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Weich gespült oder bitterböse

Die USA sind auch in Sachen Komikein gespaltenes Land.





• Wenn ich mich zu Hause in San Francisco richtig amüsieren will, bleibt der Fernseher aus, denn ich habe keinen Kabelanschluss und kann über das, was im Free TV als „lustig“ verkauft wird, beim besten Willen nicht lachen: Serien mit Lachern vom Band und Filme, in denen viel Blut fließt, aber ja keine sexuelle Andeutung gemacht werden darf. Talkmaster, die sich jeden aus der Hüfte geschossenen Scherz verkneifen müssen, damit ihnen bloß kein Schimpfwort herausrutscht. Langweilig.

Unterhaltung ist ein harter Job in Amerika. Der Massenmarkt verlangt Selbstzensur, deren Logik sich dem Ausländer nur schwer erschließt. Wer als Komiker etwas auf sich hält, will alle Register ziehen, damit dem Publikum möglichst das Lachen im Halse stecken bleibt. Doch hoch bezahlte Spitzenkräfte wie Jimmy Fallon, Jon Stewart, David Letterman oder sein designierter Nachfolger Stephen Colbert dürfen sich nicht austoben.

Wenn ihnen oder ihren Gästen dennoch einmal ein gottloses Shit oder Fuck entfahren sollte, werden diese Vergehen nicht nur akustisch neutralisiert, sondern auch noch der Mund verpixelt, damit das Publikum nicht von den Lippen lesen kann, was sich alle ohnehin denken. Wer in einer Zeitung geistreich Gift und Galle versprüht, darf ebenfalls keine Wörter schreiben, die ungeeignet für eine „Familienzeitung“ wie die »New York Times« sind, selbst wenn sie aus dem Munde von Prominenten kommen.

Bei harmlosen Wörtern und Gesten, über die sich in anderen Ländern niemand aufregt, hört für Amerikaner der Spaß auf. Wer seine Kinder bestraft, weil sie am Tisch oder in der Schule „verdammt noch mal“ sagen, der kann im öffentlichen Unterhaltungsprogramm nichts Anstößiges dulden. Was das ist, hat die Medienaufsicht FCC exakt festgelegt. Vergehen ziehen Aufsehen, öffentliche Entschuldigungen und Bußen nach sich.

Aber das ist – ähnlich wie bei der Prüderie und Pornografie in den USA – nur die halbe Wahrheit. Richtig zur Sache geht es in einer parallelen Welt, in der sich alle möglichen Spaßmacher darin überbieten, Obszönitäten und anstößige Bemerkungen in einen Auftritt oder Sketch zu packen. Wer in Comedy Clubs geht, Kabelkanäle oder Satellitenradio abonniert, darf Humor konsumieren, der vor nichts und niemandem halt macht. Alles geht.

Für Profis ist diese amerikanische Schizophrenie Ansporn, alle Hebel in Gang zu setzen, sobald sie dürfen. Der legendäre Komiker George Carlin hinterließ seinen Fans einen Sketch über die „Seven Words You Can Never Say on Television“: shit, piss, fuck, cunt, cocksucker, motherfucker, tits.

Ebenso wissend nicken Kenner der Materie, wenn man von „The Aristocrats“ spricht, angeblich der obszönste Witz der Welt, der sich um die Perversionen einer Zirkusfamilie dreht. In einem Dokumentarfilm aus dem Jahr 2005 über diesen Metawitz lieferten sich Amerikas Spaßmacher eine regelrechte Schlacht, wer am besten alle Register von Sado-Maso bis Inzucht ziehen kann.

Ebenso gnadenlos geht der „Schmelztiegel der Nationen“ mit ethnischen Gruppen um. An der Oberfläche verlangt die politische Korrektheit Sprachregelungen und Sensitivitätstraining, aber gleich darunter brodelt die Lava: Witze über nach Curry stinkende Inder, Terroristen aus dem Nahen Osten, geldgierige Juden und unverbesserliche Nazis, über die in Deutschland kaum einer zu lachen wagt. Gerade Einwanderer oder die Kinder von Einwanderern entpuppen sich als die rücksichtslosesten Spaßmacher auf Kosten der eigenen Gemeinschaft.

