Partner von
Partner von

Dr. Schwindel & Prof. Schmu

Sie hantieren mit den gefährlichsten Keimen, forschen an lebensrettenden Medikamenten, geben wirtschaftliche Prognosen ab und bestimmen, welches Handeln gesund und moralisch richtig ist: Zum Glück sind es Wissenschaftler, denen kann man vertrauen. Kann man?





• In Bonn wird regiert. Zwar nicht mehr die Bundesrepublik, aber die Republic of Science. Die Wissenschaft ist, glaubt man dem ungarisch-britischen Intellektuellen Michael Polanyi, eine kleine, unabhängige Enklave, die es in jeder modernen Nation gibt. Sie verfügt, so schrieb er 1962, über eigene Institutionen, eigene Gesetzmäßigkeiten, eine selbstbestimmte Organisation und eine vorherrschende Ideologie. Die deutsche Wissenschaftsregierung residiert in der Region von Bonn. Hier wird maßgeblich bestimmt, wie Erkenntnis gewonnen wird.

An der Kennedyallee: die Deutsche Forschungsgemeinschaft, ein Verein deutscher Universitäten und Wissenschaftsorganisationen und die größte Kasse der „scientific community“. 2013 brachte der Apparat mit seinen 750 Mitarbeitern rund 2,6 Milliarden Euro für die Suche nach Erkenntnis. Nicht weit entfernt: die Hochschulrektorenkonferenz und das Sekretariat der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz der Minister und Senatoren für Forschung. Außerdem: der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, die größte deutsche Forschungsorganisation mit einem Gesamtbudget von fast vier Milliarden Euro; der Deutsche Akademische Austauschdienst und die Studienstiftung des deutschen Volkes, die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Institute der Fraunhofer- und der Max-Planck-Gesellschaft sowie mehr als ein halbes Dutzend Hochschulen. Nicht zu vergessen einige Bundesämter und -institute und: der Hauptsitz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) mit rund 750 der insgesamt 1000 Mitarbeiter.

Wie die meisten Staatsregierungen verfolgt auch die der Wissenschaft das Ziel, Vertrauen bei den Bürgern zu gewinnen. Damit die Gemeinschaft weiter bereitwillig die Kosten von Forschung und Lehre trägt. Damit motivierte, kluge Köpfe weiter eine Karriere in der Wissenschaft anstreben. Und dort Dinge tun, deren Ergebnisse ein Bürger kaum bewerten kann. Oder wie sollten wir mit (S)-N-Methyl-1-phenyl-propan-2-amin, Orthopoxvirus variola oder Cyclotrimethylentrinitramin umgehen? Ja, Crystal Meth, der Pocken-Erreger und Sprengstoff befinden sich mit großer Wahrscheinlichkeit gerade in den Händen von Wissenschaftlern, die hoffentlich wissen, was sie tun.

Wir bekommen Nachrichten, die daran zweifeln lassen: von Hochschulen, die Geld für Rüstungsforschung erhalten, obwohl sie sich allein der zivilen Wissenschaft verpflichtet haben. Von Universitäten, die Kooperationsverträge mit Unternehmen geheim halten. Von Forschern, die sich durch Nebentätigkeiten in den Verdacht bringen, zu Mietmäulern zu werden, oder die so großherzig öffentliches Geld ausgeben, als gehörte es ihnen persönlich. Am beunruhigendsten sind die Nachrichten von Forschern, die sich nicht an die Regeln ihrer Zunft halten. Die frisierte Daten auf Kongressen vorstellen, frei erfundene Studien veröffentlichen oder fremdes geistiges Eigentum als ihr eigenes ausgeben. Gefährliche Verfehlungen, zu denen Forscher sich des Renommees wegen verleiten lassen, der knappsten und zugleich begehrtesten Ressource in der Republic of Science.

Ein wachsender Drang zur Außendarstellung, ökonomischer Druck, die Nähe zu Politik und Unternehmen: Es gibt viele Gründe für das Abweichen von den Idealen. Eine britische Analyse ergab 2009, dass zwei Prozent der Forscher schon einmal etwas gefälscht haben. Und 33,7 Prozent räumten die Anwendung fragwürdiger Methoden ein. Das sind erschreckend viele, wo es um Medikamente und Chemikalien, die Historie der Menschheit oder die Zukunft der Sozialsysteme geht.

