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Einen Vorschuss, bitte

Ein Ingenieur hat ein Verbrechen begangen und dafür gebüßt. Nun kämpft er um eine zweite Chance.




• Wer lange im Gefängnis war, hat sehr wahrscheinlich Menschen geschadet. Wenn er sich danach um eine Arbeitsstelle bemüht, wollen potenzielle Arbeitgeber wissen, ob sie sich Sorgen um Betriebsgeheimnisse oder die Unversehrtheit der Mitarbeiter machen müssen. Sie erwarten, auf den dramatischen Bruch im Lebenslauf hingewiesen zu werden. Sie wollen wissen, dass alles vorbei ist, bevor sie ihm eine Chance geben.

Allerdings hat der Bewerber seine Strafe verbüßt und auch nach schweren Delikten das Recht auf einen Neuanfang. Die Frage nach Vorstrafen ist sogar unzulässig, solange sie keinen konkreten Bezug zum geplanten Arbeitsverhältnis haben. „Keine Fragen zum Delikt“, sagt der Mann, der auch uns von der Arbeitssuche nach seiner Zeit im Gefängnis erzählen will. Das ist menschlich verständlich.

Die Frage ist nur, wie da ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen dem Gestrauchelten und seinem Arbeitgeber entstehen soll.

Der tiefe Fall

„Nee, gestrauchelt ist falsch“, sagt Marc M. *. Ein zurückhaltender, wie verloren zwischen den Menschen am Bahnhof stehender Mann. Er trägt denselben Anorak wie bei der Verhaftung. In der Jute-Tasche steckt ein Stapel Bewerbungsschreiben, mit denen er sich seit der Entlassung auf dem Arbeitsmarkt zurückzumelden versuchte. „Ich bin im Leben gestolpert. Gestrauchelt klingt, als käme ich nie wieder hoch.“

M. zählte nicht zu den 70 Prozent der Häftlinge, die schon vor dem Gefängnis arbeitslos waren, und mit Drogen kam er nie in Berührung. Er hatte eine gute Ausbildung, Berufserfahrung und einen sicheren Job. Nach dem Abitur die Lehre. Nach der Lehre der Diplom-Ingenieur. Und als der erste Arbeitgeber pleiteging, fand er einen zweiten, „weil ich leistungsbereit war“. Er besaß ein Haus mit Garten, eine Familie und ein Auto. Aus einer Arbeiterfamilie stammend, hatte er sich eine bürgerliche Existenz geschaffen.

Seit die Polizisten bei ihm klingelten, ist all das Geschichte. Die Verhaftung sei „schon richtig“ gewesen, sagt M. und schaut einen dabei nicht an.

Fünf Jahre lebte er in einer acht Quadratmeter kleinen Zelle. Durchs Fenster konnte er nur schauen, wenn er sich auf einen Stuhl stellte. An Gesprächspartnern mangelte es, als Akademiker war er ein Außenseiter im Knast. In der Schneiderei nähte M., der Grobmotoriker, Firmennamen in die Handtücher von Kreuzfahrtschiffen und Hotels. Er spülte Geschirr und putzte das Klo. Für 240 Euro brutto im Monat.

Kann man sich so auf die Rückkehr ins Leben draußen vorbereiten? Theoretisch sollen die 56 000 Häftlinge in Deutschland die Chance dazu bekommen. Sie können hinter Gittern eine Ausbildung machen, das Abitur nachholen und an einer Fernuniversität studieren. Aber M. war ja qualifiziert. Allenfalls in seinem Fach wäre er gern auf dem Laufenden geblieben. Doch ohne Internetzugang und Freigang, „der in meinem Knast so nicht üblich war“, blieb ihm nur, was ihm an abgewetzten Büchern in die Hände fiel.

Im Gefängnis, sagt er, geht außerdem viel Kraft dafür drauf, erst mal den Alltag zu überleben.

Wie umgehen mit der eigenen Biografie?

Als er raus war, konnte M. gar nicht genug von Spaziergängen im Freien bekommen. Dann schrieb er Bewerbungen und in seinen Lebenslauf: Verurteilung zu fünf Jahren Haft. Er wollte sich nicht mit Notlügen wie etwa langen Auslandsaufenthalten herausreden. Er wollte so offen wie möglich sein – bis auf „das Delikt“ eben.

Doch die Resonanz blieb aus, auch bei seinem Betreuer in der Arbeitsagentur, „der meinen beruflichen Werdegang vor dem Knast fast vollständig ignorierte“. Selbst der private Arbeitsvermittler, an den er sich wandte (in das Formular mit den denkbaren Tätigkeiten schrieb er Schlagworte wie „Büroberufe“, „Kurierfahrer“, „Callcenter-Mitarbeiter“, „Lehrkraft in der Erwachsenenbildung“), antwortete M. wortkarg, „dass wir Sie nicht in die Vermittlung aufnehmen können“. Gefolgt von einem formalen: „Für Ihre berufliche Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute und Erfolg.“

Das führte M. auf die ehrliche Angabe im Feld „Einträge im Führungszeugnis sind vorhanden“ zurück. Und auf den Hinweis, dass er Schulden hat. Die sind durch die Gerichtskosten entstanden. Er bat eine Sozialarbeiterin um Rat. Natürlich müsse er ehrlich sein, sagte die. Er solle sich in die Lage der Arbeitgeber versetzen. „Andererseits kommt man mit zu viel Offenheit als Straffälliger recht schnell an den Punkt, an dem selbst aufgeschlossene Personaler die Flatter kriegen.“ Und zunächst gehe es ja nur um die Einladung zu einem Gespräch.

