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Die Ökonomie von Helgoland

Die höchste Kunst der Markenführung ist der Imagewechsel. An dem der Nordseeinsel Helgoland arbeitet hartnäckig ein Bayer.





• „Die Gäste lieben Helgoland, oder sie werden mit der Insel überhaupt nicht warm“, sagt Klaus Furtmeier. Der 52-Jährige gehört nicht nur von Berufs wegen zu Ersteren. Schon als er sich 2007 um den Job des Tourismusdirektors bewarb, verguckte er sich in das winzige Eiland und zog von Garmisch-Partenkirchen, wo er zuvor das gleiche Amt bekleidet hatte, gen Norden. Seitdem arbeitet er gegen den Ruf des von bösen Zungen so genannten Fuselfelsens an.

Jahrzehntelang verdienten die Insulaner prächtig an Tagestouristen, die sich dort – dank des Privilegs, das die Insel seit Jahrhunderten genießt – steuer- und zollfrei mit Schnaps und Zigaretten eindeckten. Vormittags landeten bis zu 10 000 Besucher an, nachmittags legten sie wieder ab – meist ohne die Vorzüge Helgolands wahrgenommen zu haben.

Dazu zählen Raubtiere (Kegelrobben) denen man auf der vorgelagerten Düne sehr nahe kommen kann. Eine Fünfziger- und Sechzigerjahre-Architektur, die es so geschlossen nirgendwo sonst gibt. Und frische, pollenfreie Luft, die schon den vom Heuschnupfen geplagten Werner Heisenberg anlockte, dem im Juni 1925 auf dem roten Sandsteinfelsen der Durchbruch bei der Formulierung der Quantenmechanik gelang.

Furtmeier hebt diese Vorzüge der „Marke Helgoland“ hervor, weil das alte Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert. Die Zahl der Besucher der Insel hat sich seit den Achtzigerjahren mehr als halbiert. Dafür bleiben sie länger, die Zahl der Übernachtungen hat um rund 40 Prozent zugenommen. Furtmeiers lobt den „magischen Zeitpunkt“ um 16.30 Uhr: „Dann wird der Schalter umgelegt, die Tagestouristen reisen ab, und man kann Helgoland mit dem typischen Insel-Feeling richtig genießen.“ Seine Vision ist die einer autofreien Wellness-Destination für Großstadtmenschen, die abschalten wollen.

Doch mancher Insulaner kann sich damit nicht anfreunden und trauert den alten Zeiten nach. „Einige wenige“, bedauert der Tourismusdirektor, „scheinen den Schuss noch nicht gehört zu haben.“ Erschwerend kommt hinzu, dass mit dem „Atoll“ das einzige Luxushotel vom Markt ist: Der Besitzer hat es 2013 für zehn Jahre komplett an das Unternehmen WindMW aus Bremerhaven vermietet.

Furtmeier bleibt trotzdem optimistisch. So soll eventuell ein neues Hotel neben dem Meerwasserschwimmbad „Mare Frisicum“ entstehen. Und manchmal hat er auch Glück mit einem prominenten Gast: Als 2014 erstmals ein eigentlich im Südpolarmeer beheimateter Schwarzbrauenalbatros auf Helgoland gesichtet wurde, war das eine Sensation für Ornithologen – an die 100 aus ganz Europa flogen in kürzester Zeit ein. ---

Helgoland liegt, knapp 70 Kilometer vom Festland entfernt, in der Deutschen Bucht. Der Schiffszimmermann Jacob Andresen Siemens initiiert die Gründung eines Seebads auf der damals zu Großbritannien gehörenden Insel, das 1826 den Betrieb aufnimmt. Die Helgoländer sind zunächst skeptisch, lassen sich aber bald von den Verdienstmöglichkeiten überzeugen. Dazu zählt das Vorrecht, die Badegäste von den Fährschiffen zur Insel zu transportieren („auszubooten“). 1890 wird Helgoland an Deutschland abgetreten und zur Festung ausgebaut. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs müssen die Helgoländer ihre Heimat verlassen. Die Briten zerstören mit der größten nicht nuklearen Sprengung der Geschichte die Militäranlagen und nutzen die Insel danach als Bombenabwurfplatz. 1952 geben sie den Felsen an die Bundesrepublik zurück. Den Wiederaufbau leitet der Architekt und Bauhaus-Mitbegründer Otto Bartning. Das gesamte Ensemble steht heute unter Denkmalschutz. Einen wirtschaftlichen Aufschwung verdanken die Insulaner den Offshore-Windparks, die erstmals zu Gewerbesteuereinnahmen in nennenswerter Höhe führen. Was aber nichts am Status der „Fehlbedarfsgemeinde“ ändert, die am Tropf des Landes hängt. Das verbindet Helgoland mit seinem Vorbild Sylt.

Helgoland:
Größe: 1,7 qkm
Einwohner: rund 1500
Besucher pro Jahr: 320.000
Gästebetten: 2850