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Ade, Che! Die Leber lügt nicht

Wie unser Autor lernte, den Finanzkapitalismus zu lieben.





• Ich war beim Arzt. Der sagte: „Sie haben eine Leber wie ein Knabe.“ Mir ist das unbegreiflich, denn ich habe meiner Leber so gut wie alles angetan, das selbst ein geduldiges Organ zur Weißglut bringt. Ich fände es mehr als gerecht, wenn meine Leber meinen Bauch verlassen und mir einen Kinnhaken verpassen würde. So einen wie in den alten amerikanischen Cop-Filmen, wo das Mienenspiel die Brutalität ausmacht. Und nicht irgendein Säckchen, das auf Knopfdruck Blut aus dem Mund spritzt.

Einer meiner Freunde arbeitet beim Film. Er ist für Spezialeffekte zuständig, was bedeutet, dass er den Schauspielern immer irgendwo Blut herausrinnen lässt. Blutende Lippen, Nasen, Ohren, Schusswunden, klaffende Messerstiche, Machetenhiebe, Verletzungen durch Autobomben, Gesichtsverbrennungen – das alles hat er drauf. Notfalls auch ein paar abgetrennte Gliedmaßen.

Er hat mir einen Effekt gezeigt, der aus Spanien kommt und knapp hundert Euro kostet. Das Set besteht aus mehreren Teilen. Der größte Teil ist falsches Haar, das man färben kann. Unter dem falschen Haarteil, das man sich auf den Hinterkopf pappt, befindet sich ein flacher, weicher Plastiksack – ähnlich jenen, in denen man seinem Kind das Pausenbrot einpackt. Der Sack ist mit dicker roter und weißer Flüssigkeit gefüllt. In der dicken Flüssigkeit schwimmen ein paar Teile, die wie graues Fleisch aussehen. Daran befestigt man einen Zünder, den man mit einem Fernauslöser zur Explosion bringt.

Mein Traum ist es, mir mal in der Öffentlichkeit mit diesem Set und einer Attrappe einer großkalibrigen Waffe das Hirn an die Wand zu blasen. Blaam! Platsch. Schon rinnt der Saft die Hauswand hinunter. Ich sacke zusammen, und die Leute rundum fallen in Ohnmacht. Das fände ich geil.

Abgesehen davon, dass mich allein dieser Gedanke des fortgeschrittenen Wahnsinns verdächtig machte, kann man heutzutage, in Zeiten des islamistischen Irrsinns, gar nicht daran denken, ein derartiges Schauspiel als Straßenperformance aufzuführen. Zeichnen verboten, Kritisieren verboten, Sich-das-Hirn-an-die-Wand-spritzen-Performance verboten. Wir haben es wirklich weit gebracht.

Ich würde aber dennoch gerne. Und zwar in einem Büro dieser windigen Finanzberater. Ich würde hineinstürzen, schreien: „Wegen Ihrer Anlagestrategie habe ich mein gesamtes Vermögen verloren“, mir die Attrappen-Knarre in den Mund schieben und abdrücken. Blaam! Platsch. Rinn.

Doch neuerdings bin ich gar nicht mehr so sicher, ob das noch korrekt wäre. Das einseitige Schuldzuweisen. Und jetzt kommt meine Knabenleber ins Spiel. Meine Leber hat einige Hektoliter Wein verdaut. Nicht den schlechtesten Rebensaft, sie darf sich also nicht beschweren. In diesem randvoll gefüllten See schwammen auch einige Fässer meines eigenen Weins. Die Trauben meines eigenen Weins kamen von meinem eigenen Weinberg. Und Teile dieses eigenen Weinbergs habe ich durch Anlagen finanziert. Ein paar Aktien halfen, die enormen Schulden abzutragen.

Aber letztlich waren die Aktien nur Peanuts. Das meiste Geld machte ich mit Yen und Dollar. Keine Franken! Ich habe die Leute nie verstanden, die ihre Kredite in Franken aufnahmen. Ist doch sonnenklar, dass man den Eidgenossen nicht trauen kann. Was erwartet man von einem Volk, das Pfeile durch Äpfel schießt, die auf Köpfen von Knaben stehen? In dem einer von hohlen Gassen faselt, durch die einer kommen muss, den man dort abmurksen kann. Wer traut den Schweizern? Geben den Franken frei, und schon weiß der Häuslebauer mit Fremdwährungskredit nicht mehr, wie er seine Hütte abbezahlen soll. Die Leute, die das entscheiden, essen morgens um acht bei Sprüngli am Paradeplatz ihr biologisches Birchermüsli.

