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Tschechische Textilindustrie

Vor wenigen Jahren war die tschechische Textilindustrie dem Untergang nahe. Jetzt feiert sie dank Forschung und spezieller Produkte ihr Comeback.





• Den erstaunlichsten Satz sagt Rudolf Paar, als rings um ihn die Wände wackeln und der Boden vibriert. Er steht vor einer Tür aus Sperrholz, in seinem Rücken liegt das graue Treppenhaus. Die Haare modern geschnitten, das Hemd über der Hose, so steht der 35-Jährige inmitten des Krachs und verkündet: „Textil hat Zukunft.“

Vor Kurzem hätte man ihn für verrückt erklären müssen, ging doch hier in Tschechien fast die ganze Textilindustrie binnen weniger Jahre vor die Hunde. Hunderttausende Menschen verloren ihre Jobs. Jetzt aber schöpft man Hoffnung. Es soll wieder aufwärtsgehen mit der traditionsreichen Branche, und dafür sorgen nicht zuletzt Leute wie Rudolf Paar.

Er öffnet die Sperrholztür, und auf einmal übertönt der Lärm seine Worte. Er tritt in einen Saal, in dem 65 Webmaschinen unentwegt ihre Arbeit verrichten, allesamt Hightech-Vollautomaten. In langen Reihen stehen sie hintereinander, die Schiffchen rasen durch die aufgespannten Fäden und lassen im ganzen Gebäude Wände und Böden erzittern. Von der einen Seite kommen die Fäden, die der Webstuhl verarbeitet, auf der anderen Seite rollt die Maschine den fertigen Stoff mit einer langsamen Drehung auf eine breite Rolle. „Textil“, sagt Paar, „ist ein lebendiges Material. Es entsteht unter den eigenen Händen, das ist das Faszinierende daran.“ Er bleibt bei jedem Webstuhl stehen, fährt sanft mit den Fingern über den Stoff und erklärt, was hier gerade produziert wird: teure Popelinestoffe für italienische Hemden. Grob gemusterte Bahnen für Tischdecken. Viskose als Grundstoff für Buchbindereien. Für Krankenhäuser produzierte Mullbinden, die auf dem Röntgenbild erkennbar sind, falls der Operateur sie im Körper der Patienten vergisst.

Seit 1883 produziert die Firma Nykliček ihre Stoffe in dieser Fabrik nahe der böhmisch-polnischen Grenze in der Stadt Nové Město nad Metují (zu Deutsch: Neustadt an der Mettau). Der Familienbetrieb avancierte noch vor dem Zweiten Weltkrieg zu einem der größten Arbeitgeber in der Region. Als die Kommunisten 1946 an die Macht kamen, wurde er verstaatlicht. 1993 kaufte ihn der Vater des heutigen Juniorchefs, Rudolf Paar senior, zusammen mit einer Erbin des Firmengründers zurück. Der Vater, heute 61 Jahre alt, hatte da schon mehr als anderthalb Jahrzehnte in der Textilbranche auf dem Buckel. „Wir haben das Werk in einem verheerenden Zustand übernommen“, sagt er. Die Webstühle seien veraltet gewesen, die Fabrikhallen heruntergewirtschaftet. Die Kommunisten hätten Dutzende Textilunternehmen aus der Region zu einem Koloss mit 6000 Mitarbeitern zusammengeführt, sodass er das einstige Familienunternehmen aus diesem Riesen erst wieder habe herauslösen müssen – in einer Zeit, als reihenweise Konkurrenten schlossen.

246.000 Mitarbeiter waren in der tschechischen Textilindustrie im Jahr 1989 beschäftigt, ein Jahr später waren es nicht einmal mehr 180 000. Die Zahl sackte weiter ab, fiel im Jahr 2012 auf den bisherigen Tiefstand von 40 000 Mitarbeitern. Mehr als die Hälfte der Unternehmen, die es 1998 noch gab, sind inzwischen pleite. Lediglich 420 Firmen haben bis heute überlebt.

