Aufbau Süd

Die besten Entwicklungshelfer für arme Länder sind Auswanderer –die irgendwannin ihre alte Heimatzurückkehren. Drei Porträts aus dem Senegal.





• Der Senegal gilt traditionell als Afrikas Brückenkopf in den Westen. Über seine Häfen wird ein großer Teil des Warenverkehrs zwischen Europa, Amerika und Westafrika umgeschlagen. Und die Menschen folgen dem Strom der Güter und des Geldes. Auswanderung prägt den senegalesischen Alltag.

Das hat auch mit der Demografie zu tun. Von 13,6 Millionen Senegalesen sind 43 Prozent unter 15 Jahre alt. Die Chancen auf eine Anstellung im Staatsdienst haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verschlechtert, die Entwicklung der Privatwirtschaft kann mit dem Bevölkerungswachstum nicht mithalten. Dazu kommt ein Rückgang der Beschäftigungsmöglichkeiten in der Landwirtschaft – vor allem der Import subventionierter Agrarprodukte aus dem Westen hat dem Senegal schwer zugesetzt. Und auch die arbeitsintensive Fischerei scheint kaum noch zukunftsträchtig: Internationale Fangflotten vor der Küste haben die Bestände so stark dezimiert, dass viele Fischer ihren Beruf aufgeben mussten.

Dass der Staat Schwierigkeiten hat, den Jugendlichen nicht nur eine gute Ausbildung zu verschaffen, sondern auch entsprechend qualifizierte Arbeitsplätze, verstärkt den Migrationsdruck. Doch viele Europäer sehen diejenigen, die kommen, als Bedrohung an. Es gebe nicht genug Jobs in Europa, heißt es, die Einwanderer belasteten die Sozialkassen. Ein EU-Visum zu ergattern kommt für viele Senegalesen einem Spießrutenlauf gleich. Stattdessen investiert Europa Hunderte Millionen Euro, um die illegale Migration zu stoppen oder zumindest zu drosseln.

Das ist die eine Seite der Geschichte.

Die andere lautet: Senegalesische Auswanderer gelten als ehrgeizig, geschäftstüchtig und loyal gegenüber ihrem Herkunftsland. Und sie schicken Geld, eine Menge Geld: Die Summe ihrer Rücküberweisungen im Jahr 2014 betrug laut Statistiken der Weltbank mehr als 1,6 Milliarden Dollar. Das entspricht rund zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Der Bauboom in Dakar – überall entstehen Hotel-, Geschäfts- und Wohnhäuser – ist das sichtbarste Zeichen dieses Geldflusses. Die Auswanderer finanzieren darüber hinaus Überleben, Bildung und Unternehmen der Daheimgebliebenen.

Migration ist also Entwicklungshilfe von unten. Erst recht, wenn Menschen in ihre alte Heimat zurückkehren und ihr im Ausland erworbenes Wissen in die Zukunft ihres Landes investieren. Nach Angaben des französischen Demografie-Forschungsinstituts Ined aus dem Jahr 2012 leben etwa 225 000 Senegalesen in der EU. Ein Viertel von ihnen kehrt nach fünf, die Hälfte innerhalb von dreißig Jahren in ihr Heimatland zurück. Von diesen Rückkehrern, die laut Ined zumeist kleine Unternehmen gründen, profitiert die heimische Wirtschaft.

Was bewegt die Rückkehrer? Hier drei Erfahrungsberichte.

Die Kultur-Missionarin

Das verwinkelte Häuschen im Zentrum des Viertels Gueule Tapée-Fass-Colbane in Dakar ist leicht zu finden: Löwen-Graffiti prangen an der Außenwand – und die Hausherrin kennt hier sowieso jeder. Eine groß gewachsene Frau öffnet die blaue Metalltür. Mit ihrer extravaganten Frisur wirkt die Designerin Ken Aicha Sy exotisch. „La Boite à Idée“ steht auf einem Schild. „Mein Haus soll ein Treffpunkt der Ideen sein“, sagt die 25-Jährige. „Nichts braucht unsere Kultur dringender als den Austausch.“ Deshalb kämen täglich Künstler, Musiker, Journalisten auf einen Kaffee vorbei. Aber auch die Jugendlichen aus dem Viertel und Angestellte nach Feierabend, um in ihrer Bibliothek zu lesen. An den Wänden reihen sich Romane, Zeitschriften und Hunderte von Kunstkatalogen – dazwischen zu Sesseln umfunktionierte Autoreifen sowie Metall- und Holzskulpturen.

