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Berufsbedingt faul

Beamtenmikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren.
Zwei gute Gründe, Lehrer zu werden? Juli und August.
Langzeitstudenten? Schlafen am Tag und feiern in der Nacht. Hier sagen drei der Gemeinten, was sie von solchen Klischees halten.




Julia Wilson, 27, Verwaltungswirtin im öffentlichen Dienst

Wenn ich neue Leute kennenlerne und erzähle, dass ich Beamtin bin, ernte ich meist ein vielsagendes „Ah ja“. Früher habe ich in solchen Momenten immer geduldig erklärt, was wir alles machen, und versucht, die Meinung der Leute zu ändern. Heute lächle ich nur und biete ein Praktikum an: Überzeugt euch selbst vom Arbeitsumfang. Das macht natürlich niemand.

Ich bin jetzt seit acht Jahren Beamtin. Dass wir anders gesehen werden als normale Angestellte, erlebe ich schon mein ganzes Leben – mein Vater ist auch Beamter. Als Kind habe ich das nicht verstanden: Es hieß immer, Beamte seien faul und arbeiteten kaum. Das hat mich sehr gewundert. Warum sehe ich meinen Papa dann so selten?, habe ich mich gefragt. Mein Vater ist beruflich viel gereist und kam abends mindestens genauso spät nach Hause wie die anderen Väter.

Wer sich in Bayern für einen Job in der öffentlichen Verwaltung interessiert, muss ein Jahr vor dem Einstellungstermin an einem landesweiten Test teilnehmen. Wer gut genug abschneidet, wird von potenziellen Dienstherren zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Damals wusste ich noch gar nicht genau, was ich nach der Schule machen wollte. Den Test habe ich nur so gemacht, für alle Fälle. Bei der Vorbereitung auf die Vorstellungsgespräche wurde mir dann klar, dass mir die Arbeit Spaß machen könnte.

Die Zusage für die Stelle bei der Stadt München und das duale Studium zur Verwaltungswirtin kam noch vor dem Abitur. Das war dann natürlich auch Thema in der Schule, zum Beispiel im Wirtschaftsleistungskurs, den ich als einziges Mädchen belegt hatte. Der Standardspruch war damals: Die Julia wird Tippse. Das war in den Augen meiner Mitschüler offenbar das Bild einer Frau im öffentlichen Dienst. 

Wenn man über einen langen Zeitraum immer wieder mit den gleichen Sprüchen konfrontiert wird, juckt es einen irgendwann nicht mehr. Den meisten Menschen ist nicht klar, was eine Stadtverwaltung alles stemmt. Kontakt zu den Behörden hat man meist, wenn man den Wohnsitz ummeldet oder einen neuen Pass braucht. Dadurch sind vor allem die Bürgerbüros nach außen hin sichtbar, der ganze Apparat dahinter aber nicht. Wenn ich auf Messen erzähle, dass die Stadt München insgesamt 33.000 Beschäftigte hat, dann gucken die Leute erst mal groß: Wo sitzen die denn alle? Was machen die denn alle?

Ich arbeite im Personal- und Organisationsreferat. Wir kümmern uns zum Beispiel darum, dass die Stadt als Arbeitgeber attraktiv ist. Dafür gehen wir auf Messen, sind in den sozialen Medien aktiv und präsentieren uns auf Flyern, in Broschüren.

Laut Vertrag arbeite ich 40 Stunden in der Woche. Wir haben noch keine elektronische Zeiterfassung, stempeln also morgens ein und abends wieder aus. Am Ende des Monats gebe ich meine Stempelkarte im Vorzimmer ab, und die schauen dann, dass mit Urlaubstagen, Überstunden und Gleittagen alles hinhaut. Weil ich lieber ein bisschen länger schlafe und dafür länger bleibe, gehöre ich bei uns im Büro zu denen, die morgens eher spät kommen – ich fange meistens zwischen halb acht und acht Uhr an zu arbeiten.

Durch unsere flexiblen Arbeitszeiten haben wir einige Freiheiten. In Phasen, in denen es mal ruhiger ist, kann ich sagen: Heute gehe ich schon um 15 Uhr und nutze meine Überstunden dafür. Ich weiß natürlich, es gibt genau dieses Vorurteil: Ab 15 Uhr geht im öffentlichen Dienst keiner mehr ans Telefon – nur ist das ein Klischee, das so nicht stimmt. Wir haben sehr viele Kollegen, die gerade im Sommer jeden Tag schon um sechs Uhr im Büro sind. Wenn die um 15 Uhr gehen, haben sie ihre Arbeitszeit erfüllt. Nach außen hin sieht es vielleicht so aus, als hätten diese Kollegen immer sehr früh Feierabend. Wenn ich das mit Bekannten und Freunden vergleiche, die in der Privatwirtschaft arbeiten und morgens erst zwischen neun und halb zehn anfangen: Natürlich sitzen die abends länger im Büro.

