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Facebook Commerce in Kambodscha

Kambodscha ist ein aufstrebendes Land – in dem für den Online-Handel allerdings noch die Infrastruktur fehlt. Ein Jungunternehmer aus dem asiatischen Königreich sieht darin seine Chance.





• Einen Modezar stellt man sich anders vor. Vichet In trägt rote Bermudas und ein beiges Polohemd mit orangefarbenem Kragen. Er wirkt brav und unscheinbar. Und doch führt der 26-Jährige eines der erfolgreichsten Modeunternehmen Kambodschas. Er verdankt das dem Internet und den Verhältnissen in seinem Land, die Onlinegiganten wie Amazon und Ebay abschrecken.

Besonders aus logistischer Sicht ist das Königreich für klassischen Onlinehandel eine Katastrophe. Nur vier Prozent der Bevölkerung besitzen ein Bankkonto. Löhne werden in bar ausgezahlt, Geld eng am Leib getragen. Hinzu kommt, dass die kambodschanische Post als korrupt und unzuverlässig gilt. Pakete gehen gern verloren. Vielleicht auch, weil man sich in der einzigen Post-Niederlassung in der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt Phnom Penh noch immer nicht einig ist, welche Postleitzahlen die verschiedenen Bezirke denn wirklich haben. Bezahlung und Lieferung – beides muss in Kambodscha persönlich abgewickelt werden. Das dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass sich dort noch kein ausländisches Internetunternehmen durchsetzen konnte. Vichet In sagt: „Nicht mal das, was in Thailand funktioniert, würde bei uns funktionieren.“

Auf die Idee, ein Start-up namens Little Fashion zu gründen, kam er während seines Wirtschaftsstudiums in den USA vor vier Jahren. „Ich brauchte ein Weihnachtsgeschenk für meine Freundin in Kambodscha“, erzählt er. Sofort dachte er an Amazon und Ebay. Ganz bequem wollte er von seinem kleinen Zimmer im eisig kalten Minnesota ein Geschenk bestellen und an die Adresse seiner Freundin in die tropische Heimat liefern lassen. Nur gab es in Kambodscha kein Amazon. Und kein Ebay. Es gab überhaupt keine Onlineshops.

Im Internet fand er einen chinesischen Anbieter, der bereit war, ein passendes Kleid nach Kambodscha zu liefern. Die Qualität schien gut zu sein, der Preis besonders günstig. Doch dann stellte sich heraus, dass der Anbieter den versprochenen Preis nur bei Abnahme von mindestens 20 Stück halten wollte. Vichet In schreckte das nicht ab, er suchte nach weiteren Interessenten für das Kleid und stellte ein Foto auf Facebook ein, wo er damals schon Tausende Freunde hatte. Das Interesse an dem Minikleid mit Blumendruck war groß, die Sammelbestellung nach China schnell aufgegeben. Neugierig geworden, postete Vichet in der darauffolgenden Woche erneut – diesmal Bilder von diversen Kleidern. Wieder war das Interesse groß. „Ich habe schnell gemerkt, dass man damit Geld verdienen kann.“

Sein Unternehmen Little Fashion verkauft 80 Prozent seiner Ware über eine Fanseite auf Facebook. Fotos von neuen Kleidern werden täglich gepostet. Die Fans bestellen per Kommentar, Privatnachricht oder Anruf. Geliefert wird binnen 24 Stunden. Vier Jahre nach der Gründung hat Little Fashion 700 000 Facebook-Fans und verkaufte mit einer Handvoll Mitarbeiter im vergangenen Jahr mehr als 60 000 Kleider. Drei Jahre zuvor waren es noch 3000. Die Margen, die er beim Verkauf erzielt, liegen nie unter 100 Prozent.

Vichet In gilt als F-Commerce-Pionier seines Landes. F steht für Facebook. Jede Woche versucht ein neues kambodschanisches Unternehmen, über die Social-Media-Plattform ein Geschäft aufzubauen, das die große Gruppe junger, konsumfreudiger und mit dem Internet vertrauter Menschen in dem südostasiatischen Land anzieht.

In Deutschland ist Kambodscha noch immer für verarmte Waisen und die Roten Khmer bekannt, die das kleine Königreich in den Siebzigerjahren zum Agrarstaat machen wollten und rund zwei Millionen Menschen ermordeten. Doch seit in den frühen Neunzigern die erste freie Wahl abgehalten wurde, wächst die Wirtschaft rasant. Zwischen 1994 und 2013 stieg das Bruttoinlandsprodukt jährlich um durchschnittlich 7,7 Prozent.

Vichet In kam bereits drei Wochen nach der ersten Bestellung zurück in sein Heimatland, um seine Firma zu gründen. Er baute eine einfache Fanseite auf und lud Freunde und Verwandte ein, über Little Fashion Mode aus China zu bestellen. Nach weniger als einem Jahr eröffnete er im Nobelbezirk von Phnom Penh eine kleine Boutique. Die Kambodschaner müssten sich noch persönlich von der Qualität der Kleidung und der Echtheit des Unternehmens überzeugen, bevor sie zu Facebook-Kunden werden, sagt er.

