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Frauen und Humor

Frauen können ebenso witzig sein wie Männer. Nur zeigen sie das seltener, besonders in der Arbeitswelt.





• Herauszukitzeln, wie es um den Humor der modernen Businessfrau steht, ist kein Spaß. Ein Blick ins Archiv lässt jedes Lächeln ersterben: So erklärte 2007 der amerikanische Star-Journalist Christopher Hitchens der Welt in einem Essay, warum Frauen nicht lustig sind. Das wäre noch zu verknusen; der Mann war auch Befürworter des „Kriegs gegen den Terror“ und ist mittlerweile gestorben. Doch outeten sich bald Anhänger seiner These.

„Frauen sind nicht komisch“, bestätigte ihn 2010 ein semiprominenter deutscher Kabarettist im Online-Meinungsmagazin »The European«. Die weit erfolgreichere Fernsehkomikerin Mirja Boes beantwortete ebenda, warum das so sei: „Denn Männer wollen Frauen nun mal nicht lustig. Sie wollen Frauen lieber schön und still. Und vor intelligenten Frauen hat der Mann an sich sowieso nach wie vor Angst.“ Boes’ Kollegin Sissi Perlinger warnte in einer Replik gar: „Eine witzige Frau hat viele Feinde – nämlich alle humorlosen Männer. Sie dringt auf männliches Terrain vor (…), und weil Männer extrem territorial funktionieren, ist das weder eine gute Ausgangsposition für einen Flirt, noch ist es förderlich für eine Karriere.“

Wäre das also die Erklärung dafür, dass immer wieder uninspirierte, humorlose Männer, bestenfalls Mittelmaß in ihrer Profession, zu Chefs werden – weil ihre begabten Kolleginnen einfach zu schlagfertig und zu witzig sind? Dann könnten sie einem fast leid tun.

Aber im Ernst: Gilt es noch, dass Frauen ihren Humor zügeln sollten, damit sie für voll genommen werden und Karriere machen können? War es je wahr? Fehlt den meisten Frauen tatsächlich das Talent zum Spaßmachen so wie das Ding zwischen den Beinen, das sie den Männern angeblich unbewusst neiden?

Die Antwort der Forschung ist eindeutig nein. „Es gibt an sich keinen Unterschied zwischen dem Humor der Frauen und dem der Männer“, sagt die Psychologin Jennifer Hofmann von der Universität Zürich. „Das gilt sowohl für die Humorwahrnehmung als auch für die Humorproduktion.“ Erkenntnisse aus den Siebziger- und Achtzigerjahren, denen zufolge Frauen tendenziösen Humor nicht witzig fanden, erklärt Hofmann damit, dass die getesteten Witze sich gegen Frauen richteten. „Gibt man Frauen aber sexistische Witze vor, die auf Männer zielen, können sie sehr wohl lachen.“

Der Unterschied zwischen dem Spaßverständnis der Männer und dem der Frauen ist dennoch nicht nur ein gefühlter. Er liege, erklärt Hofmann, einerseits in den Anlagen der Menschen begründet – entweder er hat Witz oder eben nicht. Andererseits bildet sich der Unterschied zwischen den Geschlechtern mit den Bedingungen heraus, unter denen sie aufwachsen, ausgebildet werden, arbeiten, aufsteigen – oder davon abgehalten werden.

Die Unternehmerin Jasmin Arbabian-Vogel ist Fan des Fußballbundesligisten Hannover 96. Während sie als Chefin ihres Interkulturellen Sozialdienstes, eines Pflegeunternehmens mit 80 Angestellten, vor allem Frauen verschiedener Herkunft führt, hat sie es beim Fußball vor allem mit deutschen Männern zu tun. Wenn Heimspiele stattfinden, kümmert sie sich ehrenamtlich um die Business Lounge im Stadion.

