Händler in Frankreich

Das Sterben der kleinen Geschäfte und die Verödung der Provinz bringen in Frankreich so manchen Bürgermeister auf unkonventionelle Ideen.





• Bis vor wenigen Monaten hatte Camphin-en-Carembault keine Wahl. Die letzte Bäckerei hatte vor 50 Jahren geschlossen. Eine Metzgerei gab es noch, einen Tabakladen, aber kein frisches Brot. Bis Raymond Namyst, der Bürgermeister, die Idee hatte, das alte, leer stehende Rathaus umbauen zu lassen und dort wieder eine Bäckerei unterzubringen. „Sollten wir wirklich zulassen, dass es nur noch Supermärkte gibt?“, fragt er und gibt gleich selbst die Antwort: „Nein, es muss auch noch andere Formen des Konsums geben. Für mich ist das eine Art Nachbarschaftshilfe. Die Menschen bekommen an ihrem Wohnort, was sie brauchen und zudem noch das eine oder andere persönliche Wort.“

Seither haben die Bewohner des 1600-Seelen-Ortes in Nordfrankreich, etwa eine halbe Stunde Autofahrt von Lille entfernt, die Qual der Wahl. Lieber ein Pain Boulot aus Weizenmehl, ein Pavé de Camphin, dessen Teig besonders lang säuerte, oder doch die Cochitte mit der fast schwarzen Kruste? Im Regal der Bäckerei Authentique liegen neben den traditionellen Baguettes regionale ofenwarme Brotspezialitäten. In die gläserne Vitrine hat Umberto Nicolis Türme aus Croissants geschichtet sowie Rosinenschnecken und Pain au Chocolat, ohne das kaum ein französisches Kind den Tag beginnt, dazu kleine Törtchen mit bunter Kuvertüre. Es riecht nach einer Mischung aus Sauerteig und Zuckerglasur, die ersten Kunden stehen schon kurz nach sechs Uhr morgens im Laden.

Nicolis wischt sich etwas müde, aber zufrieden die noch mit Mehl bestäubten Hände an der weißen Schürze ab. Seit ein Uhr nachts ist er auf den Beinen, hat 70 Kilogramm Mehl verbacken. „Das Geschäft lässt sich gut an. Wir sind hier mit offenen Armen empfangen worden“, sagt der 52-Jährige und nickt seiner Lebensgefährtin Catherine Delettrez wie zur Bestätigung zu. Nach seiner Scheidung hatte Nicolis zwei Bäckereien im Nordosten von Lille aufgeben müssen und sich um den Posten in Camphin beworben. Die geringe monatliche Miete von nur 100 Euro für die Backstube und den Laden sowie 600 Euro für die große Wohnung im ersten Stock klang nach einer Chance für den Neuanfang. „Der Stadtrat lud mich ein, um meine Brote zu testen. Sie haben geschmeckt.“

Das Beispiel aus Camphin steht für eine Wende. Jahrzehntelang galten die riesigen Einkaufszentren vor den Toren der Städte, die Hypermarchés, als das Nonplusultra: Familien verbrachten halbe Samstage in diesen Konsumtempeln. Schließlich gibt es in den Auchans, Carrefours, E. Leclercs und wie sie alle heißen seit den Sechzigerjahren wirklich alles, was man brauchen könnte: von der Milchtüte bis zur Ferienreise.

Hypermärkte sind die Antwort auf die amerikanischen Shopping Malls. Der Massenkonsum war eines der ersten Symbole für Fortschritt im Frankreich der sogenannten 30 glorreichen Jahre. Es kamen die großen Atomkraftwerke, das Überschallflugzeug Concorde und der Hochgeschwindigkeitszug TGV. Groß sollte alles sein, die Fläche, das Angebot, die Zahl der kostenlosen Parkplätze und schließlich auch die Warenmenge in den Einkaufswagen. Hyper eben. Die Steigerung von super.

Als die Kette Carrefour 1963 den ersten Hypermarché in einem Außenbezirk von Paris eröffnete, gab es zum ersten Mal in Frankreich Lebensmittel und andere Waren unter einem Dach zu kaufen. Das Konzept verbreitete sich rasch. Von anfangs 5000 verschiedenen Produkten stieg die Zahl auf bis zu 60 000. In manchen Jahren entstanden bis zu 70 neue Hypermärkte. Den Titel gibt es nur ab einer Verkaufsfläche von mindestens 2500 Quadratmetern. Heute existieren rund 1800 in ganz Frankreich, jeder Franzose hat wenigstens einen in seiner Nähe. Die größten haben eine Fläche von mehr als 10 000 Quadratmetern. Zum Vergleich: Ein Fußballfeld ist gut 7000 Quadratmeter groß.

Doch die Franzosen sind ihrer Märsche durch lange neonbeleuchtete Gänge müde geworden. Bereits 2010 zeigte eine Studie der Verbraucherorganisation UFC Que Choisir, dass die Atmosphäre in den Hypermarchés als deprimierend empfunden wurde, die langen Anfahrten als nervenaufreibend, die Werbung als irreführend und die Treueprogramme als enttäuschend.

