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Humor heißkalt

Das Volk liebt Witze, die Mächtigen in China finden sie gar nicht komisch.





• Vor einiger Zeit sorgte in China ein innovativer Bordellbetreiber für Aufsehen. Mit einem klapprigen Lieferwagen tourte er durch die Dörfer der Provinz, im Laderaum eine Matratze und ein Mädchen. Das Vergnügen war billig, aber die Intimität nicht exklusiv. Während sich die Freier im Auto verlustierten, versammelte der Zuhälter draußen Passanten, die für Münzgeld durch schmale Schlitze zusehen durften.

Was soll man davon halten?, fragte sich die chinesische Internetgemeinschaft. Für die einen war der Triebdienstleister ein skrupelloses Schwein, doch andere sahen in ihm einen großen Volkskomiker. Schließlich war seine fahrende Peepshow die Verwirklichung der zotigen Fantasien von Millionen. „Geht ein Mann zu einer Nutte“ – so beginnen in China viele Witze. Oft geht er auch zur Nachbarin, zur Lehrerin oder zur lokalen Parteisekretärin, aber am Ende geht es immer ums Gleiche: einen lusttollen Mitmenschen, der dem Leben einen Moment des Glücks abzutrotzen versucht, auch wenn er sich dabei lächerlich zu machen droht. Ebenso wie der Nachbar im Puffmobil.

Die Chinesen bezeichnen sich selbst als humorvoll. So be-schreiben sich die meisten Völker und glauben doch, dass es eine Form von Spaß gibt, die ihnen ganz allein gehört. Die Chinesen nennen ihre renao. Das bedeutet heiß und laut und entspricht in etwa den Späßen, die in anderen Teilen der Welt mit reichlich Alkohol verbunden sind, nur dass die Chinesen dafür nicht unbedingt betrunken sein müssen. Neben Sex geht es vor allem um Geld. „Was muss ein Mann sagen, damit eine Frau ihn männlich findet?“, lautet etwa eine populäre Scherzfrage. „Ich kauf’s dir!“

Chinesische Intellektuelle können sich mit dem heißlauten Humor nicht identifizieren. Er sei geprägt von einem Volk, das überwiegend arm und ungebildet auf engstem Raum zusammenleben müsse, schreibt etwa der große chinesische Literaturkritiker Hsia Chihtsing: „In diesem Gelächter schwingt das Echo eines Höhlenmenschen, der gerade seinen Gegner verdroschen hat.“ Chinas traditionelle Bildungselite lache dagegen lieber über raffinierte Wortspiele oder Geschichten von cleveren Beamten, die ihre tumben Widersacher ausmanövrieren. Humor sei für sie ein „soziales Korrektiv, das unbewusst die konfuzianische Harmonie anstrebe, indem es sowohl übermäßigen Eifer als auch laxe Moral bloßstelle“, so Hsia.

Solche sozialen Korrektive können gefährlich sein – vor allem für die Mächtigen. Denn hinter manchem Spott steckt subversive Absicht, zu finden etwa auf der Internetseite Hexie Farm (Harmonische Farm). Hier nimmt der Karikaturist Fengxie – ein Künstlername, der verrückte Krabbe bedeutet – die Kommunistische Partei aufs Korn: Ein Schwein schaut in den Spiegel und sieht, dass es Mao Zedong ist. Chinas Staatspräsident teilt sich das Bett mit Nordkoreas Diktator. In einer weiteren Karikatur halten die Angry Birds die Panzer auf, die 1989 gegen die Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens eingesetzt wurden.

Karnickel gegen die Tigertyrannei

Die Verrückte Krabbe ist einer von zahlreichen anonymen Karikaturisten, die im Netz zum Lachangriff rufen. Zwar wird das Internet von Software und Tausenden Webpolizisten in Echtzeit auf kritische Inhalte durchforstet. Aber Bilder und Karikaturen sind gut geeignet, um die Zensur zu umgehen. Denn Computerprogramme, die gezeichnete Flüsterwitze entschlüsseln könnten, gibt es nicht, und bis ein Comic einem menschlichen Überwacher auffällt, hat er sich in der Regel schon vielfach verbreitet und ist kaum noch aus dem Netz zu entfernen. Neben Zeichnungen sind auch kommentierte Nachrichtenbilder oder Animationsfilme beliebt. Zu den Klassikern gehört das Lied vom Caonima, dem Grasmatschpferd, ein Wortspiel mit einer wüsten Beschimpfung, die an die chinesischen Zensurbehörden gerichtet ist.

In einem Video, das 2011 zu Beginn des chinesischen Hasen-Jahres in Umlauf kam, lebt eine Kaninchenschar unter der Diktatur eines Tigerrudels, eine Anspielung auf den damaligen Präsidenten Hu Jintao, dessen Nachname so ähnlich klingt wie das chinesische Wort für Tiger. Die Tiger geben den Kaninchen vergiftete Babymilch, reißen ihre Häuser ab und ermorden jeden, der gegen sie aufbegehrt – bis sich die Karnickel am Ende zusammentun und gegen die Tigertyrannei aufbegehren.

Zwar machen sich Fengxie und seine Mithumoristen keine Illusionen, dass Satire allein eine Revolution auslösen könnte. Doch sie wissen, dass Witze eine Waffe sein können. „Zensur fördert die Kreativität“, sagt Fengxie. „Es zwingt die Menschen, ihre Botschaften geschickt zu verpacken.“ Wenn man die Absurdität der chinesischen Gesellschaft zeige, sei dies der erste Schritt zum kritischen Nachdenken. „Es ist wie mit dem Kaiser und den neuen Kleidern“, sagt der Satiriker. „Wenn erst einmal alle erkennen, dass er nackt ist, dann ist er gegen das Gelächter machtlos.“ Laut und heiß sind diese Witze nicht. Für sie gibt es im Chinesischen ein anderes Wort: kalter Humor. ---