Partner von
Partner von

Manfred Klimek Kolumne

In einer ehemaligen Todeszone zu leben – kein Problem für unseren Autor. Aber bei Turbinenlärm hört der Spaß auf.





• Ob ich Professor bin? Danke der Nachfrage, aber ich musste das Angebot der Wiener Universität aus privaten Gründen ablehnen. Auch das Flehen der Hochschulleitung konnte mich nicht erweichen, denn meine Freundin drohte mich umgehend zu verlassen, sollte ich die Stelle annehmen. Sie kennt die Studentinnen – knapp über 20, intelligent und sehr ansehnlich. War also nichts. Manchmal hätte ich gern, dass jemand ein paar Krapfen des Hofzuckerbäckers Demel zu mir nach Berlin fliegt. Das wäre meinem Lebensglück zuträglich.

Wenn ich schon nicht nach Wien umziehe, dann wenigstens innerhalb Berlins. Umziehen scheint der Volkssport hier: Jedes Wochenende stehen allein in meiner Straße mindestens fünf Transporter von Robben & Wientjes in zweiter Spur (wo es nur eine gibt) und halten den Verkehr auf, weil die Leute ihr augenscheinlich bei karitativen Vereinen zusammengebetteltes Mobiliar ohne behördliches Halteverbot in viel zu kleine Lastwagen stopfen.

Ich lebe am Prenzlauer Berg. Ich lebte fast zwölf Jahre hier. Und ich habe gern hier gelebt. Doch das einzig Konstante in meinem Leben soll das Inkonstante bleiben. Wenn ich schon zu feige bin, die weite Welt zu bereisen, dann reise ich durch die Berliner Kieze.

Früher habe ich in Mitte gewohnt. In einem gerade renovierten Viertel, das in Windeseile viele Leute beherbergte, die man aus den Medien kennt. Die hatten nichts Besseres zu tun, als mit jenen Menschen zusammenzuziehen, die über sie in diesen Medien schrieben. Drei Straßen komprimierte Eitelkeit. Einmal schrieb ein dort lebender Journalist, dass ein sehr beliebter, ebenfalls in der Nachbarschaft ansässiger früherer DDR-Schauspieler das Brecht-Gehampele endlich mal sein lassen solle. Man mache heute anderes Theater. Fortan konnte er seine Brötchen in den Galeries Lafayette holen, denn der alteingesessene und reprivatisierte Bäcker weigerte sich, den im selben Haus lebenden Autor weiterhin zu bedienen. Dieses Verhalten nennt man gelebte Solidarität.

Das war sechs Jahre nach dem Mauerfall, und man konnte das damals noch als Geheimtipp angepriesene „Borchardt“ wegen der vielen Baustellen nur über ausgelegte Planken erreichen, die man aus Venedig herangekarrt hatte, wo sie verwendet werden, wenn das Schmelzwasser im Frühjahr die Lagune erreicht und die Stühle vor dem „Caffè Florian“ wegschwemmt. Ich hielt das immer für eine gut erfundene Geschichte, doch der ehemalige Hausbesetzer Roland Mary, dem das Borchardt gehört, hat sie dieser Schauspielerin, mit der ganz Deutschland schlafen will, erzählt. Er schwor Stein auf Bein, dass sie wahr sei.

Ehemalige Hausbesetzer gibt es viele in Berlin. Ich bin ehemaliger Hausbesetzer; der tätowierte Unhold, der früher das „Berghain“ bewachte, ist ehemaliger Hausbesetzer; mein Porsche fahrender Anwalt Geerd ist ehemaliger Hausbesetzer. Einen Molotowcocktail habe aber nur ich geworfen. Weil ich gut im Werfen war.

Das Hausbesetzen ist schon lange her. Ich kam am Nollendorfplatz an und wurde von einer Gruppe mitgerissen, die mich quasi zwang, Linksradikaler zu werden. Das Viertel war abgeriegelt, und ich konnte nicht mehr fliehen. Die vereinigten Landfriedensbrecher beschlossen, dass ich ihre Einkäufe besorgen solle, denn ich trug die Haare kurz, hatte zwei Lacoste-Shirts im Gepäck und gute Schuhe. So arbeitete ich mich durch drei Keller und kam hinter den Linien ans Tageslicht. Ich grüßte freundlich und blieb von Knüppelhieben größtenteils verschont.

Schön, diese Besetzerromantik! Schade, dass es in Berlin heute keine schönen Objekte mehr zu besetzen gibt. Das liegt auch an den Investoren, die das Schwarzgeld griechischer, spanischer und italienischer Millionäre verlustbringend wegbetonieren. Aber es hilft nun mal alles nichts: Will man ein Apartment ohne halbe Treppe und mit fließend Wasser, dann muss man dieses verabscheuungswürdige Gesindel von seiner Not profitieren lassen.

