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Quäl dich!

Unser Autor tat alles, um als Schwimmer groß rauskommen. Bis ihn eine bittere Erkenntnis traf.





• „Mensch, wie liegt der denn im Wasser?!“ Wir standen auf der Balustrade über dem Schwimmbecken, der George und ich, schauten hinunter auf unseren Kumpel Thorsten, der sich durchs Wasser kämpfte, und amüsierten uns. Thorsten humpfte durchs Wasser wie ein alter Frachter bei hohem Seegang, er wälzte sich hin und her, prustete, schnaufte und stöhnte, drosch dabei mit den Armen aufs Wasser ein und kam doch kaum voran.

Thorstens Tragik war, dass er in fast allen Sportarten zu den Besten gehörte. Nur nicht im Schwimmen. Und welche Sportart hatte er sich ausgesucht? – Schwimmen. Wir schauten uns an: „Das wird nie was.“

Er war ja auch eine faule Sau. Kam nur selten zum Training, trieb sich mit Mädchen abends im „Las Palmas“ rum, unserer Kleinstadt-Disco, trank billigen Whisky aus der Flasche. Bei uns war das anders. Wir trugen nicht nur die knappsten Badehosen, wir waren bei jedem Training diejenigen, die erst das Becken verließen, wenn die anderen schon unter der Dusche standen. Wir würden ganz groß rauskommen, keine Frage. Wir waren 14 und würden Weltmeister werden.

Ich begann mit dem Schwimmsport, ein Jahr nachdem Mark Spitz bei den Olympischen Spielen in München sieben Goldmedaillen gewonnen hatte. Im Turnverein hatte ich mich zu ungeschickt angestellt; ich kam kein Kletterseil hoch, hing knapp über dem Boden wie ein nasser Sack. Beim Fußball gehörte ich zu denen, über die es auf dem Platz hieß: „Geh ran, der hat Angst vor dem Ball!“ Beim Rennen war manches Mädchen aus meiner Klasse schneller als ich, den Schlagball schleuderte ich mit Mühe auf 25 Meter, während andere das Doppelte schafften.

Auch zum Wasser hatte ich bis dahin keine große Affinität gehabt. Vielleicht lag es daran, dass mein Vater mich, als ich noch nicht schwimmen konnte, im Freibad oft untergeduckt hatte, damit ich mich, wie er meinte, ans Wasser gewöhne. Im Schwimmkurs lag ich steif wie ein Brett im Wasser. „Der lernt das nie“, sagte mein Vater zu Hause. Aber dann, mit zehn, schwamm ich bei den Bundesjugendspielen schneller als die Sportskanone unserer Klasse. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich im Sport etwas konnte. So trat ich in den Schwimmverein ein.

Die ersten drei Jahre schwamm ich ohne großen Ehrgeiz und ohne Erfolge. Ich schwänzte das Training, wann immer es ging. „Andreas Molitor konnte sich im Mittelfeld platzieren“, stand nach Wettkämpfen in der Zeitung – eine gnädige Umschreibung für die Tatsache, nicht als Letzter ins Ziel gekommen zu sein. Da ich reisekrank war, musste ich mich auf der Autofahrt zu Wettkämpfen immer übergeben, was für die Performance im Becken nicht unbedingt förderlich war. Einmal schlug mich sogar der dicke Jochen, ein Mitschüler aus der Parallelklasse. Es war eine Schmach. Ich bewunderte die vier, fünf Jahre Älteren aus der Trainingsgruppe, weil sie so schnell durchs Wasser pflügten. Aber gleichzeitig hasste ich sie, weil sie unerträglich angaben. Und weil sie lästerten, nachdem sie gesehen hatten, dass ich meine Badekappe mit den Namen meiner Lieblingsbands verziert hatte – zu denen leider auch The Sweet und Smokie gehörten.