Für die bessert sich die Lage langsam wieder: Der Umsatz steigt allmählich, 2012 lag er bei knapp 40 Milliarden Kronen, umgerechnet rund 1,6 Milliarden Euro. Die Produktivität ist regelrecht explodiert: Betrug der monatliche Umsatz pro Mitarbeiter 1997 noch 42.000 Kronen, so erreichte er laut tschechischem Textilverband ATOK im Jahr 2012 mit 153.000 Kronen mehr als das Dreifache. Einen Großteil der Erlöse erwirtschaften die Firmen mit technischen Textilien, Stoffen also, die nicht zu Kleidung oder Vorhängen verarbeitet werden, sondern für die Verwendung in Autos oder in Krankenhäusern, als Stabilisierungsschicht im Straßenbau oder in Schutzanzügen für die Chemie-Industrie. Auf technische Textilien entfallen inzwischen 60,6 Prozent des tschechischen Textilexports, Tendenz steigend.

Was der gesamten Branche gelungen ist, sieht man auch bei den Paars. Geschäftszahlen will der Senior nicht nennen. Doch auch so wird klar, dass der Abstieg gestoppt ist. Seit Jahren hält er seine Mannschaft konstant bei rund 100 Mitarbeitern – und bietet der Konkurrenz aus Fernost die Stirn. Er habe das mal für einen Viskosestoff ausgerechnet, sagt er. „Der kostet bei uns 1,10 Euro pro Meter, in Indien und Pakistan wollen sie einen Euro dafür. Bei uns kriegen Sie aber jede beliebige Menge: Wenn Sie fünf Kilometer bestellen, bekommen Sie genau fünf Kilometer. In Indien müssen Sie immer gleich einen ganzen Container abnehmen.“ Die langen Lieferzeiten für die asiatische Ware passten außerdem immer schlechter zu den Anforderungen vieler europäischer Firmen, die, um Lagerkosten zu sparen, genau dann beliefert werden möchten, wenn sie die Ware brauchen. Hinzu kommt, dass die Konkurrenz aus Indien Vorkasse verlangt, während Rudolf Paar mit einer Anzahlung auf die Materialkosten zufrieden ist. „Wir bieten Service und Qualität, und damit setzen wir uns durch“, sagt er.

Bewährt hat sich auch, Schwankungen in der Nachfrage dadurch auszugleichen, dass man zweigleisig fährt: „Wir weben zum einen hochwertige Hemdenstoffe, zum anderen Viskosebahnen für die Industrie und die Medizin.“

Er hat frühzeitig junge Leute ins Werk geholt. Mit der Mischung aus Erfahrung und frischem Wind hält er die Firma auf Kurs. 70 000 Meter Hemdenstoff und 200 000 Meter technisches Gewebe laufen bei der Firma Nykliček vom Band, Monat für Monat. Die Maschinen hämmern rund um die Uhr, werden nur alle paar Wochen für zwei Tage gestoppt, damit die Techniker sie rasch reinigen und ölen können.

Dass die Firma trotz aller Routine mit der Zeit geht, dafür ist Rudolf Paar junior zuständig. Er leitet die Projekte, die für die Firma die Zukunft bedeuten sollen: Es geht um Hightech-Stoffe. Mit atmungsaktiven und wasserdichten Fasern hat das nur am Rande zu tun. Deren Eigenschaften sind bei vielen neuen Stoffen nur die Pflicht. Die Kür geht weit darüber hinaus: Elektrizität leitende Stoffe etwa. „Wissen Sie, was man damit alles machen kann?“, fragt Paar. Man solle sich nur mal Krankenhäuser vorstellen, in denen mit der Bettwäsche der Herzschlag der Patienten kontrolliert werde. Oder Feuerwehrleute und Soldaten, deren Unterwäsche wichtige Körperfunktionen überprüfen könne und die Ergebnisse dem Einsatzleiter übermittle. „Der weiß dann immer, wie es seinen Leuten geht.“

Für die Entwicklung solcher Stoffe, für die spezielle Fäden mit klassischen Fäden aus der Textilherstellung kombiniert werden, arbeitet die Firma Nykliček mit Forschern verschiedener Universitäten zusammen. Die Wissenschaftler liefern die Hightech-Fäden, und die Paars verweben sie dann zu Textilien, die nicht nur Elektrizität leiten, sondern auch noch besonders stabil sind, wasserabweisend und gut waschbar. „Jeder“, sagt der Juniorchef, „bringt sein Know-how mit ein.“ Schon im übernächsten Jahr, da ist er ganz optimistisch, wird der neue Stoff in die Serienfertigung gehen. Dass die Innovationen die Firma von einem Tag auf den anderen umkrempeln, glaubt er nicht, zumal sich die Nachfrage in dem komplett neuen Segment nicht vorhersagen lasse. Aber ein wichtiges Standbein sollen die neuartigen Stoffe schon werden. Allein schon, um das traditionsreiche Gewerbe zu erhalten.

