Auf dem Holzweg

Nie war Holz so gefragt wie heute. Kubikmeterweise wird es in Kaminen verfeuert und auf Baustellen verbaut – und so langsam geht Deutschland als Europas holzreichster Nation der Nachschub aus. Dabei gäbe es einfache Methoden, den Rohstoff schnell und nachhaltig zu erzeugen. Eine Spurensuche im und um den Wald.





If ideology is master, you reach disaster faster.
Andreas Schulte, Forstwissenschaftler

Kilometer 01
Andis Schlemmergrill, Rietberg-Mastholte

An einem hellen Sommervormittag sitzt Professor Andreas Schulte in „Andis Schlemmergrill“ am Rande der Landesstraße 872 und stochert lustlos in einer Portion Pommes rot-weiß. Er ist zusammen mit seinem Mitarbeiter Heiko Hagemann auf dem Weg zu einer Inspektion von Forstflächen, draußen leuchtet die Sommersonne, es könnte ein entspannter Dienstausflug sein. Schulte aber ist ungehalten. Der Forstwissenschaftler hat früher als Entwicklungshelfer in Bolivien für Wiederaufforstung gekämpft, er hat in Indonesien geholfen, eine forstwissenschaftliche Fakultät aufzubauen, er hat also gelernt, sich unter widrigsten Umständen Gehör zu verschaffen. Ausgerechnet in seiner Heimat aber hört man ihm nicht richtig zu. „Wir stolpern sehenden Auges in eine echte Mangelsituation“, schimpft der Vorstandsvorsitzende des Internationalen Instituts für Wald und Holz NRW der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und korrigiert sich gleich selbst: „In Wirklichkeit sind wir natürlich längst drin. Schon heute fehlt uns Holz, und demnächst werden es Jahr für Jahr 30 Millionen Kubikmeter sein – siebenmal so viel, wie wir in Nordrhein-Westfalen einschlagen. Warum will das kaum jemand wahrhaben?“

Später, auf der Fahrt in Schultes schwarzem Audi über die Landstraßen des Kreises Gütersloh, wird klar, warum es keiner sieht: Holz gibt es hierzulande in Hülle und Fülle. Deutschland ist europäischer Wald-Meister, selbst in Schweden und Finnland reift weniger potenzielles Brenn-, Bau- oder Werkstoffholz nach als hier. Gut drei Jahrhunderte, nachdem ein sächsischer Oberberghauptmann erstmals das Prinzip der Nachhaltigkeit formulierte, wachsen auf einem Drittel der Landesfläche die Bäume in den Himmel. „Auf den ersten Augenschein“, sagt Schulte mit einem kurzen Blick durchs Seitenfenster, „haben wir natürlich mehr als genug Holz.“

Dieser Reichtum ist aber nur in Teilen nutzbar. Denn fast die Hälfte der deutschen Wälder gehört privaten Kleinstwaldbesitzern, deren Forstflächen sich im Schnitt über weniger als vier Fußballfelder erstrecken. „Bei solchen Miniflächen würden die Erlöse aus nachhaltiger Bewirtschaftung gerade ausreichen, um einmal im Jahr mit der Familie essen zu gehen“, spottet Schulte. „Nach den Preissteigerungen der vergangenen Jahre könnten Kleinstwaldbesitzer sich jetzt auch noch ein Getränk dazu leisten.“ Viele von ihnen seien Erben in dritter oder vierter Generation, die als Rechtsanwältinnen in Hamburg oder Hausmänner in Düsseldorf lebten und nicht einmal genau wüssten, wo sich ihr Waldstück eigentlich befindet.

Anders gesagt: Europas Wald-Meister sitzt auf einem Holzschatz, der zwar beständig wächst, aber kaum zu heben ist.

Gleichzeitig aber wächst der Hunger nach Holz mit beängstigender Geschwindigkeit. Gut 50 Millionen Kubikmeter holen die Deutschen heute aus ihren Forsten und Wäldern, das sind rund 55 Prozent mehr als vor der Jahrtausendwende. Weil die Nachfrage schneller wächst als das Angebot, ziehen die Preise an. Mit 76 Prozent war Rohholz in den vergangenen zehn Jahren das Produkt mit der höchsten Preissteigerung.