Vertrauen ist die Währung der Republic of Science. Doch ihr Kurs gerät unter Druck. Eine brisante Entwicklung. Nicht nur für die Forscher, sondern für die gesamte Gesellschaft.

Noch genießt die Wissenschaft hohes Ansehen. Seriösere Experten als die Spezialisten aus akademischen Kreisen sind kaum zu finden. Mehr als die Hälfte der Bundesbürger glaubt, von Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Universitäten gingen, in dieser Rangfolge, die wichtigsten Impulse für die Gestaltung der Gesellschaft aus. Erst dahinter rangieren Umweltschützer, Bürgerrechtler, Politiker, Journalisten.

Doch wer die Wahrheit sucht, ist nicht gleich wahrhaftig. Was er zeigt und sagt, muss nicht die Wirklichkeit spiegeln – vor allem wenn er den Druck spürt, einer Erwartung gerecht werden zu müssen. Längst müssen nicht mehr nur Unternehmen im Wettbewerb bestehen. Auch Universitäten und Forschungseinrichtungen müssen sich heute der Logik des Kapitalismus unterwerfen: Was eben noch genügte, ist morgen schon nicht mehr genug. Schneller, besser, größer: Mehr denn je sind dies auch die Maximen in den Verwaltungsetagen der Wissenschaft.

Von außen kontrolliert wird sie kaum. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) etwa kann eigenmächtig über die Forschung in der Bundesrepublik bestimmen, ohne ihre Entscheidungen rechtfertigen zu müssen. Das Informationsfreiheitsgesetz, das behördliche Entscheidungen transparenter machen soll, gilt für sie nicht. Sie ist ein Verein. Sie bestimmt, was gute wissenschaftliche Praxis ist und wie man diese sichert. Dafür hat sie ein Gremium eingesetzt, an das sich jeder Wissenschaftler wenden kann, dem etwas nicht geheuer ist. Probleme werden eben am liebsten in der Familie gelöst.

2013 erhielt das Ombudskollegium 61 Anfragen, die meisten davon wie in den Jahren zuvor aus der Medizin, den Biowissenschaften und den Sozial- und Geisteswissenschaften. Wie üblich beschwerten sich die meisten Forscher, weil sie an einer Publikation mitgewirkt hatten, aber nicht als deren Autor genannt wurden. Verdacht auf Betrug oder Manipulation wird dem Gremium äußerst selten angezeigt.

Der geknechtete Nachwuchs

So kann sich die Wissenschaft als Hort der Tugend geben. Unter dem Deckmantel des unendlichen Vertrauens der Gesellschaft aber führt man den schmutzigen Kampf um akademische Macht, Geltung und Geld. Nicht nur Institutionen spüren den Druck, außergewöhnliche Leistungen zu vollbringen und sie sichtbar zu machen, sondern auch jeder einzelne Wissenschaftler. Positive Ergebnisse werden erwartet und gefördert, Zweifel, Zögern und Scheitern dagegen kaum belohnt. Langfristige und sorgfältige Grundlagenforschung hat es unter diesen Bedingungen schwer. Statt sich in das mühselige Klein-Klein komplizierter Zusammenhänge zu begeben, müssen Produkte her, Wirkstoffe oder technische Innovationen etwa, die sich am Markt rasch versilbern lassen. Doch Entdeckungen und Erkenntnisse kann man eben nicht bestellen, produzieren und abliefern wie ein Kleidungsstück oder ein Mobiltelefon.

Vor allem Nachwuchswissenschaftler bekommen den Druck zu spüren. Oft müssen sie sich jahrelang mit befristeten Arbeitsverträgen durchschlagen, ohne Perspektive von Aufgabe zu Aufgabe hangeln. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz von 2007 sieht vor, dass Jungforscher sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion befristet beschäftigt sein dürfen. Ausgenommen sind Stellen, die durch Drittmittel finanziert werden – denn Drittmittel werden immer befristet vergeben.

Selbst wer sechs Jahre eine Juniorprofessur bekleidet hat, kann sich keineswegs sicher sein, weiter beschäftigt zu werden. Ein „Tenure Track“, eine Aussicht auf feste Anstellung also, ist bisher in kaum einem Hochschulgesetz der Bundesländer verankert. Neun von zehn wissenschaftlichen Mitarbeitern sind nach Berechnungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft nur auf Zeit beschäftigt. Der „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013“ rechnet vor: Lediglich 7,8 Prozent der wissenschaftlichen Angestellten haben eine feste volle Stelle.