Laut ständiger Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts dürfen Arbeitgeber nur nach Vorstrafen fragen, die für den zu besetzenden Arbeitsplatz von Bedeutung sind. In einem Entscheid vom September 2012 heißt es zum Beispiel: „Der Arbeitgeber darf den Arbeitnehmer bei der Einstellung nach Vorstrafen fragen, wenn und soweit die Art des zu besetzenden Arbeitsplatzes dies ,erfordert‘, das heißt bei objektiver Betrachtung berechtigt erscheinen lässt.“ Wenn es keinen Zusammenhang gibt, ist der Bewerber nicht verpflichtet, von sich aus über Vorstrafen zu reden.

Das heißt konkret: Ein Kassierer, der in die Kasse griff, muss sein Delikt angeben. Ebenso ein Sexualtäter, der in die Kinder- und Jugendarbeit will. Oder ein Kraftfahrer, der wegen Trunkenheit verurteilt wurde. Das schon. Doch wo der Zusammenhang zum Job fehlt, muss nicht alles auf den Tisch.

Daran orientierte M. sich nun. Um wenigstens einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, schrieb er in seinem Lebenslauf über seine Zeit im Gefängnis: „Mitarbeiter im Hausmeisterdienst des Landes“. Das war nicht vollkommen falsch, schließlich ist die Justizvollzugsanstalt eine Landeseinrichtung. Auf Ausschreibungen, die ein makelloses Führungszeugnis verlangten, bewarb er sich nicht.

Der Bereichsleiter eines Callcenters, der ihn einstellen wollte, fragte am Ende des Bewerbungsgesprächs trotzdem beiläufig, ob es Probleme mit dem Führungszeugnis gäbe. Dass es erforderlich war, hatte nicht in der Anzeige gestanden. „Es gibt einen Eintrag“, antwortete M. „Was da als Delikt steht, hat aber wirklich keinen Zusammenhang mit Ihrer Stelle.“

Den Mann interessierte das nicht. Das ersehnte Gespräch war augenblicklich vorbei. Vermutlich hätte M. den Arbeitgeber auch nicht mit dem Hinweis umstimmen können, dass es im Ausland sogar Gefängnisse gibt, deren Insassen als Callcenter-Mitarbeiter tätig sind.

Der Trick mit dem verbogenen Lebenslauf funktioniert also, wenn überhaupt, nur schlecht. Viele Unternehmen beteuern zwar, im Normalfall kein Führungszeugnis zu verlangen. Laut Bundesjustizministerium wird die „Vorlage eines Führungszeugnisses als Einstellungsvoraussetzung“ aber „immer mehr zur Regel“ gemacht. Gelöscht werden die Einträge erst nach drei oder fünf, bei bestimmten Sexualdelikten sogar erst nach zehn Jahren.

Und selbst wenn der Trick klappt – irgendwann kommt alles raus. Dafür sorgen schon der Flurfunk und das Internet. In Schweden konnten Geschäftsleute dank einer Gesetzeslücke sogar die Gerichtsakten verurteilter Straftäter online stellen – um sie auf ihrem Portal namens Lexbase zu verkaufen.

Ehrlichkeit kann nützen. Muss aber nicht

Warum also nicht gleich alle Karten auf den Tisch legen? Offen über das Delikt reden und darüber, wie man selbst mit seiner Geschichte umgeht? Ein echter Vertrauensvorschuss also. Ralf Pretz vom Verein Haftentlassenenhilfe in Hessen sagt: „Das Delikt zu verschleiern kann opportun sein. Wer meint, sich dadurch Vorteile zu verschaffen, tut es, und so machen es viele. Aber das hilft nicht unbedingt weiter, weil einen die Tricks und Halbwahrheiten früher oder später einholen.“

Pretz hält Lügen nicht für den richtigen Weg, um nach einem Vertrauensbruch, der mit vielen Straftaten verbunden ist, wieder in die Gesellschaft zu finden. Drei seiner vier Kollegen, die an diesem Morgen im Zimmer nebenan sitzen, stimmen Pretz zu. Der vierte enthält sich.

Allerdings, räumt Pretz ein, hängen die Erfolgsaussichten einer solchen Transparenzoffensive stark vom Alter und Delikt ab. Vieles kann man erklären, zumal wenn es sich als „Jugendsünde“ verbuchen lässt. Mancher Arbeitgeber lasse sich auch durch ein ehrliches Gespräch mit dem Bewerber überzeugen, „und wenn er unsicher ist, nimmt er die Belegschaft gleich mit, indem er deren Einverständnis mit einholt“.

