peter Blunck ist sich noch nicht sicher. Bisher verkaufte er rund 1000 Kleidungsstücke, nicht genug, um Gewinn zu machen. Er hofft, in zwei Jahren profitabel zu sein – und bis dahin auch aus Fehlern zu lernen. Der größte bisher: „Wir haben GOTS-zertifizierten Jeansstoff in der Türkei bestellt und auch schon bezahlt, ohne das Zertifikat in Händen zu halten. Der Betrieb war auch zertifiziert, der Denim-Stoff aber eben nicht.“ Band of Rascals schickte das Produkt zurück und wartet noch heute auf das Geld.

Viel mehr schlechte Erfahrungen hat er bisher nicht gemacht. Dennoch kann Blunck sich auch vorstellen, die Geschäftsführung, wenn es läuft, in andere Hände zu geben. „Ich werde auf jeden Fall weiterhin neue Ideen entwickeln“, sagt er. „Wenn man etwas gefunden hat, das Spaß macht und dabei noch sinnvoll ist, ist die Motivation groß, so etwas auch in anderen Bereichen umzusetzen.“ ---