Zwei, drei Jahre später war alles ganz anders. Nicht nur, dass auf der Badekappe jetzt meine Lieblingszeilen aus dem Doors-Song „The End“ standen: „Father? – Yes, son? – I want to kill you. Mother! I want to fuck you!!!“ Ich schwänzte auch das Training nicht mehr. Ich hatte gemerkt, dass ich, wenn ich regelmäßig hart trainierte, beim Wettkampf auch mal vorn mitschwamm, vielleicht sogar Zweiter oder Dritter wurde. Anstelle der Sweet-Poster, die ich verbrannt hatte, hing über meinem Bett jetzt ein Patchwork aus vielen Blättern karierten Papiers, mit Pritt-Stift zu einer Art Wandteppich zusammengeklebt. Darauf eingezeichnet war ein Koordinatensystem – mit den Wochen des Jahres auf der x-Achse und den absolvierten Trainingskilometern auf der y-Achse. Eine gezackte Linie, mit rotem Filzer gezogen, verband die Punkte. Konnte ich am Ende einer Woche das Kreuzchen etwas höher eintragen als in der Vorwoche, fühlte ich mich gut. Zeigte der Graph nach unten, war ich unzufrieden. Ich würde in der folgenden Woche mehr trainieren müssen. Je mehr Kilometer, desto besser. Ich musste doch aufholen.

Im Fernsehen verfolgte ich Übertragungen von Europameisterschaften, Weltmeisterschaften, Olympischen Spielen. Ich kannte jede Siegerzeit. Da wollte ich auch hin. Die körperlichen Voraussetzungen waren nicht mal schlecht. Ich war groß für mein Alter, mit langen Armen und langen, vielleicht etwas zu spillerigen Beinen. Wenn andere 25 Schwimmzüge für eine Bahn benötigten, kam ich mit 20 aus.

Das Problem war, dass ich den besten Gleichaltrigen immer noch ein gutes Stück hinterherschwamm. Zuerst betrug der Rückstand zehn Sekunden auf 100 Meter. Im Jahr darauf, nachdem ich die Trainingskilometerkurve über meinem Bett in höhere Regionen getrieben hatte, waren es noch sieben oder acht Sekunden. Ich rechnete mir aus, wie viele Jahre es dauern würde, bis ich die Lücke schließen und sie schlagen konnte. Mit 18, spätestens mit 19 würde es so weit sein.

Trainieren, trainieren, trainieren

Natürlich quälte mich die Frage, warum ich mit den Besten nicht mithalten konnte. „Die trainieren härter“, sagte ich mir. Fünf Stunden pro Tag statt anderthalb. Besonders über das Training der Schwimmer aus Köln, nur eine halbe Autostunde von meiner Heimatkleinstadt entfernt, kursierten wahre Horrorgeschichten. Ihr Coach galt als gnadenloser Schinder. Ich wäre bereit gewesen, mich seinem Regiment zu unterwerfen, obwohl ich sah, dass viele hoffnungsvolle Talente, die er zu sich holte, nach zwei, drei Jahren aufgaben, kaputt und ausgebrannt, mit 16 oder 17. Das hätte mir zu denken geben können: Schafften sie es nicht, weil sie sich im Training immer noch nicht genug quälten? Oder fehlte ihnen möglicherweise etwas ganz anderes?

Ich hoffte immer, dieser Trainer würde mich mal ansprechen und zum Probetraining einladen. Ich hätte ihm mein Trainingsbuch zeigen können: „Sehen Sie mal, am Dienstag bin ich achtmal 200 Meter Delphin geschwommen!“ Doch ich wartete jahrelang vergeblich. Meine Wettkampfleistungen sind ihm wohl nicht aufgefallen.

Ich schwamm jetzt Trainingsprogramme von Don Schollander und Dawn Fraser nach. Ich hatte mir ein Buch des damaligen amerikanischen Nationalcoachs gekauft, mit Trainingsplänen der Weltbesten. Leider war das Buch damals schon nicht mehr auf dem aktuellen Stand, sodass ich mich Ende der Siebziger auf den Spuren der Olympiasieger von 1960 und 1964 bewegte. In jedem Training ging ich an die Leistungsgrenze, quälte mich durch den Schmerz bis kurz vor die Besinnungslosigkeit. Der einzig erstrebenswerte Zustand am Ende eines Trainings war „total kaputt“.