Die Einkaufszentren büßten an Geschäft ein. 2013 machten sie einen Umsatz von 16,2 Milliarden Euro. Das waren 143 Millionen Euro oder 0,8 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Der Marktanteil im Lebensmitteleinzelhandel reduzierte sich in den vergangenen Jahren immer weiter. 53 Prozent der Franzosen vermeiden Umfragen zufolge, alle Einkäufe dort zu erledigen. 65 Prozent geben an, so oft wie möglich bei kleinen Einzelhändlern einzukaufen.

Die Kleinen haben es trotz Subventionen schwer

Der französische Staat, seit dem Sonnenkönig Ludwig XIV. nach seinem Selbstverständnis verpflichtet, sich auch in die Privatwirtschaft einzumischen, unterstützt den Wandel. Nicht zuletzt, weil die Hypermarchés zu einer Verödung der Dörfer führten. Wie in Camphin, Bersée, Saméon und anderen Orten rund um Lille, wo es still geworden ist und nur noch mächtige Kirchen von einstiger Größe erzählen. Die Gemeinden stellen daher öffentliche Gebäude zu geringen Mieten zur Verfügung, um erneut Händler anzuziehen.

In Bersée steht Joël Renard am frühen Nachmittag dennoch allein in seinem Laden zwischen Regalen mit ein wenig Frischobst und Gemüse, haltbarer Vollmilch, Butter, Zucker, Mehl, Nudeln, Reis, Tomatensauce, Bonbons und Schokolade. „Bersée ist eine Schlafstatt“, seufzt der 43-Jährige. „Die Leute arbeiten tagsüber in Lille und bringen von dort auch meist ihre Einkäufe mit. Bisher bin ich oft nur die Feuerwehr, wenn sie etwas vergessen haben oder keine Lust hatten, auf dem Heimweg noch einmal anzuhalten. Leben kann ich davon noch nicht. Aber ich hoffe, das ändert sich.“

Bevor Renard im vergangenen Oktober mit seinem Lebensmittelgeschäft „Au Petit Bersée“ in das ehemalige Postamt gleich neben dem Rathaus zog, weil er sich nach fast 20 Angestelltenjahren beim Kundendienst eines Küchenherstellers beruflich umorientieren wollte, hatte er sich akribisch vorbereitet. „Ich habe eine Umfrage unter den Bewohnern gemacht. Auf der Wunschliste der Leute stand Qualität ganz oben. Ursprünglich hatte ich deshalb vor, ausschließlich Bioprodukte und Erzeugnisse aus der Region anzubieten. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich da preislich nicht mit den großen Supermärkten mithalten konnte. Viele Landwirte haben sich in Verträgen mit den Einzelhandelsketten verpflichtet, denen 70 Prozent ihrer Ware zu verkaufen. Ich kann nicht solche Mengen abnehmen, ab denen die Lieferanten mit sich handeln lassen.“

Auch der Bäcker Nicolis muss scharf kalkulieren. „Die Leute erwarten beste Qualität. Unsere Brote sind auch am Tag nach dem Kauf noch knusprig und nicht zäh wie Kaugummi, so wie das industriell hergestellte aus dem Supermarkt. Aber die Kunden sind sehr preisempfindlich.“ In Anstaing etwa eine halbe Stunde Autofahrt nordöstlich, wo Nicolis vorher buk, konnte er für ein Baguette 95 Cent verlangen. „Hier in Camphin sind 85 Cent das Maximum. Die Leute haben weniger Geld. Aber meine Kosten sind nicht unbedingt geringer.“

Dabei werden kleinen Gemüse-, Fisch- oder Käsehändlern bedeutend weniger Beschränkungen auferlegt als den großen Einzelhandelsketten. Zum Ärger Letzterer. Da ist zum Beispiel die Steuer, die die Großen zugunsten der Kleinen bezahlen müssen. Gerade hat das Parlament beschlossen, sie für Flächen ab 2500 Quadratmeter, also für die Hypermarchés, um 50 Prozent zu erhöhen. Insgesamt rechnet der Staat dadurch für 2015 mit Mehreinnahmen von rund 200 Millionen Euro. Allein für die Einzelhandelsgruppe E. Leclerc bedeutet das in diesem Jahr Mehrkosten von 79 Millionen Euro.

