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Seifenoper im Kaukasus

Ein junges Aussteigerehepaar verlegt sich auf Handwerk. In Deutschland wäre das keine Nachricht, in Russland ist es ein aberwitziges Abenteuer.





Findige Unternehmer: Dmitri Suderewski und seine Frau Kristina müssen sich immer wieder Tricks einfallen lassen, um ihre kleine Firma zu betreiben. Ihre Töchter Milana (rechts) und Wlada spielen lieber im Garten

• Selbst jetzt, im Spätherbst, ist es hier oben in Medowejewka sommerlich warm. Der Mischwald schimmert blassbunt, die Gipfel sind schon schneeweiß. Auf schmalen Bergwiesen stehen Bienenkästen. 118 Einwohner hat diese Idylle, die nur ab und zu der Bär stört, der sich in der verwilderten Apfelplantage am Dorfrand den Bauch vollschlägt. Und einmal, erzählt Dmitri Suderewski, habe eine heldenhafte Kuh ihr Kalb mit Gebrüll und Huftritten vor ein paar Wölfen gerettet.

„Wir wollten“, sagt seine Frau Kristina, 34, „einen Ort in Russland, der schön ist und trotzdem Infrastruktur hat.“ Suderewski, 31, grinst und sagt: „Wir wollten Snowboard fahren.“ Und sie wollten raus aus Moskau, der stau- und schadstoffreichsten Hauptstadt Europas.

Fast wirkt es, als hätte sich das russische Staatsfernsehen, berüchtigt für kitschige Stoffe, deren Sujets Jahre zuvor im Westen gelaufen sind, Kristina und Dmitri Suderewski ausgedacht. Titel: „Unsere Erfolgsaussteiger“. Mitwirkende: ein schönes junges Ehepaar, das in Handarbeit feine Seifen herstellt und selbst vertreibt, sowie die beiden Töchterchen Milana, 5, und Wlada, 3.

Im Westen sind Erfolgsgeschichten über Aussteiger längst zum Klischee geronnen: Jemand schmeißt seine stressige Großstadtkarriere, zieht in die Natur und entdeckt in der Einfachheit des Landlebens in sich eine Kreativität, die ihn ein originelles und ökologisch korrektes Unternehmen gründen lässt.

Die Karriere der Suderewskis sieht anders aus. Sie hatten schon als Jungunternehmer in Moskau etwas Neues versucht, waren aber an Geschäftspartnern gescheitert, die sich eisern an drei Regeln des russischen Business gehalten hatten: Originalität ist ein guter Marketingtrick, langfristig aber überflüssig. Qualität hat sich gefälligst in Masse zu verwandeln. Und Erfolg misst man nur an der Gewinnspanne.

2003 hatte Russland geboomt, Moskau erst recht. Dmitri Suderewski hatte als Brand-Manager für eine Outdoor-Marke gearbeitet, seine Frau hatte ihren Job als Bankkauffrau hingeworfen, um dasselbe zu machen. Doch dann hatten sie beschlossen, sich mit der eigenen Marke „Sugar Apparel“ selbstständig zu machen: „Klamotten für Skate- oder Snowboarderinnen, die was Originelleres als Adidas anziehen wollen“, sagt er. Die Kleidung war gut bei den Kunden angekommen, aber bald hatten sie bemerkt, dass ihnen die eigene Marke entglitt. „Die Nähfabriken, bei denen wir arbeiten ließen, begannen zu pfuschen“, sagt Kristina Suderewski. Und ihr Investor hatte auf Schnittmuster gedrängt, die weniger eigen, sondern mehr wie Adidas oder Nike aussehen sollten. „Es funktioniert nicht, wenn du von anderen abhängig bist“, sagt Kristina Suderewski.

Ihre Marke war in jenen Teufelskreis geraten, der verhindert, dass russische Konsumgüter dauerhaft ihre Kunden begeistern: Die Ware mag gut und international konkurrenzfähig sein, die ersten Lieferungen sauber gearbeitet, kaum aber ist eine Marktnische erobert, neigen russische Unternehmer dazu, ihre Produkte auf den Massengeschmack auszurichten und Billigproduktion einzuführen, um mit Höchstgeschwindigkeit Gewinn zu machen. Im Herbst 2005 schlossen Kristina und Dmitri Sugar Apparel.

