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Tote Seelen und ein 50-Kilo-Hecht nach dem ersten Drittel

Die Russen sind Frohnaturen. Aber ihre Narren scheitern.





• Dostojewski ist ein Irrtum. Wer den wohl humorlosesten russischen Schriftsteller liest, kann auf die Idee kommen, die Russen seien ein trauriges Volk, verschlossen, grüblerisch, mit einer Seele, geflutet vom Kummer dieser Welt. Ein krasser Irrtum.

Die Russen sind Frohnaturen bis zum Gehtnichtmehr. Nächtelang können sie tanzen, trinken, küssen und lachen. Und sie verderben ihre eigenen Witze nur dadurch, dass sie oft stundenlang einen nach dem anderen erzählen. Spätestens nach einem Dutzend noch so gelungener Pointen fällt es auch dem gutwilligsten Zuhörer schwer, sich zu einem Lächeln durchzuringen.

Natürlich haben die Russen ihren eigenen, nationalen Humor, oft ist er unübersetzbar. Ihre wohl populärste Witzfigur ist der Standartenführer Stirlitz. Der Held einer eigentlich drögen und sentimentalen Fernsehserie von 1973, ein sowjetischer Maulwurf, der als SS-Offizier im Gestapo-Hauptquartier agiert und die Nazibosse mit genialen Intrigen austrickst. Die Witze über Stirlitz sind ungezählt, im Internet gibt es Sammlungen von mehr als 400. „Stirlitz geht nachts durch Berlin. An einer Hauswand steht auf Russisch: ,Stirlitz ist ein Trottel.‘ Stirlitz lächelt: Jetzt weiß er, dass er zum Held der Sowjetunion ernannt wurde.“ Selbst Ausländer, die jahrelang in Russland gelebt haben, verstehen diesen Witz nicht.

Denn er macht sich sowohl über den Filmhelden als auch die sowjetische Ehrentitelmanie und die historische Realität Berlins unter Hitler lustig. Letztere muss halt zudem noch als Spiegel für die eigene, wirre russische Wirklichkeit herhalten.

Die Wege zur Pointe, die die russischen Witzbolde einschlagen, führen durch ein Dickicht von in Jahrzehnten verschlüsselten Kulturcodes und Wortspielen mit sowjetischen, postsowjetischen und neurussischen Denkrichtungen. Aber sie enden meist mit einem Lacher über sich selbst.

Die Russen reagieren meist beleidigt, wenn man sie kritisiert. Dabei ist ihr eigener Humor sehr selbstkritisch. Den zaristischen Vizegouverneur Michail Saltykow-Schtschedrin amüsierte der tumbe Widersinn seiner Verwaltung so sehr, dass er einen der ersten satirischen Romane Russlands darüber schrieb. Auch der russische Schriftsteller Nikolai Gogol hält sich mit seinem dummdreisten Betrüger Pawel Tschitschikow durchaus an die Wirklichkeit seiner Zeit. Tschitschikow versucht ein Vermögen zu machen, indem er Gutsbesitzern billig die toten Seelen ihrer verstorbenen Leibeigenen abkauft, um diese an den Staat zu verpfänden. Sein berühmtester Nachfolger wird die Kultromanfigur Ostap Bender, ein frühsowjetischer Hochstapler und Taugenichts, der mit einer ergaunerten Million nach Rio flüchten will, aber an der sowjetischen Grenze von rumänischen Zöllnern ausgeraubt wird. Auch andere russische Narren scheitern an ihrer eigenen Geldgier, Beschränktheit und Boshaftigkeit. Etwa die moskowitische Sowjetboheme, die der Satiriker Michail Bulgakow in „Der Meister und Margarita“ schildert. Der als Ausländer verkleidete Teufel straft ihre kläglich gemeinen Vertreter ab.

Den Russen fehlt der Glaube an die innere Logik der Wirklichkeit, die sie umgibt. Ihrer Ansicht nach bringen weder Vernunft noch ein konsequentes Regelwerk Ordnung in das von dunklen Mächten beherrschte Chaos, das sich Leben nennt.

Tschitschikow, Ostap Bender, auch Bulgakows Figuren sind durchaus kafkaeske Charaktere, ihre Umtriebe nicht mehr als hilfloses Gezappel in den Fängen des Schicksals. Aber ihre Autoren haben beim Schreiben sichtlich Spaß gehabt. Überhaupt wehrt man sich mit Humor gegen die Unwägbarkeiten und Schicksalsschläge eines Daseins, das anders nicht in den Griff zu bekommen ist.

Der russische Humor ist rebellisch. Zu Sowjetzeiten riskierten viele mit Stalin- oder Breschnew-Witzen Kopf und Kragen. Unter demokratischeren Bedingungen entwickelte sich politisch höchst unkorrekter Humor, der auf Schwule, Schwarze oder Liberale zielt. Putins Herrschaft aber hat auch den politischen Humor wieder angespitzt: „Beim Spiel gegen die eigene Eishockeynationalmannschaft hat Wladimir Putin sechs Tore geschossen. In der Pause nach dem ersten Drittel schlug er ein Loch ins Eis und angelte einen 50-Kilo-Hecht.“

Im Wodka-Laden mit Adolf Hitler

Auf das Unerlaubte, zu dem die Leute neigen, zielt dieser Witz: „Was muss man tun, damit ein Russe von einer 200-Meter-Brücke springt? Ein Schild aufhängen: ,Von der Brücke springen strengstens verboten‘.“ Wenn es gilt, die Gesetze der Schwerkraft oder der statistischen Wahrscheinlichkeit zu brechen, die Russen sind dabei. Früher hielten sich Betrunkene mit nur einer Patrone geladene Trommelrevolver an die Schläfe und drückten ab. In Russland hieß das „Husarenroulette“. Heute rasen Betrunkene mit Wonne über rote Ampeln. Und es kann passieren, dass verliebte Russinnen einem in der vorletzten S-Bahn von Sergijew Possad nach Moskau ein Bein übers Knie legen und gurren: „Ich will jetzt Sex.“

Die Russen sind erklärte Optimisten. Sie versichern, jedes ihrer Vorhaben könne nur erfolgreich enden. Tatsächlich aber hat ihre Selbstgewissheit Risse, unbewusst zweifeln sie am glücklichen Ende, hoffen oft erst gar nicht darauf. Sie scherzen, lachen, amüsieren sich und versuchen so, Distanz zu gewinnen zur unsicheren Gegenwart und dem nahenden Untergang. Die Reserven der russischen Pensionskasse etwa sind verschwindend gering. Aber um einen Russen zum Grinsen zu bringen, muss man nur nach seiner künftigen Rente fragen. Russischer Humor hat auch etwas Heroisches.

„Stirlitz geht in einen Wodka-Laden, vor dem Hitler, Himmler und Schellenberg in einer Warteschlange stehen. Er kommt mit zwei Flaschen Wodka wieder heraus. ,Stirlitz, was erlauben Sie sich?‘, schimpft Schellenberg, ,der Führer, der Reichsführer und ich, wir stellen uns an, Sie aber gehen einfach rein!‘ – ,Wissen Sie nicht‘, antwortet Stirlitz, ,dass Helden der Sowjetunion außer der Reihe bedient werden?‘“ Ein russischer Bekannter hat bei diesem Witz vor lauter Lachen fast zu weinen angefangen. ---