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Führungswechsel beim Skihersteller Völkl

Ein bayerisches Unternehmen kurz vor der Pleite, ein neuer Chef, noch dazu Preuße. Kann das gut gehen? Beim Skihersteller Völkl haben sie sehr unterschiedliche Definitionen von „gut“.





• Die junge Frau setzt ein Puzzle zusammen. Vor ihr liegt ein Streifen aus schwarzem Kunststoff. Knapp zwei Meter lang, 15 Zentimeter breit. Am Ende, wo er spitz zugeschnitten ist, legt sie weiße Teile in gestanzte Aussparungen. Dann klebt sie Transparentfolie darauf, damit die Puzzleteile nicht wieder herausfallen, schiebt den Streifen zur Seite und nimmt den nächsten. So geht das den ganzen Tag. Später bilden diese schwarzen Kunststoffstreifen den Belag, auf dem die Skier über den Schnee gleiten. Vorn, wo die Schaufel aufgebogen ist, ergeben die weißen Teile ein doppeltes V – das Markenzeichen der Firma Völkl.

Erstaunlicherweise puzzelt die Arbeiterin nicht in Bulgarien oder China. Sondern in Straubing, einer Stadt in Niederbayern. Dort hat Franz Völkl 1923 seine ersten Bretter gebaut. Heute steht hier die letzte große Skifabrik Deutschlands. Das hat viel mit Christoph Bronder und seinem radikalen Sparkurs zu tun, warum er dennoch das V per Hand einarbeiten lässt: „Bei billigen Skiern wird das Logo aufgedruckt. Aber wenn man den Belag ein paarmal schleift, ist es weg.“

Bronder ist 53 Jahre alt. Seine Augenlider sind leicht gerötet, trotzdem hat sein Gesicht etwas Jungenhaftes, wenn er lächelt.Der Mann passt in eine Skifabrik wie eine Palme in den Schnee. Er wurde in Recklinghausen geboren, erst mit 15 Jahren lernte er das Skifahren. Er machte eine Ausbildung zum Industriekaufmann, studierte Betriebswirtschaft und wurde bei der Metro-Holding in der Schweiz Leiter der Kontrollabteilung. 1996 stieg er als Geschäftsführer beim Traditionsunternehmen Völkl ein, das kurz vor der Pleite stand. Damals gellte ein Schreckensruf wie in Kriegszeiten durch Straubing: Jetzt kimmt der Preiß!

„Am Anfang habe ich bei den Betriebsversammlungen einen Übersetzer gebraucht“, sagt Bronder und grinst. Die Belegschaft war aufgebracht. Öfter fiel das Wort „Schmarrn“. Er wollte auch verstehen, was davor und danach gesagt wurde.

Denn er hatte drastische Veränderungen vor: Er organisierte die Produktion der Skifabrik neu. Er nötigte der Belegschaft einen harten Sparkurs auf. Und er agierte mit neuen Strategien auf einem drastisch schrumpfenden Markt.

Um zu verstehen, warum es den Preußen brauchte, fragt man am besten Erwin Völkl. Er ist 80 Jahre alt, sitzt in einem urigen Wirtshaus am sehenswerten Stadtplatz von Straubing, den eine barocke Dreifaltigkeitssäule schmückt, und bestellt eine gebackene Milzwurst. Der joviale Bayer zieht ein Blatt Papier aus der Tasche, auf dem er mit der Schreibmaschine die sportlichen Erfolge seiner Jugend festgehalten hat: zweiter Platz im Spezialtorlauf bei den Bayerwaldmeisterschaften, 1953 Sieg in der Abfahrt und so weiter. „Wenn ich mit einem gebrochenen Ski von den Rennen heimgekommen bin, hat der Franz ihn untersucht und geschaut, wie er ihn besser machen kann.“

Franz Völkl junior war sein älterer Bruder. Vergangenes Jahr ist er im Alter von 87 Jahren gestorben. Er war gelernter Wagner, also ein Handwerker, der Räder, Wagen und andere landwirtschaftliche Geräte aus Holz herstellte. Erwin Völkl beschreibt ihn als einen Tüftler, dessen große Leidenschaft den Skiern galt. „Manchmal hab’ ich geglaubt, die mag er lieber wie seine Frau.“

Zuerst bestanden die Skier aus gebogenen Brettern. Nach dem Krieg ließ sich Franz Völkl zeigen, wie man sie aus verleimten Holzstäben fertigt – das machte sie stabiler. Als der Metallski aufkam, experimentierte Völkl, bis er das Herstellungsverfahren im Griff hatte. Später wiederholte er das mit Carbonfasern.