Sie versuchten allerlei, importierten Snowboards aus China, Kristina trieb sich nebenher auf angelsächsischen Websites über das Seifenmachen herum, fing an, in ihrer Moskauer Küche zu experimentieren. „Ich wollte unbedingt ein Baby, war deswegen in Behandlung. Seife zu kochen hat mich beruhigt.“ Ihre erste Naturseife verschenkte sie an Freunde. Klingt nach Hobby, um nicht zu sagen Beschäftigungstherapie. Aber schon in Moskau beschlossen sie und Dmitri, Russland brauche ihr Produkt. Sie schufen eine neue Marke: „Seife aus Krasnaja Poljana“.

Handwerk: Kristina Suderewski stellt die Seife an ihrem Küchentisch her …
… und schneidet die Seifenblöcke im Garten
2005 hatten die Suderewskis das Häuschen in Medowejewka gekauft, 2009 zogen sie mit ihrem Baby Milana dorthin. Idylle mit Anbindung, 17 Kilometer bis zum Wintersportort Krasnaja Poljana mit Cafés, einem Montessori-Kindergarten und einem britischen Dampfbad, in dem Dmitri Suderewski anfangs als Manager arbeitete. Sein Gehalt steckten sie zusehends in Pflanzenöle und Natronlauge. Granatäpfel, Rosen, Kräuter, Möhren, oder Honig, Heilerde oder Ingwer lieferten der Vorgarten, der Wald oder die Nachbarn.
Sauber! 30 verschiedene Seifen sind im Sortiment

Handwerk aus Russland? Das kann nichts taugen

Kristina Suderewski rührt inzwischen 30 verschiedene Seifen mit ihrem Handmixer in der Küche an. „Das sind alles meine Rezepte.“ Sie macht kein Hehl daraus, dass ihr Know-how zum größten Teil aus dem Internet stammt. Aber ihr Qualitätsanspruch ist hoch: nur Handarbeit, keine künstlichen Zusätze oder Schaumstoffe. Einzige Werbeträger sind ihre Website und die Weiterempfehlungen ihrer Kunden.

Handwerk und Qualitätsarbeit gelten in Russland noch immer als exotisch, als teurer Importluxus. Kein Russe traut russischer Wertarbeit. „Die meisten Läden, denen wir unsere russische Seife anbieten, reagieren extrem skeptisch.“ Aber dann seien alle begeistert gewesen, sagt Kristina Suderewski stolz.

Erst kaufte die britische Sauna ihre Seife, dann andere Spas in Krasnaja Poljana sowie ein Souvenir-Geschäft am Flughafen Sotschi. Inzwischen verschicken sie die in ihrem Onlineshop bestellten Seifen bis nach Tschukotka; Parfümerien und Apotheken in Moskau, Lipezk oder Omsk vertreiben „Seife aus Krasnaja Poljana“, auch ein Londoner Nachtklub will ordern. „Wir sind“, freut sich Dmitri Suderewski, „auf dem großen Markt.“ Der Umsatz verdopple sich jährlich, auf etwa zwei Millionen Rubel, rund 44 000 Euro in diesem Jahr, schätzt er. Reingewinn? „1500 Euro verbrauchen wir im Monat für uns.“ Den Rest stecke man wieder ins Geschäft. Seine Frau sagt, im Sommer ernähre man sich aus dem eigenen Garten.

Eine eher ärmliche Erfolgsgeschichte also. 1500 Euro gelten als Durchschnittseinkommen einer dreiköpfigen russischen Familie, aber in Krasnaja Poljana fährt Wladimir Putin Ski, hier finden im Februar die Olympischen Winterspiele statt, die Bars sind teurer als in Hamburg.

In der Welt der Suderewskis spielt Geld jedoch nur eine Nebenrolle. „Keine Kredite“, verkündet Dmitri Suderewski, „keine Investoren“, fährt seine Frau fort. Der Jungunternehmer erzählt von Investoren, die wieder und wieder mit demselben Vorschlag kämen: Wir bauen eine Fabrik, machen ganz groß Reklame, dann stellen wir auf billige Rohstoffe um und verdienen uns eine goldene Nase. Die beiden lehnen jedes Mal ab. „Wir wollen unser Angebot erweitern, noch mehr probieren, Kinderseifen machen, Shampoos, ein natürliches Geschirrspülmittel, sodass die Familie davon leben kann.“

