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Die Verschwörer

Ohne den Markt wirtschaftet sich’s leichter. Das ist das Prinzip des Kartells. In Deutschland waren sie Ende des 19. Jahrhunderts besonders stark.





• Für den schottischen Moralphilosophen Adam Smith war der Fall klar. „Geschäftsleute des gleichen Gewerbes kommen selten, selbst zu Festen und zu Zerstreuungen, zusammen, ohne dass das Gespräch in einer Verschwörung gegen die Öffentlichkeit endet oder irgendein Plan ausgeheckt wird, wie man die Preise erhöhen kann.“

In Deutschland allerdings fand er mit dieser Haltung Ende des 19. Jahunderts kein Gehör: Zu jener Zeit war die Wirtschaft hierzulande von Kartellen geprägt. Und die Industriellen sahen darin kein Problem.

Im Gegenteil. Sie abonnierten die von dem Rechtsanwalt Siegfried Tschierschky von 1904 bis 1936 herausgegebene »Kartell-Rundschau«, in deren erster Ausgabe zu lesen war, Kartelle seien „für einzelne politische wie soziale Gruppen ein Objekt heftigster Befehdung, für Industrie und Handel (aber) ein vielfach unentbehrliches Organisationsmittel“.

Um 1900 gab es in Deutschland rund 300 Kartelle, 1929 waren es 2100. Vor allem in Branchen, die Grundstoffe herstellten, wurden aus Konkurrenten oft Verbündete: Kohle, Stahl, Zement. Ein Sack Zement gleicht dem anderen, ein Kohlebrikett ist ein Kohlebrikett. Durch bessere Qualität kann sich kein Produzent von einem anderen unterscheiden. Da liegt es nur nah, wenn man den ruinösen Wettbewerb zu vermeiden sucht.

So prägten die Kartelle die deutsche Wirtschaft. Es gab das Roheisensyndikat, den Stahlwerks-Verband und den Verband der großen Chemiehersteller (BASF, Bayer und Agfa). 1889 gründete sich in Nürnberg sogar das Kartell der Vereinigten Pinselfabriken. Kritiker aus der Arbeiterbewegung sprachen vom Monopolkapitalismus.

Siegfried Tschierschky jedoch verteidigte die Zusammenschlüsse. In seiner Düsseldorfer Kanzlei beriet er zahlreiche Kartelle und war selbst Geschäftsführer von sechs Verkaufs- oder Einkaufsorganisationen, hauptsächlich aus der Textilindustrie. Später übernahm er auch Mandate in Arbeitgeberverbänden. Seine »Kartell-Rundschau« war die maßgebliche Publikation zu dem Thema und richtete sich an Wissenschaftler wie auch an Manager.

1926 nahm er die Preispolitik der deutschen Industriellen in Schutz und schrieb: „Vom Standpunkt der Privatwirtschaft war dem Unternehmer ja auch kein Vorwurf zu machen, wenn er den Lehren und Gepflogenheiten der Inflationsperiode noch weiter treu blieb und in ausgiebigster Weise die ihm zur Verfügung stehende Wirtschaftsmacht für das Ziel einspannte, die aus der schwierigen allgemeinen Lage herrührenden Nachteile so weit wie möglich auf andere Schultern abzuwälzen und darüber hinaus die eigene Kapitalkraft zu stärken.“

Das hatte man sich besonders im Ruhrgebiet zu Herzen genommen. Dort hatte das einflussreichste deutsche Kartell seinen Sitz: das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat (RWKS).

Emil Kirdorf, der kaufmännische Direktor der Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG), brachte 1893 fast 100 Bergwerksunternehmen aus dem Ruhrgebiet an einen Tisch. Sie vereinbarten, ihre Erzeugnisse künftig über das Syndikat zu verkaufen. Und zwar mit dem Ziel, „für die Zukunft eine ungesunde Konkurrenz auf dem Kohlemarkt auszuschließen“. Das RWKS dominierte bald den Energiemarkt in Deutschland. Die RWKS–Mitglieder setzten sich Förderquoten und einigten sich auf gemeinsame Verkaufspreise. Für die Zechen war das ideal: Sie hatten einen geregelten Absatz und stete Einnahmen.

Das Syndikat animierte auch Kohlehändler, sich zu regionalen Handelsgesellschaften zusammenzuschließen. Ihnen wurde das Recht eingeräumt, die Kohle des RWKS exklusiv zu verkaufen. Konkurrenz war damit ausgeschlossen.

Die größte Handelsgesellschaft war die Rheinische Kohlenhandels- und Reedereigesellschaft. Sie konnte sich den lukrativen süddeutschen Markt sichern und hatte als alleinige Gesellschaft das Recht, die Produkte des RWKS über den Rhein zu vertreiben.

Das RWKS verfügte über große Macht. Und seine Manager mischten sich auch in die Politik ein. Kirdorf, der in 53 Jahren aus der Gelsenkirchner Bergwerks-AG das größte Kohlebergbauunternehmen Europas gemacht hatte, war ein überzeugter Nazi. Er hatte einst die Wettschulden von Adolf Hitler beglichen und erhielt nach seinem Tod 1938 vom Führer ein Staatsbegräbnis.

Nicht nur wegen dieser politischen Verwicklungen war in Deutschland die Zeit der großen Kartelle nach 1945 vorbei. In den USA war die Regierung bereits 1890 mit dem Sherman Antitrust Act vorgegangen, der Absprachen für illegal erklärte. Und zwar nicht nur, weil die Zusammenschlüsse der Industriellen zum Nachteil der Kunden sind, sondern auch weil sie den Fortschritt bremsen: Wessen Einkommen sicher ist, der überlegt sich nicht mehr, wie er in seinem Geschäft etwas Neues einführt.

Daher versuchten nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Alliierten auch die Deutschen für das Prinzip des Wettbewerbs zu begeistern – und stießen anfänglich auf heftige Gegenwehr.

Erst 1957 gelang es Wirtschaftsminister Ludwig Erhard und dem CDU-Bundestagsabgeordneten Franz Böhm das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) im Bundestag durchzusetzen. Mehrfach war die Regierung damit schon gescheitert. Zahlreiche Entwürfe des Gesetzes wurden von den Abgeordneten boykottiert.

Als im Jahr 1958 schließlich das Bundeskartellamt gegründet wurde, geschah dies gegen den erklärten Widerstand des Bundesverbands der Deutschen Industrie und Teilen der CDU. Die Industriellen hatten sich zu sehr an die Hinterzimmerabsprachen gewöhnt, und nicht alle sahen ein, dass sie jetzt plötzlich konkurrieren sollten.

Franz Böhm, der sich in Freiburg zum Thema habilitiert hatte, hielt den Großkonzernen „ignoranten Zynismus“ vor. Er sah in geheimen Absprachen eine der größten Gefahren für die soziale Marktwirtschaft.

In seinem Namen verfolgen die Kartellwächter heute Stromversorger und Schokoladenhersteller, Matratzenverkäufer und Aufzugproduzenten. Ihr schärfstes Instrument ist die Kronzeugenregelung: Wer auspackt und berichtet, wie und wo gemauschelt wurde, kommt billiger davon. ---