Warum sich diese tiefe Kluft zwischen sauberer Fassade und bösartigem Humor auftut, vermögen meine Bekannten, die in den USA aufgewachsen sind, nicht zu erklären. Der Verhaltenskodex, der Begriffe wie etwa Shitstorm tabuisiert, wird einfach nie hinterfragt. Aber wehe, wenn sie losgelassen. „Wenn ich im Ausland auftrete, erwarten die Leute, dass ich den lauten, bösen Ami gebe, der kein Blatt vor den Mund nimmt“, sagt Scott Capurro, ein Komiker aus San Francisco, der mit seinen rabenschwarzen Schwulenshows von Großbritannien bis Australien tingelt. Der Kalifornier kann zehn Minuten über die Klitoris sinnieren und dabei die armen Gäste in der ersten Reihe in den Erzählstrang einbeziehen oder als verkappte Homos outen. Wenn er behauptet, „schwarz oder fett zu sein ist ein und dasselbe“ und dass er gern „Israel besetzen und ein paar Liberale vergewaltigen würde“, bleibt Ausländern der Mund offen stehen.

„US-Komiker müssen andere Kulturen vor den Kopf stoßen und rassistische Witze reißen, das gehört zur Pflicht“, sagt Capurro. „Wahrscheinlich, weil unsere Kollegen in anderen Ländern es nicht dürfen.“ Einzig Pädophilie ist für ihn ein Tabu. Abtreibungen („kosmetische Chirurgie“) und die erstaunliche Tatsache, dass er selbst in der Schwulenhochburg San Francisco bislang von Aids verschont wurde, sind für ihn dagegen dankbare Themen.

Von dieser harten Spielart des amerikanischen Humors bekommen allerdings nur jene Ausländer etwas mit, die Sendungen wie Bill Mahers „Real Time“ sehen können oder eine Vorstellung von Gehässigkeitsreisenden wie Capurro besuchen. Der Rest der Welt sieht vor allem Fernsehkomödien von „Friends“ bis „Modern Family“, in denen ein Witz den anderen jagt, stets im grünen Bereich des quer über alle Kulturkreise Akzeptablen und unterbrochen von synthetischem Gelächter.

Lacher aus der Konserve geben den Takt vor

Diese „Laugh Tracks“ gehören seit den Fünfzigerjahren zum Standardrepertoire von Radio und Fernsehen in den USA. Anfangs dienten sie dazu, die mit nur einer Kamera aus verschiedenen Einstellungen aufgenommenen Szenen beim Schneiden mit einem einheitlichen Klangteppich zu unterlegen, weil das echte Publikum nicht immer an denselben Stellen lacht. Außerdem dienen die Lacher aus der Konserve dazu, peinliche Stille zu überbrücken und die Zuschauer zu animieren, nonstop Spaß zu haben. Diesen Anspruch haben alle Sitcoms als zentraler Bestandteil des Fernsehprogramms: leichte Kost in 30-Minuten-Häppchen.

Schwarzer Humor scheint bei den auch hierzulande beliebten Serien „Breaking Bad“ oder der Lesben-Knast-Komödie „Orange is the New Black“ durch. Die Pay-TV-Sender HBO und Showtime haben erkannt, dass sie mit gut kalkulierten Vorstößen gegen die allgemeine Prüderie eine interessante Zielgruppe erreichen: das andere Amerika.

Wer aber Witze für die Massen reißen möchte, muss den Weichspüler anschalten. Capurro findet das nicht gut. „Alle wollen ins Fernsehen und fangen immer öfter an, sich vorbeugend zusammenzureißen. Echt Scheiße – aber wenigstens könnt ihr das in Deutschland so drucken, oder?“ ---