Kristina Suderewski beim Kräutersammeln

Für russische Ohren ein aberwitziges Geschäftskonzept. Kreativität, Innovation und Start-ups gehören zu den Modewörtern des russischen Business-Slang. Aber als spannend gelten nur simple, umsatzträchtige Projekte, die sich am besten auch noch teuer verkaufen lassen. Der Moskauer Wirtschaftssender Radio Kommersant FM schlägt seinen Hörern alle paar Tage eine „Millionenidee“ vor: den Verkauf von Sauerstoffgeräten an Büros, den Vertrieb von 3D-Printern oder die Eröffnung eines Restaurants im Jagdstil. Neu ist an diesen Unternehmen meist gar nichts, dafür hat Kommersant FM fast immer einen Vorschlag, wem man das Projekt, wenn es erst einmal läuft, zum Kauf anbieten kann.

Alle russische Geschäftslogik schreit danach, dass die Suderewskis ihre Marke an einen Kosmetikkonzern veräußern und sich selbst zu Topgehältern anstellen lassen. Das System verlangt Käuflichkeit. In Deutschland wären sie schlicht ein Familienbetrieb, in Russland passen sie in kein Format. Dmitri Suderewski hat sich als sogenannter Individualunternehmer angemeldet, seine Frau läuft als Angestellte. Aber sie hatten enorme Mühe, ein staatliches Zertifikat für ihre Seifen zu erhalten, weil laut Gesetz keine Seifen, sondern nur Seifenproduktionsgebäude genehmigt werden konnten, sie also erst eine Fabrik hätten bauen müssen. Eine Beratungsfirma, die auf die Beschaffung amtlicher Zertifikate spezialisiert ist, fand eine Lösung: Man deklarierte die Seifen als Produkte fürs Verteidigungsministerium. Denn militärisch nutzbare Güter dürfen auch in Provisorien produziert werden.

Das so unrussische Küchenhandwerk der Suderewskis passt auch nicht in die Beuteschemata des russischen Korruptionskapitalismus. Kein Raubunternehmer, der darauf spezialisiert ist, erfolgreiche Kleinunternehmen zu kapern, attackiert einen Betrieb, dessen gesamte Produktionskraft in den Händen und Köpfen seiner Eigentümer liegt. Bisher sind weder Steuer- noch Gesundheitspolizei auf das Ehepaar Suderewki aufmerksam geworden, kein Sicherheitsdienst verdächtigt sie, ihr Natrium für einen Giftgasangriff auf die Olympischen Spiele zu horten. Und wenn doch einmal ein schmiergeldhungriger Beamter die Schlaglöcher auf den letzten drei ungeteerten Kilometern der Straße hinauf nach Medowejewka überwinden sollte? Er würde nach einem Blick auf Dmitris Suderewskis zehn Jahre alten Land Rover und die im Wohnzimmer reifenden Seifenstangen mit ein paar Flaschen Honigshampoo für seine Gattin wieder abziehen.

Russlands Wirtschaft kauft Originelles nicht nur auf, sie fälscht sie auch. Eine Geschäftsfrau aus Sotschi bot dem Ehepaar an, ihre Seife zu vertreiben, verhandelte dann heimlich mit einer Fabrik, um die Marke massenhaft aus Billigrohstoffen zu produzieren. Später kupferte die Ex-Partnerin ihre Website ab, vertreibt nun eine eigene Marke angeblicher Naturseife, „Honigparadies“. Kristina zuckt die Achseln. „Wir werden immer konkurrenzfähig sein, weil unsere Seife echt ist.“

Neben dem Häuschen der Familie steht ein Rohbau mit Wänden aus gepressten Strohballen. Die Suderewskis errichten nach westlicher Ökobauweise einen Pub mit fünf Gästezimmern, zusammen mit einem befreundeten Brandschutzingenieur, der davon träumt, Koch zu werden. 70 Quadratmeter Seifenmacherei sind auch eingeplant, sie wollen dort eine Webcam montieren, damit die Besucher ihrer Website das Anrühren der Seifen beobachten können. Aber wer soll im Pub essen, trinken und schlafen? Wer verirrt sich schon nach Medowejewka? „Es leben so viele Leute auf der Welt“, sagt Dmitri Suderewski, „Leute, die natürliche Produkte kaufen wollen. Und bestimmt auch Leute, die sich hier oben erholen möchten.“

Was in Russland exotisch wirkt, ist oft nur eine Kopie westlicher Ideen. Aber manchmal erfordert die Kopie sehr viel Kühnheit. ---