Die böhmische Textilindustrie ist ein Nationalheiligtum. Als sie im 19. Jahrhundert aufblühte, wurde das heutige Tschechien schlagartig zu einer der reichsten Regionen in der österreichisch-ungarischen Vielvölkermonarchie. Wie ein Gürtel zogen sich die Fabriken um das Land: Vom Erzgebirge bis hoch zum Riesengebirge, entlang der deutschen und polnischen Grenze also, konzentrierten sich die großen Webereien wie jene der Paars, weiter südlich und östlich vor allem die Strickereien.

Es waren goldene Zeiten: Die Textilbarone ließen sich riesige Backsteinpaläste in die Landschaft stellen, warben Tausende von Arbeitskräften aus der weiten Umgebung an und begründeten den Wohlstand eines ganzen Landes. Mittelpunkt der aufstrebenden Industrie war Liberec, das damals noch Reichenberg hieß. Die 100 000-Einwohner-Stadt liegt im polnisch-böhmisch-sächsischen Dreieck, auf ihrem Marktplatz steht ein Repräsentationsbau mit einem 65 Meter hohen Turm und vielen kleinen Dachgauben, eine bewusste Anlehnung an das Wiener Rathaus und ein Symbol, das vom Reichtum und Selbstbewusstsein der Fabrikanten zeugt, die das Gebäude errichten ließen.

Das Cluster

Libuše Fouňová hat die Zeit der staatlich gelenkten tschechischen Textilindustrie noch erlebt und dann, nach 1989, den schnellen Niedergang hilflos mitansehen müssen. Fouňová ist 65 Jahre alt, ihr Büro in Liberec wirkt wie ein Sinnbild der Krise: ein tristes Kämmerchen in einem klobigen Bürohaus sozialistischer Bauweise. Ein alter Vorhang trennt den Schreibtisch aus Sperrholz von einem Abstellraum. Die Textilingenieurin leitet das Cluster für technische Textilien. Das ist ein Zusammenschluss von Forschern und Herstellern, die nach einer Nische für die tschechische Textilindustrie suchen und dabei auf Innovationen setzen. Vor der Öffnung Osteuropas arbeitete Fouňová in einem Unternehmen mit 270 Mitarbeitern. Als die Wende kam, wählten ihre Kollegen sie einstimmig zur neuen Direktorin. Solche Karrieren waren möglich in der Euphorie von damals. Die aber schlug bald in Depression um. Die Globalisierung überrollte das kleine Tschechien, das darunter litt, dass in anderen Ländern billiger produziert werden konnte. „Das ist wie in der Natur“, sagt Libuše Fouňová lapidar: „Es überleben nur jene, die sich an die Verhältnisse anpassen.“

Obwohl Fouňová sich eigentlich auf den Ruhestand vorbereiten könnte, schaut sie nach vorn. „Innovation“, sagt sie, „ist ein Prozess, den man lernt.“

Es sieht so aus, als lernten die Tschechen schnell: 25 Unternehmen mit fast 3300 Mitarbeitern gehören zum Cluster, sie bilden so etwas wie die Speerspitze der neuen Zeit. Geld für die Forschung kommt auch aus Brüssel: Die EU unterstützt Textil-Cluster, damit die angeschlagene europäische Industrie wieder eine Perspektive hat.

Weltbekannte Forschung

Die Aussichten sind gut: Manche Branchenexperten prophezeien dem Markt für Hightech-Textilien für die kommenden zehn Jahre ein Wachstum um das Zehnfache. Die Tschechen sind als traditionelle Textilgroßmacht gut aufgestellt. „Sie sind ein wesentlicher Partner im europäischen Gefüge“, sagt Klaus Jansen, Geschäftsführer des Forschungskuratoriums Textil. Der Berliner Verband ist die Dachorganisation der deutschen Textilforscher. Ein Strukturwandel, wie er rund um Prag derzeit vor sich gehe, finde in vielen europäischen Ländern statt – und das sei ein gutes Zeichen: „Der Trend geht dahin, dass die Unternehmen wieder die volle Kontrolle über die Wertschöpfungskette haben wollen. Das geht mit Zulieferern in Asien einfach nicht, da muss man in Europa bleiben.“

Ein Stück Zukunft hält Jiří Militký in der Hand, es ist eine grell blinkende Umhängetasche. „Aus unseren Labors“, sagt der Professor, dessen Fachgebiet Textiltechnik mit Chemie kombiniert. Er hat eine Sammlung kurioser Versuchsprodukte in einem langen Flur der Technischen Universität von Liberec, nur ein paar Straßenbahnstationen entfernt von der Cluster-Managerin Fouňová.