Nach einer kaum überstandenen eitrigen Mandelentzündung mit 40 Grad Fieber sprang ich viel zu früh wieder ins Wasser, riss mehr Trainingskilometer herunter als je zuvor und erlebte im Wettkampf ein totales Desaster – das ich aber nur zum Anlass nahm, noch mehr Kilometer zu machen. Einfache Erkältungen wurden grundsätzlich zu Tode trainiert.

In den USA bestellte ich mir ein von Top-Trainern empfohlenes sogenanntes Drag-Suit, eine optisch äußerst unvorteilhafte, sackförmige babyblaue Schwimmhose mit je zwei Taschen auf Vorder- und Rückseite, die sich beim Schwimmen aufblähten. Unser Trainer pflegte seine Holzlatschen nach jenen Schwimmern zu schleudern, die es im Training an Einsatz vermissen ließen. Mich traf nie einer. Daheim wurde jeder Trainingsplan akribisch mit der Maschine abgetippt und in Ordnern abgeheftet. Sie liegen heute noch im Keller des Hauses meiner Eltern. Sämtliche Schulhefte hingegen waren irgendwann im Altpapier gelandet.

Das nachmittägliche Training reichte mir schon lange nicht mehr. Vier- bis fünfmal pro Woche sprang ich morgens vor der Schule ins Becken, auch am Warmbadetag, eine Qual der ganz besonderen Art. In der Schule saß ich dann, die Augen brennend vom Chlorwasser, konnte mich kaum wachhalten und ließ lineare Gleichungen, die Leiden des jungen Werther und Richard II. an mir vorbeiziehen. Während die Mitschüler den Nachmittag mit Joints und Lambrusco-Flaschen im Park zelebrierten, war ich schon wieder mit dem Fahrrad unterwegs zum Training. Ich war jetzt schneller als die meisten Konkurrenten, aber einige hängten mich immer noch ab. Wenn sie einen schlechten Tag hatten und ich einen guten, war ich nah dran. Der rote Bademantel der Nationalmannschaft – er war noch nicht in Reich-, aber immerhin in Sichtweite. Dachte ich.

Der Trainingsfleiß, die nicht mehr hinterfragte Quälerei wurden im Lauf der Zeit zu einer Art moralischer Kategorie. Für jene Vereinskameraden, die es lockerer angehen ließen, hatte ich nur Geringschätzung übrig – die in hilflose Wut umschlug, wenn sie im Wettkampf dann doch einmal schneller waren. Das waren die Momente, in denen ein böser Verdacht hätte keimen können: dass noch so viel Selbstkasteiung am Ende möglicherweise nicht ausreichte, um ganz nach vorn zu kommen. Stattdessen stand ich beim Wettkampf am Beckenrand, schaute der „faulen Sau“ zu und wartete auf den Zeitpunkt, an dem sich der mangelnde Einsatz rächen würde, rächen musste: „Gleich geht er ein.“ Ein Gedanke, der mich heute leicht erschauern lässt.

Die Kränkung

1980 sah ich dann bei den Deutschen Meisterschaften zum ersten Mal Michael Groß schwimmen, den sie wegen seiner Spannweite später „Albatros“ nannten. Er wurde auf Anhieb Deutscher Meister. Unter den Trainern wurden sofort Wetten abgeschlossen, ob er seinen ersten Weltrekord bereits im folgenden Jahr oder erst in zwei Jahren schwimmen würde. Innerhalb von knapp 54 Sekunden – so lange brauchte er für seinen Sieg über 100 Meter Schmetterling – wurde mir klar, welcher Illusion ich jahrelang erlegen war: dass ich mit Ehrgeiz, mit hartem Training, mit Quälerei das fehlende Quentchen Talent wettmachen konnte. Ich hatte Hunderte von Stunden in die Verfeinerung meiner Schwimmtechnik investiert. Und nun schoss, schnellte, glitt da einer scheinbar mühelos durchs Wasser. Niemals würde ich diese Perfektion erreichen. Der große Traum löste sich im Wasser des Münchener Olympiabads auf. Ich begann meine Ziele nach unten zu korrigieren. Ein Platz im Finale bei den Deutschen Meisterschaften, das wäre doch schließlich auch was.

