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Swatch Group

Die Swatch Group hat einst die Schweizer Uhrenindustrie gerettet. Nun heißt es, sie wolle die Konkurrenz vernichten. Einblicke in eine spezielle Branche und ihre Geheimnisse.





Ein Monopol, vom Staat gewollt

Schweizer Uhren haben einen glänzenden Ruf. Prestigeträchtige Marken made in Switzerland verlangen Preise wie für Limousinen. Die Hersteller freuten sich jahrzehntelang über ein ebenso einträgliches wie gut kalkulierbares Geschäft. Nun allerdings läuft es nicht mehr rund. Verantwortlich dafür ist ein übermächtiger Zulieferer, die Swatch Group. Ohne sie tickt kaum eine der rund sieben Millionen mechanischen Uhren, die jährlich in der Schweiz produziert werden. Der Konzern hat aber immer weniger Lust, die Industrie im Takt zu halten.

Alles fing mit einem Beben vor zwölf Jahren an. Das Epizentrum lag in Biel am Fuße des Jura in der Chefetage der Swatch Group. Ausgelöst hatte die Erschütterung Nicolas George Hayek. Ausgerechnet er – einst gepriesen als Retter der Schweizer Uhrenindustrie – kündigte an, neue Saiten aufzuziehen. Er sah es nicht mehr ein, seine Konkurrenz mit wichtigen Komponenten zu versorgen, ohne die keine mechanische Uhr läuft.

Sein Poltern hatte Konsequenzen. Die Branche ist zerrissen wie seit den Siebziger- und Achtzigerjahren nicht mehr, als billige Quarzuhren aus Japan den Markt überschwemmten und in der Schweiz mehr als zwei Drittel aller Jobs bei den Herstellern verloren gingen. Die Swatch Group steht unter Beschuss der Konkurrenz und ist ins Visier der Wettbewerbsbehörde geraten. Der Vorwurf: Monopol-Missbrauch.

Mit gut 33 000 Mitarbeitern in mehr als 50 Ländern und einem Umsatz von 8,8 Milliarden Schweizer Franken ist der Konzern mit Marken wie Longines oder Omega nicht nur der unangefochtene Marktführer – ihm gehören auch die beiden größten und wichtigsten Zulieferbetriebe der Branche. Um diese Hersteller von Uhrwerken und Komponenten namens ETA und Nivarox-FAR wird gestritten. Außerhalb der Branche sind sie kaum jemandem bekannt, doch ihre Marktstellung ist übermächtig. Die Hersteller betonen zwar gegenüber der Öffentlichkeit ihre Eigenständigkeit und bezeichnen sich gern als Manufaktur. Doch in Wahrheit sind sie existenziell auf die Swatch-Töchter angewiesen.

Diese spezielle Arbeitsteilung hat eine lange Geschichte, sie wurde bewusst herbeigeführt. In den Dreißigerjahren bündelte die Industrie mit Zustimmung der Regierung die Rohwerks-Hersteller in der Deutschschweiz in einer Holding namens ASUAG. Durch die Produktion der Schlüsselkomponenten in großer Stückzahl wurden Skaleneffekte erzielt, die allen Firmen zugute kamen und die zersplitterte Branche schützten. Es entstand ein Geschäftsmodell, das bis heute funktioniert: Die meisten Markenfirmen kaufen unbearbeitete mechanische Rohwerke, verfeinern sie und bauen sie in ihre Uhren ein.

Während der Quarzkrise in den Siebziger- und Achtzigerjah-ren – als man fürchtete, das letzte Stündlein der mechanischen Uhren habe geschlagen – wurde die Konzentration der Rohwerkshersteller weiter vorangetrieben. Mehrere Firmen schlossen sich mit der ETA zusammen und wurden unter das Dach der ASUAG gestellt. In der Regierung in Bern war man überzeugt, dass die Industrie nur durch dieses staatlich geduldete und überwachte Monopol eine Überlebenschance habe.

Bei einer weiteren Fusion, mit der Westschweizer SSIH, kam als Berater der Libanese Nicolas George Hayek ins Spiel. Er beteiligte sich an der neuen Firma, der späteren Swatch Group, wurde als Retter der Industrie gefeiert – und bestimmte fortan maßgeblich deren Geschicke. Dass das Monopol so in seine Hand geriet, störte niemanden. Er lieferte ja wie gehabt Werke an Dritte.

Bald darauf herrschte Goldgräberstimmung: Die Branche erlebte dank der Renaissance mechanischer Uhren einen ungeahnten Aufschwung. Die Markenfirmen griffen gern auf die zugelieferten Werke von ETA zurück. Sie kosten im Schnitt 200 Franken und ticken bis heute in Uhren, die für vier- bis sechsstellige Summen angeboten werden. Die Margen sind also gewaltig. Der Anreiz, in die Entwicklung eines eigenen Uhrwerks zu investieren, ist dagegen gering. Etwa 70 Prozent aller Schweizer Marken beziehen ihre Werke nach wie vor von der ETA.

