Manfred Klimek Kolumne

Bio, Buggys und kein Berghain. Die Frau: weg. Das Versprechen des Online-Datings, mit Algorithmen die Richtige zu finden: verlockend. Ein Erfahrungsbericht.





• Meine Frau hat mich verlassen. Bitte keine Beileidsbekundungen. Und bitte keinen elsässischen Himbeerschnaps schicken. Oder Gutscheine von Chez Susi, dem bekannten Kreuzberger Massagesalon. Meine Frau hat mich verlassen. Das war vor fünf Jahren.

Menschen, die den Sinn ihres Seins in einer partnerschaftlichen Zweierbeziehung suchen, waren mir immer zuwider. Wenn man etwas Absurdem anhängen will, kann man ja einer Kirche beitreten. Oder der Piratenpartei. Paarsein ist eine Sackgasse, am Ende wartet der Seelenklempner, dem man das Wrack des einst so glücklich machenden Gemeinsamen vor die Füße wirft. Mit einer Familienpackung Gelassenheit und getrennten Schlafzimmern ist dieser Moment noch einige Zeit hinauszuzögern. Aber dauerhaft glücklich macht Paarsein nur jene, die auch als Pferd mit Scheuklappen durch ihr Leben hätten traben können.

Kein Wunder also, dass mich meine Frau verlassen hat.

Ich trug mich bei Parship ein, jener Kuppelagentur für vornehmlich Mittvierziger, die in den trügerisch realistischen Anzeigen dieser Firma so aussehen wie Giovanni di Lorenzo vor zehn Jahren und Heike Makatsch vor zwanzig. Brain sucht Bambi? Das gibt es oft, diese Verhältnisse ändern sich leider nur langsam. Bei Parship aber muss Bambi auch Brain haben, allein, um den psychologisch überkleisterten Bewerbungsbogen auszufüllen, der die passenden Leute in einem passenden Umfeld zusammenbugsieren soll. Schon daran mochte ich nicht glauben, zudem lasse ich mich nicht gern von Elektronengehirnen bemuttern. Und Menschen mit meinen Vorlieben sind meistens grauenhaft egozentrierte Zeitgenossen. Warum sollte ich die kennenlernen wollen?

Warum? Weil mir langweilig war. Ich hatte ja auf einmal viel Zeit. Und ich wollte Sex. Keinen dummen Sex, sondern Sex mit Frauen, die es zu schätzen wissen, wenn die Champagnerflasche einen Jahrgang trägt, der Rhythmus der Musik irgendwann zu wiegen beginnt und man morgens um vier wegen Ruhestörung aus dem Designerhotel fliegt. Diese Frauen, so dachte ich, finde ich bei Parship.

Bevor es hier richtig gefühllos wird, muss ich hinausbrüllen, dass ich an die Liebe glaube! Und an die Intimität, die die Liebe herzustellen vermag! Selbstredend weiß ich, dass die Liebe nur eine evolutionsbiologische Vorspiegelung ist, die der Spezies zur erfolgreichen Vermehrung dient. Doch dann glaube ich noch an die Romantik. Und die hat mir bisher keine Titelgeschichte eines Wissenschaftsmagazins madig machen können. Auch wenn ich dort zum hundertsten Mal über das Fremdgesteuerte meiner Sehnsüchte lese.

Bei Parship gibt es drei Typen von Frauen. Und einen Typ Mann. Die Frauen sind entweder verbitterte oder verunsicherte Mauerblümchen, verlassene Mütter mit mindestens zwei Kindern oder Mitt- und Endvierzigerinnen, die ehemals absolute Feger waren, folglich von wohlhabenden Ehemännern verwöhnt wurden, nebenbei auch noch von jüngeren Geliebten aus der Kunst-, Schauspiel- und Modelszene, und nun finanziell sichergestellt, kinderlos und relativ notgeil nach einem Wegbegleiter fahnden, der ihre Pfade in die Toskana-Töpferkurs-Esoterik mit geschlechtlichen Dienstleistungen pflastert. Männer, die bei Parship einstellen, sind verheiratete Lügner, die eine Geliebte suchen.

Lügen tun sie alle hier. Während Männer sehr plump lügen (davon erzählen Frauen), lügen Frauen ziemlich einfallsreich. Und während Männer bei ihren Fotos auf Bildbearbeitung setzen, vor allem auf die Funktion „schlanker machen“ des sogenannten Verflüssigungsfilters bei Photoshop, können Frauen sich sehr geschickt in Positionen werfen, die ihre Rundungen, amerikanisch „love handles“ genannt, vorteilhaft rüberkommen lassen.

