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Gidsy und Getyourguide

Geschäftsideen von Start-ups sind selten exklusiv. Die Geschichte von Gidsy und Getyourguide zeigt: Das muss kein Nachteil sein.





• Die Karte sieht aus wie ein U-Bahn-Plan. Bunte Linien weisen in alle Richtungen, kreuzen sich, laufen parallel zueinander. Mit dieser Karte belegt Felix Hofmann, Geschäftsführer am St. Gallener BMI Lab, seine überraschende These: „Geschäftsmodelle sind selten originell.“

Hofmann und seine Kollegen haben 250 Modelle untersucht, die in den vergangenen 25 Jahren angewendet wurden. Innovative Unternehmen wie McDonald’s, Ikea, Porsche, IBM oder Apple erscheinen auf dieser Karte wie Stationen einer ewigen Wirtschaftsevolution – und als Ausgangspunkt für immer neue Mutationen: „Allein Amazon“, sagt Hofmann, „verwendet mehr als 20 der von uns identifizierten 55 Muster.“

Letztlich, so ein Ergebnis der Untersuchung, setzen 90 Prozent der betrachteten Firmen auf Ideen, die sich schon bewährt haben. Zwar kommt der Klon, mit dem es etwa die Samwer-Brüder zu Ruhm und Reichtum gebracht haben (brand eins 10/2013: Was kostet die Welt? ), langsam aus der Mode, dafür zeigt sich eine andere Entwicklung immer deutlicher: Bewährte Geschäftsmodelle werden auf andere Branchen übertragen. Aktueller Spitzenreiter unter den adaptierten Modellen ist das von Airbnb: Das Unternehmen, das nach dem Peer-to-Peer-Prinzip Mieter und Vermieter privater Wohnungen und Zimmer auf Zeit zusammenbringt, hat eine ganze Reihe von Nachahmern. Von Privatautos und Fahrrädern über Parkplätze und Haustiere bis zu Lagerräumen – mittlerweile gibt es für fast alles Vermittlungsdienstleister, die nach der Airbnb-Masche arbeiten.

Auch Getyourguide funktioniert so, wobei unwahrscheinlich ist, dass Martin Sieber und Johannes Reck schon 2008 vom erfolgreichen Zimmervermittler gehört hatten. Zu Beginn jenes Jahres, in dem im Silicon Valley die Airbnb-Erfolgsgeschichte begann, besuchte der Biochemie-Student Reck Peking. Besser: Er irrte dort herum. Die Stadt sei ihm verschlossen geblieben, erst als sein ortskundiger Freund eintraf, habe Reck sie entdeckt, sagt Sieber heute. Aus dieser Erfahrung haben die beiden dann mit einigen Kommilitonen eine Idee entwickelt: die Gründung einer Online-Plattform, auf der Städtereisende Einheimische finden können, die Lust haben, den Fremden ihre Stadt zu zeigen. Ein „Airbnb für Aktivitäten“ würde man das Jahre später nennen.

Doch bis dahin hatte das Gründerteam einen langen Weg vor sich. So machte es zunächst die Erfahrung, dass damals kaum einer die Idee verstand: Ortskundige mit Touristen zusammenzubringen war schwierig, die Hürde, selbst zum Anbieter zu werden, zu hoch. „Wir hatten sogar eine chinesische Plattform“, sagt Sieber, „aber wenn man Freunde und Familie abzieht, hatten wir gerade mal zwei echte Buchungen.“ Von da an konzentrierten sich die Gründer darauf, professionelle Organisatoren von Touren zu gewinnen, und entschieden sich damit gegen die Gründungsidee und für das Geschäft. Heute gibt es auf ihrer Seite 32 000 Angebote, die meisten von professionellen Anbietern. Für jede Buchung über die Plattform erhält Getyourguide eine Provision.

Das Geschäftsmodell funktioniert. Die Firma, ursprünglich in Zürich gegründet, wo noch immer der offizielle Unternehmenssitz liegt, eröffnete 2011 ein weiteres Büro in Berlin, in einem nüchternen Großraumbüro in Prenzlauer Berg. Die Gründer führen heute das Unternehmen immer noch gemeinsam von Zürich und Berlin aus. Anfang 2013 haben sie 14 Millionen Euro Risikokapital eingesammelt, um ihre Plattform auszubauen.

Damit waren sie deutlich erfolgreicher als die Firma Gidsy, die allerdings in der Szene deutlich bekannter war. Ende 2011 hatten die Brüder Edial und Floris Dekker zusammen mit ihrem Freund Philipp Wassibauer eine recht ähnliche Idee gehabt: Sie wollten auf lokaler Ebene Menschen zusammenführen, die ein Hobby teilen. Auslöser war die inzwischen zum Gründungsmythos geronnene Geschichte mit dem Pilzgericht. Die Dekker-Brüder, gerade von Amsterdam nach Berlin gezogen, suchten Pilze für ein Risotto, hatten aber keine Ahnung, wo man diese in der für sie noch fremden Stadt sammeln konnte. Weil es keine Plattform gab, die ihnen einen lokalen Kenner vermitteln konnte, machten sie daraus ihre Geschäftsidee.