Das Volk der Republic of Science ist schlecht bezahlt, weiß kaum, was morgen sein wird. Wer dort jahrelang etwa nach dem Beweis für einen Mechanismus sucht, den die Theorie schon vorhersagt, der mag anfällig dafür sein, eines Nachts im Labor schwach zu werden. Ein kleiner bereinigter Messwert, eine begradigte Kurve, eine vertauschte Probe können die Chance dramatisch erhöhen, eine neue Stelle zu bekommen – solange es nicht auffällt.

Ranking und Rating sind längst auch Begriffe der akademischen Welt. Wer war am erfolgreichsten darin, Drittmittel heranzuschaffen? Wer hat die meisten Publikationen vorzuweisen? Jedes Jahr werden Hitparaden von Fakultäten, Studiengängen, Universitäten veranstaltet. Für die Verteilung des Forschungsgeldes ist nicht allein entscheidend, wer die besten Ideen hat, die brillantesten Methoden verwendet. „Publish or perish“ ist zum Prinzip wissenschaftlicher Karrieren geworden: falle auf – oder versinke in Vergessenheit.

Die Leistung eines Wissenschaftlers wird an der Zahl seiner Veröffentlichungen pro Jahr gemessen, so wie die Produktivität einer Milchkuh an der Zahl der täglichen Liter. Diesen Vergleich ziehen die Hamburger Forscher Hans-Hermann Dubben und Hans-Peter Beck-Bornhold in ihrem Buch „Der Hund, der Eier legt“, einer Anleitung zum kritischen Umgang mit Wissenschaft. In vielen Disziplinen führt das zur Salamitaktik: Erkenntnisse werden in immer kleineren Fragmenten herausgegeben. Viele der zahllosen veröffentlichten Artikel sind wertlos, weil sie mit heißer Nadel gestrickt sind. Das kritisierten Forscher etwa jüngst in einer fünfteiligen Serie in »The Lancet«, dem wichtigsten Magazin für medizinische Forschung.

Egal bei welchem Organ der Wissenschaftsregierung in Bonn man sich auch umschaut, Prunk sucht man vergebens. Sie müssen um ihren Ruf eigentlich nicht bangen. Zumindest wenn man dem „Wissenschaftsbarometer 2014“ glaubt. Die repräsentative Umfrage soll künftig zweimal im Jahr erspüren, wie die Deutschen zur Wissenschaft stehen – im Auftrag von „Wissenschaft im Dialog“, einer Einrichtung, die maßgeblich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt wird. Was wir über die Wissenschaft wissen, wissen wir eben durch die Wissenschaft.

„Mehr als zwei Drittel der Befragten sind vom Nutzen der Wissenschaft überzeugt“, so die Autoren des Barometers mit unverhohlenem Stolz. Und das BMBF frohlockt: „Mehrheit der Deutschen meint: Forschung bringt großen Nutzen.“ Allerdings: Die Umfrage verlangt keine absolute Entscheidung, sondern nur eine ungefähre Zustimmung oder Ablehnung zu der doch eher vagen Aussage: „Alles in allem schadet die Wissenschaft mehr als sie nützt.“ 45 Prozent der Befragten stimmten „nicht zu“, 23 Prozent „eher nicht zu“. 22 Prozent waren „unentschieden“.

Auch stellt das Barometer nicht die Vertrauensfrage, sondern erkundigt sich nach einer Meinung über andere: „Die Menschen vertrauen zu sehr der Wissenschaft und nicht genug ihren Gefühlen und dem Glauben.“ Ja? Nein? Der mit 34 Prozent größte Anteil der Befragten mag sich nicht festlegen und urteilt „unentschieden“.

Insgesamt ist das Zutrauen der Deutschen in Fortschritt und Innovation durch wissenschaftliche Erkenntnis wohl doch etwas verhaltener. Eine relative Mehrheit von 46 Prozent gab in einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach an, es sei etwas Wahres an der Aussage, man könne sich auf das Urteil von Wissenschaftlern beziehungsweise Fachleuten nicht verlassen. Auf die Frage, auf wessen Aussagen man im Allgemeinen vertrauen könne, kamen Wissenschaftler auf Rang sechs hinter Ärzten, Richtern, Geistlichen, Polizisten und Lehrern.