Textilforschung an der Universität Liberic
Professor Jiří Militký mit einer Tasche, die auf Befehl zu blinken beginnt

Jetzt fährt er mit der Hand in die Tasche, und auf einmal beginnt diese, immer schneller zu blinken. „Das ist noch gar nichts“, sagt er und enthüllt das Geheimnis: optische Fasern, die Licht aus einer einzigen Leuchtdiode gleichmäßig über ihre ganze Länge verteilen und deshalb den Eindruck vermitteln, als leuchte die ganze Tasche. Neu ist die Technik nicht, aber Militký und sein Team haben sie weiterentwickelt. Selbst scharfe Knicke und Kurven in der leitenden Faser hindern nun das Licht nicht mehr daran, sich zu verteilen. Eine tschechische Firma nutzt die Technik gerade für die Serienfertigung grell leuchtender Rucksäcke, Westen, Helme und Fahrradfelgen.

Jiří Militký ist einer der Pioniere bei tschechischen Hightech-Fasern. „80 Prozent der Innovationen“, sagt er, „sind chemischer Natur, egal ob es um Beschichtungen geht oder um neue Materialien.“ Das junge Forschungsfeld begeistert ihn: „Das Schöne an der Chemie ist, dass man sofort etwas sieht. Sie mischen zwei, drei Substanzen zusammen, und dann können Sie gleich ausprobieren, ob das Ergebnis hydrophil oder hydrophob ist und was passiert, wenn die Sonne draufscheint.“

Militký und seine Kollegen haben großen Anteil daran, dass Liberec, das Zentrum der alten böhmischen Textilwelt, wieder zum Vorreiter der Branche geworden ist. Die hiesige Universität hat acht Lehrstühle mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten. 1400 junge Leute studieren hier, darunter der Inder Rajesh Mishra. „Das Verrückte ist“, sagt er, „dass ich anfangs von Europa keine Ahnung hatte. Aber Tschechien und Liberec kennt in Indien jeder Textilstudent.“

Rajesh Mishra hat in Neu-Delhi promoviert, jetzt will er in Liberec tiefer eintauchen in das Fach, genauer gesagt will er den 3-D-Strukturen von Nanofasern auf die Schliche kommen. Das ist vor allem Handarbeit. In den langen Fluren der Universität verbergen sich neben etlichen Labors auch große Webstühle, mit denen die Forscher aus innovativen Fasern Textilien herstellen können. Schusssichere Materialien sind dabei, leuchtende Fasern, besonders strapazierfähige, wasserabweisende oder säureresistente Stoffe. Um ihre Wirkung zu testen, werden sie von einer Maschine stunden- oder gar tagelang hin- und hergeknickt, sie werden gestoßen, geschabt und immer wieder unter Mikroskopen begutachtet. „Es geht hier viel nach dem Trial-and-Error-Prinzip“, sagt Mishra. Manchmal führe erst die Kombination verschiedener bekannter Materialien und Techniken zu einem Durchbruch.

Neue Ansätze verfolgt die Branche gerade dutzendweise. „Im Moment ist in der Branche ein Wandel im Gange“, sagt Jiří Militký: „Innovative Textilien entstehen in der Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen. Wir forschen mit Leuten aus den Biowissenschaften und der Medizin, mit Experten aus der IT und der Elektronik.“

Dass es nicht nur ein blindes Stochern im Nebel ist, zeigt sich im 130 Kilometer von Liberec entfernten Litvínov, einem Ort am Fuße des Erzgebirges. Die Fahrt dorthin führt kilometerlang an gigantischen Raffinerien vorbei und an den mächtigen Kühltürmen von Chemiewerken. Zu sozialistischen Zeiten war hier eines der Zentren der Industrie, den Arbeitern wurden Wohnungen in den rasch hochgezogenen Plattenbauten zugeteilt, die heute das herrliche Bergpanorama verdecken.

