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Vince Ebert im Interview

Vince Ebert war einmal Unternehmensberater. Mit seinem Humor eckte er oft an.
Heute zahlen Konzerne viel Geld dafür.
Ein Gespräch über den ökonomischen Mehrwert des Business-Kabaretts.




brand eins: Herr Ebert, man hört, Sie zünden vor Mitarbeitern nicht ganz so erfolgreicher Großbanken gern Hundert-Euro-Scheine an und fragen dann das Publikum: Hat von Ihnen auch schon mal jemand Geld verbrannt? Stimmt das?

Vince Ebert: Nein. Völlig falsch. Ich habe immer 50-Euro-Scheine genommen. Hunderter wären mir dann doch ein wenig zu großkotzig vorgekommen. Zwanziger hingegen zu popelig.

Brennende 50-Euro-Scheine sind aber immer noch eine recht teure Pointe. Rechnet sich der Witz?

Absolut! Die Geldverbrennung war der Höhepunkt der Show. Das Entscheidende an der Nummer war: Inhaltlich ging es darum, Risiken einzugehen, etwas zu wagen, sich aus der Komfortzone herauszubegeben. Aber gleichzeitig auch Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. Und mal ganz ehrlich: Wenn Robbie Williams 50 000 Euro für eine Pyro-Show in die Luft jagt, klatschen alle Beifall.

Hat die erste Reihe auch gelacht?

Am lautesten.

Warum finden es Manager lustig, wenn Sie von Ihnen so vorgeführt werden?

Wenn wir in Unternehmen auftreten, sind wir Kabarettisten Hofnarren in einer sehr klassischen Rollenbeschreibung. Der Kaiser ist nackt, und jeder halbwegs intelligente Vorstand weiß das natürlich. Über unsere Pointen ermöglichen wir es den Leuten, über sich selbst zu lachen. Wir sprechen aus, was viele denken. Humor ist ein tolles Mittel, um über das, was in vielen Unternehmen nicht ganz so rund läuft, in einem anderen Kontext nachzudenken. Das gilt zumindest für die reflektierten Manager. Die anderen lachen aber auch aus vollem Hals. Weil sie denken: Der Typ auf der Bühne meint ja nicht mich, sondern nur meine Kollegen, die links und rechts von mir sitzen.

Bleibt es nicht trotzdem vermintes Gelände?

Die große Herausforderung ist es, den richtigen Ton zu treffen, und das gelingt nur, wenn die Haltung zum Publikum stimmt. Du darfst niemandem das Gefühl geben: Ich verachte, was du machst. Oder ich verachte, was dein Konzern macht.

Selbst wenn Sie es tun?

Das ist ja nicht so. Bei Auftritten für Unternehmen mache ich gleich am Anfang deutlich: Ich bin kein linker Polit-Kabarettist, der sich freuen würde, wenn der Kapitalismus kollabierte. Ich stelle klar, dass ich das System gut finde, dass ich freien Handel gut finde, dass ich selbst mal Unternehmensberater war. Und dass ich genau weiß, wie es sich anfühlt, wenn Leute, die von Wirtschaft keine Ahnung haben, sagen: In den Führungsetagen von Konzernen oder in Unternehmensberatungen regieren ausschließlich Gier und Inkompetenz. Wenn das Publikum verstanden hat, der Kabarettist da oben auf der Bühne ist im Grunde einer von uns, der will den Sozialismus gar nicht einführen, kann ich eigentlich alles machen. Gerade in Organisationen mit Anzugzwang funktioniert das sehr gut.

Im Gegensatz zu turnschuhgetriebenen Organisationen?

Genau. Das Paradoxe ist: In konservativen Branchen wird bei meinen Unternehmensauftritten deutlich mehr gelacht. Bei Banken, Versicherungen, Chemie- und Pharma-Unternehmen, großen Automobilherstellern fühle ich mich mit meinen Witzen fast immer willkommen. Etwas härter ackern muss ich, wenn ich bei Marketing-Leuten oder flippigen Start-ups auftrete. Die sitzen dann anfangs mit verschränkten Armen da und sagen: Was will der Komiker da oben? Am schwierigsten ist es vor Werbern.

Die finden nur sich selbst witzig?