Es geht eine Kernkompetenz verloren

Leicht verdientes Geld kann zu Antriebsschwäche führen. Weil sich die meisten Unternehmen nicht darum kümmerten, welche Technik in einem Uhrwerk steckt, beherrschen diesen Kern der Uhrmacherei nur noch wenige, allen voran die Swatch-Töchter ETA und Nivarox-FAR. Letztere produziert die passenden Hemmungen für mechanische Werke. Das Rohwerk und die Hemmung sind die beiden Baugruppen, die ein Uhrwerk ticken lassen. Einfache Uhrwerke haben etwa 100 Teile, die dabei weniger Raum als ein Zwei-Euro-Stück einnehmen. Im Rohwerk enthalten sind Grundplatte, Zahnräder, Zeigerwerk, die Aufzugsfeder als Energielieferant und alle Komponenten, die die Zeitanzeige ermöglichen.

Die Technik ist hochkomplex. Pro Stunde tickt eine mechani-sche Uhr 28 800-mal, im Jahr mehr als 250 Millionen Mal. Gälten für Uhren die gleichen Toleranzen wie für andere Maschinen, gingen sie täglich eine Viertelstunde vor oder nach. Dank der Uhrmacherkunst liegt die Abweichung bei maximal sechs Sekunden. Das ist die Aufgabe der Hemmung. Dieses Herz jeder mechanischen Uhr – bestehend aus Anker, Ankerrad, Unruh und Spiralfeder – portioniert die Energie aus der Aufzugsfeder, damit die Zeiger immer im gleichen Takt ticken. Seine Herstellung und Justierung ist die Königsdisziplin der Uhrmacherei, eine Meisterleistung in Sachen Präzision und Materialkenntnis.

Dank ihrer Expertise verfügen die Zulieferer ETA und Nivarox-FAR über eine Marktmacht, die Hayek nutzen wollte. Den Unternehmer störte es schon lange, dass die Konkurrenz ohne Risiko und auf seine Kosten gewaltige Umsätze machte. Im Jahr 2002 kündigte er an, die ETA werde keine Rohwerke mehr an konzernfremde Hersteller liefern, sondern nur noch fertige Werke. Und setzte dann noch einen drauf: Man werde bald gar keine Werke mehr verkaufen – die Swatch Group sei auf Wachstumskurs und benötige die Teile selbst. Die Branche war entsetzt, mehrere Firmen klagten bei der Wettbewerbskommission. Die Swatch-Kritiker beriefen sich auf die Geschichte: Die ETA hüte das Erbe der Schweizer Uhrenindustrie. Das müsse allen Firmen zur Verfügung stehen.

Die Kommission stellte zunächst die marktbeherrschende Stellung der ETA fest. Ende vergangenen Jahres pfiff sie die Swatch Group zurück: Die ETA habe die Pflicht, die Branche zu versorgen, darf die Menge aber innerhalb der nächsten fünf Jahre schrittweise reduzieren. Die Konkurrenten bräuchten Zeit, um selbstständig zu werden. Nick Hayek, Swatch-Chef und Sohn des inzwischen verstorbenen Seniors, hat für diese Entscheidung wenig Verständnis. Es sei erstaunlich, dass „praktisch niemand in der Schweizer Uhrenindustrie sich bewegt hat, seit die Diskussion um das Thema vor über einem Jahrzehnt begonnen hat. Insbesondere auch, wie wenig Interesse sie zeigt, Neues zu schaffen oder unabhängiger von der Swatch Group zu werden.“

Der Konzern demonstrierte auch gleich, wie Agilität aussieht: mit einer vollautomatischen Produktionsstraße für das neue Uhrwerk der Plastikuhr Swatch. Die Swatch Group hat mit dem Modell Sistem 51 bewiesen, dass es in etwas mehr als zwei Jahren möglich ist, „ein neues mechanisches Werk zu kreieren und zu industrialisieren“, rieb Nick Hayek zur Eröffnung den Konkurrenten hin. Die Investition dafür bezifferte er auf 60 bis 80 Millionen Franken.