Ich habe also mit Yen spekuliert. Dazu brauchte es nicht viel Verstand, der mir ohnehin versagt bleibt, denn im »Economist«, in der »Financial Times« und im Finanzteil der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« stand in einer Endlosschleife geschrieben, dass der Yen demnächst den Panaoramalift nach unten nehmen werde. Weil die japanischen Banken auf so irren Schulden säßen. Oder war’s der Staat? Oder beide? Egal, ich holte mir knapp 40 Prozent der Gesamtsumme durch diese Spekulation. Und mit dem fallenden Dollar noch mal 20 Prozent. Oder so ähnlich. Die Kontoauszüge wärmten vor zwei Jahren einen Plattenbau in Pankow.

Meinen Weinberg, der mir nicht mehr gehört (ist eine andere Geschichte), hätte es ohne Finanzmarkt nicht gegeben. Wenn man mir 1975 beim Verlassen des Sigmund-Freud-Gymnasiums in der Wohlmutstraße im 2. Wiener Gemeindebezirk gesagt hätte, dass ich in ein paar Jahren gewinnbringend mit Yen und Dollar zocken würde, dann hätte ich gedacht, die damals inbrünstig herbeigesehnte kriminelle Karriere sei wider Erwarten doch in Erfüllung gegangen. Mit Währungen spekulieren? Das klang vor 40 Jahren, als die Sozialdemokratie noch Brandt-Kreisky-Palme hieß, nach Casino und böser Bereicherung. Wenn irgendwo einer gewinnt, so hieß es, verliert anderswo ein anderer. Doch das stimmt gar nicht, weil Geld einfach nur gedruckt wird. Also verlor keiner was. Nur ich verlor meine Moral. Aber meine Leber blieb am Leben.

Was wäre die Welt ohne Finanzmarktkapitalismus? „Gerechter“, werden jetzt die meisten rufen, vor allem jene, die Finanzmarktkapitalismus immer mit Neoliberalismus gleichsetzen. Von dort aus ist es zum Lügenpresse-Geschrei auch nicht mehr weit. Gerechter? Vielleicht. Doch viele Investitionen, jede Menge Infrastruktur und auch Teile der Forschung wären ohne das schnelle Geld nicht möglich. Dass nach der Liberalisierung der Finanzgeschäfte nicht nur blond gelockte Engel in Unschuld Harfe spielen, konnte niemanden wirklich überraschen. Aber der Finanzmarkt hat auch andere, gewinnende und gewinnbringende Seiten. In meinem Fall sogar lebensrettende.

Denn jemand, den ich liebe, ist schwer erkrankt. Lebensbedrohend. Und es gibt ein Medikament gegen die Krankheit. Also nicht ein einzelnes Pulver, sondern einen Medikamenten-Cocktail mit unfreundlichen Nebenwirkungen, die körperliche Strapazen bereiten. Nicht lustig also. Ich telefonierte nach der Diagnose wie wild herum und geriet an einen alten Schulkameraden, der es, anders als ich, im Sigmund-Freud-Gymnasium bis zum Abitur geschafft hatte. Er hat danach Medizin studiert und ist zu jenem pharmazeutischen Konzern gegangen, der den wesentlichen Bestandteil dieser Therapie entwickelte. Der Wirkstoff wurde 2013 modifiziert, und dieses Jahr schon kommt die nächste Version auf den Markt. Ich habe meinen Freund gefragt, warum es jetzt so schnell gehe. Seine Antwort: „Schnellere Rechner und ein Haufen Geld vom Finanzmarkt. Stell dir mal vor, das Mittel wäre auch auf andere Arten der Krankheit anwendbar. Dann geht die Aktie durchs Dach!“

Da stand ich nun. Ich, der Gelegenheitsmarxist, der sich immer super moralisch gefühlt hatte, wenn er über die Börsenheinis herzog. Bis mir die Chance, einen Weinberg mit Währungsgeschäften abzubezahlen, die Schnauze verbot. Da stand ich nun. Und der Finanzmarkt hatte das Leben meiner Liebe gerettet.

Ich weiß, was jetzt kommt: Alles hat eben auch eine andere Seite. Doch das ist falsch. Alles hat nur eine Seite. Die persönliche. Ich verdanke dem Geld irgendwelcher Pensionsfonds das Leben meiner Liebe und die Liebe selbst. Ich verbiete mir jedes weitere Wort. ---