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So ist er, der Grieche

Er versteht zu leben, scheut aber die Arbeit. Über ein Vorurteil und dessen Ursprung.





• Tatsache? Verleumdung? Propaganda?
Der Grieche verbringt den lieben langen Tag im Kaffeehaus, diskutiert stundenlang über Politik, und am Abend tanzt er in der Taverne Sirtaki, ohne davor irgendeine nützliche Arbeit verrichtet zu haben – so könnte man sich das Leben bei uns vorstellen, wenn man einige deutsche Zeitungen liest.

Und es geht noch schlimmer: „Jagt die Griechen aus der EU und dem Euro!“, „Lasst die Griechen pleitegehen!“, „Zahlt nicht mehr für dieses faule Pack!“ Das sind nur einige Aussagen von Berlinern in Umfragen, berichtete die »Tageszeitung«.

Doch dann kommen plötzlich Zahlen von Eurostat, die zeigen, dass die Griechen wöchentlich mehr Stunden arbeiten als die fleißigen Deutschen (2014: 44,2 Stunden gegen 41,5).

Also ist das Gerede vom faulen Griechen nur ein gemeines Klischee?
Jein.

Die Griechen arbeiten hart und viel. Zumindest, solange sie eine Stelle finden. Gegenwärtig ist gut ein Viertel arbeitslos (genau: 26 Prozent, fast 50 Prozent bei der Jugend). Die Krise hat zugeschlagen.

Aber ihre Einstellung zur Arbeit ist eine ganz andere als die der Deutschen. Es gibt hier keine protestantische Ethik. Im Gegenteil. Es ist aufschlussreich, dass das griechische Wort für Arbeit (douleia) genau dasselbe ist wie das für Sklaverei. Nur die Betonung weicht ab.

Die Arbeit wird nicht verherrlicht. Sie bleibt eine Notwendigkeit. Wohl dem, der sich ein paar Minuten Freiheit leisten kann.

Doch seltsamerweise war es ein Grieche, der als Erster den Satz aussprach: „Müßiggang ist aller Laster Anfang.“ Er hieß Solon (einer der Sieben Weisen von Griechenland) und lebte vor 2700 Jahren.

Vieles hat sich seither geändert.

Die meisten Südländer verbinden mit Arbeit nichts Positives. Das „dolce far niente“ (süßes Nichtstun), das Ideal der Neapolitaner, ist ein Beweis dafür. Griechenland ist aber nicht nur ein südliches Land. Es ist auch der Orient Europas. Zum Kult des Müßigganges kommt die Ruhe hinzu: Alles braucht mehr Zeit.

Im Zitatenschatz finde ich neben dem alten Solon allerdings keinen Griechen, der sich über die Faulheit geäußert hat. Dagegen einige Deutsche. Zum Beispiel Friedrich Schlegel, der die „Idylle über den Müßiggang“ schrieb, die er in seine „Lucinde“ aufnahm: „In der Tat, man sollte das Studium des Müßiggangs nicht so sträflich vernachlässigen, sondern es zur Kunst und Wissenschaft, ja zur Religion bilden!“

Es waren ja viele, die ein Lob der Faulheit ausgesprochen haben. Nur keine Griechen. Der Bekannteste: Gotthold Ephraim Lessing, ein Deutscher. Ein kurzes Gedicht von ihm endet mit den Zeilen:

„Dass ich dich nicht loben kann;
Du verhinderst mich ja dran.“

Der Interessanteste war der Schwiegersohn von Karl Marx, Paul Lafargue, mit seinem Buch „Das Recht auf Faulheit“. Darin begründet er die Faulheit sozialistisch, als ein menschliches Grundrecht (hoffentlich kennt die linke Regierung Griechenlands das Buch nicht).

Aber zurück zu den Neugriechen. Besonders wenn die Arbeit mechanisch wiederholend ist, wird sie bei uns als langweilig empfunden. Der Grieche wünscht sich gern etwas Kreatives. Die Deutschen, die so präzise arbeiten, werden „Robotakia“ (kleine Roboter) genannt.

Andererseits träumt jeder Grieche von einem Posten als Beamter – ein sicherer Beruf, aber höchst eintönig.

All das heißt nicht, dass die Griechen faul sind. Sie arbeiten anders. Nicht weniger. Nur das Ergebnis ist etwas mager.

Die Produktivität ist bei uns niedrig. Die Deutschen produzieren in einer Stunde deutlich mehr Bruttoinlandsprodukt.

Den Griechen fehlt es an Ausbildung und Organisation. Rationalisierung ist ein ziemlich unbekannter Begriff. Daher müssen sie mehr schuften.

Und in der Krise, mit den niedrigen Löhnen, müssen viele zwei Berufe ausüben, um über die Runden zu kommen. So dauert ihr Arbeitstag manchmal mehr als zwölf Stunden.

Sogar Alexis Sorbas, der Held im gleichnamigen Roman von Nikos Kazantzakis, der jahrzehntelang das Bild des „echten Griechen“ prägte, war kein Faulenzer. Er hat das Leben wahrlich genossen, aber er hat bis ins hohe Alter hart gearbeitet.

Leider wird in der Verfilmung des Romans diese Seite des Helden nicht gezeigt. Daher denken die Deutschen an Sorbas, wenn sie vom faulen und genusssüchtigen Griechen hören. Wie Oscar Wilde schrieb: „Life imitates art.“

„Alexis Sorbas zählt zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten. Am 26. März 1965 kam der Film in die deutschen Kinos und brach zahlreiche Kassenrekorde“, so steht es in der Wikipedia. Sorbas war der Prototyp des „typisch griechisch“ und prägt bis heute das Bild. Nur diejenigen, die das Buch gelesen haben, wissen, dass dies nicht der Wirklichkeit entspricht. Aber sie sind eine Minderheit. Und ein Film ist stärker als ein Buch.

Sorbas war für Griechenland ein Segen und ein Fluch zugleich. Einerseits hat das Image geholfen, Touristen zu locken. Andererseits hat er ein falsches Bild in die Welt gesetzt. Und als die Krise kam, war das Sorbas-Image eine Katastrophe. Das Klischee des faulen Griechen war schon da.

Was braucht die »Bild« mehr als ein fertiges Bild?

Wenn Nikos Kazantzakis das wüsste! ---

Nikos Dimou, 80, studierte in seiner Heimatstadt Athen sowie in München Philosophie. Er ist Autor von mehr als 60 Büchern. 1975 erschien sein Aphorismenband „Über das Unglück, ein Grieche zu sein“, der seit 2012 wieder neu aufgelegt wird (Verlag Antje Kunstmann).