Das folgende Jahr hätte den Durchbruch bringen sollen. Aber es endete in einem Desaster. Im entscheidenden Rennen schwamm ich deutlich langsamer als im Jahr zuvor. Der Abstand zur Spitze war wieder größer geworden. Egal wie viel und wie hart ich trainierte, ich war nur einer von vielen. Nicht der verkannte Ausnahmesportler, für den ich mich gehalten hatte. Es reichte für gutes Mittelmaß, nicht für mehr. Ich hatte nie eine Chance gehabt. Eine Erkenntnis, die wie ein Stachel in meinem Ego saß. Er ließ sich nicht herausreißen.

Ich schwamm noch ein Jahr weiter. Kleine, unbedeutende Rennen. Das Kräftemessen mit den Besten ersparte ich mir. Mit George, der mit mir einst über Thorstens grauslichen Schwimmstil gelästert hatte, zog ich am Vorabend eines Wettkampfs gern um die Häuser. Verkatert auf dem Startblock stehen war jetzt groovy. Irgendwie fühlte ich mich auch befreit. Es machte Spaß, bei Mannschaftswettkämpfen alles zu geben – nicht für mich, sondern für das Team. Wir merkten, dass wir die Jüngeren motivieren konnten. Wir waren die coolen Typen, die jede Menge Bier vertrugen und trotzdem die Kastanien aus dem Feuer holten, wenn’s drauf ankam.

Der letzte Wettkampf, das letzte Rennen, gekämpft bis zum Anschlag, noch mal eine gute Zeit. Dann war alles vorbei. Die Badehose, die ich damals trug, habe ich vor Kurzem beim Aufräumen gefunden.

Die Kränkung saß trotzdem tief. Mehr als 30 Jahre habe ich gebraucht, sie zu verwinden. Der Schwimmer schwamm nicht mehr. Traurig verfolgte er, wie seine beiden Kinder ihr Talent für Handball und Leichtathletik verschleuderten. Sie wollten sich nicht quälen – und gaben früh auf. Mein jüngster Sohn hat jetzt ausgerechnet den 800-Meter-Lauf zu seiner Lieblingsdisziplin erkoren. Er ist ziemlich gut. Was soll ich tun? Ihm das alte Lied vorsingen, dass Trainingsfleiß belohnt wird und die Faulen nicht weit kommen? Oder soll ich ihn bremsen? Von meinem vergeblichen Versuch erzählen, mich an die Spitze zu schinden?

Im vorigen Herbst fand ich ins Schwimmbecken zurück. Mittlerweile habe ich mich wieder einem Team angeschlossen. Nun starte ich hin und wieder bei – wie mein elfjähriger Sohn sagt – „Gammelfleischrennen“ und messe mich mit all den anderen in die Jahre gekommenen Halb- und Dreivierteltalenten. Manchmal denke ich, das ist so, als ob man sich noch mal mit seiner Jugendliebe verabredet. Und statt Kaffee zu trinken, schön unverfänglich, zieht man gleich um die Häuser, bis der Morgen graut.

Zwei Jahre Training, dann könnte ich noch mal richtig schnell sein. Vielleicht fast wieder so schnell wie zu jenen Zeiten, als ich glaubte, der rote Nationalmannschafts-Bademantel sei in Reichweite.

Ob ich wieder Trainingstagebuch führe? Was für eine Frage. ---