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Rick Zabel

Sein Vater ist eine Radsportlegende und ein geständiger Doper. Nun macht Rick Zabel selbst beim Rennzirkus mit. Mit unserem Reporter hat er erstmals über seine Rolle gesprochen. Aber das war offenbar nicht uneingeschränkt erwünscht.





• Er kommt gerade aus den USA. Utah und Colorado: zwei Etappenrennen, sechs Wochen auf Achse. Wenn Rick Zabel davon erzählt, hört sich Profiradsport wie ein Freizeitvergnügen an. „Die Truppe war klasse, die Fans waren toll, und die Landschaft war gigantisch.“ In Utah drei Etappen gewonnen. In Colorado zwei Etappen plus Einzel- und Gesamtwertung. Gute Stimmung im BMC Racing Team, für das er seit Januar fährt. Zabel sagt: „Wir haben hart dafür gearbeitet, aber am Ende mit einer Pulle Schampus auf dem Podium zu stehen war ein wunderbares Erlebnis.“

Man hat ihn gleich erkannt, als er in die Lobby des Hotels am Stadtrand von Dortmund kam. Das Gesicht, die Mimik, die Statur. Verblüffende Ähnlichkeit. Wer Rick Zabel begegnet, denkt an Erik Zabel. Und wer Allan Peiper, Sporting Manager bei BMC, anruft, der erfährt, dass es auch sportliche Gemeinsamkeiten gibt. „Rick“, sagt Peiper, „hat sicherlich viel von seinem Vater gelernt, sie haben durchaus ähnliche Anlagen, auch wenn es nicht fair wäre, sie Punkt für Punkt zu vergleichen.“ Schön fanden sie bei BMC, dass Rick sein erstes Profi-Rennen in Australien bestritt. Bei der Tour Down Under war Erik auch schon gestartet. Mit Cadel Evans, dem Topstar, war Erik Zabel noch in einem Team. So schließt sich der Kreis.

Vater und Sohn. Das ist die Geschichte. Ein Klassiker, bei dem die Söhne nicht selten den tragischen Part übernehmen. Die sportliche Legende des Vaters mag die Karriere anfangs beschleunigen, an ihr gemessen zu werden bleibt meist eine unüberwindbare Hürde. So könnte es auch bei den Zabels ausgehen. Auch, weil die sportliche Legende des Vaters nicht die einzige Hürde ist.

Erik Zabel gilt als erfolgreichster Radprofi Deutschlands. Sechsmal gewann er das Grüne Trikot des Punktbesten bei der Tour de France. Er war zweimal Zweiter bei Weltmeisterschaften, Vierter bei Olympischen Spielen. Einer der besten Sprinter seiner Generation, ein begabter Allrounder und Star ohne Allüren. Mehr als 200 Siege. 107 Wochen Weltranglisten-Erster. 2001 wurde Erik Zabel Deutschlands Sportler des Jahres.

Der Name Zabel steht aber auch für die Schattenseite des Radsports. Seine Erfolge fallen in eine Epoche hemmungslosen Dopings, deren Höhepunkte 1998 die Festina-Affäre und 2006 der Blutdoping-Skandal um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes sind. Die Athleten dopen mit dem Erythropoetin, Epo genannt, mit Wachstumshormonen, Testosteron, Hämoglobin, Synacthen, Kortikoiden, Kortison, sie hantieren mit präpariertem Eigen- und Fremdblut. Eine pharmazeutische Orgie. Armstrong. Ullrich. Virenque. Pantani. Jalabert. Kaum ein prominenter Fahrer, der sich nicht des Missbrauchs leistungsfördernder Substanzen schuldig gemacht hätte. Auch Erik Zabel ist dabei.

Rick Zabel bestellt einen Latte macchiato. Das Gespräch findet im Restaurant des Hotels statt. Er ist ein höflicher junger Mann, der schüchtern wirkt, aber nicht eingeschüchtert. Diesmal ist nicht der Medienchef von BMC dabei, der Zabel bei seinem Debüt als Profi in Australien noch bei Interviews begleitete. Vielleicht hat er deshalb seine Freundin mitgebracht, die zunächst mit ihrem kläffenden Zwergspitz beschäftigt ist. Zabel scheint nervös zu sein. Irgendwann müssen sie kommen, die Fragen zum Vater.