Wenn jemand wirklich faul ist, dann findet er irgendwo eine Nische für sich – ob im öffentlichen Dienst oder in der Privatwirtschaft. Allerdings kenne ich über die Stadtverwaltung verteilt viele Kollegen, und auf keinen trifft das Klischee des faulen Beamten zu. Kein Wunder: Auch wir leben ja davon, dass Teams funktionieren, wir sind genauso auf die gute Zusammenarbeit mit Kollegen angewiesen wie viele andere Arbeitnehmer auch.

Neben der Arbeit mache ich zurzeit einen berufsbegleitenden Master in „Human Resource Management“, abends und am Wochenende. So viel zum Thema faule Beamte. Die meiste Zeit klappt das ganz gut, aber natürlich gibt es Phasen, gerade zu Prüfungszeiten oder wenn Hausarbeiten abgegeben werden müssen, in denen ich freitags früher gehe und dann bis Sonntagabend in der Bibliothek sitze. Ich hätte dafür auch meine Arbeitszeit reduzieren können, das wurde mir angeboten. Ich wollte aber nicht – München ist teuer, und ich zahle Studiengebühren.

Reich wird man als Beamter nicht, zumindest nicht im mittleren und gehobenen Dienst. Man kann aber davon leben. Und ich wusste ja vorher, dass mein Gehalt nicht vergleichbar mit dem in der Privatwirtschaft sein würde.

Die Aussicht auf Verbeamtung war ein absolutes Argument für den Beruf, sonst wäre ich den Weg nicht gegangen. Ich kannte die Vorteile von zu Hause. Für mich war die Sicherheit wichtig und die Möglichkeit, beides zu haben: Familie und Beruf. In meinem Job wäre es kein Karriereknick, wenn ich ein Jahr Elternzeit nähme. Da ist die Privatwirtschaft noch nicht so weit.

Wir werben als Stadt München auch damit, dass uns als Arbeitgeber die Work-Life-Balance wichtig ist, wobei das natürlich ein schmaler Grat ist: diesen Aspekt einerseits herauszuheben und auf der anderen Seite nicht das Image zu verstärken, dass Beamte wenig arbeiten müssen. Aber so ist es definitiv nicht. Wenn jemand mit dieser Motivation in den öffentlichen Dienst käme, würde er bitterböse enttäuscht werden.

Robert Heinrich, 41, Lehrer 

Wenn jemand sagt, Lehrer seien faul, dann stehe ich da natürlich drüber; ich weiß, dass es nicht so ist. Warum sich dieses alte Vorurteil immer noch hält, ist mir rätselhaft.

Meistens bin ich zwischen 15 und 16 Uhr zu Hause, anschließend verbringe ich erst einmal Zeit mit meinen Kindern. Um 20 Uhr sind die beiden im Bett, und dann geht für mich die Arbeit wieder los, meistens bis Mitternacht, manchmal auch länger. Einen Wochenendtag versuche ich ganz freizumachen, den anderen verbringe ich immer komplett am Schreibtisch.

Am meisten Spaß macht die Unterrichtsvorbereitung: sich zu fragen, was man vermitteln will, auf welchem Wege das am besten gelingt, und dann genau das Material zu finden, das die Schüler anspricht. Es gibt auch total organisierte Lehrer, die für das ganze Jahr vorarbeiten. Ich handhabe das anders, möchte spontane Anregungen und Fragen meiner Schüler in den Unterricht einbeziehen. Und im Fach Politik aktuelle Ereignisse aufgreifen. Die lassen sich nicht planen.

Als ich Schüler war, hatte ich einen Lehrer, der im Unterricht immer eine alte Aktenmappe rausholte und völlig vergilbte Kopien verteilte, die offenbar schon seit Jahrzehnten im Umlauf waren. Das war damals mein Bild vom Lehrerberuf. Heute glaube ich, dass das System Schule nicht funktionieren würde, wenn Lehrer mehrheitlich faul wären. Unser Gymnasium in Berlin lebt von Kollegen, die weit über das erforderliche Maß – 26 Unterrichtsstunden plus Vorbereitungszeit und Korrekturen – hinaus engagiert sind. Ein Kollege organisiert einen Austausch mit einer Schule in Texas, nebenbei hat er sich gerade um die Rechner gekümmert und recherchiert für ein Zeitzeugen-Projekt zu ehemaligen Schülern und Lehrern der vergangenen 40 Jahre. All das ist keine dienstliche Verpflichtung, sondern das freiwillige Engagement eines Einzelnen.