„Eigentlich hätte ich nach meinem Design- und Architekturstudium in Frankreich Karriere machen sollen“, sagt Sy. „Aber jetzt bin ich froh, hier zu sein: Denn der Senegal braucht mich mehr als Frankreich.“ Ken Aicha Sy war in Dakar als Tochter eines bekannten Malers und einer Journalistin aufgewachsen. Von Anfang an war für sie klar: Sie wird in Frankreich studieren und wie Tausende senegalesische Jugendliche auf der Suche nach einer besseren Bildung und Karrierechancen das Land verlassen. „So denken alle.“ Migration gehöre in Westafrika zum Erwachsenwerden dazu, man schätze einen Auslandsaufenthalt mehr als im sesshaften Europa. Gerade die afrikanische Mittelschicht agiere seit Langem international. „Senegalesen sind gute Geschäftsleute, sie arbeiten hart, bauen Unternehmen auf. Niemand von ihnen geht wegen der Sozialhilfe nach Europa.“

Weltbank-Studien bestätigen das: Die Angst der Europäer vor der Bedrohung ihres Lebensstandards und der Sozialkassen sind unbegründet. Einwanderer sparen im Durchschnitt 20 Prozent ihres Einkommens, um es zu reinvestieren. Und stellen meist einen Gewinn für das Gastland dar. Etwa weil sie den Fachkräftemangel lindern. Oder den Altersschnitt der Bevölkerung senken. Denn der durchschnittliche Einwanderer ist jung und bildungshungrig. So bezeichnete Dilip Ratha, Leiter der Weltbank-Abteilung Migration und Rückzahlungen, Migranten in einem Fernsehinterview gar als „wichtigste Investoren unserer Zeit, weil sie etwas aufbauen wollen“.

Allerdings hatte Sy den Eindruck, nie wirklich in Frankreich angekommen zu sein: „Ich blieb eine Fremde. Mich haben die Franzosen jeden Tag daran erinnert, dass ich nicht zu ihnen gehöre. Egal ob an der Uni oder in meinem Job als Bedienung in einer Fast-Food-Kette.“

Ihr Schlüsselerlebnis hatte sie im Jahr 2010. Sie war nach ihrem Diplom auf Heimaturlaub nach Dakar gekommen und besuchte ein Kulturfestival. „Bei Gesprächen mit Musikern und Künstlern stellte ich fest, dass sie alle einzeln und isoliert arbeiteten. Dass der Senegal zwar voller aufregender Kultur steckt, aber niemand sie vermarktet.“ Da beschloss sie, diese Lücke zu schließen und zog sie zurück nach Dakar.

Sie gründete das Kultur-Blog Wakhart und legte sich ein Kriegerinnen-Image samt passender Frisur zu. „Ich verstehe mich als Untergrundkämpferin, schließlich birgt Kultur jede Menge Innovationspotenzial und politische Sprengkraft in sich.“ Wakhart ist Wolof, die meistgesprochene Sprache in Senegal, und heißt „über Kunst reden“. Das Blog vernetzt die Kulturszene der Stadt, bietet ein Tagesprogramm, Essays und Kritiken sowie ein Archiv aus mehr als 600 Interviews mit Musikern, bildenden Künstlern, Filmemachern und Fotografen.

Hilft all das einem Land, in dem rund 60 Prozent Analphabeten sind? „Aber gerade deshalb“, sagt Sy. Trage Kultur etwa nicht wesentlich zur Weiterentwicklung der Gesellschaft bei? Der Senegal verfüge zwar kaum über Bodenschätze. Aber seine Musik und Kunst seien weltweit anerkannt. Längst gebe es eine Mittelschicht im Land, die bereit sei, Geld für Bücher und Konzerte auszugeben. Viele Touristen kämen gar nicht mehr in erster Linie zum Badeurlaub, sondern wegen der Kultur. Musiker, Fotografen, Bildhauer und Maler könnten von ihren Werken leben – wenn sie nur professionelle Vermittler hätten.