Die 45-Jährige, eine attraktive zierliche Person mit iranischem Vater und deutscher Mutter, ist schlagfertig und mag Situationskomik. Bei einem Spiel von Hannover 96 gegen den FC Bayern München passte sie einen prominenten Funktionär der Bayern vor den Klos des VIP-Bereichs ab, um ein Autogramm von ihm zu bekommen. Sie trug ein T-Shirt, auf dem vorn eine große 96 aus Strass-Steinchen prangte. Der Mann schaute auf das Logo des gegnerischen Vereins – und sie sagte ohne nachzudenken: „Das T-Shirt denken Sie sich jetzt einfach mal weg.“ Die schnelle Antwort: „Nein, das mache ich mal lieber nicht.“ Arbabian-Vogel hätte vor Lachen beinahe vergessen, das Autogramm entgegenzunehmen. Im alltäglichen Umgang, das will sie damit illustrieren, sei der Humor von Mann und Frau ein gleichberechtigter und spiele sich auf Augenhöhe ab. „Anders sieht es aus, wenn Geschäftsinteressen im Spiel sind.“

Wer bei Hannover 96 Zugang zum Businessbereich hat, will nicht nur das Spiel sehen, sondern „bei dem einen oder anderen Pils“ auch Kontakte knüpfen oder pflegen, die wertvoll sein könnten. „Frauen, die nicht auf den Mund gefallen sind“, sagt Arbabian-Vogel, „sind hier zwar gern gesehen, sozusagen als bunte Röcke zwischen all den dunklen Hosen.“ Doch wenn sich eine Frau genau wie jeder Mann hier die gelöste, spaßige Atmosphäre fürs Geschäftliche zunutze machen will, wird schon mal kühl oder verwundert reagiert. „Es hat mit der Erwartungshaltung zu tun, wie wir zu sein haben“, sagt sie. In manchem Rahmen darf eine Frau zwar schlau sein, soll dabei aber möglichst dekorativ bleiben. „Versaute Witze und sich dabei auf die Schenkel klopfen wie die Männer – das geht noch nicht.“

Arbabian-Vogel verliert ihren Humor erst, wenn sie respektlos behandelt wird. Einmal, bei einem Businessfrühstück, hatte sich einer ihrer Lieferanten mitten in lebhaften Vertragsverhandlungen von ihr ab- und einem Bekannten zugewandt, um mit ihm ausgiebig zu lachen und zu ratschen. Sie ließ sich nichts anmerken. Aber den Auftrag, ihre Belegschaft komplett neu einzukleiden, bekam jemand anders.

„Hierarchie hat einen erheblichen Einfluss auf die Rezeption von Humor. Das gilt geschlechtsunabhängig“, sagt die Wissenschaftlerin Jennifer Hofmann. Lange galt das nur in der Theorie, denn Frauen waren über Jahrhunderte hinweg den Männern unterworfen und sind auch heute noch im Berufsleben in überwiegender Mehrzahl Untergebene.

Die Stellung im Machtverhältnis zum Chef – oder zur Chefin – ist ein entscheidender Spaßfaktor. Vereinfacht lässt sich sagen: je höher der Rang, desto größer die Narrenfreiheit. „Aber auch die Unternehmenskultur spielt eine Rolle“, sagt Hofmann. In einer Internet-Firma mit flacher Hierarchie kommt dem Humor eine andere Bedeutung zu als in einem Finanzamt. „Das heißt aber nicht, dass in Behörden nicht gelacht wird“, sagt Hofmann, „nur vielleicht über andere Dinge.“

Männliche Monokultur führt zu Machismo

Ulrike Detmers, Professorin für Betriebswirtschaftslehre in Bielefeld und eine der Geschäftsführerinnen des Großbäckers Mestemacher, hat beobachtet, dass viele Frauen in Führungspositionen betont sachlich agieren, „weil sie so auf der sicheren Seite sind. Das wirkt in den Leitungsgremien durchaus rationalisierend und disziplinierend.“ Ist also doch Schluss mit lustig in der Chefetage? „Nein, hoffentlich nicht!“, sagt Detmers. „Mit Humor kann man Spannungen lösen und manches befördern. Aber ihn zu gebrauchen bleibt eine Gratwanderung. Man muss sich sicher fühlen. Denn man kann mit Späßen auch fürchterlich danebenliegen.“