Schuld ist neben der weltweiten Nachfrage der Bau- und Papierindustrie vor allem der steigende Brennholzbedarf. Jedes Jahr schieben die Deutschen rund 70 Millionen Kubikmeter Holz in ihre Hackschnitzel- und Kohlekraftwerke, vor allem aber in ihre privaten Kamin- und Pelletöfen. „Was wir momentan erleben, ist eine Folge der hohen Gas- und Ölpreise einerseits und der Rotwein- und Knisterfeuer-Romantik andererseits“, sagt Schulte. Da niemand weiß, wie viele sogenannte Einzelfeuerstätten die Deutschen mittlerweile betreiben, hat der Forstexperte vor ein paar Jahren gemeinsam mit der Schornsteinfeger-Innung nachgezählt: Allein in nordrhein-westfälischen Häusern und Wohnungen flackern 1,28 Millionen Kamin- und Kaminöfenfeuer, die meisten davon in Gutverdiener-Landkreisen wie Düsseldorf oder Mettmann. „Das zeigt, wie stark das ein Trendthema ist“, sagt Schulte und rechnet vor: Kalkuliere man mit einem realistischen Verbrauch von drei Raummetern Brennholz pro Feuerstätte und Jahr, dann endet mittlerweile fast die Hälfte der nordrhein-westfälischen Holzernte in privaten Kaminen und Öfen.

Theoretisch jedenfalls. Praktisch stammt ein Gutteil der Nadel- und Laubholzscheite in deutschen Kaminen bereits aus Osteuropa. Deutschland könne den stark wachsenden Bedarf längst nicht mehr selbst decken, sagt der Forstwissenschaftler. „Wir importieren mittlerweile etwa so viel Holz aus dem Ausland, wie wir selbst in unseren Wäldern einschlagen, darunter mit hoher Wahrscheinlichkeit auch solches aus illegalen Einschlägen und mafiösen Quellen in Rumänien, Sibirien, der Ukraine oder Weißrussland.“

Dabei wird auch der Weltmarkt zusehends leer gekauft. Für Europa dürfte die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage in den kommenden sechs Jahren auf 400 Millionen Kubikmeter pro Jahr anwachsen, prognostizieren Gutachter der Uno. Der Erde geht ihr Holz aus. Und die Vorboten der Holzlücke sind für einige bereits jetzt schmerzhaft zu spüren.

Hoffen auf Einsicht: Andreas Schulte
und Heiko Hagemann

Kilometer 115
RWE Biomassekraftwerk, Siegen-Wittgenstein

Eine gute Autostunde von Andis Schlemmergrill entfernt, in offener Landschaft zwischen Siegen und Bad Berleburg, bullert ein silberglänzender Riesenofen still vor sich hin. Befeuert wird er von Landschaftspflege- und Waldresthölzern, die man aus der Region heranschafft und in hütchenförmigen Silos gleich neben dem Ofen speichert. Bei seiner Einweihung galt das BiomasseHeizkraftwerk Wittgenstein noch als der erste von vielen zukunftsweisenden Biomasseöfen, die die Ökoenergie-Tochter des Energiekonzerns RWE in Nordrhein-Westfalen errichten wollte. Fünf Jahre später wirkt die Wittgensteiner Anlage wie der letzte Dinosaurier aus der kurzen Ära der Biomasse-Euphorie. „Wir haben damals sowohl der RWE als auch dem Umweltminister erklärt, dass selbst in Deutschlands waldreichstem Landkreis massive Versorgungsprobleme zu erwarten sind“, sagt Andreas Schulte schulterzuckend. „Die Nachfrage ist einfach so groß, dass Waldbesitzer ihr Holz lieber an gut zahlende Privatleute statt an knallhart kalkulierende Energieversorger verkaufen.“

Statt des geplanten guten Dutzends industrieller Holzöfen hat die RWE Innogy daher in Nordrhein-Westfalen lediglich jenen in Wittgenstein fertiggestellt. Bestehende Anlagen in Süddeutschland wurden bereits verkauft. „Die schwankenden beziehungsweise steigenden Rohstoffpreise bedeuten für uns ein erhebliches Investitionsrisiko“, erklärt Unternehmenssprecherin Sarah Knauber.