„Die Senegalesen müssen die Wertschöpfung ihrer Kultur in ihre eigene Hand nehmen, anstatt sich Manager, Konzertagenten, Galerien und Verlage aus Europa zu holen. Das ist meine Mission.“

Die eigenen Opfer verschweigt Ken Aicha Sy nicht. So finanziert sie ihr Blog und das Plattenlabel Wakhart Musique durch eine Dreiviertelstelle bei einer Film- und Werbeagentur. Trotzdem rät sie all den jungen Senegalesen, die für eine Ausbildung nach Europa gehen, zurückzukehren und ein Unternehmen zu gründen. Zugegeben, ein Master-Abschluss oder ein Doktortitel werde im Senegal kaum entsprechend entlohnt. „Aber sollte Geld wirklich unser einziger Maßstab sein? Als mich neulich eine Fremde aus Nigeria um Rat bat, weil sie ein ähnliches Blog in Lagos aufbauen will, da wusste ich: Meine Arbeit hat einen Sinn.“

Der Heimgeholte

Wer das Wort Misma auf dem dreistöckigen Gebäude in einem Vorort Dakars leuchten sieht, der glaubt, eine Oase in der Wüste erreicht zu haben. Links und rechts ragen Rohbauten in die Höhe, und die letzten paar Hundert Meter führen gar über eine unbefestigte Sandpiste. Zwischen Bauschutt und Brachland ein gelb getünchter Kasten, vor dessen Tür ein Jeep mit großem roten Kreuz parkt. Wenn es nach Babacar Mbaye geht, soll hier bald die führende Poliklinik der Region Patienten behandeln.

Der 44-jährige Gründer und Manager der Misma-Klinik öffnet die Tür: „Grüß Gott.“ Fester Händedruck und ein Strahlen auf dem breiten Gesicht. Zehn Jahre in Bayern, erst als Doktorand der Chemie an der Universität Erlangen-Nürnberg, danach als Werkstudent bei Siemens und schließlich als Uni-Assistent in seinem Spezialgebiet Polymer-Technik, haben ihre Spuren hinterlassen. „Meine Mitarbeiter nennen mich den Deutschen. Weil ich sie zur Disziplin anhalte.“ Der kräftige Mann im weißen Kittel lacht. „Dabei hat mir dieser deutsche Management-Stil am Anfang selbst überhaupt nicht behagt. Immer diese strenge Pünktlichkeit! Alles, was da zählte, waren Ernsthaftigkeit und Genauigkeit. Heute sind es genau diese Qualitäten, die ich betone.“

Stolz führt Mbaye durch die Etagen seiner Klinik. Da ist die voll eingerichtete Zahnarztpraxis. Das Hebammenzimmer. Eine Geburtsstation mit vier Gynäkologiestühlen, viel schimmerndem Chrom und blitzblanken Böden, die die staubige Landschaft vor dem Fenster fast unwirklich erscheinen lassen. Alles funkelt wie neu. In einem Nebenraum deutet Mbaye auf ein halbes Dutzend unter Plastikplanen lagernde Metallschränke: Röntgengeräte und Messapparaturen, die er gerade aus China importiert hat. „Sie kommen zum Einsatz, wenn wir genügend Auslastung haben.“ Im Moment kann davon allerdings noch nicht die Rede sein.

Eine Frau, die hier vor vier Tagen ihr Kind zur Welt brachte, ist die einzige Patientin in der Klinik. Außerdem, sagt Mbaye, würden Plätze nach Bedarf gebucht. Er arbeite mit einer Reihe von Spezialisten zusammen. Wenn die ihre Patienten hier behandelten, teile man sich die Honorare. Nur ein kleiner Stab an Hebammen und Krankenschwestern sei fest angestellt. „Wir haben im Senegal kein flächendeckendes staatliches Gesundheitssystem. Private Anbieter wie meine Klinik springen in die Bresche. Unser medizinischer Standard ist sehr viel höher als in den traditionellen Geburtshäusern.“ Ein Angebot also für die aufkommende afrikanische Mittelschicht.