Die erste Frau, die ich traf, hieß Sophie. Und ich erfuhr erst beim dritten Treffen, dass sie eigentlich Eva-Maria heißt, einen Namen, den sie hasst, weil er sie an ihre Mutter erinnert, an das Reihenhaus bei Ludwigshafen, in dem sie aufwuchs, und an die Provinz, die sie jetzt ausgerechnet in München hinter sich lassen will.

Auch Algorithmen irren

Eva-Maria liebt die Fotografie so wie ich (da hatte der Computer gute Arbeit geleistet) und ist Controllerin bei Siemens (da waren die Bits & Bytes offenbar in der Kantine eine Cola light holen). Jedenfalls erreichten wir die höchste gemeinsame Punktzahl. Ich sah uns schon in Parship-Werbespots Kissenschlachten machen.

Die ersten Stunden verliefen gut. Wir hatten zu reden und zu lachen. Ich fragte mich, warum diese sehr attraktive Frau, 36 Jahre alt, bislang nur Beziehungen hatte, die kein Jahr hielten. Ich ahnte es: Dachschaden.

Gegen Mitternacht schob sie den Beruf vor, um abzuhauen. Nur war es Freitag, was bitte gibt es samstags bei Siemens zu kontrollieren? Aber klar: Anständige Mädchen gehen am ersten Abend früh zu Bett. Am nächsten Tag rief sie an, bedankte sich knapp und begann sofort einen exakt 43-minütigen Monolog über die Schlechtigkeit der Männer. Zwischen ihre Worte brachte ich kein einziges Geräusch, kein Atmen, das diesen offenbar einstudierten Redefluss Hunderter Vorwürfe hätte stoppen können. Und es war wohl auch Sinn der Sache, dass ich danach sprachlos blieb. „Schweigen“, sagte sie im wenig furiosen Finale, „das könnt ihr gut, ihr Männer.“

Die zweite Frau, die ich kennenlernte, war eine Gräfin mit Schloss. Sie schrieb: „Ich habe keine finanziellen Interessen.“ Das stimmte, denn sie hatte nur sexuelle Anliegen vorzubringen. Und die zudem gleich nach dem Carpaccio. Und auch den Anspruch, diese gleich zu exekutieren. Das Treffen dauerte keine Stunde, mein Abgang war nicht ruhmreich.

Die dritte Frau, die ich traf, war, wie auch die vierte und fünfte, eine andere Frau als jene, die auf den jeweiligen Fotografien abgebildet war. Zugegeben: Es gab Ähnlichkeiten. Doch das Alter stimmte nicht. Weder jenes auf dem Foto noch jenes, das mir gesagt wurde. Dazwischen lagen sieben bis zehn Jahre.

Nun war Schluss mit lustig, denn ich begann auch die Verzweiflung zu sehen, die diese Treffen begleitete. Und ich begann mich weniger für die Personen zu interessieren als für die Umstände, die sie in die Hände von Parship trieben. Ich begann zu recherchieren. Und das war nicht angemessen. Ich begann, mich zu verachten.

Doch dann kam Frau Nummer sechs, eine Journalistin. Sie war groß und großartig. Ihr Sternzeichen: Zwilling. Wie meines. Ein wunderbares Treffen. Ich war verliebt.

Drei Tage später kontaktierte mich ihr Ex-Freund, dem sie gleich nach unserem ersten Abend von unserem Vollzug erzählt hatte. Er berichtete mir von einem Marrakesch-Urlaub, in dem sie sich auf einigen ausgesuchten Straßenkreuzungen zu entkleiden begann, um sich danach barbusig anstarren zu lassen. Sie wollte damit die verklemmten Sexualvorstellungen der Muslime aufbrechen, wie sie ihm erklärte. Er schaffte es, sie aus der Polizeihaft zu holen und in ein Flugzeug zu stoßen. Ich habe die Frau nie wiedergesehen.

Ich kann trotzdem zu Parship raten. Als Ablenkung und zum Erkenntnisgewinn. Denn man nimmt zwei Sachen mit. 1. Den Ausbruch aus einem Umfeld, das einen nur noch tiefer in die Depression zieht. 2. Die Erkenntnis, dass der nächste Partner wohl aus diesem oder einem erweiterten Umfeld kommen wird; eine Person, die ebenfalls ein längeres Beziehungsleben vorzuweisen hat und sich das Leben als langen und ruhigen Fluss wünscht. Denn das ist die beste Voraussetzung für das Perpetuieren des Gewohnten.

Wen Parship leider nicht kennt, das sind die in die Liebe Verliebten. Diese Menschen findet man auf Facebook. Oder in der Bar um die Ecke. Manchmal auch schlicht an einer Straßenkreuzung.

Wenn man die Augen offen hält. ---