Die engen Bande zur Politik

Das Vertrauen der Politik in die Wissenschaft immerhin scheint groß. Sie betreibt eifrig freundliche Diplomatie mit der Republic of Science. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon etwa verkündete zur Gründung eines neuen Wissenschaftsrates im Januar 2014: „Wir müssen die Bande zwischen der Wissenschaft und den Vereinten Nationen stärken, damit die Wissenschaft besser gefördert und genutzt werden kann.“ Und im Koalitionsvertrag der Bundesregierung heißt es: „Unsere Kernanliegen sind die Stärkung der Hochschulen, die Stärkung der Wissenschaftsorganisationen und die Förderung strategischer Profile und Kooperationen im Wissenschaftssystem.“

So klingt Vertrauen. Tatsächlich rücken Wissenschaft und Politik immer näher zusammen. Eine Vielzahl von Stäben, Kommissionen, Gremien und berufene Experten sollen dabei helfen, politische Entscheidungen zu treffen und durch vermeintliche Neutralität abzusichern. Ob Klima oder Gentechnik, Energie, Ökonomie oder Ernährung: In allen Domänen der gesellschaftlichen Entwicklung werden Politik und Wissenschaft verflochten.

Während Entscheider auf die Erkenntnisse der Forscher angewiesen sind, um Probleme zu lösen oder Beschlüsse zu legitimieren, ist die Wissenschaft abhängig von den Ressourcen, die die Politik ihr zuweist.

Die Folgen sind paradox: Die Autorität der Forschung wird angerufen – und zugleich zerstört. Denn sie beruht eben darauf, dass sie Distanz zur politischen Macht wahrt – eine Erkenntnis, die keineswegs neu ist. Völkische Rassenlehre, die Atombombe, medizinische Versuche im Konzentrationslager: All das hat gezeigt, was geschehen kann, wenn die Wissenschaft sich den Mächtigen unterwirft.

Eine stattliche Villa am Bonner Talweg ist einer der Orte, an denen die Wissenschaft sich selbst überwacht. Auf dem Schild an der Auffahrt steht: Institut für Wissenschaft und Ethik sowie Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften. Eigentlich könnte darauf auch „Vertrauenskontrollbehörde“ stehen. Denn hier diskutieren Forscher, wie Wissenschaft bei kontroversen Themen vorgehen soll, etwa dem Einsatz von Gentechnik in Landwirtschaft und Medizin. „Wissenschaft droht immer dann das Vertrauen der Menschen zu verlieren, wenn sie Ängste weckt“, sagt Dieter Sturma. Der Philosophieprofessor, dem man gewillt ist, alles zu glauben, steht beiden Institutionen vor. „Und Ängste gedeihen, wo das Risiko eines Schadens wächst und die Zusammenhänge noch nicht gut verstanden werden.“

Gerate die Forschung einmal auf Abwege, könne nur eines helfen, postuliert Sturma: Selbstheilung. Denn es gehöre zum wissenschaftlichen Prozess, dass jeder Irrtum und jedes Fehlverhalten irgendwann aufgedeckt und ausgemerzt würden. Eine Erkenntnis sei gerade so lange „wahr“, bis sie durch eine andere ersetzt werde.

Mit dieser Ansicht steht Sturma nicht allein. In manchen Ländern hat die Wissenschaft einen Teil ihrer Autonomie abgeben und sich einer externen Aufsicht beugen müssen. In Deutschland aber ist es das Privileg der Forscher, sich selbst zu kontrollieren. Selbst zu bestimmen, was wissenschaftliche Güte ausmacht. Doch immer wieder verliert sich ein Betrugsfall auf den undurchsichtigen Wegen einer Untersuchungskommission.

Bis in die Mitte der Neunzigerjahre galt in Deutschland der Betrug in der Wissenschaft noch als Problem anderer Nationen. In den USA etwa beschäftigten sich Forscher, Politiker und Journalisten seit Jahren damit. Doch mit der wachsenden Bedeutung von Expertise reißt auch in der Bundesrepublik die Kette der Fälle nicht mehr ab. Ob deren Zahl zugenommen oder sich nur die Wahrnehmung dafür verändert hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Denn abgesehen von der britischen Studie von 2009 gibt es kaum Erhebungen, wie häufig Wissenschaftler vom Weg der unabhängigen, wahrheitsgetreuen und vertrauenswürdigen Forschung abkommen.