Als Mbaye die Klinik vor einem Jahr eröffnete, hatte er alles gut geplant: Hier, 30 Kilometer außerhalb des Zentrums, nahe dem Fischerdorf, aus dem seine Familie stammt, ist das Bauen relativ billig. Es gibt nur wenige medizinische Einrichtungen. Kundschaft versprach das riesige Wohnviertel, das die Regierung rund um die Misma-Klinik aus dem Boden stampft. Mbaye: „Ich versuche gerade die Fabriken in der Umgebung zu gewinnen. Zudem habe ich zwei große Plakatwände an der Straße aufgestellt.“

Er wird jedoch von der senegalesischen Realität ausgebremst. Denn die Klinik stand viel schneller als die Wohnhäuser. Nun braucht Mbaye einen langen Atem. Zwar hat der senegalesische Präsident Macky Sall erst 2014 an die Europäer appelliert: „Investiert in Afrika, und wir teilen uns den Profit.“ Doch unbürokratische Finanzierungshilfen für Projekte von Rückkehrern gibt es nicht. Federico Barroeta, Koordinator eines Projektes für westafrikanische Remigranten der Organisation internationale du travail (OIT), sagt, die Mehrzahl der Rückkehrer würden im Senegal Unternehmen gründen. „Viele von ihnen haben jedoch im ersten Jahr gravierende finanzielle Schwierigkeiten und scheitern, weil ihnen eine Unterstützung für die Anlaufphase fehlt.“

Der hoch qualifizierte Babacar Mbaye kennt das Problem. 1989 kam er mit einem Stipendium der senegalesischen Regierung in die Sowjetunion und machte fünf Jahre später seinen Abschluss als Chemie-Ingenieur. Doch das reichte ihm nicht. Er hängte ein Master-Studium an der Universität Erlangen-Nürnberg dran, erwarb einen Doktortitel – und hätte in Deutschland sowohl an der Universität als auch bei Siemens Karriere machen können. Doch 2006 traf er den damaligen senegalesischen Präsidenten Me Abdoulaye Wade bei einem Deutschlandbesuch. „Er bat mich und alle anderen Landsleute, die im Ausland studiert hatten, unbedingt in den Senegal zurückzukehren. Das Land brauche gut ausgebildete Wissenschaftler. Er werde für eine angemessene Stelle in Dakar sorgen.“

Mbaye folgte dem Ruf des Präsidenten, wie Hunderte andere auch. Doch im Senegal musste er festststellen: Der Präsident hatte sein Versprechen nicht gehalten. Alle Versuche, ihn zu kontaktieren, waren vergeblich. So arbeitete Mbaye nach elf Jahren Studium in Europa als eine Art Praktikant in den staatlichen Elektrizitätsbetrieben – für 100 Dollar im Monat.

Zwei Jahre lang lebte er mit seiner Familie nur von seinem Ersparten. Dann studierte Mbaye erneut: Management mit Spezialisierung auf Qualitätssicherung, Sicherheit und Umwelt. Eine australische Firma, die Goldminen im Senegal betreibt, stellte ihn in führender Position ein, als Leiter der Abteilung Gesundheit und Sicherheit. Bald gehörte er zum bestbezahlten Personal der Mine, besuchte Fortbildungen in Kanada und Schottland.

Es lief bestens. Und doch arbeitete die Idee in ihm, sein Land mit seinen Fähigkeiten voranzubringen: als medizinischer Unternehmer. Zum zweiten Mal setzte Mbaye alles auf eine Karte, kündigte und widmet sich nun ganz und gar dem Aufbau der Misma-Klinik.

„Mein Ziel“, sagt er, „ist es, das Krankenhaus auszubauen. Ich möchte hier auch spezielle Augenoperationen durchführen können und eine Hals-Nasen-Ohren-Abteilung einrichten.“ Um die eigenen Reserven zu schonen, hoffe er auf Angebote europäischer Kliniken, ihm ausgemusterte technische Geräte oder gar einen Krankenwagen zu überlassen.

