Bechtle: Blick in die Bilanz

Gut lief es beim IT-Haus Bechtle schon immer, doch jetzt boomt das Geschäft. Der Grund? Vor allem ein Versprechen, das die Schwaben ihren durch die Spähaffären verunsicherten Kunden geben: Sicherheit.





Das dritte Quartal des vergangenen Jahres war ein Höhepunkt für den Neckarsulmer IT-Anbieter: Der Umsatz zog um gut 11 Prozent auf knapp 559 Millionen Euro an, der Gewinn sogar um rund 34 Prozent, er summierte sich auf gut 17 Millionen Euro. Vom Großteil der zersplitterten und durch kleine, lokale Dienstleister geprägten Branche (Bechtle als zweitgrößter Anbieter schätzt den eigenen Marktanteil auf 1,5 bis 2 Prozent) liegen keine Vergleichszahlen vor, doch der Markt für IT-Beratung für Firmenkunden wuchs Schätzungen des Branchenportals Gulp zufolge nur um rund sieben Prozent. Der größte deutsche Wettbewerber unter den konzernunabhängigen Systemhäusern, Cancom, kam sogar nur auf 2,6 Prozent Umsatzwachstum.

Bechtle hat zwei Geschäfte: das IT-Systemhaus und Managed Services, dahinter verbergen sich langfristige individuelle IT-Serviceverträge mit vorwiegend mittelständischer Kundschaft; der andere Bereich ist E-Commerce, also Onlinehandel mit allem, was das Firmenherz an Standardsoft- und Hardware begehrt. Letzteres wuchs deutlich langsamer, ist aber profitabler. Der operative Gewinn (EBIT, Earnings before interest and taxes) hatte, betrachtet man die ersten neun Monate 2013, beim Onlinehandel mit 4,3 Prozent einen deutlich höheren Anteil am Umsatz als in der Servicesparte, in der nur 3 Prozent übrig blieben. Das liegt vor allem daran, dass bei Dienstleistungen die Nähe zum Kunden zählt – weshalb Bechtle europaweit 65 Niederlassungen unterhält. Für den Onlinehandel indes reicht pro Land ein Büro mit Lager.

Trotz der hohen Kosten holt die Servicesparte auf, nicht nur, aber auch aufgrund einer cleveren Marketingidee, die den Schwaben im Zuge des Skandals um die weltweiten Bespitzelungsaktionen der US-Sicherheitsbehörde NSA kam – das Güteversprechen „Hosted in Germany“: hohe Datensicherheit bei einem in Deutschland beheimateten IT-Profi wie Bechtle. Das zog. Die Umsätze des Systemhauses legten im Inland um mehr als 16 Prozent zu.

Dass der Gewinn noch deutlich stärker stieg, hängt mit einer anderen Besonderheit der Schwaben zusammen: Sie scheuen sich – trotz Börsennotierung – nicht vor Entscheidungen, die kurzfristige Nachteile bedeuten, wenn sie langfristigen Erfolg versprechen. So stockten sie 2012, als sich ihnen viele qualifizierte IT-Berater anboten, die Belegschaft um neun Prozent auf – wohlwissend, dass die Kollegen Zeit brauchen, bis sie das Geschäft voranbringen. Die Folge: Der Betriebsgewinn im Servicegeschäft ging zum Ende des 3. Quartals 2012 um 20 Prozent zurück. Ein Jahr später waren die Neulinge voll eingearbeitet. Das EBIT stieg, auch dank der schwachen Vergleichsbasis im Vorjahr, um gut 65 Prozent.

Die langfristige Perspektive zeigt sich auch in der Bilanz, etwa an der Position Geschäfts- und Firmenwerte: Dort wird beim Kauf einer Firma der Teil des Preises erfasst, der über die erworbenen Sachwerte hinausgeht, der Markenname etwa oder die Kundenbeziehungen. Je teurer ein Erwerb, desto höher diese Position. Die Schwaben haben seit ihrer Gründung 1983 mehr als 70 Firmen gekauft. Sie sind dabei sehr diszipliniert, zahlen nach eigenem Bekunden nie mehr als das Drei- bis Vierfache des Betriebsgewinns. Entsprechend niedrig ist die Bilanzposition als Anteil vom Eigenkapital: 29 Prozent, ein musterhafter Wert. In der akquisitionsfreudigen IT-Branche liegt er oft bei mehr als 100 Prozent. Eindrucksvoll ist auch die Eigenkapitalquote, die nie unter 50 Prozent (aktuell: 58 Prozent) sinken darf. Die Vorgabe ist konservativ, eine höhere Verschuldung würde die Eigenkapitalrendite steigern. Aber die hohe Quote rettete die Firma in der Finanzkrise 2009. Damals wollten viele Kunden wissen, ob Bechtle genug Kapital habe, um trotz strauchelnder Banken zu überleben – und waren beruhigt. ---

Bechtle wurde 1983 von den Heil-bronner Studenten Ralf Klenk und Gerhard Schick gegründet und war hierzulande einer der ersten her-stellerunabhängigen Verkäufer von Hard- und Software für kleinere Firmenkunden. Das Unternehmen wuchs mit dem sich schnell entwi-ckelnden Bedarf für IT-Dienstleistun-gen und ist bis heute auf den Mit-telstand fokussiert. Seit 1993 sind die Schwaben überregional tätig, seit 1996 international, heute mit Niederlassungen in der Schweiz und Österreich. 2000 ging die Firma an die Börse, die Familie Schick hält gut 35 Prozent der Aktien. Bechtle beschäftigt 6100 Mitarbeiter.