In der Wissenschaft herrscht großer Zusammenhalt, wenn es um Fehlverhalten geht. Die Beurteilung wissenschaftlicher Leistung liegt in der Hand von Fachkollegen. Ob bei der Berufung auf einen Posten, der Zuteilung von Forschungsgeld oder der Veröffentlichung eines Artikels: Stets gilt der „peer review“. Da urteilen weise, meist alte Männer über das Neue. Doch die wissenschaftliche Expertise ist nicht so unbestechlich, wie sie glauben machen will. So beurteilen Gutachter etwa Artikel nachweislich besser, wenn darin eigene Publikationen mit Zustimmung bedacht werden. Manch einer winkt auch eine nachlässige Arbeit einfach durch. Dabei muss keine Böswilligkeit im Spiel sein – Peer Review ist ehrenamtliche Arbeit und somit zwangsläufig manchmal schnell und unaufmerksam.

Die Gefahr der Willkür

Um den Geschmack von Vetternwirtschaft oder Willkür zu überdecken, wird bei der Beurteilung von Forschung häufig auf Kennziffern vertraut, etwa dem „Impact-Faktor“ einer Zeitschrift. Je höher dieser ist, desto besser – zeigt er doch, wie häufig die Artikel eines Journals zitiert werden, wie hoch also das akademische Kampfgewicht dieses Organs ist. Der Effekt: Ein Wissenschaftler strebt mit aller Kraft danach, in diesen Magazinen zu veröffentlichen.

Doch wie oft hat er nur sich selbst zitiert? Wie groß war bei mehreren Autoren sein eigener Beitrag? Wiegt ein bahnbrechender Artikel in einem viel zitierten Magazin so viel wie eine Serie Arbeiten, die zwar weniger beachtet wurden, aber ein Problem umfassend umreißen? Solche Fragen können mit Kennziffern nicht beantwortet werden.

Bezeichnend ist, dass die meisten Fälscher eines vereint: Sie haben einen auffällig hohen Impact im Volk der Wissenschaft.

Es regt sich Widerstand: Bürger schauen sich im Internet an, was Forscher veröffentlichen; sie durchforsten Publikationen nach Plagiaten, dokumentieren wissenschaftliche Fehltritte auf Websites wie Retractionwatch.com oder Hochschulwatch.de. Auch manche Journalisten berichten immer wieder über Vertrauensbrüche in der Forschung. Doch wie jeder Staat, so überlässt auch die Republic of Science ihr gesellschaftliches Image längst nicht mehr dem Zufall. Vertrauensbildende Maßnahmen sind heute fast so wichtig wie die Forschung selbst. Professionelle Öffentlichkeitsarbeit gehört zum akademischen Betrieb.

In Hochglanzmagazinen stellen Kommunikationsabteilungen die Erfolge der Forscher dar, Pressereferenten beraten die Wissenschaftler im Umgang mit den Medien, PR-Agenturen versorgen Journalisten mit Expertenmeinungen. „Es ist eine der entscheidenden Aufgaben heutiger Wissenschaftskommunikation, einem Vertrauensverlust in die Wissenschaft entgegenzuwirken“, heißt es in einem Positionspapier des „Siggener Kreises“, einer Art Thinktank für die Popularisierung der Wissenschaft, „indem sie Fehlentwicklungen benennt und Räume der Selbstreflexion für Akteure mit unterschiedlichen Interessen schafft“.

Einen kleinen Raum der Besinnung hat sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft in Bonn direkt vor ihrer Tür geschaffen. Dort stehen zwei gläserne Stelen. Sie erinnern daran, wie das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft einmal gründlich missbraucht worden ist – als die große Mehrheit der Forscher sich und ihr Wissen in den Dienst des Nationalsozialismus stellten. Darauf ist ein handschriftlicher Text von Fritz Stern zu lesen. Der Historiker, der 1938 in die USA emigrierte, schrieb: „Der deutschen Wissenschaft, wie dem Lande überhaupt, ist etwas Großartiges und in der Geschichte und im Menschenleben Seltenes angeboten: eine zweite Chance.“ ---

