Nebenjob von Professoren

Viele Professoren verdienen nebenbei Geld. Wie viel und womit, darüber erfährt die Öffentlichkeit so gut wie nichts.





• Wer Professor Volker Gruhn im Internet sucht, findet eine echte Rarität. Am Ende des Lebenslaufs auf der Website des Ruhr Instituts für Software Technology steht, dass der 50-Jährige einer Nebentätigkeit nachgeht: „Er ist Gründer und Vorsitzender des Aufsichtsrates der Dortmunder Adesso AG.“

So viel Offenheit ist eine Ausnahme. Die Universität Köln etwa weigerte sich im vergangenen Jahr, auf eine Presseanfrage zu antworten, in der Auskünfte über die Zahl der Professoren mit Nebentätigkeiten erbeten worden waren. Begründung: zu viel Aufwand. Daran änderte sich auch nichts, als die Frage auf eine Fakultät begrenzt wurde. Das Magazin »Impulse« machte 2005 eine ähnliche Erfahrung. Es fragte 94 Universitätsrektoren, wie viele ihrer Professoren nebenbei arbeiten. 69 schwiegen.

Der Hochschule Bremerhaven und der University of London gelang es 2007 immerhin, bei einer Umfrage unter Professoren von 27 Fachhochschulen, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. 71 Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen fünf Jahren nebenbei gearbeitet zu haben. Beliebte Zweitjobs: Vortragsredner, Unternehmensberater, Gutachter, Geschäftsführer einer Firma, Architekt, Ingenieur.

Dagegen ist nichts einzuwenden, solange der Wissenschaftler nicht jene Pflichten vernachlässigt, die zu seiner Professur gehören. Schließlich schadet es Lehrenden nicht, wenn sie Erfahrungen sammeln, ihr Wissen auch außerhalb der Universität teilen oder zur Unternehmensgründung nutzen. Problematisch ist die mangelnde Transparenz.

Verboten jedenfalls sind Nebentätigkeiten nicht, sondern sorgsam geregelt – wenn auch in jedem Bundesland anders. In der Regel müssen die Forscher einen Antrag stellen oder ihren Nebenverdienst angeben. Kontrolliert und genehmigt werden Nebenjobs letztlich vom Rektor oder Präsidenten. Der Dienstherr darf nur dann grünes Licht geben, wenn die Forschung, Lehre und Aufgaben in der Verwaltung nicht darunter leiden. Die meisten Länder halten es für unbedenklich, wenn der Nebenjob acht Stunden wöchentlich in Anspruch nimmt. Einnahmen aus den Zweitjobs müssen der Hochschule erst ab einem bestimmten Betrag gemeldet werden, in Nordrhein-Westfalen sind es 1200 Euro pro Jahr.

Der Landesrechnungshof Nordrhein-Westfalen überprüfte in den Jahren 2008 und 2009 sechs Fachhochschulen. Ergebnis: Rektoren genehmigten Nebentätigkeiten, obwohl aus den Unterlagen nicht hervorging, wie viel Zeit diese in Anspruch nehmen würden, wer die Auftraggeber und wie hoch die zu erwartenden Einnahmen waren. Obendrein deckte der Rechnungshof auf, dass viele Professoren ihre Nebentätigkeiten überhaupt nicht angegeben hatten, und warnte, dass unter dieser Praxis die Lehre leiden könne.

Hochschullehrer, die ihre hauptamtlichen Pflichten vernachlässigen, sind keine Seltenheit. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« berichtete 2011 etwa von einem Professor, der mit seinem Zweitjob mehr verdiente als mit seinem Lehrstuhl und seine Vorlesungen gegen Bezahlung von seinen Mitarbeitern vorbereiten ließ. Die »Süddeutsche Zeitung« schrieb im Oktober 2013 über einen Hochschullehrer, der als Marketingberater in drei Jahren nebenbei 900 000 Euro einnahm – wohl kaum mit acht Stunden pro Woche.