Zeitweise arbeitete Erwin Völkl in der Firma mit. Sein Bruder sei kein Kaufmann gewesen, sagt er. Aber der Franz hatte begriffen, dass der beste Ski nichts nützt, wenn er nicht richtig vermarktet wird. 1967 wagte er ein wenig Extravaganz. Skier waren bis dato meist einfarbig. Franz Völkl verpasste ihnen ein Zebramuster. Der Zebra-Ski wurde zu einem weltweiten Erfolg. Anfang der Siebzigerjahre brachte Völkl beim Nachfolger, dem „Renntiger“, erstmals Carbon zum Einsatz und war somit sei-ner Zeit weit voraus. Die Skier wurden zum Kultobjekt auf den Pisten.

„Wir konnten nicht so viel produzieren, wie wir hätten liefern können“, sagt Erwin Völkl, „in der besten Zeit beschäftigte die Firma mehr als 800 Mitarbeiter.“ Trotzdem musste 1992 der Familienrat tagen. Das Unternehmen, das so vieles richtig gemacht hatte, stand vor der Pleite, die Bank drängte auf den Verkauf.

„Der Franz hat die Firma zu familiär geführt“, sagt sein Bruder, „er hätte mehr durchgreifen müssen.“ Die Ehefrau von Franz Völkl wäre bereit gewesen, mit ihrem Geld einzuspringen, aber die Brüder rieten ihr ab. Stattdessen wurde der Familienbetrieb an Schweizer Investoren verkauft, die sich vier Jahre vergeblich um eine Sanierung bemühten. „Und dann hat der Preuße die Firma gerettet“, sagt Erwin Völkl.

Christoph Bronder erzählt knapp, wie es zur Schieflage kam.Zu Beginn der Neunzigerjahre gab es ein paar schneearme Winter hintereinander, „das hat die ganze Branche ins Schleudern gebracht“. Fischer und Atomic, die großen Konkurrenten aus Österreich, hatten ihre Produktion schon in den Achtzigerjahren in die Ukraine und nach Bulgarien verlagert. Trotzdem gerieten auch sie in Schwierigkeiten, Atomic meldete 1994 Konkurs an und wurde von einem finnischen Konzern übernommen.

Zudem kam Snowboarden als neuer Modesport auf und machte den Skifabriken ebenso zu schaffen wie der Trend zum Leihski. Der Markt schrumpfte – von acht Millionen weltweit verkauften Paar Ski um 1990 auf aktuell 2,7 Millionen Paar.

Als Bronder 1996 kam, hatte die Firma einen langen Abstieg hinter sich. „Am anstrengendsten war es, den Mitarbeitern die Hoffnungslosigkeit zu nehmen“, sagt er. „Die glaubten nicht mehr, dass sich das Blatt noch wenden lässt.“ Aber er hatte einen Plan, er verhandelte mit den Banken und dem Land und schaffte es, sie von der Notwendigkeit von Investitionen zu überzeugen. 1997 wurde im Industriegebiet von Straubing der Grundstein für eine neue Fabrik gelegt. Heute arbeiten hier 400 Menschen.

Dort konnte er dann die Produktion neu organisieren. An der großen Fräse zeigt er, was das bedeutet. Mit nervtötendem Lärm bearbeitet die Maschine einen Holzkeil, der trotz aller Kunstfasern immer noch den Kern fast aller Skier bildet. In der Mitte fräst der computergesteuerte Automat eine Taillierung in das verleimte Holz, vorn und hinten wird es abgeflacht. „Make or buy“, sagt Bronder. Diese einfache Alternative habe die Produktion verändert. Unter Franz Völkl wurde zwar auch schon industriell gefertigt, aber es galt das Prinzip des Handwerkers, der danach strebt, möglichst viel selbst zu machen. Heute herrscht Arbeitsteilung.

Im Fall der Holzkerne zum Beispiel entschied man sich für den Zukauf. „Wenn wir die selbst herstellen würden, bräuchten wir ein eigenes Sägewerk, und dieses müssten wir das ganze Jahr auslasten“, sagt der technische Leiter Helmut Jakoby-Gerard. Er ist wie Christoph Bronder ein Seiteneinsteiger, kam vor 13 Jahren aus der Automobilindustrie. Das gehörte zu Bronders Strategie. Er stellte vier weitere Ingenieure ein, die aus anderen Branchen Erfahrung in der Serienfertigung mitbrachten.

