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The House is Full of Yogis

Eigentlich sind es die Kinder, die das Leben der Eltern auf den Kopf stellen.
Dass es auch anders geht, erlebte unser Autor.




• Als Kind erwartet man, dass die eigenen Eltern vernünftig sind, autoritär und vor allem: langweilig. Als Kind ist man ungezogen, akzeptiert keine Grenzen, man macht, was man will. Doch was, wenn es plötzlich die Eltern sind, die ohne Rücksicht auf Verluste machen, was sie wollen?

Es war einmal eine Zeit in den Achtzigerjahren, da waren wir Hodgkinsons eine ganz normale Familie. Wir lebten in einer Doppelhaushälfte in einem Mittelklassevorort von London. In der Einfahrt parkte ein Volvo, unsere Mutter verdiente viel Geld als Boulevardreporterin, und unser Vater war ein mit Preisen überhäufter Wissenschaftsjournalist.

Als ich 12 und mein Bruder Tom 14 Jahre alt waren, entkam Nev (wir nannten ihn niemals Papa) knapp dem Tod. Ein Hühnchen-Risotto hatte ihm eine Lebensmittelvergiftung eingebracht. Nach dieser Erfahrung machte er in der Kathedrale von Westminster bei einer Pressekonferenz eine Wandlung durch, wie sie bis dahin höchstens der Apostel Paul erlebt hatte – der vom Verfolger der Christen zu einem Jünger von Jesus Christus wurde. Noch am selben Tag kündigte Nev seinen Job und begab sich auf die Suche nach der Spiritualität – sie hält bis heute an.

Es war bei der Pressekonferenz um die Kraft der Meditation gegangen. Nev berichtete begeistert: „Es gab eine stille Meditation, die fünf Minuten dauerte, und da ist es passiert. Ein goldenes Licht schien plötzlich in meiner Stirn. Es war überwältigend. Die Glückseligkeit, die mich erfasste, war viel größer als alles, was ich jemals davor gespürt hatte.“

„Ich denke, du bist noch immer nicht ganz gesund“, sagte meine Mutter. „Du weißt, deine Verfassung war eigentlich noch nie wirklich gut.“

Ich nahm Nevs spirituelle Erweckung in jenem Moment nicht richtig zur Kenntnis. Und zunächst änderte sich wenig. Aber dann traf er zufällig auf die Brahma Kumaris, eine religiöse indische Gruppe, die nur von Frauen geleitet wird. Die Brahma Kumaris streiten für vegetarische Ernährung, sexuelle Enthaltsamkeit, ein reines Leben und lehnen die Evolutionstheorie ab. Nev verfiel ihnen komplett. Und von diesem Moment an sollte bei uns nichts mehr so sein, wie es einmal war.

Jeder Tag brachte Veränderungen mit sich, die einem Erdbeben glichen. Die Kunstdrucke mit Motiven aus der Zeit von Edward VII., auf denen anzügliche Damen Coca-Cola tranken, verschwanden aus dem Wohnzimmer. Sie wurden ersetzt durch grell gemalte Bilder von indischen Göttern. Jegliche Form von Fleisch wurde aus der Küche verbannt. Es war noch nicht lange her, da brachte Nev von Dienstreisen I-Love-New-York-T-Shirts mit. Jetzt schenkte er uns Hemden, auf die naive Zeichnungen gedruckt waren, darunter der Reim: „Be Holy … Be Raja Yogi.“ „Das ist kein Geschenk“, sagte mein Bruder Tom. „Das ist Propaganda.“

Bizarrerweise machte meine Mutter das mit. Möglicherweise deshalb, weil sie gerade in ihre feministische Phase eingetreten war und die Tatsache, dass Nev jetzt ein Brahma Kumari war, für sie den Vorteil hatte, nicht mehr mit ihm schlafen zu müssen. „Weißt du was?“, sagte sie, als wir von unserem ersten Meditationskurs nach Hause fuhren. „Diese Sache mit der Keuschheit ist keine schlechte Idee. Es ist eine Sache, wenn man mit einem gut aussehenden Mann um die 20 schläft. Aber wenn ein schrecklich aussehender Glatzkopf auf dir rumrutscht und du vor dem Schlafengehen noch einen Artikel fertigschreiben musst, dann siehst du die Sexualität in einem ganz anderen Licht.“

Drogen? Oder Überzeugung?