Auch wenn die Klinik erst in ein paar Jahren schwarze Zahlen schreibt: Mbayes Unternehmergeist widerlegt einige der Vorurteile, die in Europa gegen eine großzügigere Einwanderungspolitik angeführt werden. Wenn gerade die Leistungsfähigsten auswanderten, heißt es oft, zehre das die Volkswirtschaft der armen Länder aus. Studien aber belegen das Gegenteil: Migranten sind die treibenden Kräfte eines globalisierten Wirtschaftskreislaufs. Denn die Ausgewanderten gründen einerseits überdurchschnittlich häufig eigene Unternehmen. Und investieren ihr Erspartes andererseits oft gezielt in Landwirtschaft, Bildung und in das Gesundheitswesen ihres Landes. Dazu kommt der Transfer von Wissen und Erfahrung. „Ich bin davon überzeugt“, sagt Mbaye, „dass eine Ausbildung im Ausland eine der besten Investitionen in dieses Land sein kann.“

Zu diesem Schluss kommt auch eine vom Auswärtigen Amt beauftragte Studie beim Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Entwicklungshilfe durch Migration sei effektiver als Entwicklungshilfe zur Verhinderung von Migration. Babacar Mbaye finanziert das Geologie- und Informatikstudium seiner beiden Brüder in Frankreich. „Sobald sie Berufserfahrung gesammelt haben, kommen sie zurück und schließen sich meiner Firma an.“

Die Innovatorin

Mawa Hughes verlässt ihre Küche nie länger als zehn Minuten. „Ich werde gebraucht!“, ruft sie. Freundlich, aber in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldet. Und schon eilt die Chefin mit fliegender Schürze über den Innenhof ihres Restaurants – dorthin, wo in großen Töpfen Bohneneintopf köchelt, Hühnchen schmoren, der frische Fang vom Fischmarkt mit Kräutersaucen angesetzt wird. „Mawa Foods“ in Dakars City wirkt auf den ersten Blick wie ein Imbiss. Dieselben Plastiktische und Stühle wie überall. Im Vordergebäude kann man den Angestellten des „Fast-Food“-Straßenverkaufs dabei zusehen, wie sie kleine Pizzen und gefüllte Teigtaschen in den Ofen schieben. „African-American Cuisine“ verkündet das Menü-Schild: Soulfood wie in den US-amerikanischen Südstaaten sowie süße Waffeln und amerikanisches Frühstück. „Ich bringe das Beste beider Welten zusammen“, sagt Mawa Hughes, Werbung braucht sie keine. Am Wochenende stünden die Kunden Schlange. „Entweder sie haben durch Mundpropaganda von mir gehört oder über diesen Fernsehbericht auf CNN.“

Die amerikanischen Medien hatten Mawa Hughes bereits entdeckt, als sie noch in North Carolina ein renommiertes pan-afrikanisches Lokal betrieb. „Wir haben 2011 unser damaliges Restaurant verkauft, nachdem unsere vier Kinder zum Studium aus dem Haus waren.“ Ein Angebot aus Dakar gab dann den Ausschlag für die Rückkehr in die alte Heimat: „Das staatliche Institut für Nahrungsmitteltechnologie hatte mich eingeladen, ein Projekt anzuleiten, in dem es darum ging, Fertignahrung zu produzieren.“ Allerdings sei sie von Freunden gewarnt worden, sagt Hughes: dass man sich als Rückkehrer nicht auf die Versprechen des Staates verlassen dürfe und womöglich der soziale Abstieg drohe. Doch wäre sie sich nicht sicher gewesen, als Unternehmerin im Senegal bestehen zu können, hätte sie den Schritt nicht gemacht. Seitdem hat Hughes im Senegal nicht nur drei Restaurants und einen Vertrieb von Soßen aufgebaut, sondern auch die heimische Wirtschaft um neue Techniken der Lebensmittelkonservierung bereichert.