Doch welcher Kiez? Meine Freundin, die aus unerfindlichen Gründen mit mir zusammenziehen will, besteht auf ein originelles Objekt. Das bedeutet, dass ich mich nach einer Art Loft umsehen muss: ungekalkte Ziegelwände, zugige Fenster und ein grober Holzboden, dessen Splitter jeden Tag ein Paar Falke-Strümpfe (19,90 Euro) ruinieren.

Zonengrenze im Schlafzimmer

Ich hingegen will Fußbodenheizung (Radiatoren erinnern mich an die Hitlerzeit), getrennte Badezimmer und einen Küchenblock, der keine Wünsche offenlässt. Solche Wohnungen gibt es. Und man findet sie vor allem im nahen Osten, also in jener Zone, die einst hinter der Mauer lag. Eigentlich lag in Berlin ja alles hier hinter der Mauer, egal, von welcher Seite dieses intelligente Bauwerk betrachtet wurde.

Hinter dem Prenzlauer Berg beginnt Pankow. Und Pankow ist der letzte bürgerliche Bezirk der ehemaligen Hauptstadt der DDR, der noch nicht zur Gänze den gentrifizierenden Horden zum Opfer gefallen ist. Meine Freundin spähte ein Objekt aus, das ich selbstredend gut fand, denn es liegt genau an der Grenze zwischen den Bezirken Wedding, Prenzlauer Berg und Pankow. Das solide gebaute Niederenergie-Haus wurde genau dorthin gestellt, wo einst die Mauer stand. Innerhalb meines zukünftigen Wohnzimmers befindet sich also die Zonengrenze. Eine originellere Wohnung kann man nicht finden.

Ich war begeistert: vor mir eine leere Brache, eine riesige Wiese mit Gestrüpp, die in weiter Ferne in einem Gleisdreieck mündet – der ehemalige, einst sauber gerechte Todesstreifen. Unverbaubar, wie mir versichert wurde, denn in dem neuen Landschaftsschutzgebiet nistet die Spottdrossel, und der Silberfuchs macht Jagd auf Maulwürfe, Kaninchen und aus der S-Bahn geworfene McDonald’s-Abfälle. Eine Idylle mit Blick auf den unverwüstlichen Fernsehturm und das Park-Inn-Hotel – die beiden hässlichsten Wahrzeichen einer westlichen Metropole. Da hat die Hauptstadt Kasachstans – ich glaube, sie heißt Duschhaube – noch mehr Glamour.

In keiner Stadt der Welt kann man sich vorstellen, einen derartigen Ausblick schön zu finden. Nur in Berlin, diesem preußischen Kartoffelacker mit reizlosem Umland, schlägt das Herz gleich höher. Es ist die Melancholie des ewig Unfertigen, die nur Menschen suchen, die aus der betreuenden Anstalt als untherapierbar entlassen wurden.

Ich stand also auf dem großen Balkon und ließ den Blick schweifen, wie einst ein Grenzsoldat. Es würde ein schönes Leben werden, hier in der ehemaligen Todeszone. Doch dann beendete der Lärm meine Träume. Und ich sah zum Himmel. Was ich sah, war Air Berlin.

Wieder Mehdorn! Die Bahn hat er mir kaputt gemacht. Und jetzt auch noch den Traum von dieser Wohnung. Alle drei Minuten ein Flieger. Denn Pankow liegt in der Tegel-Schneise. Die Maklerin, schon der Unterschrift gewahr, versicherte mir, dass man bei Errichtung des Hauses von der rechtzeitigen Fertigstellung des Großflughafens ausgegangen war. Dass hier immer noch Maschinen röhren würden (ungefähr 150 Meter über dem Hausdach), sei historisches Pech, das allerdings ein Ende finde.

Nur wann?

Ich rief also meinen Vertrauensmann des Volkes an, der Einblick in das Flughafenelend hat. Und der sagte: Fertigstellung nicht vor 2017, erwartbar eher 2018. Und er sagte, dass die da in Brandenburg noch gar nicht mit dem Umbau begonnen hätten. Es werde evaluiert. Und er sagte, dass es sogar Entscheidungsträger gebe, die das Großprojekt beerdigen wollen – Tegel könne in Betrieb bleiben.

Vorbei! Ende Gelände. Was bleibt, ist Fuchs und Hase gute Nacht zu sagen. Wird wohl Charlottenburg werden, das Düsseldorf um den Ku’damm rum. ---