Dann war da die Sache mit der Apokalypse. Die Brahma Kumaris glauben, die Evolution sei ein Mythos und das Leben spiele sich in einem 5000-Jahre-Zyklus ab: Am Anfang leben wir im Goldenen Zeitalter, die Welt ist pur, und unsere Seelen sind im Kontakt mit unserer wahren Natur. Von da an geht es bergab. Schließlich kommt das Ende, und danach beginnt wieder ein neues Goldenes Zeitalter. Nev, der uns erst wenige Monate zuvor gepredigt hatte, dass Religion etwas für schlichte Gemüter sei, klärte mich über den Brahma-Kumari-Zyklus auf, als ich gerade von einer Tour mit dem BMX-Rad nach Hause kam.

„Die Gesellschaft, wie wir sie kennen, wird zerstört werden“, sagte er beiläufig.

„Ob das durch einen Nuklearunfall oder eine Naturkatastrophe geschehen wird, kann ich nicht sagen. Aber es wird vermutlich in etwa 32 Jahren passieren.“

„Aber das wird 2014 sein. Ich bin dann erst 44 Jahre alt!“

Nev lächelte leicht überheblich, das passierte ihm in letzter Zeit häufig. „Aber Will, du wirst nicht wirklich sterben. Deine Seele wird in einem anderen Körper weiterleben. Es würde mich nicht überraschen, wenn du dann im Goldenen Zeitalter leben würdest. Deshalb solltest du ein Brahma Kumari werden und schnell mit Meditieren beginnen.“

Der neue Lebensstil unserer Eltern veränderte unser Leben zunehmend. Es kam vor, dass ich von der Schule nach Hause zurückkehrte und einen mir unbekannten, schmächtigen, weiß gekleideten Mann in unserem Garten antraf, der konzentriert eine Osterglocke anstarrte. Wenn ich dann ins Wohnzimmer flüchtete, konnte es passieren, dass ich dort auf weitere 30 Brahma Kumaris stieß, die im Schneidersitz auf dem Teppich saßen und ein Plastik-Ei anstarrten, das Yogi-Symbol der Höchsten Seele, das Nev dort an der Wand angebracht hatte.

Kochen kam meiner Mutter neuerdings als ein Akt der Unterwerfung vor, also lebten wir zunächst von Tiefkühlpizza und Fischstäbchen. Auf Anregung unseres Vaters gab es bald nur noch Aufläufe und Linsentaler, ganz ohne Fleisch, Zwiebeln, Knoblauch oder all den anderen Zutaten, die dem Essen etwas Geschmack verleihen. An einem Abend tischte unsere Mutter eine Art Auflauf auf, der nicht mit dem Messer zu durchschneiden war. Also zerschlug sie ihn mit einem Hammer. Und da fing Nev plötzlich mit seiner neuesten Masche an: Er starrte stur auf seinen Teller.

Er saß am Tisch, seine Augen wurden glasig, er hielt die Hände auf dem Schoß und meditierte über den Bröseln seines Auflaufs. Dann flog der Hauch eines Lächelns über sein Gesicht. Es war aber kein Lächeln, das von Vergnügen herrührte, sondern von Mitleid.

„Was zur Hölle …“, sagte ich.

„Ich bedanke mich. Das ist wie ein Tischgebet zu sprechen. Wir haben sehr viel Glück in diesem Haus. Wir leiden keinen Hunger.“

„Ich hoffe, das dauert jetzt nicht lange“, sagte meine Mutter. „Ich will, dass die Teller in fünf Minuten leer sind.“

Was zu Hause in unseren eigenen vier Wänden geschah, war noch auszuhalten. Schwierig wurde es, wenn Nev anderen predigte. Etwa in meiner Schule. Er hielt dort einen Vortrag über die Vorteile der Meditation.