Für Andreas Keller, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, muss sich etwas ändern: „Die Nebentätigkeiten von Professoren müssen transparenter werden.“ Uwe Kamenz, Professor an der Fachhochschule Dortmund, sieht das höchste Gut der Wissensvermittler gefährdet: ihre Unabhängigkeit. Wenn ein Hochschullehrer im Aufsichtsrat eines Pharmakonzerns sitze, dann müsse die Öffentlichkeit davon erfahren, weil er nicht mehr nur seinem Gewissen, sondern auch seinem Unternehmen verpflichtet sei. Das könne zur Folge haben, dass die Interessen der Firma in die Forschung mit einflössen. „Es ist deshalb wichtig, die Unabhängigkeit unserer Professoren permanent zu beobachten und gegebenenfalls gegen Auswüchse vorzugehen.“

Die Hochschulen haben allerdings nur ein geringes Interesse an Transparenz. Nebentätigkeiten geben ihnen die Möglichkeit, unzufriedene Wissenschaftler in Zeiten niedriger Gehälter zu besänftigen. Kamenz selbst hat einmal erlebt, wie ein Mitglied der Berufungskommission, die über seine Einstellung entschied, zu ihm sagte: „Das Professorengehalt müssen Sie sich wie ein Butterbrot vorstellen. Was Sie drauflegen, bestimmen Sie.“

Oft stehen die Universitäten vor einem Interessenkonflikt. Auf der einen Seite sollen sie darauf achten, dass die Nebentätigkeiten nicht aus dem Ruder laufen, auf der anderen Seite wollen sie die besten Forscher an sich binden. Das Resümee des Landesrechnungshofes Nordrhein-Westfalen legt nahe, dass sie daher ein Auge zudrücken: „Insgesamt entstand der Eindruck, dass die Hochschulen bemüht waren, in Zweifelsfällen stets zugunsten der Antragsteller zu entscheiden und ihnen möglichst weit entgegenzukommen.“

Die Kontrolle wollen sich die Univer-sitäten aber nicht aus der Hand nehmen lassen. „So eine Sache sollte man an Bord der jeweiligen Hochschule regeln“, sagt Harmut Ihne, Präsident der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Sie gehört zu jenen, bei denen der Landesrechnungshof Verstöße festgestellt hat. Für Ihne ist das jedoch kein Anlass, die Lehrtätigkeit der Professoren stärker zu überprüfen: „Es wäre falsch von uns, ein Kontrollsystem aufzubauen.“ Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, warnt davor, die Professoren unter Generalverdacht zu stellen: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist furchtbar.“

Auch im nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium sieht man keinen Anlass zu handeln: Dietmar Möhler, Abteilungsleiter für Hochschulen und Planung, betont, Nebentätigkeiten für Professoren seien wichtig, weil sie für einen Wissens- und Technologietransfer sorgten.

Die Untätigkeit des Wissenschaftsministeriums lässt sich nur schwer verstehen, hatte der Landesrechnungshof Nordrhein-Westfalen im Jahr 2010 doch noch von diesem gefordert, für eine „strikte Anwendung“ der Bestimmungen des Nebentätigkeitsrechts zu sorgen.

Seit 2005 hat die Neigung der Hochschullehrer zugenommen, anderen Jobs nachzugehen. In jenem Jahr wurde die W- Besoldung eingeführt, die den Unis mehr Spielraum beim Personaletat geben sollte. Will ein Rektor heute einen renommierten Wissenschaftler an seine Universität locken, kann er dessen Gehalt über Zulagen verdoppeln. Der Knackpunkt: Die Hochschulen haben ein festes Budget. Geben sie dem einen mehr, müssen sie dem anderen weniger geben. „Seit Einführung der W-Besoldung verdienen einige Professoren mit 50 000 Euro im Jahr so viel wie ein Studienrat“, sagt Kamenz. Für Michael Hartmer, Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbands, sind die niedrigen Saläre daran schuld, dass „die Nebentätigkeiten tendenziell zugenommen haben“.

Andreas Keller von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft glaubt, dass man die Verstöße durch mehr Transparenz in den Griff bekommt. Er schlägt vor, dass die Universitäten in ihren Jahresberichten angeben müssten, welche Professoren nebenbei Geld verdienen und womit. Bei besonders hohen Einkünften könne man es wie bei Bundestagsabgeordneten machen, die ihre Honorare ab einer bestimmten Höhe für jedermann offenlegen müssen.

Uwe Kamenz reicht das noch nicht aus. Der Professor der FH Dortmund will ein Internetportal schaffen, auf dem alle Nebentätigkeiten der Forscher angezeigt werden. „So kann jeder Bundesbürger bei einem Gutachten eines Hochschullehrers für einen Politiker oder bei einer Meinungsäußerung im Fernsehen sofort nachschauen, in welchem Maße dieser Professor wirklich unabhängig ist.“ ---