Statt in heimische Holz-Heizkraftwerke investierte der Konzern 120 Millionen Euro in den Bau eines Pelletwerks im waldreichen Südosten der USA. In Waycross, Georgia, presst die RWE heute aus Holzschnitzeln und Sägespänen 750 000 Tonnen Holzpellets pro Jahr, verschifft sie über den Hafen Savannah gen Europa und lässt sie in Kohlekraftwerken in England und den Niederlanden verfeuern, wo das sogenannte Co-Firing mit nachwachsenden Rohstoffen subventioniert wird. Aus dem unkalkulierbaren Geschäft mit heimischem Holz hingegen will sich der Konzern, auf dem 30 Milliarden Euro Schulden lasten, weitgehend zurückziehen.

Dabei klang die Idee bestechend: Mitten in Deutschlands waldreichster Region wollte der Energieversorger Strom und Wärme aus einem Rohstoff gewinnen, der direkt vor dem Werkstor nachwächst. Umweltfreundlich und klimaneutral. Tatsächlich funktioniert dieses Konzept auch ganz ausgezeichnet. Nur ist dafür ein entscheidendes Detail nötig, das der RWE fehlte.

Kilometer 184 
Forst Dreis-Hammerhof, Brilon

Der Weg führt von der Landstraße steil hinauf in den Wald, durch Pfützen und über Forstwegschotter, als Gerrit Bub seinen Geländewagen scharf zum Halten bringt. „Hier ist es“, sagt der Förster und deutet auf einen Stapel Astwerk vor der Frontscheibe. Bub ist Herr über gewaltige 7750 Hektar Wald, 25 Forstangestellte und ein zauberhaftes Forsthaus mit Zwölfendern, ausgestopften Auerhähnen und gerahmten Porträts seiner längst verstorbenen Vorgänger an den eichengetäfelten Wänden. Bubs Arbeitgeber wiederum, das 26 000-Einwohner-Städtchen Brilon im Sauerland, ist nach Berlin Deutschlands waldreichste Stadt. Briloner Fichten werden bis nach Japan und Australien geliefert, die Buchenernte des vergangenen Jahres hat der Forstamtleiter komplett an die Chinesen verkauft. Man könnte sagen, dass Gerrit Bub so etwas wie Deutschlands Oberförster ist. Was also hat es mit diesem traurigen Stapel Zweige auf sich?

Der Haufen Restholz, erklärt Brilons Forstamtleiter, sei die hausgemachte Energiequelle der Region. Den Sommer über deponieren seine Mitarbeiter diese und weitere Abfallholzstapel stets zum Trocknen entlang der Forstwege. Im Herbst wird das Holz dann zu fünf Zentimeter langen Chips geschreddert und in einer ehemaligen Sägewerkshalle unten im Tal gelagert. Von dort transportieren Sattelschlepper es weiter in den Speicher des städtischen Hackschnitzelheizwerks, das die Briloner Stadtwerke vor vier Jahren am Rande der Innenstadt errichtet haben. „Was Sie hier sehen“, erklärt Bub, ein stämmiger Siegerländer und promovierter Forstwirt, der seine Diplomarbeit über „Innovative Geschäftsmodelle in der Forstwirtschaft“ verfasst hat, „ist also Energie aus Brilon, für Brilon und für die Briloner.“

Die gab es allerdings nicht gratis. Anderthalb Millionen Euro kostete die Stadtwerke ihr Hackschnitzelkraftwerk, weitere 500 000 Euro investierten sie in ein Nahwärmenetz, durch das heute die Feuerwärme des Briloner Waldholzes in Seniorenheime, Turnhallen, Schulen und Mehrfamilienhäuser der Innenstadt strömt. Praktischerweise kommt das Holzschnitzelkraftwerk mit ein paar Techniker-Stunden pro Woche aus, sodass die Stadtwerke ihr jüngstes Kraftwerk quasi nebenbei und ohne eigenes Personal betreiben können. „Eigentlich ein No-Brainer, oder?“, fragt Bub in schönstem Förster-Englisch.