Im Mai 2007 gesteht Erik Zabel die Einnahme von Epo vor der Tour de France 1996. Er versichert, damit nach einer Woche wegen gesundheitlicher Probleme aufgehört zu haben. Seine späte Reue erklärt er mit der Verantwortung gegenüber seinem Sohn, damals 13 und schon Radsportler. Erik Zabel sagt unter Tränen: „Wenn ich von ihm erwarte, dass er ein guter Mensch wird, dass er ehrlich und geradeaus ist im Leben und dass er fair seinen Sport betreibt, kann ich ihn nicht weiter anlügen.“ 5,5 Millionen Zuschauer sehen das im Fernsehen.

Fürsorgliche Belagerung

Im Juli 2013 wird bekannt, dass Erik Zabel zu den gedopten Teilnehmern der Tour de France 1998 gehörte. Das haben nachträgliche Tests ergeben. Zabel trifft sich mit dem Radsportexperten der »Süddeutschen Zeitung« (»SZ«), Andreas Burkert, um „reinen Tisch zu machen“. Nun gesteht er, nicht nur jahrelang mit Epo, sondern auch mit Kortison, Synacthen, Eigenblut und diversen Medikamenten gedopt zu haben. Auch diesmal begründet er sein Geständnis mit dem Sohn, der kurz zuvor einen Vertrag bei BMC unterschrieben hat. Zabel sagt, er wolle Rick und der jungen Generation helfen, „nicht dieselben Fehler“ zu machen. „Ich fordere ja Sachen von ihm ab, an die ich mich bis jetzt selbst nicht gehalten habe … Also muss ich was tun.“ Das Interview macht tagelang Schlagzeilen.

Den Termin mit Rick Zabel hat Georges Lüchinger arrangiert. Er betreibt in Ruggell, Liechtenstein, eine Kommunikationsagentur und ist der Medienchef des BMC Racing Teams. Bei diversen Telefonaten berichtet Lüchinger offen über den Profiradsport, dem er seit 1991 verbunden ist, unter anderem als Ansager der Tour de Suisse. Er erzählt auch, warum er Rick Zabel bislang den Medien vorenthalten habe. Der Medienmann ist eloquent und umgänglich. Jüngst brillierte er als Conférencier im Einkaufszentrum Ruggell.

Rick Zabel

Das Thema ist heikel, logisch. Niemand kann wollen, dass der Sohn für die Geschichte des Vaters büßen muss. Ausblenden lässt sie sich allerdings nicht. Der Junge kann ja schlecht seinen Namen ändern. Will er auch gar nicht: Hätte er sonst ein Foto von sich und seinem Vater auf seiner Facebook-Seite?

Wie schafft es der Sohn, sich vom Vater zu emanzipieren? Wie schafft es die junge Generation, dem Radsport wieder zu Glaubwürdigkeit zu verhelfen? Wer wäre prädestinierter, darüber zu sprechen, als Rick Zabel? Also gut, unter einer Bedingung: Lüchinger bittet um die Vorlage der wörtlichen Zitate, ein im Journalismus durchaus gängiges Prozedere.

Und so erzählt Rick Zabel über den Vater. Über Doping im Radsport. Er spricht über Gefühle, Wünsche, Hoffnungen. Er spricht über die Tour de France, das bedeutendste Radrennen der Welt mit allein zwölf Millionen Zuschauern entlang Frankreichs Straßen. Und er spricht darüber, dass er sich als Radprofi selbst einen Namen machen will, um nicht weiter primär über den Vater definiert zu werden. Man erinnert sich an einen Bericht der Deutschen Presse-Agentur von den Weltmeisterschaften im vergangenen Jahr in Florenz. Darin wurde sein Vater als „Lügner“ und „Schauspieler“ bezeichnet. Im Artikel wurde der Sohn folgendermaßen beschrieben: „Sein Blick ging verlegen zu Boden. Die Wangen waren plötzlich etwas gerötet. ‚Nein, darüber möchte ich nicht sprechen‘, sagte Rick Zabel.“

