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Privatermittler Jörn Weber

Wirtschaftskriminalität ist weit verbreitet. Oft kommen die Täter aus der eigenen Belegschaft. Aus dem Alltag des Privatermittlers Jörn Weber.





• Wer hat nicht schon einmal mit dem Gedanken gespielt, sich beim Hersteller der geliebten Kamera auf die Garantie zu berufen – auch wenn das gute Stück in Wirklichkeit wegen eigener Unachtsamkeit Schaden genommen hat? Wer das tatsächlich macht, wird Teil einer Betrugsstatistik. Und gehörte damit zum Alltag von Jörn Weber, Privatermittler in Mönchengladbach.

Sein Alltag sieht zum Beispiel so aus: Bei einem Computerhersteller fand Weber via Software-Diagnose Auffälligkeiten bei den Garantieansprüchen, die Kunden angemeldet hatten. Es kam zu einer ungewöhnlichen Häufung von defekten PCs in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Zwar ist es vorstellbar, dass in tropischem Klima schon mal ein paar Festplatten während der Garantiezeit den Geist aufgeben. Doch häuften sich verdächtig viele Schadensmeldungen in nur wenigen Haushalten. „Es war schnell klar, dass hier der lokale Servicepartner involviert sein müsste“, sagt der Ermittler, den der IT-Hersteller sogleich ans andere Ende der Welt entsandte, um den Fall möglichst geräuschlos aufzuklären.

Mit seiner Corma GmbH kümmert sich Weber diskreter und bisweilen auch effizienter als staatliche Behörden um Betrugsfälle. Gerade wenn es darum gehe, veruntreute Gelder wiederzubeschaffen, könne eine private Ermittlung die Unternehmenskasse schneller wieder auffüllen, sagt Weber. „Die Polizei sieht sich in erster Linie der Strafverfolgung verpflichtet. Bei einem Betrugsfall kann es also durchaus passieren, dass die finanzielle Rückgewinnungshilfe keine so große Rolle spielt.“ Hinzu kommt: Während ein einziger Kriminalbeamter sich schon mal mit 100 Fällen gleichzeitig konfrontiert sehe, so Weber, habe das zwölfköpfige Corma-Team im Schnitt etwa 15 Fälle auf dem Zettel. Zudem komme man international oft schneller voran. „Eine grenzübergreifende Zusammenarbeit ist für die Polizei komplizierter, sie muss für eine banale Auskunft erst ein Rechtshilfeersuchen auf den Weg bringen“, weiß der ehemalige Kriminalhauptkommissar aus eigener Erfahrung. „Ich rufe einfach meine Kollegen im Ausland an oder fahre selbst hin. Und wenn mein Auftraggeber mich anruft, kann ich ihm detailliert aufzählen, welche Maßnahmen wir ergriffen haben und was wir als Nächstes planen. Von der Polizei bekommen sie als Geschäftsführer keine Informationen.“

Der geprellte IT-Hersteller war jederzeit auf dem Laufenden über das, was sein privates Ermittlerteam in Manila herausgefunden hatte, konnte live über die Dreistigkeit staunen, mit der zwei Mitarbeiter des lokalen Servicepartners Kunden erfunden hatten. Aus einer alleinstehenden Frau, die tatsächlich einen kaputten PC zu beklagen hatte, machten die Betrüger eine 15-köpfige Familie – sodass gleich 15-mal Ersatzteile gratis angefordert wurden. Computerbauteile im Wert von 700 000 US-Dollar ergaunerten die Täter insgesamt. Nach Ausgleich des Schadens leitete der Hersteller übrigens keine juristischen Schritte ein, sogar der Vertrag mit dem Garantieabwickler – der freilich die beiden Betrüger entließ – blieb bestehen. Damit wurde ein Gerichtsprozess vermieden, der dem Ruf aller Beteiligten geschadet hätte.

