TableConnect

Werbung wirkt. Das bewiesen drei Österreicher, die ein Produkt herbeifantasierten und weltweit Interesse dafür weckten. Nun könnte aus dem Marketing-Gag sogar ein Geschäft werden.





• TEDx-Konferenz in Wien. Nino Leitner, Stefan Fleig und Lucas Triebl betreten die Bühne und enthüllen den ersten iPhone-Tisch der Welt, ausgestattet mit einem riesigen Touchscreen. Der Tisch kann den Bildschirm eines angeschlossenen iPhones darstellen, reagiert auf Gesten und öffnet Apps. Eine kleine Sensation.

Triebl stöpselt sein iPhone an. Es zeigt: „Synchronisieren“. Die Spannung steigt. Das Publikum reckt erwartungsvoll die Hälse. In den ersten Reihen Investoren, teilweise aus Italien angereist, fertige Verträge in den Taschen. Die Zeit vergeht. Nichts passiert.

Während Triebl hilflos auf sein Handy schaut, greift Stefan Fleig unbemerkt unter den Tisch und drückt den Auslöser: Eine Rauchbombe explodiert, Qualm steigt auf. Im Publikum zaghaftes Lachen. In den ersten Reihen versteinerte Gesichter. Dann die Auflösung: Es ist alles ein Fake.

Das Spektakel ist der Schlussstrich unter einer beispiellosen Marketingkampagne. Und hinterlässt bei den drei Machern das mulmige Gefühl: Aus dem Projekt hätte mehr werden können.

Der Fake

Alles begann mit einem schnell dahingesagten Satz: „Hey, dein Tisch sieht aus wie ein iPhone.“ Nino Leitner und Stefan Fleig hatten sich an der Fachhochschule in Salzburg kennengelernt. Leitner studierte Kamera und Film, Fleig 3D-Animation und Post-Production. Lucas Triebl war bereits selbstständiger Designer. Nach dem Studium taten sich die drei zusammen und gründeten das LOA Design Studio. Fleig und Leitner zogen nach Wien, Triebl blieb in Salzburg. Alle paar Wochen trafen sie sich in seinem Büro. Dort stand dieser Tisch im Art-déco-Stil aus den Achtzigerjahren, schwarze Platte mit Glasoberfläche und Chromkanten. Kaum hatte Leitner den entscheidenden Satz ausgesprochen, da standen die drei schon um das Möbelstück herum und überlegten: Wie sähe so ein iPhone-Tisch aus?

Der Prototyp: So soll das Produkt einmal aussehen

Sie kamen auf die Idee, einen Film zu drehen, der zeigt, was das Gerät können soll. Fleig sollte durch visuelle Effekte die Icons des iPhones auf den Tisch projizieren. Nach zwei Stunden und fünf bis sechs Versuchen hatten sie das Rohmaterial fertig gedreht. Die Nachbearbeitung dauerte eine Woche. „Am Ende“, sagt Fleig, „sah es besser aus, als wir erwartet hatten.“

Nun wollten sie den Film so weit wie möglich verbreiten, um auf ihre Firma aufmerksam zu machen. Sie wiesen anonym im Netz auf ihr Projekt hin, luden Fotos hoch und kündigten an, dass der Film in sieben Tagen folgen würde. „Alles musste möglichst billig und amateurhaft aussehen“, sagt Leitner. „Wir wollten wie Bastlertypen aus der Garage erscheinen. Niemand sollte auf die Idee kommen, dass wir Visual Effekts können.“

Die Karten offen legen

Sie schickten die Fotos auch an das Technik-Portal Engadget. Dort gab es den ersten kleinen Bericht. Eine Woche später waren schon zahlreiche andere Medien darauf aufmerksam geworden. Alle warteten auf das Video. Was dann folgte, überrollte die drei Österreicher wie eine Lawine. Weltweit stürzten sich Medien auf das Thema. Das Video wurde bei Youtube in den ersten zwei Wochen mehr als drei Millionen Mal angeklickt. „Es traf uns völlig unvorbereitet“, erinnert sich Leitner. „Wir konnten uns nicht mehr wehren. Es kamen Hunderte von E-Mails, jeden Tag neue Kaufanfragen. Wir waren völlig überfordert.“

So verpassten sie ihre erste Chance. Es war ihnen gelungen, mit geringem Aufwand große Aufmerksamkeit für ein nicht existierendes Produkt zu erregen – das aber niemand mit ihnen in Verbindung brachte. Und ebenso schnell wie der Hype entstand, ebbte er auch wieder ab. „Wir hätten das Rätsel gleich auflösen sollen“, sagt Leitner, „aber die vielen Kaufanfragen brachten uns ins Grübeln.“ War da mehr drin? Ein echtes Produkt?

Sie begannen zu recherchieren, redeten mit verschiedenen Firmen, kamen aber nicht weiter. „Manche glaubten, dass der Tisch technisch nicht zu realisieren wäre, andere sahen keinen Markt dafür. Und manchmal stimmte auch einfach die Chemie nicht“, sagt Leitner. Die Zeit verging, und die Chancen schwanden.

Als die erste TEDx-Konferenz in Wien geplant wurde, hatte das Trio mit seiner Idee eigentlich schon abgeschlossen. Die drei wollten einen Schlussstrich ziehen, die Karten offenlegen. Das Thema der Konferenz lautete „Domino-Effekt“ und schien ideal für ein letztes großes Spektakel. „Kurz vor dem Event bekamen wir wieder sehr viele E-Mails. Besonders eine Firma aus Italien schrieb uns täglich“, sagt Leitner. „Die wollten extra einfliegen und Business machen.“ Was sollten sie antworten? Die Wahrheit sagen? „Wir antworteten lieber gar nicht“, sagt Fleig.