Es ist nicht dramatisch, was Rick Zabel über den Vater sagt. Keine Demontage, aber auch keine Glorifizierung. Menschen machen Fehler. Und manchmal sind diese Menschen die eigenen Eltern. Wenngleich ihm die Sache offensichtlich nahegeht. Manche Fragen blockt er ab. Oder er sagt etwas, das sich einstudiert anhört. Oder die Freundin schaltet sich unaufgefordert ein. Und manchmal ist da einfach nur Sprachlosigkeit. Etwa wenn es um gesundheitliche Schäden geht, die Doping hervorruft. Um mysteriöse Todesfälle von Radprofis. Herzinfarkt. Herzstillstand. Herzversagen. Medizinisch nicht zu erklären. Die Fotografin fragt einmal, ob er nicht Angst habe um seinen Vater. Nach zwei Stunden werden Fotos gemacht, auch die Freundin will aufs Bild.

Acht Tage nach dem Termin mit Rick Zabel in Dortmund antwortet Lüchinger:

„Nur kurz: Die zugestellten Textpassagen und Zitate können aus verschiedenen Gründen nicht autorisiert und somit nicht freigegeben werden. Es wurde telefonisch abgemacht: je eine Frage zu Doping und Vater Zabel, dass ich nicht für ein Zitat zur Verfügung stehe. Weiteres war es nie ein Thema, seine Freundin zu integrieren – weder mit Zitat noch mit Bild. Ich werde Ihnen […] eine korrigierte und autorisierte Version zukommen lassen.“

Telefonische Abmachung? Ein Limit für Fragen, ein Medienchef, der nicht zu Wort kommen will? Der Reporter hat eine andere Erinnerung. Und: War es nicht Zabels Freundin, die sich selbst integriert hat?

Bei der von Lüchinger einen Tag später übermittelten Version sind zwei Drittel der vorgelegten Passagen gestrichen. Zu Erik Zabel? Alles weg. Die Freundin? Nicht mehr da. Zentrale Aussagen zu Doping im Radsport? Eliminiert. Zitate von Rick Zabel, die bereits veröffentlichten Zitaten von Rick Zabel ähneln? Weg. Nicht einmal die längst verbreitete Nachricht, Erik Zabel werde 2015 als Berater für das Hamburger Radrennen Cyclassics arbeiten, ist noch zu finden.

Ist das noch die fürsorgliche Begleitung eines jungen Athleten? Oder eine Bevormundung, die ihn auf das Verbreiten erwünschter Botschaften reduziert?

Was bleibt, ist die Geschichte eines Jungen, der in einer, wie er sagt, „radsportverrückten“ Familie groß wird. Der Großvater väterlicherseits war Radsportler. Ebenso der Onkel mütterlicherseits. Erik und Mutter Cordula begegnen sich bei einem Radrennen und nehmen den Sohn frühzeitig mit auf ihre Sportreisen. Schon als Knirps diktiert Zabel junior am Rande der Tour de France Reportern Sätze wie: „Mein Papa ist immer schnell, auch wenn er nicht gewinnt.“ Als Siebenjähriger posiert er mit Eisbecher fürs Fernsehen, bevor sein Vater werbewirksam durch Unna radelt. Und bei der Siegerehrung der Tour de France sitzt er mit grünem Hemd und grün gefärbtem Haar auf Papas Schultern.

Das alles gehört zu den zahllosen Erinnerungen, die er mit „Radsportfieber“ umschreibt: „Ich durfte in den Teambus, ich war nahe am Zielraum, bei BMC kennen mich die meisten Fahrer noch als Kind.“ So gesehen ist es nur konsequent, dass er mit 14 von Unna auf ein Sportgymnasium in Erfurt wechselt. Mit 16 entscheidet er sich gegen das Abitur und für ein niederländisches U23-Team. Inzwischen wohnt er wieder bei den Eltern, zusammen mit seiner Freundin, die ebenfalls Radfahrerin war und die er auf dem Sportgymnasium in Erfurt kennenlernte. In der Familie, sagt Rick Zabel, gebe es nur ein Thema.

Doping gehört zum System

Was auch bleibt, ist eine Werbekampagne für den professionellen Radzirkus, der es laut Rick Zabel „verdient hat, so dargestellt zu werden, wie er wirklich ist, und nicht, wie ihn die Öffentlichkeit wahrnimmt“. Der Profiradsport sei „wieder sauber“, sein Anti-Doping-Programm sei „das beste aller Sportarten“. Erst am Vortag sei er kontrolliert worden. Vier Ampullen Blut habe er abgegeben, zwei davon würden für nachträgliche Tests konserviert. An dieser Stelle könnten jetzt zwei mutige Statements von Rick Zabel stehen. Vielleicht dürfen sie hier nicht stehen, weil sie angesichts der Historie des Profiradsports naiv erscheinen müssen.

