Material Mafia Berlin

Die Berliner Material Mafia vermittelt Abfall. Denn der ist zu schade fürs Recycling.





• Der Luftzug der Dachbodentür lässt den träge im Raum hängenden Staub tanzen. Durch schmale Fensterluken fällt Tageslicht, die dunklen Ecken unter den Schrägen erreicht es jedoch nicht. Hier lagern in Kisten und Plastikfolie verpackt die Überbleibsel eines Künstlerateliers, die meisten Menschen würden es wohl Sperrmüll nennen. Mit einem kräftigen Ruck reißt Katja von Helldorff eine Plastikfolie auf, nimmt Maß, fotografiert, dokumentiert: Drei Rollen lilafarbener Teppich, acht Zinnplatten und fünfzehn Mehrfach-Eierständer mit beweglichen Ringen, Relikte einer Performance, das alles nimmt sie mit. Am Nachmittag postet sie die Fotos auf Facebook und Twitter, verschickt sie in ihrem Newsletter. Wer Interesse hat, meldet sich und macht einen Übergabetermin aus.

Die 34-Jährige holt ab, was „für die einen Reststoffe, für andere aber Rohstoffe sind“. In ihrem Berliner Unternehmen Material Mafia vermittelt sie alles, was noch irgendwie von Nutzen sein könnte. Getreu dem Motto: Müll ist eine Definitionsfrage. Ihre Kunden sind Künstler, Schulen, Kindergärten, Kneipenbesitzer und der Nachbar von gegenüber.

Die Vermittlungsgebühr ermittelt von Helldorff individuell, das Material kostet den Käufer nichts, „ich berechne nur den Zeitaufwand und, wenn nötig, die Kosten für ein Mietfahrzeug“. In ihren alten blauen Kastenwagen passe zwar einiges rein, aber eben nicht alles.

Hierzulande werden rund 60 Prozent des Abfalls wiederverwertet, und nicht ohne Grund wähnen die Menschen ihren Müll bei der Stadtreinigung in guten Händen. Aber natürlich ist es sinnvoller, Material, so wie es ist, wiederzuverwerten, statt es aufwendig zu recyceln. Die Idee dazu kam Katja von Helldorff, damals freischaffende Künstlerin, im Winter 2010. Sie war auf der Suche nach günstigen Materialien für ihre Werke, als ihr eine Freundin von einer Vermittlungsstelle in Australien erzählte. Diese Idee gefiel ihr, sie erarbeitete einen Geschäftsplan und stellte ihn bei der Gründerinnenzentrale vor. „Deren Begeisterung hat mir den notwendigen Schub gegeben.“

Die Agentur für Arbeit gewährte ihr einen Zuschuss, zusammen mit ihren Ersparnissen reichte es, um das Auto zu kaufen und eine Website zu erstellen. Im Dezember 2011 gewann sie den Gründerpreis des Berliner Wohnungsunternehmens Degewo, die Jury überzeugte das Konzept und der solide Finanzplan. Die gebürtige Belgierin durfte ein 45 Quadratmeter großes Ladengeschäft beziehen, für das sie im ersten Jahr keine Miete, im zweiten Jahr nur die Nebenkosten zahlen musste. Ein Neuanfang, der ihr Leben umkrempelte. „Als Künstlerin ist es relativ schwer, sein Brot zu verdienen“, sagt die Frau. Nun führt sie ein kleines Unternehmen, in dem es mittlerweile genug Arbeit für zwei gibt.

Simone Kellerhoff steht ihr als Geschäftspartnerin zur Seite. Die 45-Jährige war zwölf Jahre Mitglied einer Theatergruppe, im Sommer reisten sie durch Europa, im Winter leben sie auf Bauwagenplätzen, zuletzt in Berlin. „Wir haben Upcycling praktiziert, aber hip fand das niemand, unser Lebensstil gehörte eher in die Schmuddelecke.“ Bei der Material Mafia organisiert sie Workshops, „momentan zeige ich Grundschulkindern, wie man aus Restmaterialien mit simplen Verfahren Dinge herstellen kann: Puppen aus Papier, Planetensysteme aus Dosen, Schmuck aus Fahrradschläuchen.“ Solche Kurse sind das zweite Standbein der Firma. Der Umsatz ist bescheiden, aber die Tendenz ist positiv: 2013 kam die Material Mafia auf rund 26 000 Euro, doppelt so viel wie im Vorjahr. Eine Crowdfunding-Kampagne brachte zudem Kapital für Investitionen unter anderem in ein Lager im Prinzessinnengarten, einem Gartenprojekt auf einer ehemaligen Brachfläche. Autoreifen, Holzfaserplatten, Kartonverpackungen und anderes dienten als Baumaterial.

Immer samstags öffnen sie es für zwei Stunden, damit die Kunden stöbern können. So wie Nils Wollschläger, 39, Zirkusartist. Tauschgeschäfte seien in seinem Kreis an der Tagesordnung, „aber wie Katja das professionalisiert hat, ist super!“ Der Akrobat kauft eine Kiste mit Lichtfiltern. Im Gegenzug bekommt die Material Mafia von seinem Arbeitskollegen Schaumstoffmatten, die wiederum die Bühnenbildner des Ballhaus Ost Prenzlauer Berg für ihre Kulissen brauchen. Etwa 15 Kubikmeter Schaumstoff sollen es insgesamt sein, zwei Wagenlieferungen.

150 Euro verlangt von Helldorf pro Wagenladung vom Ballhaus, davon gehen die Kosten für einen gemieteten Transporter ab, „am Ende bleiben gut hundert Euro pro Lieferung als Gewinn übrig“. Nicht viel für einen halben Tag Arbeit. „Das stimmt, nur mit der Vermittlung des Materials – ohne die Kurse – wäre das Unternehmen nicht profitabel.“

Sie denkt aber schon weiter: „In Zukunft wollen wir Großunternehmen als regelmäßige Materialgeber und Geldspender einbinden, so werden die Kosten gleichmäßig auf alle Beteiligten verteilt.“ Und aus Zufallstreffern soll ein verlässlicher Materialkreislauf entstehen. ---

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