Wie es Bronder gelang, Diplomingenieure aus gut zahlenden Unternehmen, etwa aus der Autoindustrie, abzuwerben? „Das Gehalt hat gepasst“, sagt Jakoby-Gerard.

Das sieht die Mehrheit seiner Kollegen allerdings anders. Der Betriebsrat ist nicht gut auf Bronder zu sprechen. Bronder stieg in den Neunzigerjahren aus dem Flächentarifvertrag aus und nötigte der Belegschaft einen Haustarifvertrag auf. 2009 wandelte er diesen nach harten Auseinandersetzungen in Einzelverträge um. Die Beschäftigten sahen sich mit der Drohung konfrontiert, dass die Produktion nach China verlegt würde, und gaben nach. Heute verdient ein Facharbeiter bei Völkl in der Stunde 13,11 Euro. Der Tariflohn liegt rund zwei Euro darüber.

Der Betriebsratsvorsitzende Werner Koller arbeitet seit 1982 bei Völkl. „Ich habe mal gerechnet“, sagt er, „durch meinen Gehaltsverzicht habe ich der Firma inzwischen einen Mittelklassewagen spendiert.“ Die mangelnde Transparenz mache den Lohnverzicht nicht leichter. „Immer heißt es: ‚Dem Unternehmen geht es schlecht‘, aber Zahlen rücken sie keine heraus.“

Der Betriebsrat hat Bronder in den Verhandlungen als harten Kontrahenten ohne Konzilianz erlebt. Viele Auseinandersetzungen wurden auf juristischem Weg ausgetragen. „Mitarbeiter wurden mit Abmahnungen bombardiert“, sagt Koller, und er selbst habe Angst, für kritische Äußerungen an den Pranger gestellt zu werden. Seit zwei Jahren habe es kein persönliches Gespräch mehr mit Bronder gegeben.

Erwin Völkl sagt über den Sanierer: „Den hätten’s am liebsten gekreuzigt. Aber ich hab’ einen narrischen Respekt vor ihm. Von hundert hält das vielleicht einer aus, wenn die Leut so bös’ sind.“ Der Cheftechniker Jakoby-Gerard urteilt so über Bronders Führungsstil: „Ohne seine Vision wären wir als Skifabrik nicht mehr in Deutschland. Seine Überzeugungsarbeit war erfolgreich. Im Nachgang haben die Mitarbeiter verstanden, welchen Preis es kostet, ihre Arbeitsplätze dauerhaft zu sichern.“

Bronder spricht emotionslos über den Konflikt: „Ich war schon als Jugendlicher in der Leichtathletik ein Langstreckler.“

2004 wird Völkl an den amerikanischen Konkurrenten K2 verkauft. Bronder blieb an der Spitze, auch, als K2 2007 von dem US-Konsumgüterkonzern Jarden übernommen wurde. Der gibt für das Jahr 2013 einen weltweiten Umsatz von 7,4 Milliarden Dollar an, nennt aber keine weiteren Zahlen. Bronder blockt alle Fragen mit dem Hinweis auf das amerikanische Wirtschaftsrecht ab. Nur so viel: „Wenn Völkl keinen Gewinn machen würde, wäre ich nicht mehr da.“

Seit vergangenem Jahr leitet Bronder bei Jarden weltweit alle Wintersportaktivitäten. Der Bindungshersteller Marker gehört genauso zu seinem Portfolio wie K2 und die norwegische Langlaufmarke Madshus. Der Manager glaubt nicht, dass diese Branche wieder wachsen wird. Den Beschäftigten in Straubing macht er keine finanziellen Hoffnungen. „Ich kann es mir nicht leisten, bei Völkl zum Tariflohn zurückzukehren“, behauptet er, „das gibt der Markt nicht her.“

Leiharbeiter im Sommer

Um ein Paar Ski herzustellen, braucht es auch in dieser modernen Skifabrik noch 125 Arbeitsschritte. Einer der wichtigsten ist die Verleimung. Ein Arbeiter legt den schwarzen Belag mit den weißen Intarsien an der Spitze in eine stählerne Hohlform. An beiden Seiten kommen die Stahlkanten dazu, dann streicht er flüssiges Epoxidharz darüber. Jetzt kommt eine Lage Titanal, dann der mit Glasfaser umwickelte Holzkern. Wie bei einem Sandwich legt der Mann in Handarbeit Schicht für Schicht in die Presse, das Harz streicht er wie Mayonnaise dazwischen. Die Oberfläche wischt er mit einem Antistatiktuch sauber, dann kommt der Deckel auf die Form, und der Ski wird 23 Minuten bei 110 Grad in der Presse gebacken.