„Haben Sie viele Drogen genommen, Herr Hodgkinson, wie damals die Leute in den Sechzigern?“, fragte ein Mitschüler. Ich sank immer tiefer in meinen Sitz. Ich hoffte, ich könnte einfach aufhören zu existieren, wenigstens bis die Schule vorbei war.

Wochen später fragte Nev, ob es mir etwas ausmachen würde, mein Zimmer aufzugeben. „Du kannst in mein Arbeitszimmer ziehen“, sagte er. „Ich habe eine wunderschöne Idee für dein Zimmer. Und ich glaube, das würde uns helfen, als Familie enger zusammenzuwachsen.“ Meine Carrera-Bahn wurde abgebaut, die Poster meiner Helden abgehängt, und eine Woche später war der Raum weiß. Die Diele, die Wände, die Decke, alles war weiß. Es gab keine Möbel mehr, nur noch eine weiße Matte und ein weißes Bücherregal mit weißen Büchern. Ich sah mir eines davon an. Der Titel: „Into the White.“

„Wir werden jetzt“, sagte Nev, während er seine Beine zu dem verschränkte, was einer Lotus-Position für ältere Männer recht nahekam, „eine Familien-Meditationsrunde einlegen.“

Meine Mutter ließ ihren Blick durch den Raum schweifen und stemmte ihre Hände in die Hüften: „Du meinst, ich soll dafür aufs Fernsehen verzichten?“

Unsere Eltern hatten früher wilde Partys geschmissen, sie waren berühmt dafür. Aber damit war Schluss, nachdem meine Mutter und Nev eine „Meet the Yogis“-Party gegeben hatten. An einem Samstagabend standen ihre Freunde mit unzähligen Weinflaschen vor unserer Tür. Zu ihrer großen Überraschung nahm ihnen Nev, in einen indischen Pyjama gekleidet, die Getränke ab. „Ihr werdet das nicht brauchen.“ Im Wohnzimmer wartete Dadi Janki, eine kleine Inderin mit großem Wissensschatz. Sie war (und ist) das Oberhaupt der Brahma Kumaris und hielt einen Vortrag über die ewige Natur der Seele.

„Wenn du eine Midlife Crisis hast, Nev, dann besteige doch den Mount Everest – oder Miss Everest“, sagte ein Freund der Familie nach der Meditationsrunde. „Aber lass es nicht an uns aus.“

Dann war da das Thema Sex. Ich war in einem Alter, in dem ich anfing, mich dafür zu interessieren. Also gestand ich Nev, dass ich mich in die ältere Schwester eines Freundes verliebt hatte. Ich sagte ihm, ich wüsste nicht, was ich jetzt tun sollte.

Nev lächelte väterlich. „Weißt du, was das Beste ist, Will?“

„Nein, was ist das Beste?“

„Nichts.“

Ich setzte mich auf: „Wie nichts!? Niemals Sex?“

Er lächelte bedeutungsschwer, ganz so, als ob nichts, was er sagte, jemals falsch sein könnte. „Es könnte einige Probleme lösen. Gute Nacht.“

Ich brauchte Rat. Ich wollte wissen, wie man das mit den Mädchen anstellte – und er empfahl mir, ein enthaltsamer Mönch zu werden.

Aber das war noch lange nicht alles.

Einige Jahre später, als ich 16 Jahre alt war, beschloss meine Mutter, ihre Erfahrungen zu Geld zu machen. Sie schrieb ein Buch. Es war ein Plädoyer für die keusche Ehe. Der Titel: „Sex ist nicht verpflichtend“ *. Ich hatte davon nichts gewusst und erfuhr es an einem Abend im Internat. Mit einigen Mitschülern saß ich vor dem Fernseher. Es lief eine Talkshow, und der Moderator stellte ein Ehepaar vor, das, obwohl es noch immer zusammen war, nicht mehr miteinander schlief. Zuerst bemerkte ich es gar nicht. Dann rief einer meiner Klassenkameraden: „Hey Will, sind das nicht deine Eltern?“

Ja, das waren meine Eltern. Meine Mutter trug eine wilde Frisur. Nev war ganz in Weiß gekleidet. „Aber Sie sind doch zwei gut aussehende junge Leute!“, sagte der Moderator. „Wenn Sie sich lieben und Sie verheiratet sind, warum in alles in der Welt wollen Sie nicht miteinander schlafen?“

„Es gibt viele Formen der Liebe, und die reinsten sind nicht körperlich“, sagte Nev freundlich und zog dabei die Augenbrauen hoch.