Der Austausch mit Texas bedeutet viel persönlichen Aufwand. Weil keine Schule es zuließe, dass die Schüler drei Wochen Unterricht verpassen, finden zwei Wochen des Austauschs in den Herbstferien statt. Das heißt, die Lehrer verbringen ihre eigenen Ferien an einer fremden Schule. Diese zusätzlichen Arbeitstage werden nicht ausgeglichen, das ginge auch gar nicht. Als ich vor zwei Jahren mit nach Texas gefahren bin, fehlte mir noch Monate später Zeit, die ich sonst zum Korrigieren genutzt hätte.

Mit Englisch, Politik und Geschichte unterrichte ich drei korrekturintensive Fächer, das war mir vorher nicht so klar, aber es waren nun mal die Fächer, die mich am meisten interessierten. Pro Abiturklausur habe ich drei Stunden gebraucht. Bei 16 Schülern im Leistungskurs sind das 48 Stunden reine Korrekturarbeit, die ich irgendwie unterbringen musste.

Gerade zwischen Frühling und Sommer ist der Aufwand groß, da habe ich dann schon manchmal keinen Bock mehr, wenn ich nachts am Schreibtisch sitze. Aber es gibt auch bessere Zeiten, ich muss nur noch lernen, die dann mehr zu genießen. Wir haben mehr Urlaubstage als normale Angestellte, ich glaube aber, übers Jahr verteilt gleicht sich die Mehrarbeit durch die Ferien aus. Das hoffe ich zumindest.

Bevor ich Lehrer wurde, habe ich mehr als zehn Jahre freiberuflich als Tontechniker und Kameraassistent gearbeitet. Ich hatte viele Freiheiten. Aber irgendwann fehlte mir die intellektuelle Herausforderung, deswegen habe ich nebenbei Geschichte und Englisch studiert. Seit 2012 bin ich Lehrer.

Als Freiberufler wusste ich oft nicht im Voraus, wann ich arbeite und wann ich frei habe, mit einer Familie ist das schwierig. Auch deswegen bin ich Lehrer geworden. Geld spielte keine große Rolle, ich wusste nicht mal, wie viel ich verdienen würde. Im Studium gab es aber auch Kommilitonen, die gesagt haben: Ich werde Lehrer wegen der Pension. Das hat mich schockiert, was ist das denn für eine Motivation? Außerdem werden in Berlin neue Lehrer schon seit 2004 nicht mehr verbeamtet.

Ich weiß gar nicht, welche Vorteile ich als Beamter hätte, abgesehen von der Pension. Ich bin ja auch so quasi unkündbar, gerade in Berlin, wo der Lehrermangel so groß ist. Als angestellter Lehrer wird man hier seit einigen Jahren schon als Berufsanfänger so bezahlt, als wäre man in der höchsten sogenannten Erfahrungsstufe. Ich verstehe nicht, warum Lehrer überhaupt Beamte sein müssen, die einzige hoheitliche Tätigkeit ist doch die Notenvergabe. In Deutschland sollten alle Lehrer angestellt sein.

Eigentlich wäre ich gern ein bisschen fauler, aber wer schlechten Unterricht macht, wird schnell mit wenig motivierten oder schlecht gelaunten Schülern bestraft. Das würde mir keinen Spaß machen. Ich bin gern Lehrer und hoffe, das verliere ich nie. Andererseits: Vermutlich fiele es mir dann leichter, faul zu sein.

Katharina Noß, 27, Studentin 

Am Anfang meines Studiums an der Uni Kiel hat sich einer von der Fachschaft Philosophie uns Neuankömmlingen als „Langzeitstudent“ vorgestellt, der war im 13. Semester. Ich dachte damals: Au weia, voll peinlich! Jetzt bin ich im zwölften Semester, die Regelstudienzeit im Bachelor liegt bei sechs Semestern. Natürlich denke ich heute ein bisschen anders über die Sache.

Dass es nicht nach Plan läuft, habe ich im dritten Semester gemerkt. Laut Studienordnung sollte im Fach Geschichte das Latinum bis zum vierten Semester abgeschlossen sein – davon war ich weit entfernt. In Philosophie waren meine Noten außerdem nicht gut, mir war eigentlich schon klar, dass mir das Fach nicht liegt. Ich dachte aber, ein Studienwechsel bedeute, dass man zu dumm für ein Fach sei, und sähe blöd aus. Im sechsten Semester bin ich durch eine Hausarbeit gefallen, in die ich viel Arbeit gesteckt hatte. Da habe ich aufgegeben. Viele waren schockiert, als ich so spät noch das Fach wechselte. Aber es war die richtige Entscheidung, Musikwissenschaft liegt mir viel mehr.

