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Wet Green Leder

Bei der Gerbung von Leder werden gesundheitsschädliche Chemikalien verwendet. Ein kleines Unternehmen aus Reutlingen will das ändern.





• Es gibt wenige Menschen, die so viel über Leder und dessen Gerbung wissen wie Heinz-Peter Germann. Der promovierte Chemiker leitete jahrelang das Lederinstitut Gerberschule Reutlingen (LGR), eine weltweit einzigartige Lehr-, Prüf- und Forschungseinrichtung, die vom Bundesland Baden-Württemberg, der Stadt Reutlingen und verschiedenen Verbänden der Lederindustrie betrieben wurde. Seit der Gründung des LGR vor 60 Jahren wurden rund 1600 Fachschüler aus aller Welt zum Ledertechniker ausgebildet; der Niedergang der deutschen Lederindustrie, die heute nur noch etwa 2500 Menschen beschäftigt, hat auch das LGR mitgerissen – mangels Nachfrage wurde das Institut 2011 geschlossen.

Germann, 57, ist heute Forschungs- und Entwicklungsleiter der jungen Firma Wet-green. Sein Büro befindet sich in der ehemaligen, inzwischen frisch renovierten Lehrgerberei, gerade mal 30 Meter entfernt von dem zum Abbruch freigegebenen alten Institutsgebäude. Nicht nur der Weg zur Arbeit ist derselbe, Germann hat sogar noch dieselbe Telefonnummer wie früher.

Das Start-up mit acht Mitarbeitern schickt sich an, die Gerbung von Leder ohne Chemikalien möglich zu machen. Jahrzehntelang hieß es: Ohne Chromsalze geht es nicht. Geht doch, sagt Germann. Und zwar mit Olivenblättern. Man könne durchaus von einer Revolution sprechen, sagt er, der so gar nichts Revolutionäres ausstrahlt und auch sonst nicht zu Übertreibungen neigt.

Noch in seiner Zeit als Direktor der Gerberschule forschte Heinz-Peter Germann gemeinsam mit der Darmstädter Firma N-Zyme BioTec, um die in der Gerbung seit 130 Jahren eingesetzten Chrom-III-Salze zu eliminieren. Das beim Gerben verwendete Chromsulfat kann sich in das gesundheitsschädliche Schwermetall Chrom VI verwandeln (die »Wirtschaftswoche« berichtete jüngst über Schuhe des Online-Händlers Zalando, die mit Chrom VI belastet sind). „Wir wollten zuerst mit Enzymen gerben, ähnlich einem Verfahren, das die Wurst schnittfester macht“, sagt Germann, „aber in der Praxis funktionierte das nicht.“

Dann brachten die Forscher von N-Zyme BioTec, die auch für die Lebensmittel- und Kosmetikindustrie arbeiten, Olivenblätter ins Spiel. In ihnen finden sich Bitterstoffe, die den Baum gegen Fraßfeinde und Fäulnis schützen und sich auch als Gerbstoff eignen. Gewonnen wird die völlig unbedenkliche braune, dickflüssige Brühe durch Extraktion bei der fränkischen Martin Bauer Gruppe, die in ihren Edelstahlbehältern sonst Extrakte von Tees, Kräutern und Früchten herstellt.

„Pflanzliche Gerbstoffe wie etwa aus Rhabarberwurzeln, Eichen- oder Mimosarinde kennt der Mensch seit eh und je“, sagt Germann. „Aber die 400 000 Tonnen Chromgerbstoff, die jährlich weltweit für die Gerbung benötigt werden, könnte man damit nie ersetzen, allenfalls zum Preis eines unverantwortlichen Flächenbedarfs zulasten anderer Nutzpflanzen.“

Anders beim patentierten Olivengerbstoff: Bei der Olivenernte und beim Rückschnitt der Bäume fallen jährlich Hunderttausende von Tonnen Blätter an, die meist als Abfall verbrannt werden. „Die Menge würde theoretisch ausreichen, um bis zu 40 Prozent der weltweiten Lederproduktion mit Olivenblattextrakt zu gerben statt mit Chromgerbstoff.“

„Die Möglichkeit ist da, aber wir wollen nicht anmaßend sein“, beeilt sich Germann zu sagen. „Wie sich das gehört, müssen wir uns jetzt unseren neuen Kunden widmen, ihnen zeigen, wie man damit arbeitet und die Prozesse optimiert.“

Nicht jede Gerberei bekomme den patentierten Gerbstoff. „Das muss alles in umweltgerechter Weise und nach dem Stand der Technik ablaufen. Unsere Lizenznehmer müssen unter anderem sicherstellen, dass es zu keiner Querkontamination mit anderen, schädlichen Gerbstoffen kommt.“

Michael Braungart, Chemie-Professor und Gründer des Hamburger Umweltforschungsinstituts EPEA, hat dem Olivenleder ein Zertifikat in Gold verliehen. Aber er äußerte Zweifel, ob die umweltfreundliche Ledergerbung nicht „20 Jahre zu spät für die europäische Lederindustrie“ komme.

„Besser spät als nie“, kontert Heinz-Peter Germann. Verkaufszahlen mag er nicht nennen, aber: „Wir sind auf einem sehr guten Weg, unser Nahziel zu erreichen: ein Promille der Weltproduktion. Das entspricht in etwa 700 000 Quadratmetern Olivenleder.“ Einige davon sind im neuen Elektroauto i3 von BMW verarbeitet, Wet-greens aktuellem Vorzeigekunden. „Im Autobereich werden mit Abstand die höchsten Anforderungen gestellt. Dass wir die erfüllen, macht uns zuversichtlich.“ ---

Kontakt: www.wet-green.com