„Es gibt hier hoch qualifizierte Chemiearbeiter“, sagt Marcela Munzarová. Das sei auch der Grund, warum die Firma Nanovia, deren Strategieabteilung die Textilingenieurin leitet, ins abgelegene Litvínov gezogen sei. Munzarová gehört zu den Pionieren auf dem Gebiet der Nanotextilien. Sie beschäftigte sich mit dem Thema schon, als es außerhalb der Fachkreise noch unbekannt war. „Mit den Nanotextilien“, sagt sie, „ist es so: Das Thema interessiert alle, und wenn Besucher durch die Mikroskope schauen, sind sie völlig begeistert. Aber was man damit machen soll, weiß niemand so recht.“

Nanotextilien sind hauchfeine Stoffe, die aus Polymeren entstehen und wegen ihrer Eigenschaften auch Barrieretextilien genannt werden. Ganze Entwicklungsabteilungen in großen Unternehmen arbeiten daran, Nanotextilien als Filter für verschiedene Substanzen nutzbar zu machen. „Schauen Sie hier“, sagt Marcela Munzarová und zieht aus einem Regal eine Bettdecke. „Durch diesen Stoff zum Beispiel können keine Allergene dringen, perfekt für Allergiker.“ Wieder greift sie ins Regal. „Und diese Atemmaske hier lässt keine Bakterien und Viren durch.“

Textilien aus flüssiger Chemie

Die Arbeit von Munzarová erinnert teilweise an die einer Missionarin: Sie muss die Faszination für die neuen Stoffe in Geschäftsideen übersetzen – und ihren potenziellen Kunden erklären, warum sie von Nanotextilien profitieren können.

Dazu zählen Firmen, die einen Nanostoff für eine bestimmte Anwendung entwickeln, dessen Serienherstellung aber nicht selbst wuppen können. Genau das übernimmt dann Nanovia. Das Patent der Firma ist so einfach wie einleuchtend: Ihre Leute packen die hauchfeine Schicht des Nanomaterials von beiden Seiten in eine Lage Stoff ein. Dank dieser Sandwich-Technik kann etwa antiallergene Bettwäsche nach wie vor eine Baumwolloberfläche haben. Bei Nanovia entstehen auch Ölfilter für die Autoindustrie oder Luftfilter, die zum Beispiel in den Klimaanlagen von Intensivstationen und Operationssälen Krankheitserreger einfangen. Solche Filter gibt es schon länger – aber mit der Verwendung von Nanotextilien, da ist Munzarová sicher, würden sie besser und billiger. Jeden Monat gehen etliche Kilometer der Stoffe vom Band und werden in alle Welt exportiert.

Die Nanotextilien entstehen an speziellen Maschinen, die ebenfalls in Tschechien entwickelt wurden. Marcela Munzarová wendet sich einer schweren Brandschutztür zu. Ein bisschen staubig werde es unterwegs, warnt sie, und öffnet. Es wird gerade umgebaut in den Werkshallen, Bauarbeiter schaffen Platz für neue Maschinen. Der Reinraum aber ist so sauber wie immer. Unter dem Surren von Filteranlagen entstehen die Textilien, die im Fachjargon „Non-wovens“ heißen, nicht gewebte Stoffe. In den großen Maschinen entstehen die langen Stoffbahnen nämlich nicht aus einzelnen Fäden, sondern aus flüssigen Chemikalien. Mit der alten böhmischen Textilindustrie hat das nicht mehr viel zu tun – und doch könnte in derartigen Verfahren die Zukunft der Branche und auch der Region liegen. Ganz und gar darauf konzentrieren will sich Rudolf Paar dennoch nicht. „Wir bleiben immer eine Weberei, und wir werden auch weiterhin feinste Hemdenstoffe herstellen.“

Vor ein paar Tagen hat er jedoch wieder mal eine Sitzung geleitet, zu der eigens Forscher aus Prag angereist sind. Sie saßen zusammen im Konferenzraum des altehrwürdigen Firmensitzes und sprachen über Stoffe, die nach einer gewissen Zeit von selbst zerfallen. „Das könnte eine Revolution auf dem Feld der Verpackungen und des Versandmaterials werden. Wir arbeiten daran“, sagt Paar.

Dem Juniorchef ist angesichts solcher Ideen vor der Zukunft nicht bange. Es werde immer etwas zu weben geben, sagt er. Dabei ist das mit Blick auf die zurückliegenden Jahre alles andere als selbstverständlich. Neulich erst hat Rudolf Paar senior mit seinen Mitarbeitern auf das 20-jährige Bestehen seit dem Rückkauf des Unternehmens angestoßen. Zur Feier des Tages ließ er im Park vor dem Werk einige Schweine über dem Feuer braten. Die Webstühle liefen dabei selbstverständlich weiter. ---