Pieter Goedbloed

Mündige Menschen lassen sich nicht manipulieren. Außer, man appelliert an ihre Sammelleidenschaft und Kinderliebe, wie Pieter Goedbloed.





• In den Niederlanden begann die jüngste Sammelbild-Manie etwas früher als in Deutschland. Als der Supermarkt-Riese Albert Heijn dank einer Kooperation mit den Vereinen der Eredivisie, also der höchsten Fußball-Liga, Alben im Panini-Stil herausgab, strömten die Kunden herbei. Manche kauften nur deshalb irgendetwas, um als Bonus Bilder ihrer Idole zu ergattern.

Das brachte Pieter Goedbloed und Ron Veldman, Inhaber einer kleinen Werbeagentur in Rotterdam, auf eine Idee. Als Vater eines Amateur-Fußballers verbrachte Goedbloed einen erheblichen Teil seiner Freizeit als Sporttaxi-Chauffeur und Teammanager. Er dachte: „Die Jungen und Mädchen, die ihre Eltern zum Supermarkt schleppten, träumen eigentlich davon, sich selbst in solch einem Album sehen zu können.“

So produzierten er und sein Partner einfach Sammelalben mit den Bildern örtlicher Jugendspieler. „Und der Umsatz der Märkte …“ Goedbloed pfeift einen flott von unten nach oben hinsausenden Ton. Aus den zwei Läden, bei denen sie ihre Idee im Frühjahr 2009 ausprobieren durften, wurden mehr als 30 in der zweiten Jahreshälfte. Seit 2010 sind es um die 60 im Jahr, die auf solche Aktionen setzen.

Einer dieser Supermärkte in Purmerend nördlich von Amsterdam heißt Jumbo. An der Wand des Geschäfts hängt ein Foto aus den Jahren, in denen es noch C 1000 hieß. Als die C 1000-Kette von Jumbo geschluckt wurde, blieb ein Teil der Kunden weg. Der Inhaber Jan Bakker sagt: „Die hielten uns auf einmal für teuer. Obwohl das nicht stimmte.“

Daran änderten auch Luftballons, kostenloser Kaffee, Gratis-Bus-Tickets und Sonderpreis-Aktionen – all das versuchte Bakker – wenig. Also rief er Goedbloed an, und der versprach „einige Wochen mit sieben oder acht Prozent Umsatzplus“ sowie höhere Einnahmen als Investitionen. Außerdem riet er dem Kaufmann, sich die Kosten für die Sammelalben bei Bedarf mit den Herstellern zu teilen; die konnten ebenfalls profitieren, indem sie ihre Produkte mit Stickern versahen. Goedbloed suchte auch nach Vereinen mit ausreichend Mitgliedern – am Ende wurden zwei ausgewählt und Alben mit insgesamt 1500 Spielern angeboten.

„Und was soll ich sagen?“, so Bakker. „Nach den ersten Wochen liegen wir nun bei 15 bis 20 Prozent über normal. Ein Teil resultiert aus anderen Aktionen. Aber den Großteil bringen die Kinder.“ Bakker sagt Kinder, nicht Alben. Weil völlig klar ist, dass der Nachwuchs seine Eltern, Großeltern, Freunde und Nachbarn zum Einkauf im Jumbo verdonnert.

In einer Studie zur „Wirkung von ,Sports and Entertainment Campaigns’ im Einzelhandel“ heißt es: „Kinder wissen genau, welcher Händler welche Aktion anbietet.“ Sie stammt von der Düsseldorfer Agentur TCC, die Ketten wie Rewe berät.

Im Vereinshaus der Wherevogels, einem Fußballclub, dessen Altvordere die sozialpolitische Bedeutung des Kickens für den Pendler-Vorort Purmerend betonen, sitzen mehr Eltern als Kinder. Sie tauschen Bilder. Die meisten von ihnen leuchten die Karten mit dem Licht ihrer Handy-Displays an, um die Gesichter im Halblicht des Vereinsraumes besser erkennen zu können.

Ob allen klar ist, was ihre Kinder für das Geschäft der Supermärkte bedeuten? Die Mutter eines Jungen aus der F-Jugend zuckt bloß mit den Schultern: „Natürlich haben wir das kurz diskutiert: Unser Junge in einem Supermarkt!“ Sie blättert im Album, um das Bild ihres Sohnes zu zeigen: „Aber das ist doch nett, und der Verein hat auch was davon.“ Unten, auf den Trainingsplätzen im Flutlicht, sind die Werbebanner örtlicher Sponsoren zu sehen. „Das ist doch dasselbe“, findet die Mutter.

Pieter Goedbloed betont, wie nützlich diese Art Reklame für den lokalen Sport sei: „Die Vereine, die wir ansprechen, können durch die Alben sogar etwas verdienen, wenn sie einige Seiten darin für Anzeigenkunden frei halten. Einige Märkte überlassen den Vereinen auch den Verkauf der Alben.“

Das Eigeninteresse der Clubs und ihr Einfluss auf die Mitglieder ist entscheidend für den Erfolg der Fotokette. Man könnte auch von Gruppenzwang reden, ein Wort über das Goedbloed schnell hinweghuscht. „Aaach“, sagt er, es seien in der Regel nur ein oder zwei Elternpaare, die ihre Kinder nicht in den Alben sehen wollten. Nur bei den Hockey-Mädchen sei die Skepsis manchmal größer. „Da haben wir dann auf den Druck der Nachnamen verzichtet.“

Mittlerweile gibt es einen Nachahmer, der in Deutschland aktiv ist. In Rhede und Kevelaer versorgt er Supermärkte mit lokalen Sammelbildern – ein Erfolg, auch wenn die Bildproduzenten nach der Veröffentlichung zugeben mussten, dass sie im Album die Teamfotos des Vorstands vergessen hatten.

Jetzt zieht Goedbloed mit einem Supermarkt in Wachtendonk am Niederrhein nach. Nachdem der Fotograf die Mannschaften des Vereins im Ort des deutschen Auftraggebers abgelichtet hatte, drückte er den Kickern einen Zettel in die Hand: „Du bist heute fotografiert worden. Dein Foto wird daher für diese einmalige Sportfoto-Aktion unseres Vereins in Zusammenarbeit mit den Edeka-Märkten verwendet.“ Die Eltern sollen sich melden, wenn sie nicht einverstanden sind.

„Ich glaube nicht, dass die Reaktionen in Deutschland anders ausfallen als in den Niederlanden“, sagt Goedbloed, „warum auch?“ Er schaut auf die Uhr. Er muss weiter zu einer Vorstandssitzung seines Fußballvereins bei Den Haag. Es versteht sich von selbst, dass es auch von diesem Club bereits ein Sammelalbum gibt. ---
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Sammelbilder mit Local Heroes