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Hier spricht der Chef!

Kommunikation kann Vertrauen schaffen. Oder das Gegenteil. Text: Thomas Ramge





• Wenn der Chef mit einem Mitarbeiter über dessen Arbeit spricht, heißt das Zielvereinbarungsgespräch. Dabei kann einiges geklärt werden: Was erwartet das Unternehmen von dem Angestellten? Was kann der leisten? Danach vereinbaren beide Seiten realistische Ziele für die kommenden Monate. So weit die Theorie.
Hier Einblicke in die betriebliche Praxis.

Gesagt: Sie wissen ja selbst, dass Sie ein wertvoller Mitarbeiter sind …

Gemeint: Vermutlich wissen Sie es nicht, denn im Konzern spürt der Einzelne seinen Wertbeitrag ja nicht. In der Fortbildung „Feedback-Gespräche erfolgreich führen“ habe ich aber gelernt, dass man am Anfang des Gesprächs loben soll. Sollten Sie nicht wissen, dass Sie ein wertvoller Mitarbeiter sind, ist das übrigens Ihr Fehler. Auf keinen Fall liegt es an fehlendem Lob über das Jahr hinweg.

Gesagt: Was wir jetzt besprechen, ist in keiner Form persönlich gemeint …

Gemeint: Seien wir ehrlich: Als Person sind Sie mir vollkommen egal. Umgekehrt ist es ja vermutlich auch so. Wir beide sprechen nur auf der Sachebene. Sollten wir aus Versehen doch mal persönlich werden, sitze ich allerdings am längeren Hebel. Ich kann Sie immer zurück auf die Sachebene zwingen, ich bin ja der Chef.

Gesagt: Wenn ich Ihnen das mal kurz spiegeln darf …

Gemeint: Auch wenn Sie mir als Person egal sind, kann ich natürlich trotzdem ermessen, dass Sie als Person unfähig sind, sich selbst zu beurteilen. Deshalb sage ich Ihnen jetzt, wie Sie sich sehen sollten.

Gesagt: Was mich bei Ihnen allerdings ab und an leicht irritiert …

Gedacht: Ich hoffe, Sie wissen, dass „irritare“ im Lateinischen nicht verwirren heißt. Sondern reizen, stören und vor allem belästigen. Wenn ich leicht irritiert sage, meine ich also: Was mich regelmäßig bei Ihnen zur Weißglut bringt …

Gesagt: Ich würde mir ganz grundsätzlich etwas mehr Wetterfestigkeit wünschen …

Gemeint: Ich sehe es doch gerade in Ihrem Gesicht: Sie können mit Kritik nicht umgehen. Selbst dann nicht, wenn sie wohlwollend gemeint ist.

Gesagt: Wenn ich mir Ihr Persönlichkeitstest-Profil anschaue, sehe ich in Ihnen nach wie vor hohes Potenzial …

Gedacht: Die Personalabteilung hat mir diese Psycho-Auswertung vorgelegt und zählt Sie, warum auch immer, zu unserem Führungskräfte-Nachwuchs. Ich halte ja nichts von diesen Personaler-Tools. Mein Bauch sagt mir: Sie fallen in die Kategorie ewiges Talent. Sie haben vielleicht ganz gute Anlagen. Aber Ihr Potenzial werden Sie nicht heben.

Gesagt: Ich sage es mal so: Sie könnten aus meiner Sicht etwas ambitiöser werden …

Gemeint: Ehrgeiz scheint ja in Zeiten der Work-Life-Balance ein Schimpfwort zu sein. Was der Unterschied zwischen ambitioniert und ambitiös ist, weiß ich nicht so genau. Aber der Vorstand sagt in letzter Zeit auch immer ambitiös.

Gesagt: Gleichzeitig müssen Sie sichtbarer werden …

Gedacht: Ich habe im vergangenen Jahr nicht viel von Ihnen gesehen. Ob ich genau hingeschaut habe, tut nichts zur Sache. Ich persönlich versuche übrigens auch, sichtbarer zu werden. Besonders beim Vorstand. Womit wir nach diesem Feedback-Vorgeplänkel beim eigentlichen Tagesordnungspunkt angekommen wären: der Zielvereinbarung.

Gesagt: Das kommende Jahr wird sportlich für uns alle. Ich zähle da auch und besonders auf Sie!

Gemeint: Eine Zielvereinbarung, das wissen wir ja beide, ist keine Vereinbarung. Der Vorstand setzt das Ziel. Meine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass es erreicht wird. Auch ich habe keine Ahnung, wie wir die Quartalsziele erreichen können. Was ich aber weiß: Auf Leute wie Sie kommt verdammt viel Arbeit zu.

Gesagt: Einverstanden?

Gemeint: Einverstanden.

Vom Autor erschien kürzlich bei Rororo das Buch: Montags könnt’ ich kotzen. Vom ganz normalen Bullshit. 256 Seiten; 9,99 Euro.