Der Klassiker Neun Schädelfragmente und ein Stück von einem Unterkiefer sorgen 1912 für Aufsehen. Ein ambitionierter Hobby-Archäologe namens Charles Dawson hat die Knochen nahe Piltdown in Südengland entdeckt. Der Wissenschaftler Arthur Smith Woodward rekonstruiert daraus einen Schädel – und präsentiert ihn als Relikt eines 500 000 Jahre alten Urmenschen. Eoanthropus dawsoni soll das bislang fehlende Bindeglied zwischen dem Menschen der Neuzeit und seinen unmittelbaren Vorfahren sein. Geradezu perfekt passt der Fund in die damals verbreiteten Ansichten über die Evolution des Homo sapiens. Doch am 21. November 1953 verkündet das Natural History Museum, der „Piltdown Man“ sei eine dreiste Fälschung. Die Schädelstücke wurden chemisch gealtert und stammen von einem Menschen, der Kiefer von einem Orang-Utan. Kaum ein anderer bekannter Betrug blieb so lange unentdeckt wie dieser. Bis heute ist unklar, wer die angeblichen Funde fabrizierte.

Die AlleskönnerAnfang 2014 veröffentlicht die Fachzeitschrift »Nature« zwei Studien über ein Verfahren zur Herstellung von Stammzellen. Ein Forscherteam um die Chemikerin Haruko Obokata vom japanischen Riken-Institut für Entwicklungsbiologie berichtet, normale Körperzellen könnten durch simple Reize wie Druck oder ein Bad in milder Säure in eine Art embryonalen Zustand gebracht werden. So würden die Zellen gewissermaßen zu Alleskönnern, aus denen sich etwa Ersatzgewebe für defekte Organe erschaffen ließe. Eine Sensation! Doch schon bald werden weltweit Zweifel laut; Versuche anderer Forscher, die Experimente zu wiederholen, scheitern. Die japanischen Wissenschaftler gestehen nachlässige Datenaufbereitung ein, schlampigen Umgang mit Proben: Mängel, die ihre Arbeit unglaubwürdig erscheinen lassen. Im Juli 2014 ziehen die Autoren ihre Studien offiziell zurück. Gut einen Monat später begeht der Vizedirektor des Instituts Selbstmord.

Der Überflieger2009 bewundert das »Handelsblatt« Ulrich Lichtenthaler noch als den „Jungen, der alles richtig macht“ und kürt ihn mit nur 30 Jahren zum wichtigsten Betriebsökonomen unter 40 Jahren im deutschsprachigen Raum. Bereits zwei Jahre später wird er als Professor an die Universität Mannheim berufen, deren betriebswirtschaftliche Fakultät als eine der angesehensten in Deutschland gilt. Lichtenthaler veröffentlicht laufend Untersuchungen zu Innovation, Organisation und Strategischem Management. Doch 2012 fallen Lesern Ungereimtheiten in manchen seiner Publikationen auf. Er verwende Daten statistisch mangelhaft, publiziere identische Studien ohne entsprechenden Hinweis mehrfach, lautet der Vorwurf. Ein Dutzend seiner rund 70 Veröffentlichungen zieht Lichtenthaler daraufhin zurück. Seine Habilitation wird im Jahr 2013 widerrufen, bis zu einer Entscheidung einer Untersu-chungskommission bleibt er in Mannheim jedoch Hochschullehrer.

Der Datenerfinder„Ich habe Wissenschaftsbetrug begangen, ich habe Forschungsdaten gefälscht und erfunden.“ Der niederländische Professor Diederik Stapel hat keine Scheu, seinen Betrug öffentlich einzugestehen. In einer Autobiografie zeichnet der mehrfach preisgekrönte Sozialpsychologe den gigantischen Schwindel nach, auf dem seine Karriere an drei Universitäten beruhte. Anfangs hat er nur Daten an seine Theorien angepasst: „Manchmal will die Wirklichkeit schlicht keinen Beitrag zu deinen theoretischen Analysen leisten!“ Später erfindet er Studie um Studie, oft abends daheim bei einer Tasse Tee. So will er mittels einer Befragung am Bahnhof von Utrecht herausgefunden haben: Unordnung begünstigt Vorurteile. Die Studie wird im Fachjournal »Science« veröffentlicht, dabei hat sie nie stattgefunden. Ein anderes Mal füllt Stapel 200 Fragebögen selbst aus, mit unterschiedlichen Stiften. Erst 2011 äußern drei Doktoranden Zweifel. Dann fliegt der Schwindel auf.