Wenn ich gefragt werde, was ich mit meinen Fächern später mal machen will, dann sage ich immer schon selbst: Taxi fahren. Ich habe nicht angefangen zu studieren, weil ich ein klares Berufsziel vor Augen hatte, sondern weil ich mich ganz klassisch weiterbilden und etwas lernen wollte. Ein festes Berufsziel habe ich immer noch nicht vor Augen, aber eine gewisse Vorstellung, welche Bereiche infrage kommen, Tontechnik oder Hörspiel etwa. Das reicht mir, es öffnen sich ja immer wieder neue Wege.

Ich finde, im Studium sollte es um mehr gehen, als nur darum, Module abzuhaken. Gerade bei den jüngeren Studenten, die nach mir an die Uni kamen, beobachte ich einen großen Druck, sehr schnell fertig zu werden. Eine Freundin von mir muss nach einem Auslandsjahr in Polen zwei Semester wiederholen. Als sie das erfahren hat, war das schrecklich für sie.

Bei vielen steckt Angst dahinter. Studium ist heute wie Schule. Und solange du mit dem Lernen nicht fertig bist, kannst du nicht richtig erwachsen sein, nicht richtig leben. So entsteht dann die Angst, etwas zu verpassen, weil man zu spät „ins Leben“ einsteigt und alle um einen herum viel weiter sind. Ich hatte nie einen starren Lebensplan im Sinne von: Mit 25 starte ich ins Berufsleben, mit 30 gründe ich eine Familie. Vielleicht hätte mich das angetrieben, aber eigentlich bin ich froh, das entspannt zu sehen. Manche haben ja solche konkreten Pläne und sind dann früh unglücklich, weil sie keine Freiheiten mehr haben.

Seit dem sechsten Semester muss ich regelmäßig erklären, warum ich noch studiere. Die meisten meinen es aber nicht böse. In meiner Familie und in meinem Freundeskreis verstehen die Leute die Gründe. Aber ausgerechnet bei Kommilitonen habe ich manchmal den Eindruck, dass sie glauben, ich hätte es intellektuell nicht schneller geschafft.

Mir sagt niemand ins Gesicht, dass er mich für faul hält, aber Langzeitstudenten werden nun mal oft so gesehen. Es gibt ja auch diese Leute, die einfach keine Lust haben, ins Berufsleben einzusteigen, weil es an der Uni so schön ist, weil sie ihre geschützte, sichere Blase nicht verlassen wollen. Und andere machen monatelang nichts, kiffen und lassen sich treiben.

Ich habe Langzeitstudenten auch selbst lange mit Faulheit assoziiert. Bis ich plötzlich selbst dazugehörte und wusste, dass es komplizierter ist. Die Faulheit entwickelt sich oft aus einem gewissen Frust heraus, zumindest war es bei mir so. Ich kam nicht vorwärts und hatte das Gefühl, etwas falsch zu machen – und deswegen habe ich dann lieber gar nichts gemacht. Das ist natürlich eine Schutzreaktion.

Mein Ventil war die Arbeit, ich habe mich in meine Nebenjobs reingehängt, weil es dort besser funktionierte. Erst habe ich gekellnert, jetzt arbeite ich bei H&M, 20 Stunden in der Woche, in den Semesterferien auch mehr. Das ist nicht wenig, aber ich bekomme das Gleichgewicht inzwischen besser hin; ich weiß, dass die Uni wichtiger ist.

Heute habe ich großes Verständnis dafür, wenn jemand lange studiert, viel mehr als für jemanden, der schon nach dem fünften Semester fertig ist. Solche Studenten hatten doch kein Leben neben der Uni! Mit Anfang 20 ist man noch in den Post-Teenagerjahren: Eigentlich ist man noch Teenager, aber dann muss man plötzlich erwachsen handeln. Das überfordert viele, umso mehr, wenn sie so jung gleich in den Beruf einsteigen sollen.

Ich habe jetzt noch eine Prüfung in Geschichte vor mir, danach melde ich meine Bachelorarbeit an, die werde ich über Bob Dylan schreiben. Wenn alles nach Plan läuft, beginne ich im Herbst meinen Master. Den würde ich schon ganz gern in der Regelstudienzeit schaffen, also in vier Semestern – aber auch nicht um jeden Preis. ---