Linke Tasche, rechte Tasche

Finanzminister machen Schulden und vererben sie ihren Nachfolgern. In Großbritannien geht das so seit fast 300 Jahren.





• Reginald McKenna war ein Siegertyp. Er hatte an der ehrwürdigen Trinity Hall in Cambridge Mathematik studiert. Er war im Ruderteam seines Colleges. Und er hatte die Universität 1887 als einer der Besten seines Jahrgangs mit dem Ziel verlassen, Karriere in der Regierung zu machen.

Als er 1915 Schatzkanzler wurde, war England in den Krieg eingetreten, und die Kasse war leer. Die Zeitungsannonce, die seine Beamten am 13. April 1916 im »Glasgow Herald« aufgaben, war nach seinem Geschmack: „Leihen Sie Ihrem Land Geld. Der Soldat bereut es nicht, seinem Land sein Leben anzubieten. Er weiß, sein Leben könnte der Preis für den Sieg sein. Aber ohne Geld kann der Sieg nicht erkämpft werden – und Ihr Geld wird gebraucht. Anders als der Soldat, geht der Investor kein Risiko ein. Wenn Sie Ihr Geld in Kriegsanleihen investieren, sind Kapital und Zinsen garantiert.“ Ob er ein solches Versprechen halten konnte, war McKenna zunächst nicht so wichtig. Er war knapp bei Kasse und wollte, dass sich alle Bürger in der Pflicht fühlten, wenn das Königreich in Not war.

Er hatte auch kaum eine andere Wahl. Der Minister musste Soldaten Sold zahlen, er musste Waffen und Munition kaufen, für Schiffe und Panzer aufkommen, Uniformen, Helme, Stiefel. Und dafür brauchte er viel Geld.

Wie viel, das rechnete das konservative Blatt »Spectator« seinen Lesern am 6. Oktober 1917 vor. „Unsere gesamten Ausgaben zwischen dem 1. April und dem 30. September 1917 betrugen 1 328 000 000 Pfund. Diesen Ausgaben stehen Einnahmen von 255 000 000 Pfund gegenüber. In anderen Worten, während der ersten sechs Monate dieses Jahres musste die Regierung 1 073 000 000 Pfund aufnehmen, 50 Prozent mehr, als die Gesamtschulden zu Beginn des Krieges betrugen.“

Für das Blatt war auch klar, wer das bezahlen müsse: „Es sind die Bürger von Großbritannien, die das Geld zur Verfügung stellen müssen, um den Krieg zu finanzieren. Und es gibt wenig Grund, daran zu zweifeln, dass sie es können und dass sie es tun werden.“

Genauso war es. Die erste Kriegsanleihe war 1914 zu einem Zinssatz von 3,5 Prozent aufgelegt worden, zwischen 1925 und 1928 sollten die Sparer ihr Geld zurückerhalten. Auf einen Schlag kamen dadurch 330 Millionen Pfund zusammen.

Für die zweite Anleihe bot die Regierung 4,5 Prozent Zinsen. Sie brachte 901 Millionen Pfund ein. Rund drei Millionen Briten kauften während des Ersten Weltkrieges die Papiere, aus Patriotismus und wegen der guten Zinsen.

Aufgenommen war das Geld schnell. Während des Krieges stiegen die Schulden Großbritanniens auf schwindelerregende 136 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Neben den USA waren die eigenen Bürger wichtige Gläubiger. Aber die brauchten mit ihrer Regierung einige Geduld. Denn als die Papiere fällig wurden, war das Geld wieder knapp.

1927 hieß der Finanzminister Winston Churchill, und in Großbritannien herrschte Depression. Es war Churchill daher unmöglich, den Gläubigern aus dem Staatshaushalt ihr Geld zurückzuzahlen. Also nahm er neue Schulden auf, um die alten zu begleichen.

Bald darauf zog Neville Chamberlain in die Downing Street Nummer 11 ein, dem britischen Schatzamt. Ihm gelang etwas, das Churchill nicht geschafft hatte: Er wandelte einen Teil der Altlasten in ewige Anleihen um. Der britische Staat musste den Betrag nicht zurückzahlen, sondern nur die Zinsen bedienen. Er schaffte es zudem, die Zinsen auf 3,5 Prozent zu drücken.

Damals war es noch eine Menge Arbeit, Geld umzuschulden. Als 1932 alte Anleihen durch neue abgelöst wurden, waren dafür so viele Buchhalter nötig, dass die Versorgungsstelle des Finanzministe-riums 700 geschlachtete Lämmer bestellte, um die Sachbearbeiter an einem Abend zu bewirten. Jeder einzelne Titel musste von Hand umgeschrieben werden.

Mit derlei Papierkram kannte man sich immerhin aus. Schließlich waren die Weltkriegsschulden nicht die einzigen Außenstände, die die Briten über die Jahrzehnte mit sich schleppten.

Als 1720 die Südsee-Blase platzte, blieb die Regierung auf den hohen Schulden der South Sea Company sitzen. Die Kolonialfirma hatte sich verspekuliert. Die Regierung musste das einst so stolze Unternehmen retten und hatte plötzlich mehrere Millionen Pfund Schulden zusätzlich in den Büchern.

Fast 300 Jahre danach kommen die britischen Steuerzahler noch immer für einen Teil davon auf. Ebenso wie für das Geld, das die Regierung geliehen hatte, um in den Kolonien ab 1837 die Besitzer von Sklaven zu entschädigen, nachdem die Sklaverei abgeschafft worden war, und für jene Titel, die ausgegeben worden waren, um die Hungersnot im 19. Jahrhundert in Irland zu bekämpfen. Gänzlich bezahlt wurden diese Schulden nie.

Heute heißt der Finanzminister George Osborne. Er hat einiges an Altlasten von seinen Vorgängern geerbt. Vergangenen Dezember versprach er, die Dinge endlich zu bereinigen. Als er in einer Rede den Haushalt für 2015 vorstellte, kündigte er eine größere Operation an: Er werde alle Schulden aus dem Ersten Weltkrieg bezahlen und prüfen lassen, ob auch die Besitzer der ewigen Anleihen ausbezahlt werden könnten. Das bedeutet, dass Osborne mehr als zwei Milliarden Pfund für die Kriegskredite und all die anderen Anleihen bezahlen müsste, die sich in 300 Jahren angesammelt haben.

Doch die Sache hat einen Haken. Es fehlt ihm das dafür nötige Geld. In einer Erklärung ließ Osborne verlauten: „Die Regierung wird jetzt in der Lage sein, die Schulden durch neue Anleihen zu refinanzieren und so von den niedrigeren Zinsen zu profitieren.“

Also doch wieder der bekannte Trick: alte Anleihen mit neuen ablösen. Damit der Nachfolger sich nicht langweilt. ---