Sein Rennstall verlangt Erfolge von ihm: Rick Zabel an seinem Arbeitsplatz

Natürlich wird auch über das Fernsehen gesprochen. Wäre es nicht wünschenswert, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihren im Jahr 2007 beschlossenen Boykott widerrufen? Haben nicht junge deutsche Fahrer wie Marcel Kittel zuletzt mit Etappensiegen geglänzt? „Wann“, fragt BMCs Sporting Manager Peiper, „kann die deutsche Öffentlichkeit darüber hinwegsehen, was in der Vergangenheit war?“

Anruf bei Jörg Jaksche, einem ehemaligen Radprofi und Kunden des spanischen Blutmischers Fuentes. Jaksche outete sich 2007 als Doping-Sünder und fand danach nie wieder einen Job im Peloton. Er lebt inzwischen in Österreich und studiert in Innsbruck Betriebswirtschafslehre.

brand eins: Herr Jaksche, kann man dem Profiradsport wieder vertrauen?

Jörg Jaksche: „Vertrauen hat mit Transparenz zu tun. Der Radsport ist alles andere als transparent, er ist vielmehr ein Musterbeispiel für Vertrauensmissbrauch. Daran hat sich nichts geändert. Aber offenbar glaubt die Szene, es reiche, nur zu behaupten: ,Schaut her, es passiert doch nichts mehr!‘ “

Ist es nicht so?

„Wenn man etwas nicht sieht, heißt es nicht, dass es nicht da ist. Es hat nach all den Skandalen keine Läuterung stattgefunden. Man hat mit dem Finger auf die Fahrer gezeigt, man hat dem Problem einen Namen gegeben, sagen wir Jan Ullrich, und es dann wie die Sau durchs Dorf getrieben. Ich vergleiche das gerne mit Zuhältern und Prostituierten. Die Luden sitzen in ihren warmen Autos, während die Mädchen bei zwei Grad minus an der Straße stehen und von der Polizei aufgegriffen werden. Im Radsport sind auch nur die Athleten geschasst worden, die Teamleiter, die Manager, die Betreuer, die in das System involviert waren, sind geblieben. Deshalb bin ich überzeugt, dass Doping weiter Teil des Systems ist.“

Es sei schwer zu glauben, sagt Helmut Pabst, Mediziner und Deutschlands prominentester Doping-Kontrolleur, „dass sich an der Spitze des Systems in den vergangenen Jahren etwas verändert haben sollte“. Er verweist auf schätzungsweise 80 Derivate von Epo, die derzeit kursierten, „teilweise in Privatlaboren hergestellt, die nicht klinisch getestet sind und für die es keine Nachweismethode gibt“. Im Labor erkenne man in solchen Fällen nur, „dass etwas nicht stimmt, aber nicht, was nicht stimmt. Wir sagen dann über den Athleten: ‚Der ist grau.‘ “ Mit anderen Worten: Irgendjemand ist immer gedopt, und alle wissen es.

„Solange nach wie vor dieselben Leute das Sagen haben und es keinen Strukturwandel gibt“, sagt Jörg Jaksche, „wird es wie bei den Investmentbankern sein: Du weißt, wie’s läuft, gibst dich ein Jahr lang reumütig und machst langsamer. Dann geht es von vorn los. Das ist doch bei Erik Zabel nicht anders. Erst lügt er bei der Beichte, und dann gibt er alles nur zu, weil es keinen Ausweg mehr gibt. Und jetzt kommt er als Ratgeber eines großen Rennens wieder zurück. Diese Leute kennen nichts anderes als Radsport. Sie wollen alle wieder zurück.“

Wer sich der Branche als Laie nähert, dem kann sie durchaus bizarr vorkommen. Hinter den führenden Teams, deren Jahresbudget bis zu 30 Millionen Euro betragen kann, verbergen sich Firmen wie Versicherungen, Geldverleiher, Lotterien. Es gibt einen australischen Wohnmobilhersteller, einen Produzenten von Sprengstoff für die Bergbauindustrie. Den diesjährigen Sieger der Tour de France stellte das Team Astana, das einem Business-Konsortium aus der ehemaligen Sowjetunion gehört. Astana wurde in der Vergangenheit immer wieder des Dopings verdächtigt. Der amtierende Teammanager Alexander Winokurow wurde in seiner aktiven Zeit wegen Fremdblut-Dopings gesperrt. Außerdem soll er einem Konkurrenten Geld für einen Sieg geboten haben.