Kurioserweise ist der Briloner No-Brainer die späte Folge einer Katastrophe, die Gerrit Bub gleich zu Beginn seiner Amtszeit ereilte. Ausgerechnet am 16. Januar 2007 hatte ihn der Briloner Stadtrat zum neuen Forstamtleiter gewählt. Zwei Tage später – der neue Amtschef hatte noch nicht einmal seinen Schreibtisch eingeräumt – brauste Kyrill mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 225 Stundenkilometern über das Land. Mehr als drei Dutzend Menschen in Deutschland starben, der Jahrhundertorkan kappte Strom- und Bahnleitungen und entwaldete ganze Regionen. Noch heute muten rund um Brilon einige Bergkuppen an, als wäre ein Riese mit einem gigantischen Rasierer über sie hinweggeschmirgelt. Damals saß Brilons frischgekürter Forstamtleiter plötzlich auf 500 000 Festmetern sturmgerodeten Wurfholzes, das er zu Niedrigstpreisen losschlagen musste, weil all seine Kollegen auf ähnlich hohen Holzbergen thronten. Kyrill war in vielerlei Hinsicht ein Desaster, für Brilon aber gleichzeitig ein Wendepunkt.

Denn nach der Katastrophe, so der Forstamtleiter, „haben wir uns auf die Suche nach Geschäftsfeldern gemacht, mit denen wir unabhängig von irgendwelchen Holzpreisen Geld verdienen können“. Dreieinhalb Jahre später war das stadtwerkseigene Hackschnitzelkraftwerk fertiggestellt, das exklusiv mit Restholz aus Brilons Stadtforsten betrieben wird. Der Restholzverkauf sichert dem Forstbetrieb jetzt Saison für Saison verlässliche Zusatzeinnahmen. Die Stadtwerke verfügen mit ihm über einen verlässlichen lokalen Energieträger, der ihnen zehn Jahre zu einem günstigen Festpreis – etwa die Hälfte dessen, was die Stadtwerke für Gas gleichen Heizwerts zahlen müssten – frei Haus geliefert wird. Die Stadt wiederum setzt auf einen nachhaltigen Brennstoff, den die Stadtwerke ihrem städtischen Forstbetrieb abkaufen, dessen Gewinne wiederum in den städtischen Haushalt fließen. Letztlich steckt Brilon sich also Geld von einer Tasche in die andere und erzeugt auf diesem Weg wertvolle Wärme.

Warum nicht mehr Kommunen auf derart lohnende Taschenspielertricks setzen? Ganz einfach: weil Holz Mangelware und ein Hackschnitzelkraftwerk eine ziemlich sensible Anlage ist. Der Briloner Ofen beispielsweise bullert nur dann reibungslos, wenn sein Brennmaterial weitgehend trocken und frei von Fichtenrinde, Erde und Fremdkörpern angeliefert wird. Statt nach Gewicht, Volumen oder Qualität des Holzes wird Gerrit Bubs Forstbetrieb daher nach der Wärme bezahlt, die das stadteigene Kraftwerk aus seinem Holz erzeugt (im vergangenen Jahr waren das rund 6500 Megawattstunden). „Damit haben wir selbst den allergrößten Anreiz, sauberes und trockenes Material zu liefern“, sagt Bub. Ein solches Vertrauensmodell erfordert allerdings eine exklusive Partnerschaft wie zwischen den beiden Briloner Schwesterbetrieben. Auf einem offenen Markt mit wechselnden Abnehmern, konkurrierenden Lieferanten und unterschiedlichsten Holz-Quellen hingegen, auf dem sich Kraftwerke wie die Wittgensteiner RWE-Anlage bedienen, ist es nur schwer vorstellbar.

Vor allem aber sind die Briloner – im Gegensatz zur RWE Innogy – nicht nur Abnehmer, sondern auch Erzeuger ihres Rohstoffes. Sie verfügen damit über einen preisgünstigen Zugriff auf eine Ressource, die in den nächsten Jahren stetig knapper und teurer werden dürfte.

Dabei ließe sie sich ebenso massenhaft wie kostengünstig mit einer Methode erzeugen, die Deutschlands Holzlücke ein gutes Stück schließen könnte. Dummerweise sieht es so aus, als scheitere diese Methode ausgerechnet an der üppigen Förderung erneuerbarer Energien. Um dieses Paradoxon zu verstehen, muss man noch einmal zu Professor Schulte in den schwarzen Audi steigen.

