Manfred Klimek Kolumne

Unser Autor nimmt Abschied von einer Institution.





• Meine Bankbeamtin geht in Rente. Nein, so kann man das nicht sagen. Erstens ist sie nicht „meine“ Bankbeamtin, denn ich habe sie nicht gekauft. Zweitens geht sie nicht in Rente, sondern in den Vorruhestand, in dem ihr ein gewisser Prozentsatz ihres gegenwärtigen Nettolohns ausgezahlt wird. Den Rest blecht der Staat. Ist wahrscheinlich Teil des Bankenrettungs-Pakets.

Meine Bankbeamtin wird also in Rente gegangen. „Ich bin ab nächstem Monat nicht mehr hier“, sagte sie in ihrem nüchternen Besprechungszimmer. Ich habe erwidert, dass ich dann eben erneut mitkomme, wie ich es bei den beiden Filialwechseln auch getan habe. „Nein, ich gehe von der Bank weg.“ Ich blieb begriffsstutzig und dachte beschämend naiv, dass meine Bankbeamtin die Absicht hat, mit knapp 54 Jahren einmal im Leben doch noch den Arbeitgeber zu wechseln. So hob ich schon an zu gratulieren, sah jedoch rechtzeitig, dass ihr Lächeln seit wenigen Sekunden von den akkurat rot geschminkten Lippen verschwunden war. Ihre Augenwinkel wurden feucht. „Scheiße“, fluchte ich, „rausgeschmissen?“

Nein, eine Lösung gefunden. In beiderseitigem Einverständnis. Man kann froh sein, dass die Personalabteilung nicht „will sich neuen beruflichen Aufgaben widmen“ hinter das Lobgehudel im Intranet gesetzt hat. Es wurde still im Raum. Ich versuchte meine Traurigkeit wegzulächeln. Doch das ging nicht. Na und, werden Sie denken, so eine Bankbeamtin beziehungsweise Kundenbetreuerin geht nun mal in Pension. Warum so ein Theater machen?

Weil es eben „meine“ Bankbeamtin ist. Und wir einander seit Jahrzehnten vertraut sind. Meine Bankbeamtin lernte ich in der Filiale ums Eck kennen. Ein paar Schritte weiter gab es zwar auch ein Lokal der Gewerkschaftsbank, in das mich meine stalinistische Großmutter bugsieren wollte, doch ich hielt Gewerkschaften schon damals für einen reaktionären Verein von Besitzstandswahrern und wählte die nähere mittelgroße Geschäftsbank für mich, die der Politik – in Österreich völlig unüblich – nur wenig nahestand.

Ich brauchte ein Konto, denn ich hatte eine der wenigen vorhandenen Lehrstellen ergattert. Damals herrschte eine gigantische Jugendarbeitslosigkeit, weil Hunderttausende Adoleszente gleichzeitig auf den Arbeitsmarkt drängten – die Generation Babyboomer. Schulklassen mit 38 bis 46 Schülern waren keine Seltenheit, die Pisa-Prüfer hätten sich angesichts des permanenten Bildungsnotstands vom schiefen Turm gestürzt. Geworden ist aber allemal was aus uns. Oh Gott, jetzt klinge ich schon so alt, wie ich bin.

Meine Bankbeamtin war die erste Person, die ich in der Bank sah. Ich ging auf sie zu und zeigte ihr meinen Anstellungsvertrag. Daraufhin schrieb sie mir eine Nummer auf eine dicke Visitenkarte und bat mich, drei Tage später wiederzukommen, um die sogenannte Bankomatkarte abzuholen, die ich gleich vorlaut mitbestellte. So haben wir einander kennengelernt. Der Dreiste und seine Dienstleisterin. Klingt wie ein Stück von Brecht.

Ich lernte Kellner. Im Wiener Interconti, bis ich zur Halbzeit der Ausbildung hinschmiss, nachdem ich vier amerikanische Touristen mit Eiskaffee übergossen hatte. Es war nicht das erste Missgeschick als Kellner. Aber das letzte. Dieses Hinschmeißen mitten in einer Wirtschaftskrise hat meine Bankbeamtin mitbekommen. Und auch, dass ich drei Monate später wieder einen Lehrvertrag in Händen hielt. Diesmal im richtigen Beruf als Fotograf. Da hat sie mir gratuliert. Als Antwort stammelte ich Schwachsinn und hätte mich am liebsten hinter der großen Hartplastik-Sparefroh-Figur verkrochen, die alle Kunden fröhlich ermahnte, ihr mühsam Erspartes in der Bank abzuliefern, damit diese damit den gerade geborenen österreichischen Kapitalmarkt befeuern konnte. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Bankbeamtin zu dieser Zeit schon wusste, dass man ein paar Jahre zuvor die in Bretton Woods beschlossene Geld-Gold-Bindung in die Tonne der Finanzgeschichte getreten hatte. Das hätte ihren Glauben, einem gerechten, dem Menschen zugewandten, seine Möglichkeiten unterstützenden System zu dienen, womöglich ins Wanken gebracht.