Vielleicht auch noch ihren Chef. Was dann wieder ein Zugang sein kann, die doch zum Lachen zu bringen. Indem ich den Widerspruch bei Kreativ-Unternehmen karikiere, wie locker-flockig-kollaborativ da angeblich alles ist. Aber dass in Wirklichkeit knallharte Hierarchien herrschen.

Clustern Sie als ehemaliger Berater doch bitte den deutschen Geschäftshumor in einer Vier-Felder-Matrix.

Die Leute lachen, wenn sie direkte Bezugspunkte haben. Der Witz muss immer etwas mit der direkten Lebenswelt der Zuhörer zu tun haben und im besten Fall ein Problem im Unternehmen auf den Punkt bringen. Ein großes Thema in meinen Vorträgen ist die Illusion der absoluten Planung und Steuerung. Im Grunde herrscht in vielen Konzernen ein risikoscheues Denken vor. Dabei erzähle ich die Geschichte von meinem Bekannten, der als Top-Controller arbeitet und auch privat ein echter Kontrollfreak ist: Firewalls, Antivirusprogramme, versichert bis unter die Hutschnur, Alarmanlage – und irgendwann war seine Wohnung ausgeräumt und die Konten geplündert. Von der eigenen Frau. Dieser Gag zeigt: Je mehr ihr ein komplexes System kontrollieren und steuern möchtet, umso wahrscheinlicher trifft euch der Zufall.

Was ist noch lustig? Die Sprache?

Klar, besonders bei Marketing-Leuten. Dort kommt es immer gut an, wenn ich deren Anglizismen ins Extrem steigere. In einer Nummer kommt ein Marketeer in einen Laden und überschüttet die Verkäuferin so lange mit Bullshit, bis er selbst nicht mehr weiß, was er eigentlich kaufen möchte. Am Ende der Szene geht er mit einem Produkt aus dem Laden, das er gar nicht braucht. Handwerklich hochwertiges Berater-Bashing kommt übrigens in allen Branchen gut an. Sogar bei Unternehmensberatungen selbst, denn die meisten Berater haben eine größere Distanz zu ihrer Arbeit als landläufig bekannt. Auch in diesem Zusammenhang läuft Humor freilich stark über Verballhornung von Sprache. Beziehungsweise über Verballhornung einer verballhornten Sprache.

Das müssen Sie erklären.

Wir lachen über Bullshit auf der Bühne, weil der ja schon im richtigen Leben bereits unfreiwillig komisch ist. Neutral betrachtet, geht es dabei zunächst einmal um Fachsprache, die per se eine sinnvolle Funktion hat. Wenn sich zwei Naturwissenschaftler mit Fachtermini verständigen, die beide verstehen, macht das die Kommunikation von komplexen Inhalten kürzer und präziser. Beim Konzern-Bullshit ist aber genau das Gegenteil der Fall. Die BWL-Phrasen dienen vor allem dazu, simple Inhalte aufzublasen. Klare Worte hingegen würden die ganze Trivialität enthüllen. Trotzdem spielen die meisten, vor denen ich in Unternehmen spreche, dieses Spiel jeden Tag mit. Wenn ich dann aus den Wortblasen auf der Bühne die Luft rauslasse, hat ihr Lachen oft viel Befreiendes.

Das war jetzt keine Vier-Felder-Matrix. Da sehe ich noch Raum für Verbesserung.

Oh, Entschuldigung. Ich fürchte, da ist im Backoffice was falsch gelaufen. Zu dem Topic muss ich mich noch mal aufschlauen. Die Matrix reichen wir asapissimo nach.

Warum sind Sie nicht Berater geblieben?

Ich bin von Haus aus Physiker. Als ich in die Beratung ging, fragten mich viele: Was macht ein Naturwissenschaftler dort? Ich habe dann immer gesagt: Als Physiker verstehst du von Beratung zwar genauso wenig wie der Betriebswirt – dafür aber in der Hälfte der Zeit. Tatsächlich hat mir der Job inhaltlich großen Spaß gemacht. Wir haben damals Kundendaten mit statistischen Verfahren ausgewertet. Wir wollten herausfinden, welche Werbeformen bei welchem Kundensegment besonders gut wirken. Heute würde man das Big-Data-Marketing-Analytics nennen, nur dass unsere Datenvolumen damals vergleichsweise klein waren. Ich hatte kluge Kollegen, nette Chefs, interessante Projekte, und in dem Bereich Daten-Analytik gab es natürlich auch damals schon richtig gute Berufsperspektiven. Aber ich habe irgendwann gemerkt: Ich habe keine Lust auf das ganze Programm in der Bürohölle. Zu bleiben, obwohl die Arbeit gemacht ist. Beim Kunden immer unterwürfig-freundlich sein, auch wenn der sich widerlich verhält. Dreimal täglich den Tod durch Powerpoint sterben. Also habe ich nach drei Jahren entschieden, nur noch das zu machen, was mir Spaß macht. Ich habe gekündigt und auf der Bühne angefangen. Der Sprung ins kalte Wasser.