Sie weiß, wovon sie redet. Detmers hätte ein früher Versuch, lustig sein zu wollen, beinahe die Karriere verbaut. Als sie Anfang der Achtzigerjahre im Berufskolleg eine Lehrprobe im Fach Rechnungswesen gab – Thema „Eiserne Lagerbestände“ – versuchte sie es mit einer komödiantischen Einlage. Sie schlüpfte innerhalb ihres Vortrags in die Rolle eines verärgerten Chefs. „Ich schimpfte laut und raufte mir die Haare, aber keiner meiner Zuhörer verzog auch nur eine Miene. Der Studiengangsleiter sagte mir hinterher, man habe das Ganze schlicht nicht verstanden.“

Mittlerweile, sagt Detmer, sei sie „souveräner“ – und das Umfeld auch: So müsse sie sich im Wissenschaftsbetrieb keine Sekretärinnenwitze anhören wie noch zu ihrer Studienzeit. Da lag der Anteil der Frauen im Hörsaal bei nur fünf bis zehn Prozent. Was die Frauenrechtlerin Detmers im Laufe ihrer Karriere aber immer wieder erlebt hat, solange Männer weitgehend unter sich blieben, „waren diskriminierende und herabwürdigende Witze. Es waren keine persönliche Angriffe. Es passierte ihnen einfach so, weil es zum Machismo in der männlichen Monokultur gehörte.“

Der ist messbar. Die Forschung zeigt: Männer neigen häufiger zu herablassendem oder erziehendem Humor und Frauen häufiger dazu, angefasst zu reagieren. Hier verstärken sich zwei Phänomene. Männern, denen eher das Denken zu eigen ist, dass sie alles schaffen können, sind es häufiger gewohnt, Humor gewinnbringend einzusetzen. Ihre im Vergleich zu Frauen größere Neigung zum „Psychotizismus“, zu berechnenden, aggressiven Verhaltensmustern, kommt ihnen zupass. Frauen wiederum neigen grundsätzlich zu mehr „Neurotizismus“, wie es die Zürcher Wissenschaftlerin Hofmann sagt – sie reagieren emotionaler. Oft ist das gut: Sie sind mitfühlender, lachen eher und herzlicher als Männer, handeln intuitiv richtig. Dafür sind sie aber auch – statistisch gesehen – verletzlicher, „weinerlicher“, wenn sie herablassend behandelt werden.

Kommt beides zusammen, ein in der Hierarchie übergeordneter Mann, der seine Kritik in sarkastische Sprüche verpackt, und eine emotional durchschnittlich reagierende Frau, kann es also sein, dass er sich königlich amüsiert, während sie beleidigt schmollt – und fertig ist das Klischee von „den Frauen“, die keinen Spaß verstehen und von „den Männern“, die irre witzig sind.

Je häufiger Frauen Chefinnen werden, desto mehr bestimmen sie, was lustig ist und was nicht. Und sie haben die Macht, Herablassung zu sanktionieren, wenn es nötig ist, diskret und humorlos. Als Ulrike Detmers seinerzeit frisch promoviert worden war, mokierte sich ein Marketingleiter einer Brauerei vor Publikum über ihren neuen Titel von der Fachhochschule. „Er suchte meinen Namen auf einem Zettel und sprach das Wort Professorin so despektierlich amüsiert aus, als müsse man mich nicht für voll nehmen.“ Als sich der Mann Jahre später um einen Auftrag bei ihr bemühte, konnte sie leider nicht weiterhelfen.

