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… wenn man trotzdem lacht

Humor ist in Afrika eine Überlebensstrategie – und allgegenwärtig.





• Sollte man es vergessen haben, wird man durch Besucher daran erinnert. Das Überraschendste an Afrika seien die strahlenden Gesichter, sagt ein Kollege, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten über die Wirren im Balkan und am Hindukusch berichtet hat: Selbst in ihrem Elend brächten es die Afrikaner noch irgendwie fertig, meist fröhlich und humorvoll zu sein.

Und man selbst erinnert sich an eine Szene in jenem kenianischen Flüchtlingscamp, in dem sich eine ausgemergelte Sudanerin über die von einer Hilfsorganisation bereitgestellten Parabolspiegelkocher lustig macht, die nur in der prallen Sonne funktionieren. Welcher halbwegs vernünftige Mensch könne in der Hitze eine warme Mahlzeit zu sich nehmen? Sie greift sich an den Kopf und lacht: „Ihr Europäer denkt wohl, dass ihr alles mit uns machen könnt.“

Afrikaner – und in diesem Fall ist die grobe Generalisierung ausnahmsweise einmal angebracht – sind für eine lustige Bemerkung immer zu haben. Die Reaktion ist in der Regel ein explosionsartiges Lachen, das selbst finsterste Gewitterwolken wegfegen kann. So gut wie alles könne Anlass zu gut gemeintem Spott sein, sagt die Journalistin Boipelo Mello, die die Kunst ebenso gut beherrscht. Wie einer aussehe, zeige, was ihm zugestoßen sei. Am schönsten sei es, wenn alle zusammen und nicht einer auf Kosten des anderen lache.

Sigmund Freud hat seiner Schrift über den Humor folgenden Witz an den Anfang gestellt. Ein zum Tode Verurteilter sagt an einem Montag auf dem Weg zum Galgen zu sich selbst: „Na, die Woche fängt gut an!“ In diesem Moment erhebe sich der Todeskandidat souverän über die trostlose Realität, so Freuds Analyse. „Der Humor (…) ist trotzig. Er bedeutet nicht nur den Triumph des Ichs, sondern auch den des Lustprinzips, das sich hier gegen die Ungunst der realen Verhältnisse zu behaupten vermag.“

Kein Wunder also, dass Humor in Afrika so wichtig ist. Er gehört zur Überlebensstrategie angesichts widriger Umstände. In Südafrika spielte die ironische Auflehnung schon im Kampf der schwarzen Bevölkerung gegen die Apartheid eine wichtige Rolle. In den Camps der Befreiungskämpfer in Sambia, Angola oder Tansania gehörten kabarettistische Einlagen dazu, berichtet Ronnie Kasrils, der ehemalige südafrikanische Geheimdienstchef des ANC. Sich über die in Selbstüberschätzung schwelgenden weißen Herrenmenschen lustig zu machen erwies sich als wirksamer als die Kalaschnikows der Befreiungskämpfer. Mit seinem Alter Ego, der vollbusigen Evita Bezuidenhout, machte sich auch der (bleiche) Kabarettist Pieter-Dirk Uys über das absurde wie brutale System der Rassentrennung lustig – und die ganze Welt lachte mit.

In gewisser Weise waren die Zeiten der Apartheid für Südafrikas professionelle Witzemacher golden. Sie mussten nur wiedergeben, was die Mächtigen so von sich gaben – und schon war für Heiterkeit gesorgt. Außerdem konnten schwarze und aufgeklärte Kap-Bewohner an denselben Stellen lachen. Noch heute leben Südafrikas Kabarettisten weitgehend von Pointen über Rassen-Klischees. Das sei zwar nicht besonders originell, räumt Joe Parker, Besitzer eines Clubs in Johannesburg, ein. Doch als Ventil für die auch weiterhin bestehenden Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen leisteten diese Gags gute Dienste.

Bestes Beispiel: Trevor Noah, Sohn eines Schweizer Vaters und einer Xhosa-Mutter, der noch zu Apartheidzeiten geboren wurde. „Ich bin schon als Verbrechen zur Welt gekommen“, sagt er. Liebesbeziehungen zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe waren damals verboten. Der 30-jährige Komiker verstand es, sich weit über die Grenzen Südafrikas hinaus einen Namen zu machen: Vor zwei Jahren unternahm er eine Tournee durch die USA, deren Bevölkerung den respektlosen Umgang mit politischer Korrektheit und dem Bruch zeitgenössischer Tabus offenbar genauso genießt. „That’s Racist“ war sein Programm überschrieben.

Überhaupt erlebt der professionelle Humor am Kap der Gu-ten Hoffnung derzeit eine Blüte. Joe Parkers Kabarett verzeichnet jährliche Wachstumsraten der Besucherzahlen von mehr als 30 Prozent, und Trevor Noah füllt mit seinen Shows mühelos Konzerthallen mit über tausend Sitzen. Immer mehr Komiker können von ihrer Kunst leben – darunter auch viele schwarze Südafrikaner, die wie David Kau in die einst weiße Domäne einzudringen vermochten. Warum das Kabarett zunehmend in Mode kommt, erklärt Kau mit der sich wieder zuspitzenden politischen Lage im Land, in dem sich eine korrupte Elite immer schonungsloser auf Kosten der Mehrheit der Bevölkerung bereichert.

Die fetten Katzen verstehen keinen Spaß

Kau wird gern als erster schwarzer Kabarettist Südafrikas beschrieben, was nur eingeschränkt richtig ist. Humor als Ausdruck von Unzufriedenheit gab es schon lange vor der Ankunft der ersten Weißen, sagt der Johannesburger Anthropologe David Coplan. Wie die mittelalterlichen Herrscher Europas ihre Narren, so hatte etwa auch der legendäre Zulu-König Shaka einen Sänger, der neben Lob auch lustig verpackte Kritik zum Besten geben durfte – jeder andere wäre dafür geköpft worden.

Diese Tradition scheint allerdings in Gefahr. Das derzeitige Staatsoberhaupt, Präsident Jacob Zuma, pflegt sich gegen Spott erbittert zu wehren. Mehrere Male erstattete der Regierungschef bereits Anzeige gegen den auch international bekannten Karikaturisten Jonathan Shapiro, alias Zapiro. Der Zeichner hatte Zuma, der wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs vor Gericht gestanden und sich mit höchst fraglichen Mitteln eines Korruptionsverfahrens entzogen hatte, beim Aufknöpfen seiner Hose vor der von anderen ANC-Politikern auf den Boden gedrückten Justitia abgebildet: „Go for it!“, rufen ihm seine Parteigenossen zu.

Der politischen Elite des Landes, den Fat Cats, sei mit dem Anstand auch der Humor abhanden gekommen, klagt der Anthropologieprofessor Coplan. Vor wenigen Jahren war das noch anders. Zapiro erzählt, wie ihn Nelson Mandela einst eines Morgens persönlich anrief. „Ich bin enttäuscht“, hörte er den damaligen Präsidenten sagen, woraufhin sich der Karikaturist bereits zu einer Rechtfertigung seiner jüngsten Werke wappnete. Schon seit mehreren Tagen habe er in der Zeitung keine Zeichnung mehr von ihm gesehen, fuhr Mandela fort. „Und dabei kann ich meinen Tag nicht ohne sie beginnen.“ Erleichtert bot Zapiro eine halbherzige Entschuldigung seiner zunehmend ANC-kritischen Karikaturen an.

„Aber das ist doch Ihre Funktion!“, unterbrach ihn der erste und bislang letzte Präsident Südafrikas, der Humor hatte. ---