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TUNIX-Kongress Berlin 1978

Im Januar 1978 versammelten sich in Berlin mehr als 5000 Menschen beim Tunix-Kongress. Der Name war nicht Programm.





• Was wäre wohl passiert, wenn der Besuch von Stefan König an jenem Abend im Dezember 1977 pünktlich gewesen wäre? Vielleicht hätte die Geschichte dann einen ganz anderen Verlauf genommen. Sicher jedenfalls ist: König, damals 22 Jahre alt, saß Anfang Dezember in seiner Berliner Wohnung und wartete. Als der Besuch nicht erschien, setzte er sich an seinen Schreibtisch und formulierte einen Aufruf, der die Bundesrepublik verändern sollte.

Darin hieß es: „Uns langt’s jetzt hier! Der Winter ist uns zu trist, der Frühling zu verseucht, und im Sommer ersticken wir hier. Uns stinkt schon lange der Mief aus den Amtsstuben, den Reaktoren und Fabriken, von den Stadtautobahnen. Die Maulkörbe schmecken uns nicht mehr und auch nicht mehr die plastikverschnürte Wurst. Das Bier ist uns zu schal und auch die spießige Moral. Wir wollen nicht mehr immer dieselbe Arbeit tun, immer die gleichen Gesichter zieh’n. Sie haben uns genug kommandiert, die Gedanken kontrolliert, die Ideen, die Wohnung, die Pässe, die Fresse poliert. Wir lassen uns nicht mehr einmachen und kleinmachen und gleichmachen. Wir hauen alle ab! Zum Strand von Tunix!“

Ein paar Tage zuvor hatte er mit Freunden beim Abendessen zusammengesessen. Sie hatten darüber diskutiert, was nun zu tun sei. Der Deutsche Herbst 1977 lag hinter ihnen, der Mord an Hanns Martin Schleyer, die toten RAF-Mitglieder im Gefängnis von Stammheim. Die Repression des Staates war allgegenwärtig, die Stimmung eisig.

Monate zuvor hatten sie zu einem Widerstandskongress aufgerufen, die Resonanz darauf war gleich null gewesen. Da beschlossen sie beim Abendessen, es noch einmal zu versuchen, diesmal aber vorwärtsgewandt. Ein Kongress ohne „Nieder mit …!“ und „Weg mit …!“. Ein Kongress, auf dem darüber debattiert werden sollte, wie das geht mit dem richtigen Leben im falschen. Jeder sollte ein Programm für den Tunix-Kongress entwerfen.

„Die Idee dahinter war: Wir sagen einfach, wir hauen ab, wenn man uns hier nicht will! Wenn ihr uns permanent als Staatsfeinde und Terroristen diffamiert, dann macht doch euren Mist allein! Ihr müsst euch um uns bemühen!“, sagt Stefan König, heute ein bekannter Strafverteidiger in Berlin.

Damals machte man alles im Kollektiv. Als Termin für den Kongress beschlossen sie den 28. Januar 1978, sie hatten also kaum anderthalb Monate Zeit zur Vorbereitung. Auch der von König verfasste Aufruf wurde samt der Reime („Die Kuh sprach zum Zaun: / Ich würd’ so gern abhau’n. / Da sprach der Zaun zur Kuh: /Da hätt’ ich auch Lust zu.“) noch einmal diskutiert. Dann ging das Programmheft in die Druckerei.

Es gab Arbeitsgruppen zum Staat („Erobern oder zerstören?“), zu Anti-Psychiatrie (mit Michel Foucault, Peter Brückner, Felix Guattari), zu Homosexualität („Rosa glänzt der Mond von Tunix“), zu selbst verwalteten Jugendzentren (am Beispiel des Georg-von-Rauch-Hauses). Und es ging um Unternehmensgründungen: Um eine linke Tageszeitung in Deutschland, für die sich der Anwalt Christian Ströbele einsetzte. Um Food-Coops („Aufbau einer eigenen Nahrungsmittelkette“). Um „alternative Energiegewinnung und Technologien“, um linke Buchhandlungen und Kneipen („Gegenöffentlichkeit oder Abfüllstation?“).

Der Kongressaufruf wurde linken Szeneblättern beigelegt, in Kneipenkollektiven und alternativen Fahrradläden ausgelegt. Der Buchladen am Berliner Savignyplatz war bereit, sein Telefon dem Koordinationsausschuss zur Verfügung zu stellen, und der SPD-Politiker Peter Glotz, damals Wissenschaftssenator in Berlin, half bei der Beschaffung der Räume in der Technischen Universität. Er blieb der einzige etablierte Politiker, der Interesse an der Veranstaltung zeigen sollte.

Als das Programm stand, die Räume gebucht waren, fuhren die 22 Organisatoren erst mal in den Urlaub nach Schweden. Was dann passierte, hätten sie sich nicht vorstellen können. Nicht nur aus Deutschland, aus ganz Europa kamen Anmeldungen. Ständig klingelte das Telefon der Buchhandlung am Savignyplatz. Nach dem Urlaub waren die Organisatoren, die den Kongress organisiert hatten, überwältigt. „Wir kamen uns vor wie der Nabel der Welt“, sagt König heute.

Über die genaue Zahl der Teilnehmer scheiden sich die Geister. Leute, die dabei waren, schätzen, dass etwa 5000 Menschen zum Diskutieren zusammenkamen. Darunter der deutsch-französische Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, die Schriftstellerin Reneé Zucker, der Filmemacher Alexander Kluge.

Als eines der ersten Projekte entstand die Tageszeitung »Taz« – anfänglich von journalistisch völlig unerfahrenen, dafür aber umso enthusiastischeren Redakteuren gemacht.

Alternative Kneipen, Buch- und Fahrradläden, Druckereien und Anwaltskollektive bekamen durch das Treffen neuen Schwung. Die ersten Bioläden eröffneten, zu Anfang gab es da kaum mehr als Körner und die »Taz« zu kaufen. Und schließlich ging die Partei Die Grünen aus dem Tunix-Kongress hervor.

So hat ein Aufruf, verfasst im Jahr 1977 in einem Berliner Studentenzimmer, die Republik verändert. Die agitatorischen Reime verfehlten ihre Wirkung nicht:

„ Der Stein, der sprach zum Haus: / Ich halt’ dich nicht mehr aus. / Da sprach das Haus zum Stein: / Dann stürz’ ich eben ein.“ ---