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Manfred Klimek

Die dunkle Jahreszeit naht. Da kommt unser Autor nicht umhin, der eigenen Vergänglichkeit zu gedenken.





• Bald ist November. Niemand mag den November. Er ist kalt, nass und grau und schließt die Türen des Herbstes – einer Jahreszeit, der man nur als alternder Mensch etwas abgewinnen kann, weil man den Gang des Lebens nun kurz mit der Natur zu teilen scheint.

Der November beginnt mit dem traurigsten Tag des Jahres, der von den Katholiken Allerheiligen genannt wird. Weil sie manches etwas großzügiger auslegen, gedenken die Katholiken am ersten November auch jener, die gar nicht heilig gesprochen wurden. Dabei soll man derer erst am Tag danach gedenken – treffend Allerseelen genannt. Doch diese Unterscheidung wurde mit den Jahren bedeutungslos. Wie manch anderes, das sich, vom Volk gewollt, im Nebulösen verliert.

Aller Toten gedenken? Wie soll das gehen? Selbst wenn man die Menge der zu gedenkenden Menschen begrenzt und neben der toten Verwandten und Bekannten nur noch der in den Weltkriegen Verstorbenen, der Aidstoten und jener, die mit Gleitschirmen in Alpenschluchten fielen, gedenkt, hätte man kaum Zeit, bis Dezember das Chalet in Zermatt zu buchen. Und das ist mir das Gedenken dann doch nicht wert. Deswegen verdränge ich Allerheiligen. Und den Tod.

Als ich jung war, fiel es leichter, den Gang alles Irdischen schlicht zu ignorieren. Und das, obwohl ich in Wien aufwuchs, jener Stadt, die dem Tod die Ehrenbürgerschaft verliehen und dem Sensenmann den größten europäischen Zivilfriedhof hingestellt hat: ein Park des Sterbens und der Trauer.

Diesen „Zentralfriedhof“ suchte ich am Ende meiner Adoleszenz sehr häufig auf, denn hier konnte man in Ruhe seinem Liebeskummer Auslauf geben. Einmal – es war im November – kam mir am späten Morgen eine Gestalt entgegen, ein Mann mit schwarzem, elegant gewelltem Haar und langem, schwarzem Mantel. Nebel lag über den dunkel bemoosten, mannshohen Grabsteinen und marmornen Mausoleen des „Ersten Tores“, ein alter Teil des Friedhofs, in dem schon seit mehr als 70 Jahren keine Leichen mehr bestattet werden. Der Mann zog an mir vorbei, ohne aufzusehen, und murmelte einen Text, den er plötzlich zu singen begann. Er hatte offenbar die Melodie gefunden. Es war André Heller. Das Lied erkannte ich im Jahr darauf auf der Langspielplatte „Abendland“ wieder.

Der Tod – so ein Sprichwort –, der muss ein Wiener sein. Bis vor wenigen Jahren noch fuhren an jedem ersten November alle Wiener Straßenbahnen auf den Zentralfriedhof. Von der Früh bis zum Abend gab es nur eine Endstation: das Feld der Toten. Alle Linien – damals gab es noch mehr als 50 – wurden umgeleitet und endeten in einer weiten Schleife, die nach dem Passieren mehrerer Weichen auf drei Gleise verstärkt wurde. Dieser große Bahnhof ankommender und abreisender Trauernder wurde von einem Stationsvorstand befehligt, der von einem Turm die Massen ungewohnt fröhlich beschallte. Es war der einzige Tag im Jahr, an dem dieser Straßenbahner eine große Öffentlichkeit dirigieren und dabei auch unterhalten konnte. Unvergesslich: „Die Linie 25 eben, die bringt sie nun zurück ins Leben.“

Ich fuhr fast jeden ersten November mit meinen Freunden ein paar Runden in dieser 25er hin und her und blieb auch sitzen, als Ältere und Gebrechliche einen Sitzplatz benötigten. Wir grinsten die Menschen an, die uns mit ihren Blicken straften. Es war die Rache der Jugend, die in Wien aufwachsen musste. Dem grauen, greisen Wien. Der toten Stadt.

