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Fragen an Stephan A. Jansen

Ist Faulheit produktiv?

Fragen an Stephan A. Jansen



Gibt es eine wissenschaftliche Definition von Faulheit?

Faulheit ist vermutlich weniger eine Kategorie der wissenschaftlichen Definition als eine der praktischen protestantischen Ethik, des Volksmundes und der Ratgeberliteratur. Und ein Zuschreibungsbegriff von Fleißigen.

Aber das Thema hat in unserer „Müdigkeitsgesellschaft“, wie der Philosoph Byung- Chul Han unsere Zeit beschreibt, offenbar Konjunktur, was sich unter anderm an vielen Ratgebern zeigt.

Faulheit hat dabei interessanterweise keinen Eigenwert, sondern wird in der Regel als Negation von Tätigkeit beschrieben und hat viele Synonyme und Verwandte: vor allem moralisierte Begriffe wie Arbeitsscheu, Untätigkeit, Trödelei, Prokrastination, Drückebergerei und ab und an positive Begriffe wie Müßiggang, Muße, Kontemplation.

Der Philosoph Immanuel Kant beschrieb die Faulheit als „Hang zur Ruhe ohne vorhergehende Arbeit“ – im Gegensatz zum „größten Sinnengenuss im gesunden Zustande Ruhe nach der Arbeit“.

Ist Faulheit ein Zeitgeistphänomen?

Nein, auch wenn sie in eine Zeit passt, in der Depressionen und beschäftigungsbedingte psychische Leiden die Krankheitsbilder sind, die nach Berechnungen des Internationalen Arbeitsamtes der Vereinten Nationen die höchsten Ausfallzeiten und Krankenkosten für die Gesellschaft erzeugen.

Wie konnte es so weit kommen? Bei den griechischen Philosophen galt Muße noch als Ideal. Für Sokrates war sie gar die „Schwester der Freiheit“.

Bibelfeste wissen noch: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Aber bis weit ins Mittelalter hinein war die Faulheit selbst in deutschen Landen eben kein Makel, sondern ein Privileg, ein Lebensideal, ein Weg zur tieferen Erkenntnis. Die Neuzeit brachte die Wende: Fortschrittsglaube und Industrialisierung machten aus dem Müßiggänger den ungelittenen Parasiten, man denke nur an den Reformator Martin Luther: „Von Arbeit stirbt kein Mensch, aber von Ledig- und Müßiggehen kommen die Leute um Leib und Leben; denn der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen.“ Ab dann wütete die Arbeitswut.

Die christliche Religion hat inzwischen viel von ihrem Einfluss verloren, die Arbeitswut aber ist geblieben. Warum?

Kapitalismuskritiker glauben die Antwort zu kennen, allerdings galt in der DDR sogar die Arbeitspflicht. Nichtarbeitende mussten als „Asoziale“ das Gefängnis fürchten. In der Ablehnung des Müßigangs sind sich die Regierenden aller Länder einig: Deutsche Ex-Kanzler wie Helmut Kohl und Gerhard Schröder prangerten den Freizeitpark an und wiesen darauf hin, vermutlich geschichtsunkundig, dass es kein Recht auf Faulheit gebe.

Heute reden viele Leute am liebsten über vergangene oder geplante Aktivurlaube mit Fallschirmspringen, Tiefseetauchen und Extrembergsteigen als Ausdruck sportlicher Selbstüberschätzung. Überarbeitung ist kein individueller Vorgang mehr, sondern ein kommunikatives Signal an die Umwelt.

Bleibt die Frage, warum das so ist.

In der Mittelschicht der Nachkriegsgenerationen war dafür wohl das Phänomen des Angstfleißes verantwortlich. Das lässt nun etwas nach – dafür schaffen nun manche freiwillig bis über den 90. Geburtstag hinaus. Vermutlich hat die Wertschätzung von Arbeit mit dem Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit und Selbstbewusstsein zu tun.

Gibt es erfolgreiche faule Menschen?

Zahllose. Der französische Schriftsteller Marcel Proust formulierte spitz, dass man aus dem Umstand, dass mittelmäßige Menschen oft arbeitsam sind und die intelligenten oft faul, nicht schließen könne, dass Arbeit für den Geist eine bessere Disziplin sei als Faulheit. Albert Einstein praktizierte auch konsequent das Nickerchen, allerdings mit seinem Schlüsselbund in der Hand, damit er, wenn dieses ihm entglitt, wieder aufwachte. Bill Gates stellte immer dann eine faule Person ein, wenn es einen schwierigen Job zu machen galt. Denn faule Menschen fänden einen einfachen Weg, um die Sache zu erledigen.