Missbrauch des Vertrauensbonus

„Die Verlagerung der Garantieabwicklung hin zu externen Dienstleistern ist ein kalkulierter Kontrollverlust“, sagt Weber. Konzerne hätten eigene Abteilungen für Unternehmenssicherheit, die dieses Defizit ausglichen. Daran fehle es kleineren und mittleren Firmen aber oft – die Gefahr, Opfer eines Betrugs zu werden, werde unterschätzt. Das belegt eine Studie des Wirtschaftsprüfers KPMG aus dem Jahr 2012. Im zweijährigen Befragungszeitraum war fast jedes vierte mittelständische Unternehmen Opfer von Wirtschaftskriminalität. Die absolute Zahl der Vorfälle lag bei 675 000 pro Jahr – bei einem durchschnittlichen jährlichen Schaden von rund 300 000 Euro pro Unternehmen. Fatal ist, dass die Firmen die größten Gefahren durch Datendiebstahl oder -missbrauch vermuteten, während tatsächlich die Wirtschaftsdelikte Diebstahl und Unterschlagung (65 Prozent) sowie Betrug oder Untreue (37 Prozent) am häufigsten vorkommen.

Fast in jedem zweiten Fall komme der Täter aus dem eigenen Unternehmen. „Vor allem in inhaber- und familiengeführten Unternehmen gibt es eine Kultur des Vertrauens“, sagt Frank Weller, Leiter des Bereichs Forensik bei KPMG, und beklagt das häufige Vernachlässigen von grundlegenden Kontrollmechanismen wie dem Vieraugenprinzip. „So entwickeln sich häufig gerade jene Mitarbeiter zu einer Gefahr, auf die man sich in besonderer Weise verlässt.“

Dies entspricht auch der Erfahrung von Jörn Weber. „Die meisten Straftaten gegenüber Unternehmen kommen aus dem direkten Umfeld, weil diese Menschen die internen Prozesse am besten kennen. Sie wissen daher auch, wo die Schwachstellen liegen und missbrauchen ihren Vertrauensbonus.“

Kontrolle ist besser

Er rät zu Wachsamkeit. „Je nachdem, wie hochkarätig der Posten ist, den es zu besetzen gilt, macht es Sinn, Bewerber zu überprüfen.“ Pre-Employment-Screening ist der Fachbegriff hierfür. Er beinhaltet den Check von Referenzen und Lebenslauf genauso wie die Echtheitsprüfung der Dokumente. Hierzulande eher verrufen, sind solche Screenings in den USA gang und gäbe. „Dort kann man sogar polizeiliche Akten kaufen, die die kriminelle Vorgeschichte von Menschen dokumentieren“, verdeutlicht Weber die kulturellen Unterschiede. Er hält das für sinnvoll. „Welcher Personalchef ist denn dazu imstande, die Echtheit eines Uni-Zeugnisses zu erkennen?“ Zudem würde eine Überprüfung ja nur mit dem Einverständnis des Bewerbers erfolgen.

Einmal hatte der ehemalige Kriminalhauptkommissar, der früher im Betrugsdezernat saß, einen Auftrag schnell erledigt. Er sollte digitale Zeugnisse prüfen. Laut des Bewerbers waren diese von verschiedenen Institutionen eingescannt und ihm zugemailt worden. „Tatsächlich war es so, dass alle Dokumente dasselbe Scanner-Muster aufwiesen“, sagt Weber. „So wie jede Waffe immer dieselben Spuren auf einem Projektil hinterlässt, hat jede Scanner-Scheibe leichte Unreinheiten, die sich auf jedem Dokument wiederfinden.“ Der Bewerber wurde abgelehnt.

Weber überprüft ganze Unternehmen im Auftrag seiner Kunden. Eine solche Due Diligence genannte Risikoprüfung ist mittlerweile üblich bei Fusionen oder Übernahmen. Sicherheitsexperten plädieren indes dafür, auch bei der Aufnahme weniger enger Geschäftsbeziehungen einen derartigen Prozess zu starten. „Hierbei überprüfen wir den Ruf des Unternehmens, die Geschäftsführer, die Zusammenhänge mit anderen Firmen, Lieferanten und Kunden, auch hinsichtlich krimineller Altlasten“, sagt Jörn Weber.

Im Vorfeld großer Transaktionen kann das in der Tat existenziell sein, wie das Beispiel der deutschen Traditionsrennstrecke Nürburgring zeigt. Die sollte 2009 mithilfe eines Privatinvestors und beträchtlicher öffentlicher Mittel für mehr als 300 Millionen Euro um einen Erlebnispark erweitert werden. Das Vorhaben geriet auch deswegen zum finanziellen Desaster, weil sich der als amerikanischer Millionär ausgegebene Investor als Scheckbetrüger entpuppte. ---