Im Internethandel kostet ein Paar dieser Skier um die 450 Euro. Die teuren Modelle der ultraleichten V-Werks-Serie sind im Sportgeschäft für 1000 Euro zu haben. Völkl liegt im oberen Preissegment und soll nach Bronders Willen dort auch bleiben. Kinder- und Billigskier lässt er in China fertigen. Doch die Produktion der teuren Modelle am Standort Straubing hat einen Vorteil: „Hier kann ich flexibler auf Nachfrage reagieren“, sagt er. Ein Händler kann noch im April Sondermodelle bestellen und bekommt sie rechtzeitig im Herbst geliefert.

Die Fabrik produziert nach Auftragslage, antizyklisch zum Schnee. In der Niedrigproduktionsphase von November bis April werden täglich 1000 Paar Ski gefertigt, im Sommer sind es doppelt so viele. „Ich musste das Denken der Leute verändern“, sagt Bronder. „Sie haben gelernt, dass sie in einem saisonalen Unternehmen arbeiten.“ Er fordert Flexibilität von seinen Mitarbeitern. Im Sommer arbeiten sie sechs Tage die Woche, im Winter nur vier. Vergangenen Sommer stellte Völkl zudem 60 Leiharbeiter ein.

Der Cheftechniker Helmut Jakoby-Gerard hält die schlimmste Zeit für überstanden: „Die Mannschaft hat wohl verstanden, dass wir flexiblere Modelle brauchen. Sie identifiziert sich stark mit dem Unternehmen.“ Als Ingenieur ist er stolz darauf, dass die Skifabrik zum Vorzeigebetrieb wurde. „Wir hatten schon Leute von BMW hier, die sich unsere Produktion angeschaut haben.“

Als nächsten Schritt hat Bronder vor, die Abhängigkeit vom Wetter durch Internationalisierung zu verringern. „Irgendwo liegt immer Schnee“, sagt er. So läuft das Geschäft in diesem Winter gut in Nordamerika. In drei Jahren finden die nächsten Olympischen Winterspiele in Südkorea statt, davon erhofft er sich Impulse in Asien. Den chinesischen Markt sieht er allerdings skeptisch. Er hat sich die Skihalle in Schanghai angeschaut und war enttäuscht von der schäbigen Anlage. Völkl ist zwar Marktführer in China, verkauft dort aber nur 20 000 Paar Ski im Jahr. Bronder sagt: „Wir müssen den Chinesen erst das Skifahren beibringen. Das dauert noch zehn Jahre.“

Im ersten Stock führt er in das Allerheiligste der Firma: die Rennsportabteilung. Hier stehen der „Racetiger Speedwall“ sowie verschiedene Modelle für alle Disziplinen von Abfahrt bis Slalom. An den Wänden hängen Poster der einstigen Werbepartnerin Julia Mancuso, die vier olympische Medaillen gewonnen hat. Für Völkl ist sie Geschichte, ein Konkurrent hat den Star abgeworben. „Immer wieder fragen die Leute: Warum habt ihr sie ziehen lassen?“, sagt Bronder. „Aber es ist nicht meine Aufgabe, Skirennfahrer zu Millionären zu machen. Ich muss ein Unternehmen führen.“

In der Vergangenheit hatte sich Völkl gezielt als klassische Rennsportmarke profiliert. Mit den Medaillen ihrer Weltmeister wollte sie dem Freizeitsportler klarmachen: Wir bauen die besten Skier. Inzwischen riskiert Bronder einen Spagat. Er pflegt weiterhin den Rennsport, trägt aber dem Wandel Rechnung: Denn anders als früher ist nicht mehr der Abfahrtsläufer vom Hahnenkamm in Kitzbühel das Idol der Jugend. Als cool gilt vielmehr der Freestyler, der über Hindernisse springt und rutscht. Für ihn baut Völkl Twin-Tip-Skier, die vorn und hinten aufgebogen sind, damit er im Funpark vorwärts wie rückwärts fahren kann.

Außerdem gibt es heute für den meditativen Tourengeher, der ohne Lift aus eigener Kraft im stundenlangen Aufstieg den Gipfel erreichen will, aus Straubing einen leichten Ski. Für den Freerider, der seine Schwünge im Tiefschnee abseits der gewalzten Piste zieht, besonders breite Bretter. Demnächst will die Firma Seniorenskier auf den Markt bringen. Sie sollen die Knie möglichst wenig belasten, deshalb müssen sie leicht drehen. Christoph Bronder hat auch schon einen Namen für die neue Produktlinie. Sie soll „Efficiency“ heißen. ---