Kilometer 261 
Energieumtriebsplantage Rietberg-Mastholte

Es ist früher Nachmittag, als der Forstwissenschaftler und sein Mitarbeiter ihren Wagen am Rand der Gemeinde Rietberg-Mastholte parken. Auf den Äckern stehen neben Raps und Mais Tausende schlanker Schösslinge wie eine grüne Armee in Reih und Glied. Zwischen ihren Reihen wachsen Giersch, Ampfer und Brennnessel, einige Stämme zeigen Spuren von Rehwild, das sich an ihren dünnen Stämmen das Geweih abgewetzt hat.

Für Andreas Schulte wächst auf diesem Acker eine mögliche Antwort auf den Holzmangel heran. Dreieinhalb Jahre ist es her, dass die beiden Holzexperten im Auftrag eines Landwirts die Armee aufgestellt haben. Damals waren es 16 000 handlange Pappelstecklinge, die man einfach in den Boden gesteckt und in ihrem ersten Jahr mit Unkrautvernichtungsmitteln und Grubbern vor konkurrierenden Pflanzen geschützt hat. Heute sind die Schösslinge bis zu sechs Meter groß; ein weiteres Jahr, und der Landwirt wird sie erstmals abernten und ihr Holz in seiner eigenen Hackschnitzelanlage zu Energie verheizen können. Mit dem Ökosystem Wald hat eine solche Plantage so wenig zu tun wie ein Duftbäumchen mit einem Waldspaziergang. Im Vergleich zu den Monokulturen der Raps- oder Reisfelder aber bietet sie eine Vielzahl ökologischer wie ökonomischer Vorteile.

„Sie müssen sich das vorstellen wie eine Hopfenanlage oder einen Weinberg“, sagt Heiko Hagemann, ein stämmiger Forstwirt mit stoischem Naturell. „Einmal gepflanzt, lässt sich Pappelagrarholz mindestens 30 Jahre lang beernten. Alle drei bis vier Jahre wird das Holz geschnitten, danach wächst der Baum aus seinem Schössling selbst wieder nach.“ Als Baumart, die im hiesigen Klima am schnellsten wachse, sei die Pappel für den sogenannten Schnellumtrieb besonders geeignet. Früher, berichtet Hagemann, hätten die Bauern des Münsterlandes die Pappel für ihre sogenannten Aussteuerwälder genutzt: Wurde der Familie ein Mädchen geboren, bepflanzte sie eine Fläche mit Pappelstecklingen. Spätestens zur Hochzeit der Tochter waren die Pappeln erntereif und konnten versilbert werden.

Bis es so weit ist, gab und gibt es erfreulich wenig zu tun. Denn im Gegensatz zu Mais- oder Rapsfeldern müssen die Böden einer sogenannten Kurzumtriebsplantage weder geeggt noch gedüngt werden. Das Düngen ihres Bodens übernehmen die Bäume selbst, indem sie jeden Herbst ihre Blätter abwerfen. Außer im allerersten Jahr, wenn ihre Schösslinge noch kleinwüchsig sind, kommen die Turbopappeln zudem zeitlebens ohne giftige Pflanzenschutzmittel aus. Weil der Mensch die Plantagen weitestgehend sich selbst überlässt, siedeln sich im Vergleich zu Mais- oder Rapsfeldern deutlich mehr Wildtiere und -pflanzen an. Das Ernteprodukt Hackschnitzel wiederum ist, wie eine Studie des Agrarministeriums belegt, weitaus effizienter als Mais und Raps, wenn es darum geht, auf ressourcenschonende Weise Energie aus Biomasse zu erzeugen. Und schließlich verfügt Agrarholz im Gegensatz zu den Saisonkulturen Mais und Raps noch über einen natürlichen Vorteil: Es ist ein genügsamer Energiespeicher. Ist die Energienachfrage gerade niedrig, lässt man es einfach so lange auf der Plantage stehen, bis es gebraucht wird.

