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Manfred Klimek Kolumne

Alt werden wir alle. Anständig alt wird man nur ohne Würde.




• Ich habe vor wenigen Tagen einen Hundertjährigen fotografiert, einen Maler, der im Westerwald lebt und von seiner Frau betreut wird, die einst seine Studentin war. Damals war sie viele Jahre jünger. Heute nicht. Der Mann hat als Rektor viel für die deutsche Nachkriegskunst getan, hat Joseph Beuys aufgebaut, dann den Malergott Gerhard Richter und auch das Fotografenpaar Bernd und Hilla Becher bekannt gemacht.

Man könnte also sagen: Von dem Greis ging einst ein Initialfunken aus. Und heute? Auf die Frage, was er von den neuen Malern in Leipzig halte: „Nichts.“ Auf die Frage, was er von den berühmten deutschen Fotokünstlern halte: „Nichts.“ Auf die Frage, was er gern esse: „Spaghetti Carbonara.“ Auf die Frage, was er so generell möge (die Fragen passten sich den Antworten an): „Die Frauen.“

Dieser Mann war einst einer der führenden deutschen Intellektuellen. Und brabbelt heute Nichtigkeiten. An der Wand seines Wohnzimmers hängen drei seiner Bilder, sie sprechen eine gewaltige Sprache, sind absolut singulär und großartig. Der Maler aber muss gefüttert werden, jede Brillanz, jede Exzellenz ist verschwunden.

Das Alter ist widerlich. Wen es schon eingeholt hat, der weiß, was ich meine. Sigmund Freud sagte einst zu Gustav Mahler: „Wenn Sie 50 sind und Ihnen tut in der Früh nichts weh, dann sind Sie tot.“ Mahler wäre besser zu Carl Gustav Jung gegangen, denn wenige Monate später sah auch er die Radieschen von unten.

Das Alter ist keine Belohnung für ein gutes, keine Bestrafung für ein schlechtes Leben; das Alter ist der Hobel, der alle gleichermaßen bezwingt.

Bei mir kam es relativ schnell. Und anders, als ich es erwartet hatte. Es kam jenseits der 50. Innen. Nicht außen. Es nahm die Tür im Körper. Zwar hatte dieser schon eine Zeit lang rumorend eingeschriebene Mahnungen geschickt, jetzt aber betrat sein Gerichtsvollzieher, das Alter, die Bühne und begann mit der Beschlagnahme von Organen und Gerüst.

Nein zum Diktat der Biologie

So sehr mir der körperliche Verfall zu schaffen macht, der geistige Verfall ist die eigentliche Pest: Ich verblöde, merke mir keine Namen und verliere auch meinen einst so zuverlässigen Orientierungssinn. Musik und Film, über Jahre meine zuverlässigsten Wegweiser in Sachen Arroganz des Auftritts, schrumpfen zu jenen Nebensächlichkeiten, die sie bei den Untoten, die mir auf der Straße begegnen, längst schon sind. Vor allem aber werde ich meinen gleichaltrigen Bekannten immer ähnlicher, die irgendwann begonnen haben, nichts Neues, nichts kulturell Widersprüchliches mehr zu konsumieren.

Ein einst naher Freund, immer noch begnadeter Autor, reist durch Europa und schreibt nur noch über Köche und Winzer. NSA und Lampedusa? Kann man sich ein bisschen empören. Viel wichtiger aber ist das Lammragout-Rezept von René Redzepi. Ein anderer Bekannter, Vorstand einer Bank, lebt für seinen Weinkeller. Und eigentlich in ihm.

Ich weiß nicht, worüber ich mit den beiden reden soll. Doch ich spüre auch in mir die Lust nach Rückzug; frage mich vor jeder Expedition: Muss ich das? Zahlt sich das aus? Bringt mir das noch was? Reicht es nicht, in Prenzlauer Berg herumzuspazieren und in Cafés zu sitzen? Und dann ahne ich: Das ist die Angst. Angst vor Verwundungen. Wir reden nicht von den großen Hieben. Die kommen noch. Wir reden von den kleinen Stichen. Zum Beispiel das schwere Gepäck nicht einfach in den ICE zu hieven, sondern sich damit abzumühen, es über die Stufen hineinzuzerren.

Dazu kommt, dass das Leben redundant wird. Alles irgendwie schon da gewesen, unkaputtbare Langeweile, freiwillige Demenz und so Destillat der Grausamkeit: das Ablehnen von Ablenkungen. Diese Lücke füllt die Beschäftigung mit sich selbst. Der zermürbenden Reise in mein Innerstes wollte ich mit der ersten Therapie meines Lebens begegnen. Doch der Therapeut – alt und Marburg – griff zu psychohygienischen Drogen. Fünf Sitzungen. Und dann war Schluss.

Wer kommt mit dem Alter zurecht? Mein Freund Claudius beispielsweise. Er stürzt sich mit Anfang 50 in jede noch so hoffnungslose Beziehung mit hoch interessanten, dafür auch völlig geistesgestörten Frauen, die ihn und sein Leben ruinieren. Aber er kriegt was ab: Tapferkeit. Darum beneide ich ihn: Immer bewusst die gleichen Fehler zu machen und auf den Moment zu warten, endlich recht zu bekommen, sich nicht getäuscht zu haben, niemals aufzugeben und währenddessen zu erkennen, dass ihn dieses konstante Scheitern zur attraktiven Person macht. Er umschifft das Altwerden. Bis zum letzten Hafen.

Doch dafür bedarf es Widerstand. Widerstand und eine gewisse Dosis Würdelosigkeit. Denn ohne Würdelosigkeit gibt es nur Vollkasko. Das mit dem Alter einhergehende Biedermeier namens Weisheit und Milde muss von Schlachtschiffen beschossen werden. Alle müssen dran glauben. Durch diesen Grimm verlor ich viele Freunde. Der meist gehörte Satz der ver-gangenen Jahre: „Ich verstehe dich nicht mehr.“ Es gibt auch nichts zu verstehen.

Ich werde einfach nicht älter. Ich weigere mich, das Diktat anzunehmen, das mir die Biologie jeden Tag aufs Neue eingraviert. Ich weigere mich, in weißen Designerküchen auf grauem Estrich herumzusitzen und bei Kolja-Kleeberg-Kochbuch-Kabeljau darüber zu diskutieren, ob der neue Audi A5 den Ansprüchen genügt. Oder ob es doch ein A7 sein soll.

Was soll ich mit solchen Menschen anfangen? Lieber umgebe ich mich mit jenen, die glamourös unterzugehen verstehen. Lieber tanze ich meine Nächte in einem Club zur Neige, dessen Toiletten von den Vereinten Nationen zum Katastrophengebiet erklärt würden. Lieber stopfe ich Currywurst in mich rein, bevor ich mich bei Monsieur Vuong für den gesunden Mittagstisch anstelle. Ich stehe auch auf keiner Gästeliste, die mich ohnehin nicht davor bewahrt, im sperrmüllverstellten Tanzpalast von marodierender Security vor die Tür befördert zu werden. „He, Opa, haste dich verirrt, wa?“ Draußen – nach der Klopperei – suche ich meine Lesebrille, ohne die ich die Taxi-App nicht bedienen kann. Aber es ist geil, das unwürdige Altern. ---