Ach ja, die Bankomatkarte. Heute sagt man Bankkarte zu ihr. In Österreich wurde sie 1980 eingeführt, was mich und viele andere schnurstracks in den gleichzeitig erfundenen Dispo führte. Im sonst so rückständigen Wien gab es Anfang der Achtzigerjahre bereits 100 solcher Automaten, und es war ein geiles Gefühl, wenn einem die reaktionären, vom Staat durchgefütterten, stets sachertortenschlingenden Hofratswitwen ungläubig beim Geldziehen zusahen. „Ja, dürfen’s denn das?“

In den Dispo geriet ich 1985. Und seither nicht mehr raus. Allein deswegen, weil ich dachte, es reiche, jeden dritten Monat ein paar Tausender Umsatzsteuer abzuführen. Dass es aber auch so etwas wie eine Einkommenssteuer gibt, hatte mir bis zu diesem Zeitpunkt keiner gesagt. So brauchte ich schnell Geld. Meine Bankbeamtin hatte welches. Sie wurde Retterin in der Not. Und nicht zum letzten Mal.

Man kennt sich. Man hilft sich

Zum Dank gab es unter anderem einen Bargeldhaufen. Die Knete kam von einem meiner ersten richtig großen Jobs. Ich fotografierte die Wahlplakate des damaligen niederösterreichischen Landeshauptmannes im Stile einer nordkoreanischen Partei-Inszenierung. Die Werbeagentur druckte mein Foto auf einem 48-Bogen-Plakat, und nur das Nachrichtenmagazin, für das ich später arbeiten sollte, erkannte, was ich dem großen Führer und seinen Spinn-Doktoren angetan hatte. Zu spät.

Von bösen Blicken begleitet, holte ich in der Agentur meinen Honorarscheck über unglaubliche 246 000 Schilling ab und löste ihn sogleich in einer Raiffeisenbank ein, was dort zu mehreren entgeisterten Anrufen in der Zentrale führte. Kein Wunder: Einen 24-Jährigen mit einem gedeckten sechsstelligen Scheck hatte man wohl noch nie am Schalter stehen.

Ich packte die Barschaft in eine Plastik-tüte, ging sogleich in meine Bank, legte meiner Bankbeamtin den Haufen Scheine auf den Tisch und bat sie, den Gegenwert auf mein Girokonto gutzuschreiben. Als Belohnung bekam ich eine goldene Kreditkarte, die später Platin wurde und trotz Gleißen und Glänzen nie ausreichend gedeckt war.

Meine Bankbeamtin war es auch, die am 2. Januar 1997 meinen bis dahin ungedeckten Scheck über mehrere Milliarden Lire gültig machte, den ich dem gegelten Makler wenige Minuten vorher zur Bezahlung des gerade erworbenen toskanischen Weinbergs in die Brusttasche seines Brioni-Imitats gesteckt hatte. Anruf genügte. Sie hat mir geglaubt.

Als es mir wirtschaftlich schlecht ging, hatte meine Bankbeamtin immer einen Rat. Und ihm frisches Geld folgen lassen. Schließlich kannte sie mich lange genug und wusste, dass ich jeden Kredit bediene – selbst wenn ich dafür arbeiten muss wie ein Packesel auf vier Gramm Koks.

Als ich nach Deutschland ging, verloren wir uns aus den Augen. Und jetzt, da sie geht, habe ich der Bank, also ihr, alles zurückgezahlt. Sie übergibt mich clean in die Hände ihrer Nachfolgerin.

Doch wird es nie mehr so werden, wie es war. Erstens, weil weitere 40 Jahre Betreuer-Kundenkontakt auch mit dem Franziskus-Segen, vieler Knoblauch-Olivenöl-Diäten und dem partiellem Einfrieren wichtiger Organe nicht zu stemmen sind. Zweitens, weil die neue Kontaktperson einer anderen Generation angehört.

Meine Bankbeamtin wird mir fehlen. Ich habe sie als Berufsanfängerin kennengelernt und in den Vorruhestand begleitet, habe mitbekommen, dass sie ihren Lebensgefährten an diese Scheißkrankheit verloren hat, habe sie diesen Verlust mit Fassung tragen sehen und hätte sie damals gerne einmal in den Arm genommen. „Huggen“, wie das jetzt heißt. Sie hat mir beim Prahlen, Versagen und Verschwinden zugesehen; sie war es, die mir die Nachricht brachte, dass es ab 50 keinen Kredit mehr für mich gibt. Aber sicher irgendeine Lösung.

Licht an! Tusch, Applaus und aus! Adieu, du Welt persönlicher Kontakte, in der Handschlag und Vertrauen noch mehr Wert hatten als eine leicht manipulierbare Schufa-Auskunft. Ich werde meiner Bankbeamtin vorschlagen, einen Facebook-Account zu eröffnen. Irgendwo begegnet man einander wieder. ---