Der UneinsichtigeLange gilt Jan Hendrik Schön als Shootingstar der deutschen Physik: Nach seiner Promotion an der Universität Konstanz wechselt er in die USA zu den Bell Laboratories. Der Wissenschaftler erhält Preise für Forschungen auf dem Gebiet der Nanotechnik, wird mit nur 32 Jahren als künftiger Direktor eines Max-Planck-Instituts gehandelt. Kollegen trauen ihm wegweisende Entdeckungen zu, man erwartet sie förmlich. 2002 folgt der jähe, tiefe Fall: Schön hat nachweislich seit Jahren Messdaten manipuliert, seine Ergebnisse sind frei erfunden. Ganze Serien von Artikeln in den Fachjournalen »Science« und »Nature« müssen zurückgezogen werden. Der Physiker verliert wegen des wissenschaftlichen Fehlverhaltens Reputation und Arbeitsplatz. Auch sein Doktortitel wird ihm aberkannt; er sei der Ehre nicht würdig. Das „Schönen von Studienergebnissen“ hat in der Forschung seither einen Hintersinn. Doch Schön selbst bleibt von seinen Studien überzeugt.

Der HeilsbringerEine Untersuchungskommission stellt 2012 fest: Der prominente Anästhesist Joachim Boldt, Chefarzt am Klinikum Ludwigshafen, hat Teile seiner Publikationen gefälscht und Probanden nicht, wie ethisch geboten, über die Studien aufgeklärt. Erste Zweifel wurden bereits drei Jahre zuvor bekannt, doch da galt Boldt schon als unfehlbar – als eine der weltweit bedeutendsten Kapazitäten in der Intensiv- und Notfallmedizin. Nachdrücklich befürwortet er den Einsatz eines Ersatzstoffes für Blutplasma (Hydroxyethylstärke, HES) und beruft sich auf eigene Forschungsergebnisse. Doch die Daten dazu bleiben unauffindbar, als seine Arbeit angezweifelt wird. Das Klinikum trennt sich von ihm, er verliert seine Professur. Bis dato sind 88 seiner 102 seit 1999 veröffentlichten Studien zurückgezogen worden. 2013 zeigen neue Analysen, die Boldts Studien nicht mehr berücksichtigen, dass der Blutplasma-Ersatzstoff Patienten nicht hilft – sondern schadet.

Der ErnährungsguruRanjit Chandra ist international bekannt, seine zahlreichen Publikationen über den Einfluss der Ernährung auf das Immunsystem werden in viel beachteten Fachzeitschriften veröffentlicht; und es gibt Gerüchte, der Professor von der Memorial University von Neufundland in St. John’s, Kanada, sei gar für den Nobelpreis nominiert. Auf Kongressen präsentiert der Forscher etwa Studien über Säuglingsnahrung oder Untersuchungen zur Wirkung von Multivitaminpräparaten auf das Gedächtnis von Senioren. Es sind Studien, die oft gemeinsam mit Pharmazieunternehmen oder der Lebensmittelindustrie entstehen. Ungereimtheiten sind schon seit 1993 bekannt. Es dauert jedoch fast zehn Jahre, bis sie öffentlich gemacht werden. Die Überprüfung zeigt: Nahezu alle Daten und Ergebnisse sind erfunden. Chandra tritt daraufhin in den Ruhestand. Auf der Richtigkeit seiner Ergebnisse beharrt er nach wie vor.

Der MoralforscherAls im August 2010 eine Untersuchungskommission der Harvard University dem Psychologen Marc Hauser „wissenschaftliches Fehlverhalten“ in sechs Fällen bescheinigt, reagiert die akademische Welt entsetzt. Der Wissenschaftler, zu diesem Zeitpunkt noch Direktor des Labors für Kognitive Evolution, spielt eine herausragende Rolle in seinem Fachgebiet. Seine Publikationen bilden die Basis unzähliger weiterer Studien. Allerdings hatten sich Mitarbeiter beschwert, der Spezialist für die evolutionäre Entwicklung von Moral und Sprache werte Videoaufnahmen von Primaten so aus, dass niemand dies nachvollziehen könne – ein Verstoß gegen ein wichtiges Gütekriterium der Wissenschaft. Hat der Forscher aber Daten bewusst manipuliert oder nur extrem subjektiv interpretiert, um seine Thesen zu untermauern? Er selbst räumt Fehler ein, bestreitet aber jede Betrugsabsicht. Heute entwickelt Hauser Computerspiele, mit deren Hilfe sich kognitive Fähigkeiten wie Selbstkontrolle stärken lassen sollen.