„Im Vergleich zum Mais- oder Rapsanbau für Biogas rechnen sich Energieumtriebsplantagen ganz ohne Subventionen“, sagt Hagemann zufrieden. Zusammen mit einem Kollegen hat er daher eigens die Wald-Agentur Münster gegründet, die Landwirte bei der Planung, Bepflanzung und Pflege von Agrarholzplantagen begleitet. In einer eigenen Baumschule zieht das junge Unternehmen Schösslinge jener Pappelhybriden heran, die besonders widerstandsfähig und schnellwachsend sind. Für das Geschäftsmodell der Wald-Agentur selbst lässt sich das leider nicht sagen.

Denn um die Gunst der Bauern und deren Flächen muss Energieholz mit Biogasmais und -raps konkurrieren. Die aber werden seit Jahren massiv subventioniert: Nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Beirats des Bundeslandwirtschaftsministeriums verdienen Landwirte mit Biogasmais bis zu 2000 Euro pro Hektar und Jahr. Ein Bauer müsse sich also entscheiden, ob er viel Geld verdienen oder etwas Sinnvolles anpflanzen wolle, sagt Heiko Hagemann. Und genau das haben zahllose Landwirte getan: Auf gigantischen 2,1 Millionen Hektar Fläche stehen heute Mais, Raps und andere Energiepflanzen, die später unter den zipfelmützenartigen Kuppelzelten der Biogasanlagen in Energie umgewandelt werden.

Energieholz hingegen wächst erst auf bescheidenen 10 000 Hektar Land. Ein Zertifikat für „Agrarholz, nachhaltig angebaut“, das Hagemanns Wald-Agentur mit Unterstützung der „Deutschen Bundesstiftung Umwelt“ entwickelt und in diesem Frühjahr vorgestellt hat, hat bislang keinen einzigen Interessenten gefunden. Mit anderen Worten: Eine billige und ressourcenschonende Alternative wird von zwei ineffizienten und hoch subventionierten Energieträgern blockiert. Und das, obwohl es alle Beteiligten eigentlich besser wissen müssten.

„Bis die Politik einen Fehler eingestehen und korrigieren kann, müssen leider immer erst ein paar Jahre vergehen“, sagt Guido Reinhardt, wissenschaftlicher Direktor des Heidelberger Instituts für Energie- und Umweltforschung, das unter anderem die Bundesregierung berät. Dabei hatte ein Expertengremium des Bundeslandwirtschaftsministeriums bereits vor Jahren empfohlen, die Bioenergiepolitik „grundlegend“ neu auszurichten: weg vom Anbau für Biogas und Biokraftstoffe, hin zu Biogas aus Gülle und Abfällen sowie Hackschnitzelanlagen mit Holzfeuerung.

Geschehen ist seither wenig. Hilfe für die Agrarholzanbauer könnte nun aus Brüssel kommen. Nach der neu ausgehandelten EU-Agrarpolitik müssen Landwirte, die in den vollen Genuss von EU-Direktzahlungen kommen wollen, ab dem kommenden Jahr fünf Prozent ihrer Ländereien als „ökologische Vorrangflächen“ ausweisen. Und in diese ökologische Nische passen nach Lesart der EU-Landwirtschaftspolitiker auch Agrarholzplantagen.

Gut möglich, dass die sogenannte Greening-Klausel der Europäischen Union dem Agrarholz zu einem bescheidenen Boom verhilft. An einen flächendeckenden Durchbruch aber glaubt niemand. Die Landwirtschaft sei eine „sehr konservative Branche, in der es generell keine schnellen Veränderungen gibt“, sagt Forstwissenschaftler Schulte. Auch die Biogas-Technik habe Jahrzehnte und massive Subventionen gebraucht, bis sie sich unter deutschen Bauern schließlich doch noch durchgesetzt habe.

Möglicherweise ist das bei Agrarholz ähnlich. Noch sehen die Deutschen den drohenden Holzmangel vor lauter Bäumen nicht. Will das Land aber seine steigende Nachfrage decken, ohne auf dubiose Quellen auf dem umkämpften Weltmarkt zu setzen, braucht es neue Methoden der heimischen Holzgewinnung. Die Agrarholz-Plantagen könnten eine sein, mit dem der Holz-Europameister Deutschland seinen Titel auf unkonventionelle Art verteidigen könnte. ---