Die Alten in der Bahn waren meist Frauen, denn Männer schienen zu jener Zeit das 65. Lebensjahr und die Freuden der Pension nur wenige Monate zu überleben. Einmal führte ich ein ausgeborgtes Tonbandgerät mit und nahm mit dem dazugehörigen Richtmikrofon einige Gespräche rund um mich auf.

„Wie lange ist Ihrer denn schon tot?“

„17 Jahre.“

„Und sind Sie froh darüber?“

„Ja.“

„Ich auch. Am Schluss hat er schon gestunken.“

Wien war damals die Stadt der alten Frauen. Ich kam schon früh viel in Europa herum, aber nirgendwo habe ich so viele alte, graue Frauen gesehen wie in Wien. Sie regierten die Stadt; ihre Wählerstimmen trugen dazu bei, dass Kindern das Betreten des kommunalen Rasens überall verboten war, weil ihre kleinen, schrumpligen Hunde die Wiesen zuscheißen mussten. Deswegen waren diese alten Frauen nicht beliebt.

Damals gab es den Frauenmörder Harald Sassak, ein korpulenter Mann, der sich als freundlicher „Gaskassier“ ausgab („Hier ist die Gas, machen’s bitte auf“). Er brachte einige dieser Frauen ein paar Monate vor ihrem biologischen Ablaufdatum unter die Erde.

Nach seiner Festnahme fragte man ihn nach seinem Motiv. Seine Antwort: „Die vielen alten Weiber, ich kann die vielen alten Weiber nicht mehr sehen.“ Heller und Sassak: Das sind meine Novembermenschen. Zugegeben: ein ungleiches Paar.

Sterben für das Allgemeinwohl

Als ich 20 war, sahen 60-Jährige wie heute 90-Jährige aus. Der vor wenigen Wochen verstorbene Besserwisser Scholl-Latour („Wie ich schon vor Jahren gewarnt habe“) wäre im damaligen Wien für einen Frühpensionisten gehalten worden, der sich sozialschmarotzend vor der Arbeit drückt.

Das frühe Verkümmern, so mein behandelnder Arzt, war biologisch bedingt, denn es gab kaum Zitrusfrüchte, keine mediterrane Kost und keine Ayurveda-Farmen. So gab es auch keine Rentner, die sich in enger Gummikleidung auf Mountainbikes die Großglockner-Hochalpenstraße hochquälten und danach ihre Selfies auf Facebook stellten.

Die Menschen damals, vor allem die Männer, hatten noch den Anstand, ihrem Leben mit dem Verzehr fetten Schweinefleischs, dem Qualmen filterloser Zigaretten und einem Digestif namens „Strohrum“ (80 Volumenprozent) ein frühes Ende zu setzen. Zum Wohle der Allgemeinheit, die mit dem nicht abgeholten Geld Infrastrukturprojekte finanzierte.

Jetzt reden wir schon eine ganze Weile über das Sterben und den Tod, und Sie haben ein paar Mal gelacht. Geben Sie es zu. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen – und sage das nun schon ein paar November lang –, dass der Tod seinen Schrecken mit den Jahren verliert. Und zwar ausgerechnet dann, wenn man sich am meisten vor ihm fürchten sollte. Die Zeit rinnt ab Mitte 40 wie Sand durch die Finger, aber seltsamerweise ficht einen das nicht mehr so richtig an. Ganz im Gegenteil: Man kann sogar verstehen, warum sich manche Leute nach dem Ende sehnen.

Und wenn er dann selbst einmal anklopft, wie bei mir (zugegeben nur ganz leise), dann wird man auch des Überlebens gewahr, der Kunst des Bleibens, das man lange für so selbstverständlich hielt, wie das Glas stillen Wassers zum Puligny-Montrachet.

Den Wiener Zentralfriedhof habe ich nie wieder besucht. Das nächste Mal komme ich in einem Hemd ohne Taschen dorthin. Marlene Dietrich fand ihre letzte Bleibe in Berlin. Wenn Wien mich wieder kriegt, dann nur in der Waagrechten. Versprochen. ---