Der Knalleffekt bei der Konferenz brachte wieder etwas Publicity – und böse E-Mails von den Italienern. Sonst passierte monatelang nichts. Bis sich eine Firma meldete, die behauptete, den Tisch realisieren zu können. Es wurde tatsächlich konkret.

Das Produkt

Die Idee eines Touchscreen-Tisches ist nicht neu. Es gibt zahlreiche Anbieter von berührungsempfindlichen Displays für Messen und Präsentationen. Microsoft arbeitet seit Jahren an einem Tisch namens Pixelsense. Das Problem: Für die Displays müssen eigene Apps programmiert werden. Das ist aufwendig und teuer. Die Idee der Österreicher, die Technik gängiger Handys auf einen elektronischen Tisch zu übertragen, ist dagegen neu. Leitner berichtet, dass es Anfragen von Autoherstellern gebe, die zunehmend auch auf Apps setzen. „Bisher konnten sie die nie richtig präsentieren, weil auf Messen immer nur einer im Auto sitzen und testen kann. Mit unserem Tisch könnte man die Apps vielen Kunden gleichzeitig vorführen. Und sie könnten diese Apps hinterher auf ihr Smartphone laden und einfach mitnehmen.“

Der zweite Makel der bisher verfügbaren Modelle ist das meist lieblose Design. „Die sind alle nicht sexy“, sagt Leitner. „Das sind Industrieprodukte, aus denen manchmal noch die Kabel raushängen.“ Er und seine Kollegen haben ein eigenes Design entwickelt, mit angeschrägten Tischbeinen, sodass man den Tisch auch hochkippen und als Aufsteller verwenden kann. Geplant ist ein großer Konferenztisch und eine kleinere Variante als Couchtisch. „Es soll ein richtig cooles Möbelstück werden, das man sich gern in sein Büro oder ins Wohnzimmer stellen möchte“, sagt Leitner. „Durch die vielen Kaufanfragen wissen wir genau, was die Leute wollen.“

Eine große Bank möchte am liebsten in jeder ihrer Filialen einen Tisch aufstellen. Konkrete Anfragen gibt es für etwa 400 Stück. Geschätzter Preis: je 20 000 bis 25 000 Euro. Was noch fehlte war ein funktionierender Prototyp. Und das Geld dafür.

Der Bumerang-Effekt

Also ging das Team ein zweites Mal in die Offensive und stellte sein Projekt auf einer Crowdfunding-Plattform vor. „Die Idee war, der Welt zu sagen, dass wir zurück sind und dass wir es jetzt ernst meinen“, sagt Fleig. Die Reaktionen blieben überschaubar. Rund 5500 Euro bekamen sie zusammen. Die Presse reagierte zurückhaltend. „Die großen amerikanischen Medien, die damals für den Schub gesorgt hatten, haben tatsächlich keinen einzigen Artikel mehr geschrieben.“ Nun rächte sich, dass die Geschichte mit einem Schwindel begann.

Sie narrten die Welt: Lucas Triebl, Nino Leitner und Stefan Fleig (von links)

Also kratzten die Unternehmer selbst ihr letztes Geld zusammen, rund 7000 Euro nur für Materialkosten, und produzierten mit ihrem Kooperationspartner den ersten Prototyp. „Es war auch ein Test, ob der Partner konnte, was er versprochen hatte“, sagt Leitner. „Und wir haben viel daraus gelernt.“ Denn noch gibt es technische Probleme, die sich aber mit einer besseren Touchfolie lösen ließen, die sich die drei bislang noch nicht leisten konnten. Das größte Problem aber ist überwunden: Signale überhaupt erst vom Tisch in das iPhone hineinzubekommen. „Denn dieser Weg ist ja von Apple gar nicht vorgesehen“, sagt Leitner, „den muss man sich erst schaffen.“

Für die Entwicklung haben sie einen neuen Geschäftsführer mit ins Boot geholt, der sowohl die technische als auch die wirtschaftliche Seite versteht. „Wir selbst haben jede Woche zwei bis drei Termine bei Kunden und präsentieren unseren Prototyp“, sagt Fleig. „Das Interesse wird jetzt sehr konkret.“

Seit einem Auftritt in einer Start-up-Show im österreichischen Fernsehen hat das Team auch ein Angebot von einem Investor. Ob sie es annehmen werden? „So richtig happy sind wir damit noch nicht“, sagt Leitner. „Vielleicht können wir noch mehr herausholen.“ Ebenfalls noch ungeklärt ist die Vertriebsfrage. „Wir brauchen Partner in den einzelnen Ländern, die auch Service und Reparatur übernehmen. Auch hierfür gibt es schon Anfragen.“ Man merkt, dass sie das Thema noch nicht vollständig durchdacht haben.

Gab es auch Kontakt zu Apple? „Für Apple ist das Produkt zu nischig“, sagt Leitner. „Es würde Apple auch nichts daran hindern, dieses Ding selbst zu produzieren, wenn sie es denn wollten – oder uns zu verklagen.“

An Mut mangelt es den Gründern nicht. Mit einer Mischung aus Naivität und Chuzpe haben sie es schon weit gebracht. ---
Links: Das Fake-Video: b1-link.de/table_fake
Auftritt TEDx Vienna: b1-link.de/tedx_vienna
Kontakt: b1-link.de/Tableconnect