Gidsy stieß mitten hinein in den Hype um die Sharing Economy. Nicht nur die gesamte Berliner Lokalpresse, auch die »New York Times«, »Economist« und »Wired« berichteten über das Start-up. „Es war großartig“, erinnert sich Edial Dekker. „Alle haben uns so sehr gewünscht, dass wir Erfolg haben.“ Während sich Getyourguide in aller Stille darauf beschränkte, das Geschäft profitabel zu machen, entwickelte sich Gidsy zum wahren Gründermärchen. Als dann auch noch bekannt wurde, dass sich der Hollywood-Star Ashton Kutcher an dem Unternehmen beteiligt hatte, der auch einer der Airbnb-Investoren ist, mussten die Dekkers ihre Pilzgeschichte wieder und wieder erzählen. Bei Getyourguide beobachtete man fasziniert, wie die ursprüngliche und schnell wieder aufgegebene Idee so einen Medienwirbel auslösen konnte. Neid hätten sie nicht verspürt. „Gidsy hat in Sachen PR und Medien-Hype den besseren Job gemacht“, sagt Sieber, „wir haben eher den technologischen Nerd-Ansatz verfolgt.“

Coolness zahlt nicht die Miete

Mit dem Rückenwind brachte es Gidsy sogar auf die Karte des St. Gallener BMI Labs, ans Ende der knallroten Linie, die das Modell Peer-to-Peer beschreibt. Sie beginnt bei Ebay, führt über Craigslist, Napster, Couchsurfing, LinkedIn und Skype über Twitter, Dropbox, Airbnb und Relay Rides zu Gidsy. „Das Peer-to-Peer- oder das Abo-Modell sind Beispiele“, sagt Felix Hofmann, „die in fast jedem Bereich möglich sind.“

Doch das allein garantiert noch keinen Erfolg. Während Getyourguide Millionen einsammelte, ging den Gidsy-Gründern das Geld aus. Sie suchten nach Lösungen, wollten nun auch professionelle Anbieter ansprechen, allerdings das Geschäft mit den privaten Anbietern nicht aufgeben. Sie stellten ein Vertriebsteam auf, lancierten eine deutsche Version ihrer Seite. Es half nichts. „Gefühlt kam Gidsy nie vom Fleck“, schrieb im April 2013 das Branchenportal deutsche-startups.de, „war zuletzt eher scheintot, ein Zombie-Start-up ohne Aussicht auf Rettung.“

„Wir hatten im Grunde nur zwei Optionen“, sagt Edial Dekker. „Wir konnten eine Kopie von Getyourguide werden – oder wir wurden ein Teil davon.“ Es traf sich gut, dass sich die Gründer der beiden Start-ups nicht nur kannten, sondern auch schätzten: „Konkurrenten waren wir nie“, sagt Dekker. „Bei Gidsy ging es um Pilze suchen und Kochkurse, nicht ums Reisen.“ Auch Martin Sieber sieht keinen Grund für Abgrenzung: „Konkurrenz? Nein. Getyourguide war ja schon viel weiter. Wir hatten uns von der Geschäftsidee, nur Privatleute zusammenzubringen, schon verabschiedet, als Gidsy damit erst beginnen wollte.“

Getyourguide hatte sich früh darauf verlegt, mit professionellen Anbietern Teil eines existierenden Marktes zu werden. Gidsy hingegen hatte die Menschen dazu bringen wollen, sich gegenseitig etwas anzubieten, und darauf gesetzt, einen neuen Markt zu schaffen. „Wir wollten Menschen ermutigen, Geld zu verdienen, und sie zusammenbringen“, sagt Dekker, noch immer begeistert von seiner Idee, die damals so gut in die Zeit passte. Die Idee, selbst das Design seien oft kopiert worden: „Sie kopierten uns, ohne dass wir ein Geschäftsmodell hatten.“

Im Frühjahr 2013 nahm Gidsy das Übernahmeangebot von Getyourguide an – funktional und am Markt erfolgreich der eine, schick und cool der andere. Inzwischen ist Getyourguide nach eigenen Angaben die größte Buchungsplattform für professionelle Touren und Ausflüge. Gidsy ist abgeschaltet. Immerhin trägt die fusionierte Website die Handschrift der Gidsy-Gründer, und die Dekkers bringen ihre Erfahrung mit ein. Auch ein Eingliederungsprogramm für die Gidsy-Truppe milderte den Schmerz: „Jeder Neue bekam einen Getyourguide-Mitarbeiter an die Hand“, sagt Sieber über das sogenannte Buddy-Programm. 13 Gidsys zogen aus dem gerade fertiggestellten Büro zu den 45 neuen Kollegen in den nüchternen Großraum. Edial Dekker ist jetzt wieder Angestellter, leitet die Entwicklung der mobilen Dienste und fühlt sich wohl – schließlich arbeitet er weiterhin an seiner Idee. „Wir waren sehr unterschiedlich“, sagt er, „das machte es leichter. Weil jeder wusste, wo der andere überlegen war.“

Ihre Chancen stehen nach der Fusion nicht schlecht. Nach den Erkenntnissen des BMI Labs sind Kopien der unmittelbaren Konkurrenz weniger Erfolg versprechend als Übernahmen aus anderen Branchen. Entscheidend sei es, so Felix Hofmann, ein Geschäftsmodell als Erster auf eine neue Branche zu übertragen.

Eine originelle Kopie sozusagen. ---