Mühsame Versuche, sich freizuschwimmen

Einige der so Gescholtenen haben die Zeichen der Zeit durchaus erkannt. Sie haben eigene Produktionslinien aufgebaut, sich an Zulieferbetrieben beteiligt oder diese übernommen. So investierte die Manufaktur Chopard im vergangenen Jahr 35 Millionen Franken in den Ausbau ihrer zwei Produktionsstätten. 50 bis 60 Millionen Franken hat sich der Sportuhren-Hersteller TAG Heuer, eine Tochter des Luxuskonzerns LVMH, sein neues Chronografenwerk samt Fabrik kosten lassen. Der andere große Player, die Richemont-Gruppe, plant Investitionen von 100 Millionen Franken für eine Forschungs- und Produktionsanlage ein, die für alle Marken der Firma arbeitet. Und Rolex investierte 2013 sogar rund eine Viertelmilliarde Franken in den Aus- und Aufbau von Fabriken. Wie viel davon in die Uhrwerksproduktion fließt, ist nicht bekannt. Das Unternehmen ist verschlossen wie eine Auster, gibt weder Uhrwerke noch Komponenten an andere Firmen weiter.

Relevanter für die gesamte Branche ist der größte Uhrwerks-hersteller nach der ETA: die Firma Sellita Watch SA. Sie produziert mehr als anderthalb Millionen Mechanikwerke – rund die Hälfte davon sind Nachbauten von ETA-Werken, deren Patentschutz abgelaufen ist. Auch die Werkhersteller Soprod sowie der zur Sandoz-Stiftung gehörende Hersteller Vaucher haben ihre Kapazitäten ausgebaut.

Das ambitionierteste Projekt stammt aus La Chaux-de-Fonds, einer Stadt, in der sich alles um die Uhr dreht. Auf mehr als tausend Meter Höhe im Schweizer Jura wurden alle Häuser in langen Reihen und mit den Fensterfronten nach Nordwesten gebaut, damit die Uhrmacher an ihren Heim-Werkbänken nicht von der Sonne geblendet wurden. Auch Roman Winigers Haus steht in Reih und Glied. Der Uhrmacher hat mit drei Kollegen vor vier Jahren den Verein „Openmovement“ gegründet, um ein Uhrwerk im Open-Source-Verfahren zu entwickeln. Das gesamte Vorhaben soll nur rund 550 000 Franken kosten.

Gedacht ist das offene Werk vor allem für kleine Marken, die sich die Aura des Exklusiven geben wollen, denen für eigene Entwicklungen aber das Geld fehlt. Baupläne, Komponentenhersteller und die Spezifikationen der Maschinen sollen im Internet einsehbar sein, die Bausätze soll jeder kaufen können. Was in der Software-Industrie gang und gäbe ist, wäre in der verschwiegenen Uhrenwelt eine Revolution.

Auf dem Markt für Uhrwerke tut sich also langsam etwas. Es bleibt aus Sicht der Swatch-Konkurrenz allerdings noch eine deutlich härtere Nuss zu knacken. Denn die größte Schwierigkeit bei der Konstruktion einer Uhr ist die Regulierung der Ganggenauigkeit durch die Hemmung – das Metier der Swatch-Tochter Nivarox-FAR. Ihre Marktdurchdringung liegt bei mehr als 90 Prozent. Daher verpflichtete die Wettbewerbskommission die Firma dazu, die Branche uneingeschränkt zu beliefern.

Die Firma verdankt ihren Namen einer Schlüsseltechnik: 1933 fand Reinhard Straumann eine Legierung aus Eisen mit Beimengungen wie Nickel, Mangan, Beryllium, die perfekt geeignet war für das Schwingungssystem einer Armbanduhr. Es wurde als „nicht variabel und oxydfest“ bezeichnet, „ni-var-ox“. Diese Legierung wird mit einigen Abwandlungen von der gleichnamigen Swatch-Tochter für die Herstellung von jährlich weit mehr als sieben Millionen Spiralfedern verwendet.

Eine der wenigen Firmen, die dies ebenfalls beherrschen und sich in die Karten schauen lassen, ist Atokalpa. Sie ist im Besitz der Sandoz-Stiftung, zu der auch der Werkhersteller Vaucher und die Marke Parmigiani gehören. In einem Glasbau am westlichen Rand des Juras treiben große Walzen Metalldrähte durch immer kleinere Diamantziehsteine, um sie bis auf haardünne Fäden zu verjüngen. Diese werden flach gepresst und in 20 Zentimeter lange Stücke geschnitten. Im nächsten Arbeitsschritt fädelt eine Frau je vier dieser Drähte mit einer Pinzette kreuzförmig in einen Federwinder, dreht ihn mit den Fingerspitzen und wickelt so die Drähte spiralförmig auf. Durch Erhitzen werden daraus Rohspiralen.