Viele Ex-Häftlinge kommen zwar zunächst nur bei sozialen Initiativen unter, die einen expliziten Auftrag zur „zweiten Chance“ haben, doch auch mittelständische Unternehmen und Handwerksbetriebe sollen Haftentlassenen gegenüber durchaus aufgeschlossen sein. Zu überprüfen ist das aus Gründen des Datenschutzes nicht.

Auch die Zeitarbeitsbranche wird gelobt. Sozialen Einrichtungen, die sich um Straftäter kümmern, wird teils sogar die Möglichkeit eröffnet, vor der Entlassung ihrer Klienten anonymisierte Bewerberprofile einzureichen. Durch die Zeitarbeit sinkt die Hemmschwelle von Unternehmen, Ex-Häftlinge zu beschäftigen. Denn wenn etwas schiefläuft, tragen nicht sie, sondern die Zeitarbeitsfirmen die Verantwortung für die Personalauswahl. Daher, sagt Ralf Pretz, führe der Weg zu einer festen Stelle für seine Klientel oft über die Zeitarbeit.

Die Frage ist nur, ob die Bewerber nicht auch dort irgendwann die Wahrheit sagen müssen. Denn es gibt zwar Geschäftsführer wie Steffen Wilke-Stern vom Personaldienstleister Vissio in Berlin, der über die guten Erfahrungen mit straffällig gewordenen Facharbeitern spricht und sagt: „Wir fragen nicht nach dem Delikt. Das dürfen wir ja auch gar nicht, so wie wir nicht nach einer Schwangerschaft fragen dürfen. Bei uns zählt die Leistung.“

Doch andere Zeitarbeitsfirmen erwarten durchaus, dass die Delikte angesprochen werden. „Wir müssen wissen, für wen wir uns einsetzen“, sagt die Mitarbeiterin einer Firma, die anonym bleiben will. Sie erinnert daran, dass die Bewerber ins soziale Gefüge integriert werden möchten. „Vieles kann okay sein, wenn der Bewerber geläutert erscheint. Das Risiko aber, einen überzeugten Rechtsradikalen etwa, einen Vergewaltiger oder Totschläger zu vermitteln, können wir nicht tragen. Da fehlt uns auch die Kompetenz.“

Es gibt Taten, die sich schwer erklären lassen. Und die Haft bereitet nicht unbedingt auf die Zivilgesellschaft vor. „Deutsche Gefängnisse sind ein rechtsfreier Raum: Dort wird misshandelt, vergewaltigt, getötet“, hieß es in einer Reportage der »Zeit« mit dem Titel „Die Schlechterungsanstalt“. Und weiter: „Scheinheilig, wer da von Gefängnissen als Orten der Resozialisierung spricht, die eigentlich seit 1977 die gesetzlich vorgeschriebene Aufgabe der Haft ist.“

Dass Insassen unter solchen Umständen angeregt werden, über sich und ihr Verbrechen nachzudenken, ist eine ebenso naive Vorstellung wie die, dass einer, der jahrelang hinter Gittern saß, danach gleich offen auf andere Menschen zugehen kann.

Im Tarnmantel unterwegs

Wie erkenne ich, wem ich Vertrauen schenken kann? Und habe ich das Vertrauen anderer Menschen wegen der Straftat auf immer verspielt? Das scheint sich Marc M. zu fragen, wenn er, wie er selbst formuliert, „wie Alberich mit seinem Tarnmantel“ durch die Stadt läuft.

Kürzlich hat er den Versand von Bewerbungsschreiben, die er sauber nummeriert hat, nach 270 erfolglosen Briefen eingestellt. Da bekam er eine Hausmeisterstelle – dank der Unterstützung der Sozialarbeiterin. Sie kennt sein Delikt, und sein Chef kennt es auch. Das ist ein Vertrauensbeweis.

So ein Hausmeisterjob ist natürlich nicht das Gelbe vom Ei. Man kann nur mit viel Optimismus einen Rest Ingenieur darin ausmachen. Aber M. weiß, dass seine Aussichten auf dem Arbeitsmarkt allein wegen seines Alters gering sind; er wird bald 50. Und vor dem Freiberuflerdasein, das manch einer als Ausweg aus der Misere empfiehlt, schreckt er zurück, weil er stets angestellt war.

Das Wichtigste: Der Job verschafft ihm etwas Ruhe, Geld und Struktur. Er erlaubt es ihm, nebenher eine Fortbildung zu machen und das Selbstbewusstsein zu suchen, das ihm abhanden gekommen zu sein scheint. Vor allem aber hat er nun Zeit, sich auf ein anderes Projekt vorzubereiten. Im Winter, mehr als zwei Jahre nach seiner Entlassung, will er den abgerissenen Kontakt zu seiner Familie wieder aufnehmen. ---

* Der Name Marc M. ist ein Pseudonym. Auch die Sozialarbeiterin bat um Anonymität, um ihre Klienten zu schützen.