Hinter dem BMC Racing Team steht der Schweizer Unternehmer Andy Rihs, einer der größten Anteilseigner des Hörgeräteherstellers Sonova, der einmal Phonak hieß und zwei Milliarden Franken Umsatz macht. 2001 erwarb Rihs den Schweizer Fahrradhersteller BMC und stieg danach in den Profiradsport ein. Phonak, sein erstes Team, wurde nach einer Serie von Doping-Fällen im Oktober 2006 aufgelöst. Kurz zuvor war dessen Fahrer Floyd Landis der Sieg bei der Tour de France wegen Dopings aberkannt worden. Landis beschuldigte Rihs, über seine illegalen Praktiken informiert gewesen zu sein und diese auch finanziert zu haben. Der aktuelle Mitbesitzer des Rennstalls, Jim Ochowicz, arbeitete zuvor mit Lance Armstrong zusammen, der gedopt zu sieben Siegen bei der Tour de France radelte. Der Topstar Evans, der für BMC 2011 die Frankreich-Rundfahrt gewann, musste Kontakte mit dem italienischen Arzt einräumen, der Armstrong mit Epo versorgte.

Kurz vor der Auflösung seines Phonak Cycling Teams sagte Rihs in einem Interview: „Radsport ist preisleistungsmäßig die beste Kommunikationsform überhaupt, es gibt da nichts Vergleichbares. Es ist egal, ob Doping drin ist oder nicht – die Tour (de France) ist die absolut günstigste Plattform, auf der ich die Welt treffen kann.“ Der schlechte Leumund der Branche sei dabei sogar von Nutzen. „Ich bin ja fast froh, dass die Großen Angst haben, in den Radsport einzusteigen. Denn wenn sie einsteigen würden, wäre es nicht mehr so günstig. […] Klar, ich kann trotzdem morgen wieder einen Doping-Fall haben. Aber es ist professioneller Sport, und solange es um viel Geld geht, ist die Medizin drin. Ohne Medizin, das gibt es nicht.“

Rihs hat sich allerdings gegen die Vorwürfe von Landis gewehrt („Seine Behauptungen sind Lügen“) und 2013 in einem Interview mit der »Berner Zeitung« gesagt: „Ich bin überzeugt, dass Rad heute der sauberste Sport ist.“

Rick Zabel wird im Dezember 21. Er ist mit Abstand der Jüngste bei BMC. Sie seien sich seiner Jugend bewusst, sagt BMCs Sporting Manager Peiper. Weshalb noch nicht abzusehen sei, „wo Ricks Karriere hinführen wird“. Siegfahrer sind im Profiradsport selten jung, ihre beste Zeit erreichen sie meist erst mit Ende 20, Anfang 30. Fest stehe jedoch, so Peiper, „dass wir nächstes Jahr mehr sehen wollen“.

Könnte nicht auch Rick Zabel eines Tages an den Punkt kommen, an dem sein Vater schwach wurde? „Du wolltest als junger Fahrer eben auch mehr“, hatte Erik Zabel im »SZ«-Interview gesagt. Unzufriedene Sponsoren. Der Gruppenzwang. Der Schmerz, der sich einstellt bei Hunderten von Kilometern in Gluthitze oder bei Schneeregen. Die Erkenntnis, ohne Doping nie ein Rennen gewinnen zu können. Alles kann den Ausschlag geben.