Ihren männlichen Kollegen gram sein kann Karen Heumann, 49, nicht, jedenfalls nicht bloß wegen ein paar schlechter Witze. Denn sie findet: „Der Humor von Männern und Frauen unterscheidet sich nicht. Es gibt einfach nur guten oder schlechten.“ Die Vorstandssprecherin und Mitinhaberin der Werbeagentur Thjnk war bereits mit Mitte 30 Vorstand beim heutigen Rivalen Jung von Matt und damit lange Zeit die einzige Frau in dieser Position, in der bis heute von männlichen Chefs dominierten Szene. Was ihr zupass kam: „Im Umgang mit Humor fühle ich mich völlig frei. Und das Gefühl nimmt eher noch zu.“

Ein Bonmot kann eine sehr gute Waffe sein

Ihrer Ansicht nach ist es nicht die Kunst, witzig oder schlagfertig zu sein, die die Geschlechter unterscheidet. Sondern bestimmte Gewohnheiten und Denkmuster, die Missverständnisse produzieren können – es aber eben nicht müssen, „wenn man sich eine gewisse Leichtigkeit und einen liebevollen Blick auf die Dinge“ erhalte, wie sie sagt. Dass manche Männer gern anderen ins Wort fallen, ist ein Beispiel, oder dass Frauen schnell an sich zweifeln. Oder dass ein Mann eine Idee wiederkäut, die eine Kollegin eben schon vorgetragen hat, vielleicht aber zu zaghaft. Darüber kann man sich ärgern. Oder es lassen. Heumann sagt: „Da das sogar gute Freunde von mir machen, weiß ich: Das ist nicht böse gemeint.“ Sie reagiere darauf mehr intuitiv als taktisch. „Mit einem Bonmot, einer Anekdote oder einem Witz“ könne man viele Probleme spielerisch lösen. Und: „Humor produziert ja Humor.“

Was sie beschreibt, scheint typisch für Karrierefrauen zu sein: Sie setzen Humor nicht nur als Waffe im Kampf um Aufmerksamkeit ein wie Männer, sondern auch als Schutzschild. „Das heißt im Übrigen nicht, dass ich so ein unglaublicher Spaßvogel bin“, sagt Heumann. Für sie bedeute ein souveräner Umgang mit Humor auch seine Abwesenheit zuzulassen. „Man merkt mir ziemlich schnell an, wenn der Spaß vorbei ist und mir etwas zu doof wird.“

Heumanns Branche liefert, nebenbei bemerkt, das Material für einen oft verwendeten Test in der Forschung: Um das Humorverständnis von Probanden zu messen, zeigt man ihnen gern Werbeclips. Die Studienteilnehmer werden beim Zuschauen gefilmt, jede Regung wird dokumentiert. In einer Diplomarbeit der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien hat die Verfasserin Susanne Schmehl dabei unter anderem unterschieden zwischen: Lächeln, offenem Lächeln, Grinsen, Ekel, leisem Lachen, lautem und nasalem Lachen, Raunen, Naserümpfen, Hochziehen der Augenbrauen, Kopfschütteln, Nicken. Ihre Untersuchungsergebnisse deckten sich mit denen anderer Studien zu den Geschlechterunterschieden in der Humorwahrnehmung. Auch Schmehl kam 2009 zum Schluss: Es gibt keine.

Komplizierter waren die Methoden, mit denen man herausfand, dass Frauen ebenso witzig sein können wie Männer. Am Psychologischen Institut in Zürich wurden den Probanden neutrale Satzanfänge vorgegeben, die sie möglichst mit einer Pointe vollenden sollten. Um die Ergebnisse zu bewerten, wurden professionelle Comedians und Laien in eine Jury geladen. Einer dieser harmlosen Satzanfänge lautete: „Wenn Kinder die Welt regieren würden …“ Jemand vollendete: „… dann hätten die Belgier die Eltern in den Kellern.“ Das war sarkastisch, abwertend – und echt lustig.

Es wäre jetzt toll, schreiben zu können, die Antwort sei von einer Frau gekommen. Aber Humor ist nicht feministisch. Es war ein Mann. ---