Das Rad neu erfinden

„Je nachdem, wie die Frau dreht, kann es zu Qualitätsschwankungen kommen“, sagt Jean-Michel Pelloux, Chef der Firma. „Deshalb versuchen wir gerade, diesen Schritt zu automatisieren.“ Zwölf Jahre hat die Entwicklung bereits gedauert, rund 40 Millionen Franken wurden investiert – und noch immer unterliegen die Federn den Stimmungsschwankungen der Dreherinnen? Ja, sagt Pelloux. Das Patent für die Mischung der Spirallegierung ist zwar längst abgelaufen und die Zusammensetzung bekannt, aber das Produktionsrezept bis heute ein Geheimnis. „Natürlich arbeiten hier Ehemalige von Nivarox“, sagt der 64-Jährige, „aber jeder kennt sich nur in einem Arbeitsgang aus. Keiner beherrscht den kompletten Produktionsablauf. Wir müssen das Rad noch einmal erfinden.“

Entsprechend hoch sind die Preise. Atokalpa verlangt zwi-schen 100 und 250 Franken für seine Hemmungen. Zum Vergleich: Bei Nivarox-FAR kostet eine Hemmung in der Standardausführung rund zwölf Franken. Der Wettbewerbsvorteil liegt also eindeutig bei der Swatch Group. Jahrzehntelange Erfahrung und eine ausgereifte Produktion zahlen sich aus.

Wenn man den Atokalpa-Chef Pelloux fragt, ob man eine Hemmung bei ihm kaufen könne, lacht er nur. „Wir sind aus-verkauft.“ 200 000 Stück schaffen seine Leute pro Jahr. Ähnlich liegen die Kapazitäten aller anderen Newcomer. Zusammen liefern sie nicht einmal zehn Prozent der in der Schweiz benötigten Hemmungen. So haben die kleinen Hersteller das Nachsehen. Roman Winiger musste für sein Projekt Openmovement bis in den Schwarzwald fahren, um sich in der Federfabrik Carl Haas mit Spiralfedern zu versorgen.

Die Firma in der ehemaligen Uhrenhochburg Schramberg ist für viele zum Retter in der Not geworden. Mit ihr hatte der Nivarox-Erfinder Reinhard Straumann einst die Industrialisierung der Legierung vorangetrieben. Nomos aus Glashütte ist dort ebenfalls Kunde. Im April hat die Firma ihr eigenes Hemmungssystem vorgestellt – nach sieben Jahren Entwicklungszeit und mit einem Budget von elf Millionen Euro. Doch auch in Glashütte ist eine Produktion im großen Maßstab noch nicht erkennbar.

Rolex geht beim Thema Hemmung einen eigenen Weg: Parachrom heißt die bläulich schimmernde Spirale mit Niob und Zirkonium-Beimischung, die seit der Jahrtausendwende in immer mehr Modellen pulsiert. Das Unternehmen kann sich diese Investition leisten: Mit rund 800 000 Uhren machte Rolex 2013 einen Umsatz von geschätzt 4,5 Milliarden Franken. Aber selbst bei Rolex reicht die Eigenproduktion nicht für alle Modelle. Auch sie hängt am metallenen Faden der Swatch Group.

Diese beiden Großen sowie die Luxusmarken Patek Philippe und Ulysse Nardin setzen zudem auf eine neue Technik: Hemmungen auf Silizium-Basis. Sie lassen sich dank moderner Verfahren sehr günstig produzieren. Allerdings blockiert ein undurchsichtiger Streit über Patente diese Alternative.

Man lässt sich traditionell Zeit in der Branche. Obwohl Hayek senior die Goldgräberzeiten für beendet erklärt hat, betonen seine Widersacher die mehr als 500-jährige Geschichte dieser feinen Industrie. Dabei ist sie in Wahrheit keine 40 Jahre alt. Die Vorläufer beinahe aller heute strahlenden Marken gingen durch die Quarzkrise bankrott. Ihre Nachfolger sind gänzlich neue Unternehmen. Pelloux konstatiert eine allgemeine Lethargie: „Solange man freie Fahrt hat, unternimmt hier niemand etwas. Erst wenn der Aufprall auf die Mauer unausweichlich wird, sucht man hektisch nach Auswegen.“

Da kann der Openmovement-Macher Winiger nur zustim-men: „Ich muss immer wieder lachen über die Mentalität in der Branche, wenn ich den Firmen meine Pläne vorstelle: Hat man eine Idee, wollen die Leute Pläne sehen. Wenn man die Pläne hat, wollen sie Prototypen. Und zeigt man die vor, hätten sie gern gleich fertige Werke.“ So wundert es auch nicht, dass sich unter den Unterstützern des Projektes zwar Hochschulen, Software-Unternehmen, Verfahrenstechniker und Zulieferer finden – aber keine einzige Uhrenfirma. „Manchmal“, sagt Winiger, könnte ich selbst zum Hayek werden und den Leuten zurufen: „Aufwachen, ihr Schnarchnasen!“ ---