„In den 35 Jahren, die ich in diesem Geschäft tätig bin, habe ich schon so manches Unausgegorene gesehen, aber so etwas Bescheuertes noch nie“, ereifert sich der Firmenchef Michel-Edouard Leclerc. „Hat sich eigentlich mal irgendjemand Gedanken über die Folgen gemacht? Dass letztendlich der Verbraucher diese Steuer bezahlen wird, ist doch klar, oder?“ Leclerc, nicht nur als Marktführer bei den Hypermarchés, sondern auch als Kämpfer für Verbraucherrechte bekannt (brand eins 11/2008: „Der Kapitän Ahab des Supermarktes“ *), wurmen besonders zwei Dinge: Die Konkurrenten, die im Gegensatz zu ihm mit kleinen Innenstadtablegern auf den Trend zum wohnortnahen Einkaufen reagiert haben, werden von dieser Steuer zum großen Teil verschont. Zudem gilt sie nicht für Drive-in-Supermärkte, wo die Kunden abends auf dem Heimweg ihre im Internet bestellten Waren abholen können. Und nicht für Onlinehändler wie Amazon.

Ausgerechnet Amazon. Ärgert sich Paris nicht seit Jahren maßlos darüber, dass der amerikanische Internetriese wie auch Google, Netflix, Microsoft, Apple und einige andere ihre in Europa erwirtschafteten Gewinne in Niedrigsteuerländern versteuern? Fordert Frankreich nicht mit Nachdruck, aber bislang wenig erfolgreich, dass die EU-Kommission gegen dieses Gebaren der Steueroptimierer vorgeht? Und hat das französische Parlament nicht erst im vergangenen Sommer versucht, Amazon ein Bein zu stellen? Seitdem verbietet ein speziell auf den Onlinehändler zugeschnittenes Gesetz, preisreduzierte Bücher versandkostenfrei zu verschicken.

Offizieller Grund hierfür war ebenfalls der Schutz kleiner heimischer Läden. Auch in Frankreich gibt es wie in Deutschland eine Buchpreisbindung, und viele Händler leiden unter der Lust der Leser auf Onlinebestellungen. Das „Amazon-Gesetz“ half ihnen aber nicht wirklich – auch weil die Amerikaner eine Gesetzeslücke entdeckt hatten, die die französischen Parlamentarier in ihrem Eifer übersehen hatten. Die Versandkosten betragen nun einen Cent.

Trotzdem soll der US-Konzern nun nach Leclercs Anschauung ungerechtfertigterweise bessergestellt werden als er, der Bretone. „Frau Delga, wo sind Sie? Was machen Sie? Was sagen Sie dazu?“, fragte er in seinem wöchentlichen Blog. Vergebens. Carole Delga, Handelsstaatssekretärin im französischen Wirtschaftsministerium, blieb stumm.

Das Thema ist derzeit aufgeladen wie kaum ein anderes. Der Streit um die Supermarktsteuer beschäftigte viermal die beiden Kammern des französischen Parlaments, ehe das Abgeordnetenhaus das Machtwort sprach und die Steuererhöhung mit der Stimmenmehrheit der sozialistischen Politiker durchboxte. Beinahe nahtlos ging die Debatte dann über in ein wütendes Gezerre um eine Ausweitung der Ladenöffnungszeiten.

Der junge Wirtschaftsminister Emmanuel Macron will, um die Konjunktur zu beleben, unter anderem die Öffnung der Geschäfte an bis zu zwölf Sonntagen im Jahr erlauben. In sogenannten touristischen Gebieten sollen die Schranken komplett fallen. Bisher dürfen nur rein auf den Verkauf von Lebensmitteln konzentrierte Geschäfte am Sonntag bis mittags öffnen. Für den Handel mit Möbeln gelten Ausnahmeregelungen. Alle anderen dürfen die Sonntagsruhe nur fünfmal im Jahr brechen. Vier davon entfallen meist auf die Adventswochenenden.

Einmal pro Woche muss Ruhe sein

Der linke Flügel der regierenden Sozialisten verlangte, dass die von ihr verteufelte Sonntagsarbeit sich für die Mitarbeiter wenigstens in Form von Lohnzuschlägen von 100 Prozent auszahlen sollte. Und zwar unabhängig von Umsatz und Fläche eines Geschäfts. Das aber würde viele kleine Händler in den Ruin treiben. Letztendlich setzte die Regierung die neuen Öffnungszeiten nur durch, indem sie eine nur einmal pro Legislaturperiode erlaubte Ausnahmegenehmigung anwandte und das Gesetz kurzfristig ganz ohne Votum für verabschiedet erklärte.

Der Bäcker Nicolis schüttelt den Kopf. „Wenn ich meinen Mitarbeitern sonntags doppelt so viel bezahlen müsste, könnte ich gleich zumachen. Die Politiker sollten aufhören, uns zu maßregeln.“ Seit vergangenen November hat er vier Arbeitsplätze in Camphin geschaffen. Zwei in der Backstube und zwei im Verkauf. Auch seine Lebensgefährtin arbeitet sechsmal die Woche mit. Nur mittwochs macht das Paar frei. Einmal in der Woche muss Ruhe sein. So will es das Gesetz. Für die Bewohner von Camphin ist das hartes Brot. Jetzt, da sie sich daran gewöhnt haben, wieder die Wahl zu haben. ---

* b1.de/E_D_Leclerc