„Ich hatte genug davon, dass mein Körper einem anderen gehört“, sagte meine Mutter. „Als ich jung war, gab es für eine Frau zwei Möglichkeiten, um ihrer Familie zu entkommen: Prostitution oder Ehe. Tatsächlich sind beide identisch.“

Eines der Mädchen im Raum sah mich kichernd an.

„Deine Eltern führen eine keusche Ehe?“, fragte sie. „Bedeutet das, dass sie nicht miteinander schlafen? Bist du ebenfalls keusch?“

„Ja, ja und ja! Aber ich hoffe, dass ich das bald ändern kann.“

Während Nev im Familienzimmer meditierte, schrieb meine Mutter feministische Traktate in ihrem Arbeitszimmer. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis das unkonventionelle Leben unserer Eltern scheitern würde. Die Ehe meiner Eltern zerbrach an dem, was so viele Ehen zerstört: am Geld. Meine Mutter konnte gut ohne Sex leben, sie ertrug die vegetarische Ernährung und die weißen Roben, selbst das Meditieren störte sie nicht weiter. Aber als Nev anfing, den Brahma Kumaris wöchentlich Geld zu spenden, hatte sie genug. Sie zog in eine Wohnung im Westen von London. Nev kaufte sich ein Appartement in der Nähe, ehe er in das Globale Zentrum der Brahma Kumaris auf einem imposanten Landsitz in Oxfordshire zog. Tom und ich begannen unsere eigenen Leben.

Erst viele Jahre später, als ich selbst Kinder hatte, beschloss ich, mich mit unserer Kindheit noch einmal zu beschäftigen, indem ich ein Buch darüber schrieb.**

Die Mutter eines Freundes, genau jene Frau, die das vergiftete Hühner-Risotto gekocht hatte, sagte einmal: „Nev ist ein netter Mann. Aber er hat immer genau das getan, was er wollte, ganz egal, was die Folgen davon waren.“ Beide, Nev und meine Mutter, waren selbstsüchtig, wie so viele der Nachkriegs- und Baby-Boomer-Generation, die glaubten, sich neu erfinden zu müssen. Als sie das taten, nahmen sie sich nicht viel Zeit, um sich über die Bedürfnisse ihrer Kinder Gedanken zu machen.

Das Gute daran war, dass meine Mutter und Nev Tom und mich nicht gegängelt haben. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, ihren eigenen Interessen nachzugehen. Sie hatten schlicht keine Zeit dafür, uns in eine bestimmte Richtung zu stoßen. Als ich 13 Jahre alt war, entdeckte ich die Underground-Musikszene. Ich ging zu Konzerten in ganz London und war selten vor Mitternacht zu Hause. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemals jemand deswegen mit mir geschimpft hätte. Möglicherweise haben es meine Eltern gar nicht bemerkt.

Tom gibt die Zeitschrift »The Idler« heraus, ein Magazin, das sich der Kunst des Müßiggangs widmet. Ich verdiene mein Geld mit dem, was mich schon als Teenager begeistert hat, als meine Familie verrückt wurde: Ich bin der Pop-Kritiker der »Times«. So gesehen ist die ganze Geschichte für uns nicht zu schlecht ausgegangen. ---

Übersetzung: Ingo Malcher

Übersetzung: Ingo Malcher
Will Hodgkinson: The House is Full of Yogis, HarperCollins, 2014

* b1-link.de/hodgkinson_sex
** b1-link.de/hodgkinson_yogis