Kochen ist ihre Berufung, zu der sie durch ein tägliches Ärgernis gefunden hatte. Sie war Ende der Achtzigerjahre nach ihrem Studium der Finanzbuchhaltung zu einer senegalesischen Freundin in die USA gereist, um sich dort beruflich weiterzuqualifizieren. Damals sei es viel einfacher gewesen als heute, ein Visum und eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, sagt sie. „Nur mit dem Kochen hatten wir Probleme. Warum nur gab es in Amerika keine afrikanischen Lebensmittel zu kaufen? Getrockneten Fisch etwa oder bestimmte Gewürze und Soßen. Wir mussten sie auf unseren Reisen zwischen dem Senegal und den USA immer in unserem Gepäck oder in unserer Kleidung schmuggeln. Wenn die Zöllner uns erwischten, schmissen sie alles weg.“ Die Begründung lautete: Gesundheitsgefährdung. Nur was ordnungsgemäß zubereitet und konserviert worden sei, hätten sie importieren dürfen.

Hughes wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Wenn es in jedem Supermarkt fertige Spaghetti-Soße zu kaufen gab, müsste doch etwas Vergleichbares auch mit afrikanischen Zutaten möglich sein. Die resolute Senegalesin schrieb sich an der North Carolina State University ein und studierte drei Jahre lang das Fach „Food processing and preserving“. Ihr Ziel: Sich selbst und anderen Afrikanern im Ausland das Leben zu erleichtern – denn ohne die nötigen Fertigzutaten geriet das Kochen zu einer unglaublich langwierigen und aufwendigen Angelegenheit, die ganze Tage in Anspruch nehmen konnte. Hughes experimentierte mit allerlei Lebensmitteln. Und gründete nach ihrem Abschluss ein Unternehmen, das Konserven, Gewürzmischungen und Soßen herstellte: Mawa Foods. Ihre Produkte, sagt Hughes, würden heute von afrikanischen Supermärkten überall in Amerika vertrieben.

Die Erfolgsgeschichte illustriert Forschungsergebnisse der Duke University, denen zufolge Migranten und Ausländer überdurchschnittlich häufig als innovative Unternehmer auftreten. Eine Umfrage unter 28 000 amerikanischen Technikfirmen etwa kam zu dem Ergebnis, dass mehr als ein Viertel von Einwanderern gegründet worden war. Die Wissenschaftler führen dies einerseits auf den relativ hohen Bildungsgrad der Migranten zurück und andererseits auf deren große Risikobereitschaft – die sich ja bereits durch den Entschluss zeige, der alten Heimat den Rücken zu kehren.

Nun produziert Mawa Foods haltbare Gewürze und Soßen auch in Dakar. Im Senegal, sagt Hughes, habe sie Pionierarbeit auf dem Feld der Lebensmittelverarbeitung geleistet. Die Köchin holt ein paar Gläschen mit schwarzem und rotem Gewürz aus der Küche: „Farce de nere“ steht auf einem. „Es wird mit schwarzen Bohnen gekocht. Früher musste man es sehr zeitaufwendig aus verschiedenen Zutaten im Mörser stampfen.“ Oder die traditionelle Fischsoße. Falsche Konservierungsmethoden könnten leicht zu Lebensmittelvergiftungen führen. So habe sie die Zulassung des Handelsministeriums erst nach peniblen Qualitätsprüfungen erhalten.

Jede Woche schließt sie die Küche für zwei Tage und unterrichtet als Dozentin am universitären Institut für Lebensmitteltechnik, um die Dozenten dort fortzubilden. Man bezeichnet diese Form von Wissenstransfer als Brain Gain. Er ist eines der stärksten Argumente für offene Grenzen. Deshalb forderte der senegalesische Präsident Macky Sall 2014 von der Europäischen Union, die Einreise für Studenten, Unternehmer, Wissenschaftler und Intellektuelle zu erleichtern. „Davon profitieren wir alle.“

Staatliche Investitionen in Infrastruktur- und Demokratisierungsprojekte würden durch die privaten Leistungen der Auswanderer zwar nicht überflüssig, sagt Steffen Angenendt von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Aber: „Migration ist der effektivste Entwicklungsbeschleuniger, den es gibt.“ Umgekehrt gilt, was die Sozialwissenschaftlerin Gunda Züllich von der Universität Potsdam in einer Arbeit zum Thema schrieb: „Maßnahmen zur Beschränkung von Zuwanderung lassen Entwicklungsniveaus sinken, was wiederum zu einer Zunahme der Emigration führt – wenn nicht legal, dann ohne Papiere.“ ---