Seine Kunden bezahlen die Ware bis heute in bar, beliefert werden sie von einem Motorrollerfahrer. Einer von ihnen ist Chea Phary. Wenn er Spätschicht hat, fährt er bis 22 Uhr durch die verstaubten Straßen und engen Hinterhöfe Phnom Penhs. Kambodschas Hauptstadt ist so dicht besiedelt, dass er selbst die entlegensten Ecken in weniger als 30 Minuten erreicht.

„Es ist ein Glücksfall, für Little Fashion zu fahren. Ich verdiene hier doppelt so viel wie bei anderen Lieferjobs“, sagt der 26-Jährige. Und zeigt stolz auf die schwarz glänzende Jacke mit dem Logo des Modeunternehmens. Meist packt er gleich mehrere Sendungen ein und überlegt sich eine gute Route, bevor er mit dem Motorroller losprescht.

Jetzt geht es zu einer Kundin namens Kim Sokkea, die zwei Kleider bestellt hat. Auf den von Palmen gesäumten Straßen weicht Phary jedem Schlagloch aus, fährt um das Unabhängigkeitsmonument herum, vorbei an Garküchen, die Eier und Nudeln verkaufen, und über eine Brücke in den dünn besiedelten Süden der Stadt, wo er vor einem schicken Reihenhaus stoppt. Kim hat zwei Kinder, ihr Mann hat einen gut bezahlten Job. Für die zwei geblümten Kleider, die sie am Abend zuvor bestellt hat, bezahlt sie umgerechnet 30 Euro. Auf dem Markt, wo man sich durch riesige Textilhaufen wühlen müsse, sei es nicht so leicht, ein Kleid zu finden, das ihr genau passt. „Bei Little Fashion dagegen gibt es alle Kleider in verschiedenen Größen.“ Außerdem erspare sie sich durch den Lieferservice die Fahrt in die Stadt. Staus, Parkplatzsuche, die tropische Hitze – und das alles mit zwei Kleinkindern – da werde Einkaufen schnell zur Herausforderung.

Lieber sitzt Kim Sokkea auf der weißen Ledercouch gleich vor dem neuen Flachbildfernseher, trinkt eine Cola und sieht sich die neuesten Modetrends auf Facebook an. Sie gehört zur jungen, aufstrebenden Mittelschicht Kambodschas. Wie groß die ist, weiß man nicht genau, nur dass sie wächst. Die Weltbank geht davon aus, dass Kambodscha dieses Jahr vom Staat mit niedrigem Einkommen in die Kategorie „niedriges bis mittleres Einkommen“ aufsteigt. Zudem hat das Land eine sehr junge Bevölkerung, die jüngste Südostasiens. Die Hälfte der insgesamt rund 15 Millionen Einwohner ist unter 25 Jahren.

Bei Facebook zu shoppen liegt in Kambodscha im Trend. Sogar lokale Popstars singen davon, dass ihre Freundinnen zu viel Zeit auf Facebook verbrächten. Es wird geliked und geteilt, kommentiert und bestellt. Viele junge Leute haben mehrere Tausend Facebook-Freunde. Die Social-Media-Plattform gilt hier fast als Synonym für das Internet. Darum sind sich Kambodschas Jungunternehmer auch einig, dass F-Commerce nicht nur eine Modeerscheinung ist, sondern auch in Zukunft die Alternative zum herkömmlichen Handel sein wird.

Auch in den wohlhabenden Ländern des Westens glaubte man eine Zeit lang, Facebook könne als Shoppingplattform Amazon Konkurrenz machen. Marken wie Gap und J. C. Penney integrierten Shop-Apps in ihren Facebook-Auftritt, die sie jedoch nach weniger als einem Jahr wieder entfernten.

Dem Schweizer Digital-Market-Consultant Thomas Hutter zufolge haben viele Menschen aus Angst vor Datenmissbrauch Bedenken, mit Kreditkarte auf einer Facebook-Seite zu bezahlen. Kleinere Anbieter versuchen diese Hürde mit Online-Auktionen zu umgehen: Geboten wird auf Facebook, bezahlt aber auf einer separaten Website.

Seit vergangenem Jahr gibt es für Händler zudem die Möglichkeit, auf Facebook mit einem unter ihrer Werbung platzierten Buy-Button zum spontanen Kauf anzuregen.

In Kambodscha ist das alles nicht nötig. Die Kunden sind mit der Bestellmethode via Kommentar, Privatnachricht oder Anruf zufrieden. Vichet In arbeitet bereits daran, sein Sortiment um Kinder- und Männermode zu erweitern. „Zudem will ich dieses Jahr die Millionen-Marke brechen.“ Er meint damit die Zahl der Facebook-Fans, seine wichtigste Währung. ---