Die Ironie an der Geschichte: Ein Teil von dem, worauf ich damals keine Lust mehr hatte, ist heute die Basis meines Erfolgs auf der Bühne.

Inwiefern?

Vor Businessleuten rede ich sehr viel über Authentizität, Mut und die Bereitschaft zur Veränderung.

Das klingt nun doch sehr nach Firmensprech.

Im Ernst: Viele träumen doch heimlich davon, den Ausbruch aus der Tretmühle zu wagen. Einer meiner Lieblingsmomente im Vortrag hat damit zu tun. Ich sage zu den Leuten: „Wenn Sie mit Ihrem Job nicht zufrieden sind, kündigen Sie!“ In dem Moment schauen mich viele mit diesem Du-hast-gut-reden-Blick an. Dann drehe ich die Perspektive: „Ja, ich weiß, Veränderungen sind schwierig. Aber vielleicht wäre Ihr Unternehmen ohne Sie sowieso besser dran …“ Das ist ein ganz starker Moment, weil bei vielen ein innerer Konflikt klar wird.

Wie reagieren die Leute dann?

Mit kollektivem Verlegenheitslachen. Die eine Hälfte lacht, weil sie denkt: Mist, mir fehlt der Mut zu kündigen. Die andere Hälfte denkt: Shit, ich bin ja tatsächlich nicht gerade ein Hochleister. Wahrscheinlich wäre mein Unternehmen ohne mich wirklich besser dran. Beide Gruppen verzeihen mir den Affront, weil sie spüren: Der Ebert war auch mal in der Bürohölle, hat sich aber getraut zu springen. Ich habe damals gekündigt, ohne zu wissen, ob ich als Kabarettist Erfolg haben würde. Deshalb darf ich das auch so sagen. Ich bin ein Beispiel dafür, dass es sich lohnt, Risiken einzugehen und sich selbst treu zu bleiben.

Eigentlich lustig, dass Unternehmen besonders viel dafür bezahlen, wenn sich Komiker über sie lustig machen.

Es ist wirklich paradox. Ich habe schon als Unternehmensberater beim Kunden den ein oder anderen kleineren Scherz in meine Powerpoint-Präsentation eingebaut. Das fanden die damals gar nicht lustig. Heute werde ich von den gleichen Unternehmen als Kabarettist gebucht. Was ich heute sage, hätte mir damals eine Abmahnung eingebracht. Heute bekomme ich dafür eine schöne Gage. Das ist wahre Narrenfreiheit!

Was ist der Mehrwert für den Kunden?

Das frage ich mich auch. Ich frage mich manchmal: Würde ich als CEO auch diesen Ebert buchen und ihm einen Haufen Geld dafür bezahlen, dass er uns eine Stunde lang über den Humor zum Nachdenken bringt? Erst neulich rief ein Konzern bei meinem Management an und wollte wissen, warum mein Vortrag teurer ist als der eines sehr bekannten Politikers. Da hat meine Agentin nur geantwortet: Na ja, dieser Politiker ist halt nicht witzig! ---

Vince Ebert, 46,

stammt aus dem Odenwald. Er studierte Physik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und ging danach in die Marktforschung. 1998 entschied er sich, Kabarettist mit Schwerpunkt Wissenschaft und Wirtschaft zu werden und aus Physik, der Evolution oder dem Mythos der absoluten Planbarkeit Bühnenprogramme zu machen. Ebert wurde mehrfach ausgezeichnet und schrieb Bestseller wie: „Denken Sie selbst. Sonst tun es andere für Sie“. Er tritt an rund 200 Abenden im Jahr auf.