Es gibt also durchaus produktive Effekte von Faulheit?

Aus der Arbeitspsychologie wissen wir, dass faule Menschen häufig in der Lage sind, Aufgaben in sehr kurzer Zeit zu erledigen. Aus zwei Gründen: Sie verschaffen sich so mehr Zeit für den bevorzugten Müßiggang – oder sie verschieben die Erledigung einer Aufgabe bis dicht vor eine Deadline, sodass sie diese schnell hinter sich bringen müssen. Das nennen Ökonomen dann Effizienz. Der Volksmund definiert genauer: „Faulheit denkt scharf.“ Auch die meisten Erfindungen sind der cleveren strategischen Faulheit zu verdanken, also der harten Arbeit an der Vermeidung weiterer harter Arbeit.

Die Aufschieberitis – im Berufsleben wie an Universitäten – wird gern als Problem beschrieben.

Prokrastination im Sinne des „Morgen, morgen nur nicht heute sagen alle faulen Leute“ ist ein Phänomen, das kein Problem sein muss. Dies war die Erkenntnis des durchaus umtriebigen und emeritierten Stanford-Philosophen John Perry, der für seine Theorie der strukturierten Prokrastination im Jahr 2011 mit dem Anti-Nobelpreis Ig-Nobel ausgezeichnet wurde. „Um ein Überflieger zu sein, arbeite stets an etwas Wichtigem, um zu vermeiden, etwas zu tun, das noch wichtiger ist.“ Es sind nicht wenige, die die genaue Beobachtung und die Hoffnung des Sich-selbst-Erledigens als Herrschaftsattitüde beherrschen. Zwischen Nachlässigkeit, Lässigkeit und Gelassenheit liegen schmale Grate. Die Kunst, sich auf ihnen zu bewegen, kann glücklich machen.

Warum wird Männern eher ein Hang zur Faulheit nachgesagt als Frauen?

Weil es stimmt. Die britische Autorin Laurie Penny, mit 28 Jahren zu den jungen, zornigen Vertreterinnen des Feminismus gehörend, sieht Frauen in einer Work-Work-Balance – Freizeit nach dem Beruf sei Familienarbeit. Die psychischen Folgen der Selbstoptimierungsideologie trifft empirisch tatsächlich vor allem Frauen. Hier würde Aufschieben helfen, also die Distanz zu den eigenen Durchhalteparolen, denn das schützt vor Depressionen.

So richtig unbeliebt scheint die Faulheit erst in der Industriegesellschaft geworden zu sein – weil der Mensch da seine Arbeitsleistung pro Zeiteinheit verkaufte?

Ja, wenn Zeit Geld ist und mehr Arbeitsleistung pro Zeit mehr Geld, wird Faulheit zur Entscheidung, weniger Geld zu verdienen. Und wir erleben ja mit der sogenannten Sharing Economy – und ihren Vermittlungsdiensten wie Uber, Airbnb oder neue Logistik-Dienstleistungsplattformen für private Berufspendler – derzeit die Ökonomisierung jeglicher Überkapazitäten und Freizeiten. Aber auch die Freizeit muss sinnstiftend sein, also Ehrenamt, Sport, Kultur. Das Faszinierende an der Work-Life-Balance ist, dass nun auch die Freizeit erarbeitet und durchgeplant wird – mit freiwilligen Entspannungszwängen wie Power-Yoga, Zen-Meditation, Extrem-Ausdauersport und Atem- und Sauerstoffkuren. Kein Wunder, dass manche einfach nur arbeiten wollen, da das doch ihr Leben ist – nur eben mal in Ruhe.

Haben Sie denn eine Empfehlung für mehr Balance?

Praktisch nein. Ich arbeite ja zusätzlich zu meinen normalen Aufgaben gerade in einer Hotel-Nacht sehr hart an diesem Interview zur Faulheit – was ein performativer Widerspruch ist. Theoretisch habe ich eine Empfehlung, die ich mir bei dem italienischen Schriftsteller und Grafen Baldassare Castiglione abgeschaut habe: Sprezzatura. Dies ist die Fähigkeit, „eine gewisse Art von Lässigkeit anzuwenden, die die Kunst verbirgt und bezeigt, dass das, was man tut oder sagt, anscheinend mühelos und fast ohne Nachdenken zustande gekommen ist“. Diese souveräne Lässigkeit schafft eine entspannte Gelassenheit. Aber was für eine harte Arbeit! ---

Prof. Dr. Stephan A. Jansen, derzeit Gastwissenschaftler an der Stanford University und Mitglied der Stiftungsleitung der Karl-Schlecht-Stiftung (Aichtal / Berlin)