Er sagt etwas dazu. Es ist sehr menschlich. Schließlich hat Rick Zabel auch die Konsequenzen erlebt. Wer das »SZ«-Interview mit seinem Vater gelesen hat, kann es sich auch so zusammenreimen. Darin sprach Erik Zabel von Schuld, Depression und der Qual, in einer Parallelwelt zu leben, die auf Lug und Trug aufgebaut ist. „Jetzt ist doch jeder von uns in seiner Isolation“, sagte Erik Zabel, „diesen zwischenmenschlichen Austausch, das hat man alles nicht mehr.“ Und sollte sein Sohn demnächst ein großes Rennen gewinnen, ist klar, wer garantiert nicht auf das Siegerbild darf.

Was Rick Zabel in Dortmund zu diesem Thema sagt, macht ihn vertrauenswürdig. Es darf an dieser Stelle nicht veröffentlicht werden. ---
Amphetamin
ist ein Bestandteil euphorisierender Drogen. Während der Tour de France 1967 starb der Brite Tom Simpson beim Anstieg zum Mont Ventoux unter Einfluss von Amphetaminen und Alkohol. Anabolika
führen zu verstärktem Muskelaufbau. Leistungssteigernde Effekte können unter anderem durch Zunahme der roten Blutkörperchen und die Hämoglobinkonzentration erreicht werden. Eigenblut-Doping
Durch gezieltes Training oder den Einsatz von Epo wird die erhöhte Bildung von roten Blutkörperchen angeregt. Dem Athleten wird das Blut abgenommen, es wird kühl gelagert und vor einem Wettkampf injiziert. Durch die erhöhte Zahl von roten Blutkörperchen kann viel mehr Sauerstoff transportiert werden, und das wirkt sich leistungssteigernd aus. Erythropoetin (Epo)
ist ein Hormon, das zur Bildung der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und damit zur Steigerung der Ausdauerleistung beiträgt. Epo war lange Zeit in Urinproben nicht nachweisbar und galt daher als Wunderdroge der Ausdauersportler. Eufemiano Fuentes
ist ein spanischer Arzt und medizinischer Betreuer eines Radteams. Fuentes versorgte zahlreiche Athleten – die meisten davon Radsportler – mit zur Leistungssteigerung präparierten Eigenblutkonserven. In seiner Madrider Wohnung lagerte er Hunderte von Blutplasmakonserven sowie Wachstumshormone und Anabolika. Vor der Tour de France 2006 wurde Fuentes bei einer groß angelegten Anti-Doping-Fahndung verhaftet und die Identität einer Vielzahl seiner Kunden entschlüsselt. Die Festina-Affäre
galt damals als größte Doping-Affäre der Sportgeschichte. Ausgelöst wurde sie, als bei einer Grenzkontrolle zwischen Belgien und Frankreich im Wagen des Betreuers des Radteams Festina 400 Ampullen mit Epo gefunden wurden, ein Indiz, dass Festina (und andere Teams) flächendeckendes Doping praktizierten, das durch Tests nicht aufgedeckt werden konnte. Es kam zu Razzien, Verhaftungen und dem Ausschluss von etwa einem Drittel der gemeldeten Teilnehmer. Am Ende erreichten nur 14 von 21 Mannschaften das Ziel in Paris. Hämoglobin
ist der Sauerstoffträger im Blut. Künstliches Hämoglobin verbessert die Ausdauerleistung. Insulin
ist ein Hormon, das Muskeln und Leber dazu veranlasst, nicht benötigte Blutzucker zu speichern, was sich direkt auf die Leistungsfähigkeit auswirkt. Ausdauersportler können ihre Zuckerspeicher damit auf das bis zu Zwölffache aufstocken, wenn zusammen mit dem Insulin Glukoselösung gespritzt wird. Kortikosteroide (Kortikoide)
sind Steroidhormone, die in der Nebennierenrinde gebildet werden (sowie chemisch vergleichbare synthetische Stoffe). Sie entstehen aus dem Ausgangsstoff Cholesterin und haben primär euphorisierende Wirkung. Synacthen (ACTH)
Adrenocorticotropes Hormon und sein synthetisches Pendant Synacthen werden benutzt, um die körpereigene Produktion von Kortikosteroiden zu stimulieren, die wiederum euphorisierende Wirkung haben. Wachstumshormone (HGH)
Aufgrund ihrer anabolen Wirkung sollen Wachstumshormone die Muskelkraft steigern sowie Schnellkraft und Regenerationsfähigkeit verbessern. Bei gesunden Menschen ist dieser Effekt jedoch noch nicht nachgewiesen.